BW Leipzig vs Stahl Riesa-36

Wahnsinn bis zum letzten Elfer: Blau-Weiß Leipzig wirft Stahl Riesa aus dem Pokal!

 
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R 09 September 2018
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Landespokalspiele mit Mannschaften unterschiedlicher Spielklassen führen gerade in den ersten Runden oft zu sehr eindeutigen Ergebnissen für den Favoriten. Gut gekämpft aber 1:5 verloren, immerhin ein Ehrentor geschossen. Spiele mit Spannung gibt es nicht so oft. Aber Spiele mit so viel Dramatik wie beim heutigen Zweitrundenspiel im sächsischen Landespokal haben wohl echten Seltenheitswert, wenn man bedenkt, dass es selbst den eher weniger emotional gelagerten Autor dieser Zeilen mit jeder Minute immer und immer stärker in seinen Bann zog und sog.

Die Gäste von Stahl Riesa aus der Sachsenliga (6. Liga) hatten im Vorfeld gewarnt vor einem offensivstarken FC Blau-Weiss Leipzig. Aber wohl kaum erwartet wie viel ihnen der Vertreter der Landesklasse Nord (7. Liga) heute abverlangen würde. Es war ein Spiel mit Helden. Mit tragischen Figuren. Mit einem stetigen Hin und Her von zwei Teams die sich zerrissen und nie aufgaben. Vier Mal wechselte die Führung in den 120 Minuten Spielzeit, oft folgte auf einen Rückstand direkt ein schneller Ausgleich. In der hitzigen Schlussphase gab es zudem zwei Platzverweise für Leipzig, die schließlich mit einem Feldspieler im Tor das Elfmeterschießen für sich entschieden. Es war ein Spiel voller Geschichten, ein feuchter Pokaltraum für Heim- und neutrale Zuschauer.

 

Aber der Reihe nach. Und erst mal entspannt: das Stadion der Freundschaft in Leipzig ist ein sehr idyllischer Ort, ein hübscher Platz mit kleiner Haupttribüne und rings umsäumt mit grasigen Hügeln die zum Niederlassen und Fußballschauen im Schatten von Bäumen einladen. Der Grill zischt, die Atmosphäre unter den 110 Zuschauern ist locker. Kurz vor Anpfiff dröhnen dann langsame schwermetallige Klänge aus dem Lautsprecher. Manowar‘s „Warriors of the World“ und „Gods of War“ sind prophetisch, denn Textzeilen die sich um „Hearts of steel“ drehen, lassen sich später einfach auf die Spieler ummünzen.

 

Die Spieler betreten das Feld: Blau-Weiß tritt dabei in rot-weiß an, Stahl hat dafür die Farbkombination übergestreift die eigentlich das Heimteam im Namen trägt. Unterstützt werden die Gäste von gut einem Duzend Fans gehobeneren Alters die gelegentlich mit drei Fahnen, einer Trommel und sehr kehligen Gesängen auf sich aufmerksam machen: „Auf gehts Riesa kämpfen und siegen!“, „Riesa, Riesa, Eisern Riesa!“ oder „Wir woll’n Riesa siegen seh‘n!“ Einzig der letzte Wunsch sollte nicht in Erfüllung gehen.

 

Ansonsten dominieren akustisch eher Gemurmel von der Tribüne, den rasigen Rängen oder geöffneten Kofferräumen die zu Sitzen umfunktioniert wurden sowie die ordnenden Rufe auf dem Platz: „Dreh, dreh, dreh!“, Körper, Junge!“, „Schiebt raus!“ Soweit, so typisch für ein Pokalspiel im Amateurbereich. Und auch während der ersten Hälfte bleibt der Puls im Ruhebereich, Tore gibt es nämlich noch keine. Das Spiel ist ausgeglichen, Riesa ist druckvoller und öfter im Angriff aber Leipzig blitzt auch immer mal gefährlich auf. Insgesamt ist das Spiel geprägt von Fehlern im Spielaufbau und Fehlpassquoten die man auf diesem Niveau erwarten kann. Doch beide Teams gleichen das aus mit viel Einsatz und Laufbereitschaft, mit dem Herz das den Amateurfußball so charmant macht.

