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Dynamo Dresden 2004 bis 2018: Initialzündungen, irre Spiele und Camouflage-Alarm

 
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MB 02 Januar 2019
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Ich hatte die Hölle gesehen und ich klopfte an die Tür zum Paradies. Wahrlich, die letzten Jahre des vergangenen Jahrtausends hatten es in sich und sämtliche verfügbaren Schutzengel durften sich nicht über mangelnde Arbeit beklagen. Zwei bewaffnete Raubüberfälle in Rio und eine Busentführung im Regenwald zwischen Imperatriz und Belém, ein schwerer Autounfall vor den Toren Berlins mit Überschlag bei 80 Sachen und nicht zuletzt das Durchkentern mit einem 8-Meter-Segelboot bei Windstärke 10 und meterhohen Wellen auf der herbstlichen Nordsee hatten Kraft geraubt sowie die Grenzen des Möglichen und den Horizont erweitert. Und der Fußballgott? Der war für mich während des Jahrtausendwechsels quasi nicht sichtbar. Nach der wilden Fußball-Zeit von 1990 bis 1997/98 in NRW und im Osten folgten drei, vier Jahre, in denen der Fußball so gut wie keine Rolle spielte. Punktuell gab es vor dem Fernseher mal einen orgiastischen Jubel (zum Beispiel beim CL-Finale Bayern München vs. Manchester United), doch Stress- und Glückshormone wurden eher beim Bootsbau und anschließend auf hoher See produziert. 2000/01 dachte ich gar, die Zeiten, in denen ich Woche für Woche zu den verschiedensten Spielen pilgerte, seien vorbei. Ich musste mein Leben nach dem Schiffbruch komplett neu ordnen und schrieb mich an der Uni ein. Machen wir uns aber nichts vor! Ist man einmal richtig vom Fußball-Fieber infiziert worden, kommt man nie wieder davon weg. Wie die Malaria schlummerte das Fußball-Fieber versteckt im Körper - und dann kam sie wieder zum Ausbruch! Und das ist verdammt gut so!

Die Relegationsspiele zwischen dem BFC Dynamo und dem 1. FC Magdeburg im Juni 2001 brachten mich erstmals wieder in Schwung. Unvergessen, als ich nach dem Hinspiel irgendwelchen glatzköpfigen Kanten durch das Neubaugebiet folgte und dabei den Handy-Knochen am Ohr hatte. Hör zu! Echt geiler Scheiß in Hohenschönhausen! Live schilderte ich Karsten im fernen Ruhrpott, dass die BFCer auf der Suche nach etwaigen Magdeburgern seien. Aber auch zuvor das legendäre Pokalspiel des 1. FC Union Berlin gegen den VfL Bochum (1:0 in der 90. Minute) im Dezember 2000 ließ bereits mal wieder das Blut in den Adern wummern. Logisch, den einen Verein mochte ich mehr, den anderen weniger. Unter dem Strich konnte es jedoch mitunter völlig egal sein, wer gerade spielte. Sobald es knisterte, tausende Fußballfans vor Freude am Rad drehten, bildete sich die Gänsehaut und die Augen wurden feucht vor Aufregung und Rührung. Andere heulen bei guten Kinofilmen. Mir schoss / schießt das Wasser in die Augen, wenn Fankurven richtig abgehen. 

Hansa Rostock und BFC Dynamo - bei diesen Vereinen gab es wohl die krassesten persönlichen emotionalen Momente, doch als ich neulich noch einmal tief in mich ging (mit 45 kann man schon mal sentimental werden), wurde mir bewusst, dass das Geschehen beim Aufstiegsspiel von Dynamo Dresden bei Hertha BSC II am 09. Juni 2002 die Initialzündung schlechthin war. Der Auftritt der rund 10.000 Dynamo-Fans im Jahn-Sportpark (zu lesen in Teil 1 dieses Rückblicks) sorgte dafür, dass innerlich endgültig der Schalter wieder umgelegt wurde. Sport frei! Fußball! Dieser nahm fortan wieder einen festen Platz in meinem Leben ein. Von Monat zu Monat steigerte sich wieder die Anzahl der gesehenen Spiele. Ab 2005 ging es wieder richtig zur Sache, meinen ersten Fußball-Bericht in diesem Fußballmagazin gab es schließlich im Dezember 2008 zu lesen, nachdem es beim Ligaspiel TeBe vs. BFC Dynamo einen derben Polizeieinsatz in der Gästekurve gab und auch ich eine gehörige Portion Pfeffer direkt in die Augen gesprüht bekam.

So ist das nun mal, Sportsfreunde. Und um Teil 2 des Rückblicks zum Thema Dynamo Dresden rund zu machen, gibt es folgend ein paar Anekdoten von herausgepickten gesehenen Spiele der SG Dynamo Dresden im Zeitraum 2004 bis 2018 zu lesen. Los geht´s! Vor 15 Jahren hatte ich durch Zufall in Berlin einen japanischen Klang-Künstler kennengelernt, der von Fußball gar nicht genug bekommen konnte, sich aber nicht traute, allein im „Wilden Osten“ die Stadien abzuklappern. Fortan schleppte ich ihn zwei, drei Jahre lang zu Hertha, Union, BFC, Babelsberg, etc. Am 09. Mai 2004 legte ich für den japanischen Sportkameraden ein Schippchen drauf und bot ihm Leipzig als Reiseziel an. Die RL-Partie FC Sachsen Leipzig vs. Dynamo Dresden lockte, zudem wollte ich mir zum ersten Mal das neue Zentralstadion anschauen. Gebongt! Seiji hatte richtig Bock drauf. Es war fast exakt zehn Jahre her, als ich mit Karsten noch im alten weiten Rund die Bundesligapartie VfB Leipzig vs. TSV Bayer 04 Leverkusen gesehen hatte. Zudem bekam ich ebenso vor zehn Jahren in Leipzig-Leutzsch (im Herbst 1994) beim Fußball zum ersten Mal auf gut Deutsch gesagt hübsch auf die Fresse. Sake und Bier - es sollte eine hübsche Jubiläumssause werden.

