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Anders tickende Uhren: Dynamo Dresden zu Gast beim HSV im September 1994

 
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MB 04 September 2018
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Mit 5.000 Deutscher Mark in den Hosentaschen kehrte ich im Sommer 1994 zurück nach Berlin. Die Ausbildung im Rheinland beendet, ein halbes Jahr noch gearbeitet und dann nix wie zurück in die Heimat, um das Abitur auf dem VHS-Kolleg Schöneberg zu machen. Die Ausbildung als Elektroniker wurde mit „gut“ abgeschlossen. Wichtiger aber noch: In meiner Zeit in NRW von 1991 bis 1994 durchlief ich noch eine ganz andere Ausbildung, und zwar die Ausbildung des Lebens. Des Fußballlebens. Im Turbotempo durcheilte ich mit meinen neuen Freunden die Ausbildungsetappen. Mit Heim-Schal in den Gästeblock als grandioser Auftakt beim allerersten Spiel bei Leverkusen vs. Köln. Und dann: Erste Auswärtsspiele, Sonderzugfahrten, Schal geruppt bekommen, von den Behelmten verdroschen werden, im Gegenzug diese so richtig derb vollblöken. Drei Jahre die ganze Palette. Von der Bundesliga bis in die Oberligen. Im herbstlichen Nieselregen stehen an einem Freitagabend im Kölner Südstadion beim Heimspiel gegen den VfB Leipzig. Bei gefühlten 50 Grad und knallender Sonne im Stadion am Zoo beim Duell Wuppertaler SV vs. SV Salmrohr die 90 Minuten irgendwie ohne Kollaps überstehen. Holländische Polizeipferde in Eindhoven durch irres Brüllen und Klatschen zum Stürzen bringen, nachts auf der Simson ganz Schlebusch unsicher machen, im nahen Wald an der Dhünn mit Schreckschusspistolen herumballern, quasi einen Stammplatz im Gästeblock des Müngersdorfer Stadions haben - wir ließen fast nichts aus. Demzufolge kehrte ich gereift nach Berlin zurück und stürzte mich in den neuen Lebensabschnitt.

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Im Herbst 1994 pennte ich auf dem Grundstück meines Vater, bis ich in eine WG in Berlin-Mitte zog. Der Vorkurs am VHS-Kolleg war nun echt nicht das große Ding, und demzufolge nutzte ich die Freiheiten und war nur auf Achse. Die innerhalb eines halben Jahres locker gesparten fünf „Steine“ sollten schließlich gut angelegt werden. Um jedoch nicht nur das Polster aufzubrauchen, meldete ich mich fix bei der Studentischen Arbeitsvermittlung (TUSMA) an und ging unter der Woche das eine oder andere Mal ackern. Der Mindestlohn: satte 17,50 Deutsche Mark. Rangeklotzt wurde als Bauhelfer oder beim Gartenbau. Mit permanent lachenden afrikanischen Studenten große Schutthaufen wegkarren, in Parkanlagen alte Asphaltwege aufstemmen, verdammt schwere Fenster in Berlin-Marzahn in den achten Stock des Plattenbaus tragen. Die Knete war nicht geschenkt, doch die Bezahlung war fair. Es gab mehr Jobs als Interessenten, und demzufolge behandelten einen die Arbeitgeber wirklich korrekt. Auszahlung in bar. Mit ein paar Überstunden kam ich manchmal auf fast 200 DM. Zum Vergleich: Meine 1995 bezogene Zweiraumwohnung in der Bornholmer Straße im Prenzelberg kostete 250 DM (125 Euro). Kalt. Warm wurde es, wenn Kohlen geschleppt und der Kachelofen gefüttert wurde. 

Was für eine unbeschwerte Zeit, wenn man bedenkt, wie heutzutage Studenten schauen müssen, wie sie finanziell überhaupt über die Runden kommen. Das soll jetzt aber nicht Thema sein. Zurück zum Fußball! Kaum zurück in der Heimat packte mich auch schon wieder das Fernweh. Das Rheinland und das Ruhrgebiet wurden Anfang der 90er zur zweiten Heimat, und so oft es ging, besuchte ich nun die Kumpels in Leverkusen, Köln und im Pott. Um möglichst flexibel zu sein, kaufte ich mir im Herbst 1994 gleich die DB-Monatskarte (Tramper-Monatsticket), die 350 Mark kostete. TSV 1860 München gegen Bayer 04 Leverkusen im Pokal? Hin da! Einfach rein in den Intercity und ab ging´s! Im Kursbuch geblättert, die Aushänge studiert, am Schalter diverse Verbindungen ausdrucken lassen - in der Zeit vor dem allgemein verfügbaren Internet musste natürlich ein wenig anders an die Sache herangegangen werden. In Waldesruh lief ich zur nächsten Telefonzelle an der Bushaltestelle und rief Jan und Karsten an. Wie schaut´s aus? Bock auf ein Europapokalspiel? Ich komm rüber! Zwei Abende am Kolleg kann ich ohne weiteres fehlen. Wen juckt´s?!