 

Im zweiten Durchgang war es mit der Ruhe dann vorbei: Elfmeter für Leipzig! Ingo Steeb schickt den Keeper in die falsche Ecke - der Außenseiter führt nach 52 Minuten. Kann aber nur kurz jubeln, denn Riesa kontert sich nur zwei Minuten später zum Ausgleich. Es wird hektischer und ruppiger es gibt gelbe Karten für beide Seiten. Und es gibt die Führung für Riesa nach 67 Minuten durch einen abgefälschten Schuss. Großer Jubel bei den Gästen - jetzt ist die Nuss endlich geknackt, der Pflichtsieg nimmt seinen Lauf! Es sieht lange danach aus. Leipzig bleibt engagiert, doch das Kick and Hope mit vielen langen Bällen bringt nicht viel.

 

„Auf gehts Stahlwerker Jungs!“ fleht der Gästeblock mit dunkler Vorahnung. Doch das Tor fällt auf der anderen Seite - Leipzig nickt zum Ausgleich ein in der 84. Minute! Aber damit noch nicht genug - nur vier Minuten später gibt es erneut Elfer für Leipzig und erneut versenkt Ingo Steeb, der Keeper ist fast noch dran. Der Knock-out für Stahl? Nein! In der Nachspielzeit geht schon wieder eine Führung verloren: 3:3! Verlängerung! 

 

Nach dem Torgewitter gibt es kurzes Innehalten aller Beteiligten. Doch so verhalten wie die erste Hälfte der Verlängerung beginnt, so dramatisch endet sie: 104. Minute Führung für Riesa, 105. Minute Ausgleich für Blau-Weiß! Was. Ist. Denn. Hier. Los? Im Laufe der nun letzten Spielviertelstunde entsteht die Dramatik vor allem aus den erwähnten Platzverweisen. Leipzigs Keeper Marcus Herrmann ist plötzlich letzter Mann und senst den Gegner in Ballbesitz rotwürdig um. Da das Wechselkontingent erschöpft ist, streift sich der etatmäßige Innenverteidiger Patrick Pilz das Torwarttrikot über. Und das Tor um ihn herum wirkt plötzlich sehr sehr groß. Den folgenden Freistoß klärt er mit dem Fuß - jetzt wäre doch auch die Hand erlaubt! Kann das für die letzten Minuten gutgehen? Jetzt bloß keine Torschüsse zulassen.

 

Fünf Minuten später greift der Schiedsrichter erneut zum (gelb-)roten Karton - das Bein das den Riesaer Konter dieses Mal unterbindet, ist dann doch ein wenig zu hoch. Jetzt also die Nachspielzeit zu neunt überstehen - „Blau-weiß! Blau-weiß!“ schallt es nun aus allen Ecken. Die letzten Minuten zäh wie Kaugummi. Mehrfach schlagen Leipziger Verteidiger den Ball aus der eigenen Hälfte und mehrfach kommt er postwendend zurück. Doch es bleibt beim 4:4 und geht in die letzte Biege, ins Elfmeterschießen.

 

„Liebe Zuschauer, ab jetzt kostet der Eintritt doppelt so viel, mehr Pokalspannung geht nicht!“ knistert es aus der Anlage während der Schiedsrichter geduldig die Schützen beider Teams notiert. Nach einer gefühlten Ewigkeit schreiten alle Akteure bedeutungsschwer zum Schicksalstor, die Torhüter blicken gegen die Sonne. Zuerst gehen alle Elfer rein. Das liegt an sicheren Schützen aber auch am zaghaften Leipziger Aushilfstorwart Pilz der mitunter nur wie angewurzelt hinterherschauen kann. Bis er den vierten Riesaer Schuss pariert! Mit den Beinen, der Schütze zielte etwas zu zentral. Ein Schrei der Befreiung! Leipzig trifft. „Der muss jetzt treffen, sonst isses vorbei, oder? Dann hat der ja massig Druck!“ gibt sich Patrick Pilz kampfeslustig.

 

Kann den Schuss aber doch nicht halten, muss es auch nicht mehr. Sein Gegenüber fischt zwar noch den fünften blau-weißen Schuss aus der Ecke und das Elfmeterschießen geht nun auch in die Verlängerung. Riesa trifft aber nur die Latte, Leipzig versenkt. Jetzt ist es vorbei, der Außenseiter ist weiter, gegen alle Widrigkeiten! Grenzenloser Jubel, herzliche Umarmungen und aus dem Spielerkreisel tönt: „Gegen Leipzig kann man mal verlier‘n!“ Aus dem Lautsprecher die Toten Hosen mit „An Tagen wie diesen.“ Fußballherz was willst du mehr.

Bericht: Felix

Fotos: Felix

> weitere Impressionen vom Pokalspiel FC Blau-Weiß Leipzig vs. BSG Stahl Riesa

Inhalt über Klub(s):
Spielergebnis:
10:9
Zuschauerzahl:
110

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Landespokal
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