Gerade mal zwei Monate zuvor gab es im neuen Zentralstadion das erste Fußballspiel zu sehen. Der FC Sachsen Leipzig verlor vor großer Kulisse mit 0:1 gegen die Amateure von Borussia Dortmund. Nun war mit Dynamo Dresden wieder ein Team in Schwarz-Gelb zu Gast - und wieder durfte sich über eine ansehnliche Zuschauerzahl gefreut werden. 21.458 Fußballfreunde fanden den Weg auf die modernen Ränge, rund die Hälfte von ihnen fand sich im weitläufigen Gästebereich ein. Mit gemischten Gefühlen schaute ich vor dem Spiel auf die alten nun satt begrünten Ränge und die wenigen Sitzreihen, die als Andenken an alte Zeiten stehen gelassen wurden. Ich überließ dem japanischen Freund die Seitenwahl, und er entschied, dass wir uns auf chemischer Seite ein gutes Plätzchen sichern. Mir war es recht, denn somit hatten wir einen guten Blick auf den ansehnlichen Gästemob.

Über dem langen UD-Banner wurde das Banner von Red Kaos positioniert, links und rechts davon wurden auf gesamter Länge zahlreiche schwarz-gelbe Stoffe an der Mauer befestigt. Sachsen Leipzig kämpfte gegen den Abstieg, Dynamo Dresden war oben dran und wollte den Sprung in die 2. Bundesliga packen. Die Gäste ergriffen auf dem Rasen sogleich die Initiative, und von den Rängen hallte ein lautes „Dynamo! Dynamo!“ durch die neue Arena. Nach bereits acht Minuten musste Ronny Scholze verletzungsbedingt den Platz verlassen, für ihn kam Sven Johne ins Spiel. In der Folge drückte zunächst der FC Sachsen Leipzig. Die Leutzscher kamen über die rechte Seite und bekamen einen strittigen Elfmeter zugesprochen. Wütende Proteste der Dynamo-Spieler, der Schiedsrichter ließ sich nicht beirren und zeigte gelbe Karten. Die Riesenmöglichkeit für den FC Sachsen in Führung zu gehen, doch der Elfer wurde von Kujat an den rechten Außenpfosten gesemmelt.

Neben mir raufte sich der Japaner die Haare. In seinen Ohren klang das „Chääämie“ richtig dufte, er wünschte sich somit einen Heimsieg herbei. Aber dann! Wenig später ertönte auf der Gegenseite der Pfiff. Elfmeter für Dresden! Maik Wagefeld ließ sich nicht lange bitten und haute nach etwas über einer halben Stunde den Ball souverän rein. 1:0 für Dresden - tausende Dynamo-Fans gingen ab. Chancen gab es in der Folge auf beiden Seiten, es entwickelte sich eine richtig unterhaltsame Regionalliga-Partie. Nur sechs Minuten nach dem Pausentee wurde eine chemische Sense rausgeholt, dieses Mal gab es völlig zurecht einen Strafstoß. Wieder trat Maik Wagefeld an, wieder brachte er links unten die Kugel unter. Zwei Minuten später wurde der Sack zugemacht. Nach einem schnellen Konter war es Christian Fröhlich, der im Nachschuss das 3:0 für Dresden machen konnte. Das 1:3 durch Daniel Ferl für den FC Sachsen war nur noch Ergebniskosmetik, Dynamo Dresden ließ an jenem Nachmittag nix mehr anbrennen. Etwas brannte jedoch noch in der Gästekurve, hinter dem Tor wurde nach Abpfiff ein fetter Rauchtopf gezündet. 

Wir spulen drei Jahre vor. Der Kontakt zu Seiji war inzwischen abgebrochen, das Regionalliga-Duell Fortuna Düsseldorf vs. Dynamo Dresden besuchte ich mit einer Art Stammbesatzung. Gemeinsam mit Jan und Karsten - wir alle kannten uns seit 1991 - ging es am 3. März 2007 mit der Straßenbahn zur LTU-Arena. Die lange Fahrt zum alten Rheinstadion nervte bereits in den 90ern, besser fühlte sie sich auch nicht zehn Jahre später an. Immerhin sorgten ein paar Fortuna-Fans (einer hatte sogar einen Aue-Schal um) in der Tram für etwas Unterhaltung. An der Endhaltestelle hätte man indes denken können, man habe ein Flughafenterminal erreicht, und viel anders fühlte ich mich auch nicht im Stadion. Glasfassaden, Arena-Snack, viel moderner Schnickschnack - mein Ding war das nicht. 

Die zahlreich angereisten Dynamo-Fans wurden hinter dem Tor auf dem Oberrang platziert. Zentral wurde ein großer Stoff mit dem Dynamo-Emblem heruntergelassen, dahinter wurden fleißig zahlreiche Fahnen geschwenkt. Vor 18.035 Zuschauern konnte Marco Vorbeck in der 23. Minute Dynamo Dresden in Führung bringen. Die knappe Führung konnte gehalten werden, in der zweiten Halbzeit schnupperte es nach dem 2:0 für die SGD und die angereisten Fans zeigten sich gut aufgelegt. Doch das Phrasenschwein öffnete mal wieder seinen Schlitz sperrangelweit. Machste vorn das Ding nicht rein, wirste hinten bestraft. Zuerst räucherte es ein wenig im Fortuna-Fanblock, dann erzielte Denis Wolf in der 90. Minute den Ausgleichstreffer. Mit reichlich Polizeibegleitung ging es schließlich mit einer Sonder-Straßenbahn zurück in die Düsseldorfer Altstadt, in der die Polizei hoch zu Ross schaute, dass niemand Faxen machte. 

