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Wünsch dir was! Die perfekte Axt, die kalte Fackel, die neue Ultrà-Generation nah am Ball

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MB 07 November 2018
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Fachgerecht eingesetzt ist es möglich, mit einer scharfen Axt wunderbar Holz für das abendliche Lagerfeuer zu spalten. Stellt man sich blöd an, zertrümmert man sich beim lustigen Spalten arg hässlich die Schienenbeine oder schlägt sich gar eine ganze Hand ab. Scheiß Axt! Mit angsteinflößenden Masken können zu Halloween von den Anwohnern Süßigkeiten gefordert werden. Oder aber man stellt richtigen Mist an und schmeißt als Maskierter Steine auf vorbeifahrende Linienbusse. Jüngst in Berlin geschehen. Scheiß Halloween! Rote langbrennende Leuchtkugeln können Leben retten. Zum Beispiel auf hoher See nach einem Schiffbruch. Ich kann davon berichten. Gestern vor 19 Jahren retteten abgeschossene langbrennende Leuchtkugeln bei Windstärke zehn und Meter hohen Wellen auf der Nordsee unser Leben, da sie den niederländischen Marinehelikopter zum Unglücksort führten. Andererseits können in Fußballstadion Leuchtkugeln in gegnerische Fanlager gefeuert werden. Die Masse johlt. Im schlimmsten Fall geht das Ganze im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge. Ähnliches kann alljährlich bei Silvester geschehen. Scheiß Leuchtkugeln! Scheiß Silvester! Mit im weiten Rund gepflegt abgebrannten Fackeln zu einem Abschied eines alten Stadions (zum Beispiel in Dresden und Karlsruhe) können die meisten Zuschauer und sogar ein Großteil der Medien beglückt werden. Ach wie herzzerreißend! Dem alten Wildparkstadion wird angemessen adiéu gesagt! Im anderen Fall können Fackeln von Vermummten am Zaun wild hin- und hergefuchelt und aufs Spielfeld geschleudert werden. Scheiß Ultras! Scheiß Pyrotechnik! - Aus Sicht vieler.

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Heute morgen saß ick janz schnieke beim Bäcker und schlürfte den Kaffee und nahm mir vor, mal einen Tag Auszeit zu nehmen und ins Grüne zu fahren. Der gestrige Bericht über die „Football Leaks“ erforderte eine ordentliche Portion Energie. Beim Schlürfen des würzigen Heißgetränks warf ich einen Blick in die gratis ausliegende BZ. Ein Blick ins Wurschtblatt, ähm sorry, in die größte Zeitung Berlins - kostet ja nix. Sportteil aufgeschlagen und schon lächelte mich eine Überschrift an. „Bruchhagen kritisiert die Ultra-Szene“. Toll, dachte ich. Was hat er nun wieder zu sagen? Laut Zeitung stellte er fest, dass sie (also die Ultras) den Fußball nicht genug lieben. Würden sie nämlich den Fußball lieben, würden sie auf die scheiß Pyrotechnik und Böller verzichten. Dann wurde noch nachlegt. Laut Zeitungsbericht wünsche er sich, dass sich eine neue Ultra-Generation entwickelt, die viel näher am Fußball sei und auf diese Dinge verzichte.

Kein großes Ding, diese Meldung, die ganz ohne reißerischem Foto auskommen musste. Eben mal wieder ein Puzzlestück, um das Verhalten der Ultra-Szene in Verruf zu bringen. Beim allgemeinen Leser wird sich das schon nach und nach fest im Hirn einpflanzen. Pyrotechnik = Scheiße. Böller = Scheiße. Sagt auch die Kirche: Brot statt Böller. Alles Scheiße. Was bleibt beim Leser hängen: Ultras = Scheiße. Über Pyrotechnik müssten wir eigentlich nicht noch einmal zum hundertsten Mal debattieren. Würden allerdings 100.000 BZ-Leser mal zu turus rüberspringen, würde ich die gesamte Problematik gern noch einmal erklären. Da es diese jedoch in der Regel nicht tun, kann ich mir das klemmen. Nur noch mal zu Erinnerung: Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ich mit einer glühenden Fackeln wild umher fuchtele und diese auf andere Personen werfe oder ob ich diese fachgerecht abbrennen lasse. Ich kann auch eine Zigarre vernünftig rauchen oder halt den brennenden Glimmstengel einer Person, die mir nicht passt, in die Visage drücken. Macht schon einen gewaltigen Unterschied. Von der scharfen Axt, die jeder im Schuppen zu liegen haben sollte, ganz zu schweigen. Was für hässliche Untaten könnte man als Bekloppter mit dieser anrichten. 