Den Herbst 1994 nutzte ich dazu, möglichst viel Neues anzuschauen. Ein Heimspiel des FC Bayern München im dortigen Olympiastadion an einem Freitagabend? Das war echt nicht mein Ding, doch mit der DB-Monatskarte schaute ich auch dort mal vorbei. Im Anschluss wurde sich mit losen Kumpels aus dem Rheinland im Brauhaus arg die Kante gegeben, so dass ich am nächsten Morgen nicht in Berlin, sondern auf einer Couch in Köln-Sülz aufwachte. „Kaffee ist fertig!“ Ich fuhr nachts einfach mit nach Kölle, und irgendwann früh morgens ging es per Taxi zu einer mir bis dato unbekannten Wohnung. Am Abend saß ich dann wieder auf der Schulbank und paukte im Vorkurs Spanisch und Englisch. „Que hay en la bolsa?“ Ja, wat soll schon in der Tasche sein? Eine Tafel Schokolade und eine Packung Zigaretten. Meine Gedanken schweiften schnell ab und waren beim nächsten Match. Ein Blick in den Statistikteil der Sportbild. Ja Mensch, Dynamo Dresden auswärts beim Hamburger SV. Hin da!

Während meiner drei Jahre in NRW fuhren wir zwar zweimal mit dem Fanbus auswärts nach Bremen, doch Hamburg passte irgendwie nie in den Zeitplan. Da erschien das Duell HSV vs. 1. FC Dynamo Dresden (ja, damals ohne das „SG“) perfekt, um ein erstes Mal im alten Volksparkstadion vorbeizuschnuppern. Sachen geschnappt, am Bahnhof noch schnell den „Kicker“ (Pflichtlektüre) und den „Spiegel“ (konnte man damals noch ohne weiteres lesen) gekauft, und dann hinein in den nächsten Intercity gen Norden. Die Lüftung pustete kalte Luft in den Großraumwaggon, der mit seiner in Braun und Orange gehaltenen Einrichtung ein wenig an die Ära der 70er erinnerte, und ich zog den Kragen hoch und studierte die Zeitschriften. Der schwere Anschlag in Buenos Aires am 18. Juli 1994 wurde weiterhin aufgearbeitet, auf dem Balkan tobte noch der Krieg. Wir schrieben den 20. September 1994 - nur vier Tage später kam es zum schweren „Estonia“-Unglück auf der Ostsee, bei dem mehr als 850 Menschen starben.

Nach schwerer Kost im Nachrichtenmagazin studierte ich die Tabellen der einzelnen Regional- und Oberligen. Zur Saison 1994/95 wurden die Regionalligen eingeführt, und plötzlich ergaben sich wieder völlig neue Möglichkeiten. Das Auswärtsspiel des FC Berlin (BFC Dynamo) beim FC Sachsen Leipzig hatte ich schon mal fett im Kalender markiert. Bedauerlicherweise war der 1. FC Magdeburg nicht dabei, dieser musste weiterhin mit der NOFV-Oberliga vorlieb nehmen. Nachdem im Nordosten aus drei Staffeln schließlich die Staffeln Nord und Süd wurden (die Staffel Mitte wurde gestrichen), spielte der 1. FCM zunächst in der Nord-Staffel und musste demzufolge unter anderen gegen Motor Eberswalde, Polizei SV Rostock, Türkspor Berlin und den 1. FC Schwedt ran. Den Erzrivalen Hallscher FC packte der NOFV in die Staffel Süd. In dieser waren unter anderen der FV Zeulenroda, der 1. SV Gera und der 1. Suhler SV die Gegner. Unfassbar, was damals beim HFC geschah! Aus heutiger Sicht ist es kaum zu glauben, doch es war bittere Wahrheit. Die Bilanz nach 30 Saisonspielen: drei Remis und 27 Niederlagen. Kein einziges Mal konnte gewonnen werden. Der HFC stieg in die Verbandsliga ab.