Sagen wir es mal so, um Welten besser gefiel mir ein halbes Jahr später das Auswärtsspiel der SG Dynamo Dresden bei Rot-Weiß Oberhausen. Es war bis dato das letzte Mal, dass wir als alte Dreiertruppe gemeinsam zum Fußball gingen. In Teil 1 des Rückblicks hatte ich geschrieben, dass am 21. September 1991 bei der BL-Partie TSV Bayer 04 Leverkusen vs. 1. FC Dynamo Dresden Karsten und ich zum allerersten Mal gemeinsam zum Fußball gingen. Es sollten zig hunderte weitere Spiele folgen. Nun fiel mir gerade auf, dass es wieder ein Dynamo-Spiel war, bei dem bezüglich der Freunde etwas zu vermerken ist. Das Regionalliga-Spiel bei RWO im Niederrheinstadion war das letzte gemeinsam mit Jan aus Frankfurt/Oder gesehene Fußballspiel. Wenn er diesen Text lesen sollte, weiß er was das heißt! Es wird mal wieder allerhöchste Zeit! Arsch hoch! Live-Bambule und Saufen statt Glotze!

Nun denn, Zeiten ändern sich. Kurios wirkt zudem aus heutiger Sicht, wie sorglos man damals im Gästeblock filmen konnte. Ich hatte mir damals einfach keine Platte gemacht. Ich hielt die digitale „Seife“ hoch und filmte in allen möglichen Situationen. Da damals nicht jeder Clip sofort in sozialen Netzwerken auftauchte und sowieso kaum einer vor der großen Zeit der Smartphones eine digitale Knipse mit dabei hatte, juckte das einfach keine Sau. Ich latschte quer durch den Block und erfreute mich an den Gesängen und an der abgebrannten Pyrotechnik. Es brannte und qualmte zu Beginn der Partie, und einige Ultras hingen am Zaun. Später filmte ich Dynamo-Fans beim Wurst-Kauf unter dem Rande des Dachs der Haupttribüne, ich filmte Dynamo-Aufnäher auf Jeans-Kutten,  ich rückte weiter vor und filmte von hinten die aktive Fanszene. Betrachtet man elf Jahre später diese Videos, wirkt das Ganze fast surreal. Nicht ein einziger Fan nahm Notiz von mir und meiner kleinen silberfarbenen Kamera in der Hand. Es wäre gewiss ein echter Gaudi, in der Gegenwart so durch den Dynamo-Block zu spazieren. 

„Olé, olé, Dynamo Dresden, olé! - Hier regiert die SGD!“ Der Nachmittag wurde aus Sicht der SGD sehr erfreulich. Nach exakt einer Stunde erzielte Pavel Dobry den Treffer des Tages - die drei Punkte wurden eingefahren. Eine weitere Portion Rauch waberte empor, wenig später ertönte das „SG Dynamo, schalala, SG Dynamo…“ Ältere Allesfahrer, Exil-Fans, junge aktive Fans - allesamt feierten sie in der langgezogenen Gästekurve den wichtigen Auswärtssieg. Die Saison war noch jung - jene Saison war richtungsweisend. Unter Platz zehn war eine gepunktete Linie zu sehen. es stand mal wieder eine RL-Reform an, zudem wurde in der Folge-Saison die 3. Liga eingeführt. Am Ende war die SGD denkbar knapp über der besagten Linie zu finden, der 1. FC Magdeburg und Rot-Weiss Essen verpassten indes knapp die Qualifikation für die 3. Liga.

Bevor wir uns jedoch der neueren Zeit widmen, gehen wir gedanklich noch einmal zurück in die Vor-Saison. Genauer gesagt zum 28. April 2007. Karsten war zu Besuch in Berlin und der Spielplan meinte es an jenem Wochenende wahrlich gut mit uns. Am Freitagabend schauten wir bei der Partie Hertha BSC II vs. 1. FC Magdeburg (rund 2.000 FCM-Fans waren vor Ort im JSP) vorbei, ein Tag später stand das Duell 1. FC Union Berlin vs. SG Dynamo Dresden an der Tagesordnung. 12.024 Zuschauer fanden sich auf den sandigen, nicht überdachten Rängen der Alten Försterei ein. Die Sonne brannte, im Gästeblock wurden hunderte schwarze und gelbe Luftballons in die Höhe gehalten. 

Sportlich war an jenem sommerlichen Nachmittag für Dresden nichts zu holen. Nico Patschinski und Sebastian Bönig brachten die Eisernen mit 2:0 in Führung, Samuel Koejoe konnte das Ganze mit seinem Tor in der 73. Minute noch einmal spannend machen, doch der Ausgleich wollte in der Schlussviertelstunde nicht gelingen. Erstaunlicherweise wurden nach dem Spiel die Gästefans auf dem Weg zum S-Bahnhof Spindlersfeld zu Fuß durch die Köpenicker Altstadt geführt. Groß war anschließend der Durst, die nächste Tanke wurde belagert. Rein den 50-Euro-Schein ins Fach der Nachtkasse, unten raus kamen in der Schublade vier kalte Bierchen. Hübsch was zum Zwitschern. Bei der argen Hitze machte sich in der Folge der konsumierte Alkohol durchaus bemerkbar, zumal die Dynamo-Fans eine gefühlte Ewigkeit auf dem Vorplatz des S-Bahnhofs Spindersfeld warten mussten. In kleinen Gruppen saßen die Fans auf dem Kopfsteinpflaster und hielten ein Pläuschchen. Eine Stunde später gingen die Ersten bereits in die Horizontale. Erfreulich: Die Polizei war zwar präsent, hielt sich jedoch angenehm zurück. Aus einem Lautsprecherwagen wurde sogar Musik abgespielt, um die Wartenden bei Laune zu halten. Dazwischen gab es die Durchsage, dass die gerade einfahrende Regel-S-Bahn nicht genutzt werden könne, da diese nicht in Schönefeld halten würde.