Gut, eine Axt mit ins Stadion zu nehmen, ist eh nicht erlaubt. Einst im Frühjahr 1991 versuchte ich mal ins Berliner Olympiastadion in jugendlicher Unwissenheit ein Armeemesser mit fester Klinge mit reinzunehmen. Ich staunte nur, als mir der Ordner freundlich erklärte, das dies leider nicht gehe. Probleme gab es nicht. Er gab mir den Tipp, das Messer an einem Baum unter dem Laub zu verstecken. Das einzige Problem aus Sicht des Ordners: Es sei schwer, im Dunklen den richtigen Baum wiederzufinden. 

Stopp! Darauf wollte ich eigentlich gar nicht hinaus. Morgens beim Kaffee beim türkischen Bäcker hatte ich mir ein ganz anderes Skript im Geiste zurechtgelegt. Nun sitze ich paar Stunden mit dem Laptop in einem Café beim Milchkaffee und mache mich ans Tageswerk. Nur am Rande: Auf der Oberseite des Lappies sind ein paar Aufkleber angebracht. Casual aus Rostock mit Leuchtturm. Ein orangefarbenes Andenken von einer Lesung bei Wismut Gera. Der Hirsch des KS Karkonosze. Ein ACAB ist auch dabei - der Werbeaufkleber der Fußballfibeln (all covers are beautiful). Und als Hingucker für diverse Bahnfahrten im ICE habe ich noch ein Prachtstück aus Ungarn aufgeklebt. Fachgerechtes Abbrennen zweier Bengalen. Macht sich gut, wenn im ICE-Sprinter ein Schlipsträger einem gegenüber sitzt. Scheiß Schlipsträger! Nee, ey, war nur Spaß. Manchmal muss selbst ich im feinen Dress auftreten.

Zurück zum Ausgangspunkt. Herr Bruchhagen wünscht sich eine neue Ultra-Generation, die näher am Fußball dran sei. Über diese Aussage musste ich wirklich lange grübeln. Dass er den Verzicht auf Pyrotechnik fordert, dürfte uns alle nicht überraschen. Pyro = Gewalt = Polizeieinsätze. Siehe das Spiel Borussia Dortmund vs. Hertha BSC. Nach erstaunlicher Ruhe in jüngerer Vergangenheit kehrte das Thema urplötzlich wieder zurück in die Medien. Nun droht wieder beim nächsten Landesligaspiel der Ausnahmezustand, wenn jemand einen Rauchtopf in die Ecke stellt. Geschweige, ein Spieler greift sich nach einem wichtigen Spiel eine brennende Fackel, posiert auf einem Foto und stellt dieses in ein soziales Netzwerk. Punkt. Nun wirklich zu neuen Ultra-Generation. Den Fußball wirklich lieben. Näher am Fußball! Was meint Herr Bruchhagen damit? 

Wie nah der ganz große Profifußball am Zuschauer / Fan ist, durfte ja jüngst in der NDR-Reportage über die aktuellen Enthüllungen bewundert werden. Es geht allein um die fette Kohle, um die Maximierung des Profits. Welche Rolle spielen da noch die Fans auf den Rängen? Statt Nähe gibt es nur noch absolute Unnahbarkeit. Manche Gebaren der kapitalen Platzhirsche grenzen doch an purer Arroganz. Wenn schon auf die Belange der kleineren Vereine auf gut Deutsch gesagt geschissen wird, welche Rolle soll bitte schön noch der einzelne Zuschauer im Stadion spielen? Reine Staffage für die optimale TV-Vermarktung. Nicht mehr, nicht weniger.