Manch ein freigelegter Rücken wurde aufgrund der prallen Sonne bereits arg rot, gegen 16:30 Uhr verschlechterte sich auf dem Vorplatz die Laune ein wenig. Etliche Fans drängten zur Tür des kleinen Bahnhofsgebäudes, ein paar Gegenstände flogen durch die Luft. Jemand brüllte mir von der Seite ein lautes „Auf die Fresse!“ volle Kanne ins Ohr. Es wurde Zeit für eine nächste Durchsage: „An alle Dresdner, die mit dem Entlastungszug angereist sind. Bitte tretet einfach noch mal fünf Meter zurück, so dass die Kontrollen in Ruhe durchgeführt werden können. Ansonsten wird die Bundespolizei durchgreifen müssen. Das Werfen von Gegenständen (eine Bierflasche segelte durch die Luft) ist Quatsch jetzt kurz vor Feierabend! Bitte verhaltet Euch ruhig und friedlich! Tretet einfach noch mal einen Schritt von den Eingängen zurück …“ Peng! Just in jenem Moment detonierte ein Böller in der Menge. Jubel und Applaus. Die Ansage wurde weiter geführt: „Genau das ist das, was wir nicht wollten! … Ich bitte jetzt noch mal alle Dynamo-Fans! Bewahrt Ruhe, hört auf mit Gegenständen zu schmeißen! … Hört auf mit Flaschenschmeißen!“ Die grün behelmten Einsatzkräfte hatten inzwischen eine Kette vor den Eingängen des Bahnhofsgebäudes gebildet.

Nachdem die Hektik auf dem Vorplatz wieder ein wenig abgenommen hatte, griff eine weitere Person zum Mikro und bat die Fans: „Wir hatten einen super Einsatz miteinander hinbekommen. Wir hatten zwar nen mieses Spiel, aber dennoch war alles friedlich und ich möchte nicht, dass morgen wieder über Dynamo in der Zeitung steht, Dynamo randaliert. Ich hoffe, dass wir uns da einig sind, dass diese Negativ-Presse, die dann wieder Dynamo begleitet, von uns allen nicht gewollt sein kann! Vielen Dank!“ Die Worte hatten Wirkung gezeigt. Weitere 40 Minuten mussten die SGD-Anhänger vor dem Bahnhof Spindlersfeld verharren, doch zu weiteren Flaschen- und Böllerwürfen kam es nicht. Stattdessen wurden die letzten Bierflaschen geleert. Da Glasflaschen nicht mit in die S-Bahn genommen werden durfte, leerte manch einer mit einem kräftigen Zug direkt vor der Kontrolle seine Pulle. Es durfte nix verkommen. Gleiches galt für das Leergut. Etliche Pfandgut-Sammler rückten mit Müllbeuteln und Einkaufswagen an. Vier tätowierte Glatzen ließen die letzten Bierflaschen schäumen, tranken ab und füllten den Rest in Plastikflaschen um. Auch Karsten und ich hatten inzwischen gut einen sitzen und alberten vor dem Bahnhofsgebäude rum. 

Was für ein Gelage! Überall klirrten die Flaschen auf dem Kopfsteinpflaster. Ein junger Dynamo-Fan mit freiem Oberkörper und um den Bauch gebundenem Schal stellte sich direkt vor einen behelmten Polizisten und beugte sich mit der Flasche am Hals nach hinten. „Er zieht leer, jaaaawaohl!“, hörte ich neben mir eine bekannte Stimme. Wenig später rauschte die S-Bahn mit den Dynamo-Fans davon. Zurück blieben all die Flaschensammler sowie Karsten und ich. „Wir haben es geschafft, nee, Marco?! Mittendrin statt nur dabei, nee?!“ kommentierte Karsten das Ganze, während er mich ein letztes Mal filmte. Das Lächeln auf unseren Gesichtern sagte alles. Wir waren glücklich. Wir fühlten uns an all die wilden Auswärtsfahrten Anfang der 90er erinnert - und ich denke, an jenem Wochenende wurde ein weiterer Grundstein für die spätere Zusammenarbeit bei turus.net gelegt.

Einen der ersten turus-Spielberichte über die SG Dynamo Dresden gab es am 17. April 2010. Im Herbst zuvor wurde das neue Stadion eröffnet, und somit war es höchste Zeit, einmal dort vorbeizuschauen. Zu Gast war an jenem Tag der FC Carl Zeiss Jena, der sich beim Hinspiel mit 0:4 geschlagen geben musste. Da ein Großteil der rund 2.500 Gästefans verspätet eintraf, wurde die Drittligapartie 15 Minuten später angepfiffen. Umso besser, denn somit blieb mir noch mehr Zeit, die Blicke in Ruhe schweifen zu lassen. Stand ich in der Regel den neuen modernen Stadien sehr kritisch gegenüber (bei der Düsseldorfer LTU-Arena dachte ich 2007, ich sei im falschen Film), so zeigte ich mich in Dresden von Beginn an begeistert. Aber gut, das war auch nicht schwer. Als tausende Dynamo-Fans vor Spielbeginn die Arme hoben, im Takt klatschten, und das „Dy-na-mo!“ über den Platz schepperte, stand der Mund ein wenig offen. Im K-Block wurde eine große Blockfahne hochgezogen, auf der ein Spielautomat angedeutet war. Jackpot! Dreimal erschien das Wappen der Sportgemeinschaft. Unten war auf einem Spruchband zu lesen: Wir gewinnen sowieso…!!!“ 

Das sah zu Beginn der Partie auch ganz danach aus. Vierte Minute: Jena-Keeper Nulle lenkte einen Nachschuss an den Pfosten. Die gesamte Partie über spielte Dynamo Dresden sehr sehenswert, und das Eckenverhältnis von 15:3 sprach Bände. Vor dem gegnerischen Tor waren allerdings die Gäste weitaus cleverer. Nach 60 Minuten machte Hähnge nach einem schnellen Konter das 1:0 für Jena. Dresden drückte zum Ausgleich, der FC Carl Zeiss machte zwei weitere Buden. Truckenbrod lupfte zum 2:0, Amrhein erhöhte auf 3:0. So kann Fußball sein. Eine Stunde später durfte ich am Hauptbahnhof bestaunen, wie ein Sonderzug (nicht der mit den Jena-Fans) mit alten grünen Reichsbahn-Waggons und Dampflokomotive sich schnaufend in Bewegung setzte.

Vom Glauben ab fiel ich ein Jahr später am 12. August 2011, als ich mit dem Eurocity nach Dresden fuhr, um das Heimspiel gegen den 1. FC Union Berlin zu sehen. Von ganz oben aus fertigte ich Fotos von der Heim-Choreo an. Der K-Block wurde komplett schwarz, zu sehen waren in der Finsternis zahlreiche gelbe Augenpaare. „Willkommen in der Höhle der Löwen!“ An zentraler Stelle hielt sich ein Bär mit Schal und Union-Trikot vor Angst die Augen zu. Tausendfach hallte das „Scheiß Union!“ durch das Stadion. Ein paar Minuten später wollte ich die Fotos auf der Kamera sichten - doch sie waren weg. Verschwunden - und das für immer! Immer wieder klickte ich mich durch die Speicherkarte, doch es war nix zu machen. Ich wechselte die SD-Karte und fertigte weitere Bilder an. Mein damaliger Spielbericht musste ohne Choreo-Bilder auskommen. Mit 4:0 konnte die SGD das Nordost-Duell für sich entscheiden. Die Treffer erzielten Stoll, Knoll, Peffer und Koch (geile Namen-Kombi).

Ein echtes Highlight war vier Monate zuvor der Auftritt der SGD beim SV Babelsberg 03. 6.818 Zuschauer wollten am 29. April 2011 dieses Duell sehen, und logischerweise ergab der Gästeblock einen feinen Anblick ab. Auswärts im KarLi hatte manch eine Fanszene eine beeindruckende Leistung gezeigt. Unvergessen die Auftritte der Magdeburger und Rostocker bei den jeweiligen Abendspielen, bei denen massiv Pyrotechnik angezündet wurde und es auch stimmungstechnisch richtig knisterte. 

Zwar trat auch Dresden an einem Freitagabend in der Filmstadt an, doch war es noch hell. Gezündet wurde später trotzdem. Wie auf Knopfdruck wurden in der zweiten Halbzeit in beiden Fanlagern die Fackeln angerissen. Während es in der Babelsberger Nordkurve „Licht an - Vorstand raus!“ hieß, wurde im Gästeblock einfach so gezündelt. Zahlreiche Dynamo-Fans standen auf dem Zaun und hingen an den Netzen. Die Banner „Hassfront“, „Grüße in den Knast!“ und „Official SGD Hooligans“ durften nicht fehlen. Für reichlich Gesprächsstoff sorgte das zuvor gezeigte Spruchband mit der Aufschrift „Sexismus ist ein Fangesang! Ihr Fot***!“ Auf dem Platz ging Nulldrei in der 77. Minute in Führung, Rico Engler konnte in der 88. Minute für die SGD zum 1:1 ausgleichen. Krasser Jubel und irres Zerren und Reißen an den Netzen… 

Es würde schlichtweg den Rahmen sprengen, nochmals über jedes gesehene Dynamo-Spiel zu schreiben. Logisch, dass die Heimspiele gegen Borussia Dortmund sowie gegen den 1. FC Magdeburg und den F.C. Hansa Rostock ganz besonders im Gedächtnis haften bleiben werden. Emotionen, Gänsehaut, stark aufgelegte Fanlager - die Spiele wurden zu einem unvergesslichen Erlebnis. Fragt man mich jedoch, welche Auswärtsspiele der SGD in jüngerer Vergangenheit denn nun am beeindruckendsten waren, lautet meine Antwort: Rostock 2014 und Hannover 2016!

Am 29. November 2014 pellte ich mich in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett und setzte mich in den Regionalexpress. Der frühe Vogel fängt bekanntlich den Wurm. Bereits zuvor gab es zwei schlaflose Nächte. Ich hatte es im Urin. Irgendwas wird passieren. Das surreale Szenario in einem der nächtlichen Albträume: Ein dunkler Sportplatz. Hooligans rissen an einem Netz hinter dem Tor und warfen Böller wie wild um sich herum. Umgeben war der Platz von einer Art Erd- oder Sandwall. Eine Vorahnung? Der Wecker klingelte. Es war dunkel. Mit dem Regionalexpress ging es um 6:34 Uhr von Berlin aus in Richtung Rostock und von dort aus weiter nach Warnemünde. Man munkelte, dass die Szene aus Elbflorenz bereits in der Nacht von Freitag zu Samstag anreisen würde. Zudem war immer wieder zu hören, dass die Rostocker mobil gemacht hatten, um ihre Stadt „sauber“ zu halten. 9:30 in Warnemünde. Eiskalter Wind blies mir ins Gesicht. Die ersten Touristen gingen in der Morgensonne spazieren, die Büdchen mit den Räucherfisch-Sortimenten hatten bereits geöffnet. Und dort hinten? Ein Polizeihubschrauber stand in einiger Entfernung in der Luft.