Liebe ich den Fußball als Spiel, ist mir die Ligazugehörigkeit schnuppe. Ich kann den körperlichen Einsatz eines Verbandsliga-Spielers genauso bestaunen wie den eines Bundesligaspielers. Was für spannende Partien durfte ich bereits im Amateurfußball bewundern. Ohne taktische Zwänge gab es mitunter ein irres Hin und Her. Mit Emotion und allem Drum und Dran. Sprechen wir von einer neuen Generation, sprechen wir also vom Nachwuchs. Von unserem Nachwuchs. Sprich, unseren Kindern. Näher am Fußball sein? Gebongt! Als Eltern kann man den Sprösslingen gar nicht früh genug verklickern, dass liebenswerter Fußball nicht nur in der Glotze oder in einer vollen Bundesligaarena zu finden ist. Logisch, wird das mitgenommene Kind in einem prall gefüllten Stadion von der Atmosphäre begeistert sein, andererseits wird es sich genauso bei einem Amateurspiel vor 250 Zuschauern pudelwohl fühlen, wenn es auf den sandigen Stufen Auslauf hat und am Geländer Schweinebammel machen kann. Ist es SGD-, Hansa-, Hertha-, RWE-, oder FCK-Fans, können die Spiele der zweiten und dritten Mannschaften eine dufte Alternative sein. Die Fanutensilien können voller Stolz mitgenommen werden, die Spieler der Amateure freuen sich über etwas Unterstützung, und die Geldbörse vom Papi wird auch etwas geschont. 

Und aufgepasst! Mach die Glotze aus, liebes Kind! Wir hocken nicht einfach rum und himmeln still das Geschehen und die schier überirdisch wirkenden Superstars an. Nicht vor dem Bildschirm und auch nicht im Stadion. Die Beine sind zum Stehen da, der Mund ist zum Reden und Singen und Schimpfen da, das Gehirn ist zum Denken da. Worauf wir beim Nachwuchs achten sollten? Lasst das dröge Konsumieren (in allen Lebensbereichen) sein und hinterfragt alles, was ihr seht, liest und hört. Das ist mein persönlicher Wunsch für die neue Generation. Liebt den Sport, liebt den Fußball, liebt die Gemeinschaft, liebt die Geselligkeit, liebt das Reisen. Liebt die Rivalität, aber lasst bitte die Messer und scharf gemachte Kreditkarten zu Hause. Und die Axt natürlich auch. Holz spalten und das auf dem Lagerfeuer brutzelnde Fleisch könnt ihr auf Großvaters Grundstück mit dem Messer schneiden. Und was die Pyrotechnik betrifft? Nicht locker lassen! In Dänemark gibt es bereits „kalte“ Fackeln. Und bei Amateurspielen mit genügend Freizonen sollte so oder so endlich mal eine vernünftige Möglichkeit des Abbrennens von legal erworbener Pyrotechnik gefunden werden. Wie sollen wir unserem Nachwuchs erklären, dass zu Silvester in den Großstädten völlig legal wilde Sau gespielt werden darf und man beim Hinstellen eines Rauchtopfes oder Blinkers auf dem Sportplatz XY weggeheftet wird und mit einem Stadionverbot belegt wird?!

Fragen über Fragen. Nicht die Axt als solches, die Maskierung bei Halloween als solches und auch nicht die Fackeln als solches sind Scheiße. Die Entwicklung als solches ist Scheiße - und da wird die neue Ultra-/Fan-Generation gefordert sein, ordentlich gegenzusteuern…

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Fotos: Marco Bertram, Sachseninformer, Marco Hensel, K. Hoeft

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