Zehn Minuten später. Der Helikopter kreiste in der Tat direkt über dem Strand. Auf Höhe des Neptun Hotels ging eine Gruppe im eisigen Wasser baden. Ultras Dynamo beim Härtetest?! Aber halt! Manche trugen keine Badehose und auch das Alter haute nicht so ganz hin. Fehlalarm, eine fröhliche Gruppe Eisbader warf sich in die kalten Fluten der Ostsee. Da die Polizei wohl jedoch keine Nacktbader ins Visier nehmen würde, musste da noch etwas sein. Und richtig, vor einem Resort-Hotel an der Warnemünder Strandpromenade war ein beachtlicher Polizeiaufmarsch zu bestaunen. Ein hübscher Kessel wurde vorbreitet. Einer von UD gab seinen meist in schwarz gekleideten Kumpels ein paar Anweisungen und schon durfte sich der beachtliche Mob in Bewegung setzen. Ein Spaziergang ganz in Schwarz. Dahinter der weiße Sand des Ostseestrandes. Das Ziel: Der historische Leuchtturm und der aus DDR-Zeiten stammende Teepott.

Man glaubte es kaum. Es gab wohl eine Art Deal zwischen UD und Polizei. Die Polizei begleitete die sächsische Gesellschaft und ließ die Ultras vor dem Leuchtturm Aufstellung nehmen. Raus das Banner, ein kräftiges „Dynamo! Dynamo!“ und dazu eine kleine Portion Rauch. Danach ging es wieder zurück die Promenade entlang. Dorthin, wo die Fahrzeuge der Dynamo-Fans geparkt waren. Zuerst fertigte ich von einer Anhöhe eine Videoaufnahme vom schwarzen Tross an, dann lief ich etwas zögernd hinterher. Logisch, ein bisschen war die Buchse voll. Recht geheuer war mir das Ganze nicht. Egal! Jetzt oder nie! Das Foto vor dem Leuchtturm musste ich machen! Aus den Augenwinkeln schaute ich, ob es Probleme geben könnte. Nach den geschossenen Fotos setzte ich mich ab und fuhr mit der S-Bahn zum Ostseestadion. Erst einmal durchatmen, ein Bier trinken und die eine oder andere berechtigte Frage beantworten.

Und auch im Stadion selbst wurde es interessant. Auf dem Rasen entwickelte sich eine recht ordentliche Partie. Gewiss nicht hochklassig, jedoch geprägt von Kampf und Einsatz. In der 25. Minute klingelte es das erste Mal im Rostocker Gehäuse. Mathias Fetsch köpfte aus kurzer Distanz ein und ließ den Gästeanhang förmlich explodieren. Hansa kam zehn Minuten später fast zum Ausgleich. Einen sorgfältig vorbereiteten Freistoß konnte Dynamo-Keeper Kirsten an den rechten Pfosten lenken. Wenig später wurde es schlagartig still. Halbzeit. Die beiden Mannschaften holten sich in der Kabine das verdiente Heißgetränk ab. Schon bald wurde es hinter der Südtribüne hektisch. Polizeiliche Einsatzkräfte rückten vor. Etliche Dresdener stürmten aus dem Block, werden jedoch später von der auch hier vorrückenden Polizei in den Gästeblock gedrängt. Inzwischen wurde von den anderen Dynamo-Fans etwas vorbereitet. Große Spruchbänder wurden postiert. Mitten rein fiel der von Julian Jakobs erzielte Ausgleich in der 52. Minute. Brachialer Jubel nun auf Heimseite. 

Nach kleiner Verzögerung wurde schließlich von Dresdner Seite gezeigt, was man von den Rostockern hält: „Seht rüber zu den Matrosen, vollgeschissen ihre Hosen!“ Gelber Rauch stieg empor, und auch das restliche Pyro-Material ließ nicht lange auf sich warten. Der schwarze Mob unten in der Ecke zündete die Bengalen. Eine erste Leuchtkugel verfing sich im Netz. Die nächste rote Kugel bahnte sich ihren Weg in Richtung Südtribüne. Immer wieder knallte es. Eine Kugel landete auf dem Rasen, eine weitere mitten unter den Hansa-Fans. Verständlich, dass nun die Hanseatische Volksseele kochte. Erste Hansa-Fans rückten auf der Süd in Richtung Gästebereich vor. Auf der Gegengerade zerrten etliche Rostocker an der im Pufferbereich ausgelegten Plane. Zahlreiche behelmte Einsatzkräfte marschierten in die beiden Pufferzonen und verhinderten ein direktes Aufeinandertreffen der Fanlager. 

Unterbrochen war das Spiel sowieso. Nach gut einer Viertelstunde konnten die Mannschaften wieder zurück auf den Rasen. Die Uhr auf der Anzeigetafel wurde wieder zurückgedreht. Noch war eine halbe Stunde zu spielen, doch der F.C. Hansa fand nicht zurück in die Spur. Anders bei den Gästen. Unmittelbar nach der Zwangspause machte Fetsch seine zweite Bude des Tages. Außer sich vor Freude eilten die in Weinrot gekleideten Spieler zur Eckfahne und jubelten den Mitgereisten frenetisch zu. Dresden blieb am Drücker. Kurz vor Schluss traf Fetsch nochmals ins Schwarze. 3:1 für die Sportgemeinschaft. Auf der Gegengerade zerrten ein paar Rostocker Hauer nochmals an der ausgelegten Plane, doch einen Angriff würde es an diesem Nachmittag nicht mehr geben. Zumindest nicht im Stadion. 

Wir schrieben den 11. September 2016. Niedersachsen in Angst und Schrecken. Der ostdeutsche Mob rollte an! Die Sportgemeinschaft Dynamo Dresden zu Gast in der Landeshauptstadt. Grund genug, um allein in unmittelbarer Nähe des Gästeeinlasses drei (!) Wasserwerfer in Position zu bringen. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Mit Grummeln im Bauch erinnerte man sich an das DFB-Pokalspiel gegen die Sachsen am 31. Oktober 2012. Sportlich ging es aus Sicht der 96er damals prima aus, im Elfmeterschießen konnte die SG Dynamo bezwungen werden, doch am Rande der Partie gab es „delikate“ Szenen zu sehen.

Rund 1.000 Beamte waren dieses Mal im Einsatz. Maßlos übertrieben meinten die einen. Völlig zurecht, meinten die anderen. Dass bereits am Freitagabend einige Dresdner in Hannover und Umland ihre Zelte aufschlugen und das eine oder andere Bierchen in diversen Kneipen zu sich nahmen, konnte so oder so nicht verhindert werden.

11:30 Uhr, Hannover Hauptbahnhof. Das Ganze wirkte recht entspannt und routiniert. Mehrmals erfolgte die allgemeine Durchsage, dass zwischen Zeitpunkt X und Y das Mitführen von Glasflaschen, Vermummungsgegenständen, Pyrotechnik und Verteidigungswaffen verboten sei. Die Massen strömten bei bestem Wetter in Richtung Stadion, vorbei an der Polizeikaserne, vor der zahlreiche Beamte postiert waren. Rings um die Spielstätte der 96er machte alles soweit einen überaus ruhigen Eindruck. Mit zwei engen Nadelöhren hatten indes die zahlreich angereiste Anhängerschaft der SGD zu kämpfen. Diese ist jedoch einiges gewohnt und ließ sich kaum beirren. Die Mehrzahl der Gästefans hatte sich zum Anpfiff auf dem Oberrang eingefunden. Ein weiterer Block wurde geöffnet, so dass die schwarz-gelbe Kurve noch beeindruckender wurde. Mein lieber Herr Gesangsverein! Was für eine Masse! Wie auf Knopfdruck wurde sich eingeklatscht, wenig später ertönte das wohlbekannte „Forza Dynamo!“ Völlig klar, die Hannoveraner bekamen in all den Bundesligajahren etliche Gästemobs zu sehen, die mächtig auf die Tube drückten, doch das was am heutigen Nachmittag von der SGD-Anhängerschaft geboten wurde, sucht seinesgleichen. 

Vor insgesamt rund 40.000 Zuschauern kamen beide Fankurven schnell auf Betriebstemperatur. „Ihr seid Wessis, asoziale Wessis…“, ertönte es aus dem langgezogenen Gästebereich. Oberhalb all der aufgehängten Banner und Zaunfahnen war die schwarz-gelbe Masse richtig warm. Da kam die Führung für die Sportgemeinschaft in der 18. Minute gerade recht. Einen Freistoß brachte Marvin Stefaniak passgenau im rechten Winkel unter. Was für ein Jubel! Das spottete schon fast jeder Beschreibung. Nach und nach wurde der eine oder Oberkörper freigelegt. Den Vorreiter bildeten hierbei die Jungs hinter dem „Dresden Süd“-Banner. Später wurden an weiteren Stellen die Shirts gelüftet. 

Mit Tempo ging es auch in den zweiten Spielabschnitt. So kam Pascal Testroet in der 51. Minute zu einer richtig dicken Möglichkeit, doch Philipp Tschauner regiert schnell und konnte den Ball abwehren. Richtig arg wurde es aus Sicht der Hannoveraner in der 56. Minute. Sebastian Maier legte mal ein richtiges Pfund drauf, und der Ball klatschte an den Querbalken. Die 96-Fans hatten den möglichen Torschrei noch fast auf den Lippen, als auf der Gegenseite der Ball in die eigenen Maschen einschlug. Florian Ballas nahm Maß, unter der Latte fand das Spielgerät sein Ziel. 2:0 für Dynamo Dresden. Utopisch, was nun auf dem mit über 4.000 Dynamo-Fans gefüllten Oberrang passierte. Nach dem Jubelschrei wurde direkt im Anschluss das melodische Europacup-Lied angestimmt. Meine Güte, wie oft wurde in diesem Magazin (und anderen Magazinen) von hohen Mitmachquoten und brachialem Support geschrieben. Was soll man tun? Man steht im Innenraum, starrt auf die Kurve und sucht nach passenden Begriffen, die dieses Fan-Spektakel beschreiben können.

Kurzum: Das war Support der allerfeinsten Güte. Es gab in der 3. Liga mitunter Spiele, in denen man das Gefühl hatte, UD & Co würden ein gewisses Programm abspulen. In Hannover wurde indes nichts abgespult, die angereiste Anhängerschaft war im positiven Sinne außer Rand und Band, euphorisch, ja phasenweise regelrecht frenetisch. Was mir persönlich dabei einfiel? Und zwar folgendes: Wer meint, man könnte theoretisch auf aktive Fans verzichten, um einen „sauberen Profifußball“ zu schaffen, bei dem die TV-Kamera einfach nur auf einzelne hüpfende Sitzplatz-Konsumenten schwenkt und dem Fernsehzuschauer eine „tolle Stimmung“ vorgaukelt, der sollte sich solch ein Spektakel mal anschauen / anhören und dann seine in der Schublade liegenden Pläne mal reichlich überdenken.

Nichts überdenken musste ich. Ich wusste an jenem Tag wieder einmal: Alles richtig gemacht! Fußball ist mit das Geilste auf der Welt - und darüber schreiben zu können, ist für mich die größte Befriedigung. Wie es sich gehört ließ ich jenen Tag in Hannover auf vernünftige Art und Weise ausklingen. Ich traf mich mit einem Hannoveraner und plauderte bei dem einen oder anderen Bier bis zum späten Abend. Bis halt der letzte Zug gen Berlin fuhr. 

Und was Dynamo Dresden betrifft: Vom Schreibtisch aus arbeitete ich am 16. Mai 2017 den dynamischen Camouflage-Alarm in Karlsruhe auf. Zugegeben, ich konzentrierte mich an jenem Wochenende nur auf eine Aufgabe. Ich hatte die SGD voll im Fokus, allerdings die aus Schwerin. Ich bastelte am Montagmorgen am Text über die akut bedrohte Paulshöhe, als es wieder einmal „Bing!“ machte. Nachricht vom Kollegen aus Essen. „Haste schon gesehen?“ Na, wat wohl?! Das Video vom Marsch in Karlsruhe. Ich hielt kurz inne, klickte auf play und dachte nur: Was für ein geiler Scheiß ist das denn?! Das schaut aus wie auf dem Balkan oder in Polen. Ich hatte mich zuvor nicht mit dem Spiel befasst, für mich kam dieses Filmchen, das von der „Kübelpappe“ aus gefilmt wurde und inzwischen wohl zigmal kopiert und zig hunderttausendfach angeschaut wurde, völlig aus der Kalten.

Der Chat lief heiß, die SG Dynamo Schwerin musste kurz warten. Die weinroten Fußballfreunde aus Dresden hatten mal wieder eine irre Show abgezogen. Der Trommelwirbel, allesamt in Tarnfarben, der vornweg fahrende Capo, der verströmende Rauch. Mein erster Gedanke: Das US-Militär rückt an. Die Art der Tarnfarbe, die Art des Trommelns, die Mützen und natürlich nicht zuletzt der Aufdruck auf den Shirts. Es hätte vielleicht auch gepasst, im Look der Nationalen Volksarmee dem DFB den „Krieg zu erklären“, doch letztendlich wollte man nicht nur die Ost-Kiste greifen. Bekanntlich wurde in der DDR bei der NVA gern auf preußische Traditionen zurückgegriffen, da kam für die Anhängerschaft der SG Dynamo die Prise Safari-Style dann wohl doch weitaus besser.

Kurzum, ich saugte das Video gefühlte hundertmal auf. Ich liebe Fanmärsche. Egal, ob in Südamerika, auf dem Balkan oder in heimischen Gefilden. Und ja, es darf auch martialisch aussehen. Mal die Bomber tausendfach auf Orange wie einst bei den Frankfurtern bei einer Europapokal-Sause, mal alle in Schwarz wie die Karlsruher vor dem Duell gegen den VfB Stuttgart, mal einfach nur bunt und sangesfreudig. Je nach Spiel, je nach Anlass. Mal soll vor allem die Mannschaft motiviert werden, mal möchte man den Gegner einschüchtern, mal soll eine klare Ansage gemacht werden. Letzteres war am Sonntag der Fall. Die angereiste Anhängerschaft der SG Dynamo Dresden erklärte dem DFB den Krieg. Im Vorfeld wurden fast alle mitgereisten Fans mit Shirts und Mützen versorgt, zudem wurde ein alter Militär-Trabbi herbeigeschafft, und die Spruchbänder und ganze Pakete voll Pyrotechnik wurden ebenso nach Baden gekarrt.

Ich war auf gut Deutsch gesagt ein wenig geflasht. Meine wilden Zeiten Ende der 80er / Anfang der 90er fielen mir wieder ein. Mein damaliger Faible für militärische Outfits, das damals wohl viele im Osten geteilt hatten. BW-Stiefel, russische Tarnjacke, ein kurzärmeliges Hemd der US-Army. Ich wollte niemanden den Krieg erklären. Die Klamotten machten einfach Eindruck und es machte richtig Bock, so durch die Straßen zu spazieren. Mit der Zeit verflog die Liebe zum Militärischen, ich würde heute wohl kaum so herumrennen wollen. Allerdings stellte ich mir beim Betrachten des Videos vor, wie es wohl für mich gewesen wäre, als 20-Jähriger auswärts beim Fußball so herumrennen zu können. Utopisch. Einfach nur utopisch! Jeder war mal jung. Jeder hatte mal Lust, sich völlig auszulassen, den Mainstream zu provozieren, einfach mal anzuecken und für Gesprächsstoff zu sorgen.

Prima, so können wir den Bogen zu den frühen 90ern schließen. In Sachen Berichterstattung lassen wir es fleißig rotieren. Felix und Karsten übernehmen in aller Regelmäßigkeit. Mein Anzahl der live gesehenen Spiele ließ allgemein etwas nach - nicht zuletzt aufgrund der privaten Verpflichtungen (zwei aktive Söhnchen) -, aber das kann sich jederzeit wieder ändern. Bock auf eine nächste Sause? Jederzeit bereit! :-)

Fotos: Marco Bertram, Ruhestörer, Veit Pätzug, K. Hoeft

> zum 1. Teil des SGD-Rückblicks: 1991 bis 2002

> zur turus-Fotostrecke: SG Dynamo Dresden

> zur turus-Fotostrecke: Impressionen aus den 90ern

> zur turus-Fotostrecke: Nordost-Fußball von 2000 bis 2009

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H
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Du Verrückter :-)

G
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TOP
G
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Um den Kreis wirklich schließen zu können, muss Dresden eines Tages wieder erste Liga spielen.

S
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Rock n Roll

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