Noch erstklassig spielte indes der 1. FC Dynamo Dresden. Im September 1994 ahnte noch niemand, dass am Saisonende der direkte Fall von der 1. Bundesliga in die Regionalliga Nordost erfolgen würde. Nachdem der F.C. Hansa Rostock nach der Premierensaison 1991/92 in die 2. Bundesliga abstieg, hielt Dynamo Dresden bis 1995 im Fußballoberhaus ganz allein das ostdeutsche Fähnchen hoch. In die damalige Spielzeit startete Dresden mit einem 1:1 gegen den SV Werder Bremen. Vor 22.200 Zuschauern im Rudolf-Harbig-Stadion hatte Ekström die Sachsen bereits in der dritten Minute in Führung gebracht, Marco Bode glich in der 35. Minute aus.

Es folgten allerdings drei Niederlagen in Folge. In Bochum, gegen Freiburg und in Gladbach war nichts zu holen. Am 17. September 1994 platzte daheim gegen den MSV Duisburg der viel zitierte Knoten. Vor 11.800 Zuschauern wurden die Zebras nach 0:1-Rückstand mit 4:2 aus dem Stadion geschossen. Einmal Kern, einmal Spies und zweimal Fuchs - das hatte Mut für das bevorstehende Auswärtsspiel beim HSV gemacht. 

Angekommen am Hamburger Volksparkstadion kaufte ich mir eine ermäßigte Karte für die Gästekurve für schlappe fünf Mark. Nach zwei Spielen im Müngersdorfer Stadion war es nun das dritte Mal, dass ich im dynamischen Block vorbeigeschnuppert hatte. Die Uhren tickten damals auch völlig anders. War man neutral gekleidet, interessierte es meist quasi keine Sau, wer sich mit in die meist sehr geräumigen Gästekurven stellte. Der Gästebereich war gut gefüllt, und von diesem Spiel hatte ich drei Bilder auf dem Farbnegativfilm festgehalten. Ja, wie oft sagte man sich später, ach Mensch hättest du hier und dort mal fleißiger geknipst. Letztendlich ist man über jede halbwegs gescheite Aufnahme aus jener Zeit froh.

Der 1. FC Dynamo Dresden hatte zu jener Zeit ein grünes Vereinsemblem, und dieses wurde dann in Form einer Blockfahne hochgezogen. Auch die Fans trugen sehr wenig Weinrot, angesagt war meist das grüne Logo. Und der HSV? Dieser hatte in der Woche zuvor einen Punkt beim FC Bayern München geholt. Der Wermutstropfen: Torhüter Uli Stein hatte in der 58. Minute wegen Handspiels außerhalb des Strafraums die rote Karte gesehen. Somit hütete gegen Dynamo Dresden Richard Golz das Hamburger Gehäuse. Und wenn wir schon bei den Namen sind. Wir kennen sie alle noch: Trainiert wurde der HSV von Benno Möhlmann, bei Dynamo Dresden war Siegfried Held der Mann an der Außenlinie. Mit dabei beim HSV: Schnoor, „Lumpi“ Spörl, Letchkov (Stichwort WM 1994), Albertz, „Air“ Bäron und Valdas Ivanauskas. Ha, der litauische Stürmer erinnerte mich mit seinem kantigen Gesicht immer an den Eisenbeißer aus den James Bond-Filmen. Und auch zahlreiche Spielernamen auf Dynamo-Seite flutschen noch wie aus dem Eff-Eff: Torhüter Cherchesov, dazu die Feldspieler Pilz, Kern, Mauksch, Spies, Dittgen und Fuchs. 

Vor 23.266 Zuschauern im Volksparkstadion gab es im ersten Spielabschnitt keine Tore zu sehen. Eine gar nicht mal so schlechte Möglichkeit hatte Andreas Fischer, den wir Anfang der 90er Jahre bei seiner Zeit in Leverkusen immer belächelt hatten. Sein Schuss landete auf dem oberen Netz. Auf der Gegenseite hatte nach einem Doppelpass „Lumpi“ Spörl eine fette Chance, doch Cherchesov konnte zur Ecke klären. Fakten geschaffen wurden schließlich in der zweiten Halbzeit. 52. Minute: Was für ein Gewusel vor dem Dynamo-Gehäuse. Ein Hin und Her, dann kam Albertz an den Ball und vollstreckte zum 1:0 für den HSV. Die Jungs mit der „TV Spielfilm“ auf der Brust hatten gegen die Jungs mit „TV neu“ auf dem Trikot die Nase vorn. 

Dynamo Dresden hatte jedoch sogleich eine passende Antwort parat. Nur zwei Minuten später war es Marco Dittgen, der nach einer Hereingabe von Henrik Risom (diesen Namen habe ich allerdings völlig vergessen) gegen die Laufrichtung von Golz gekonnt zum 1:1 einköpfte. Jubel, Trubel, Heiterkeit in der Gästekurve. Ich war zufrieden, die Sause in die Hansestadt Hamburg hatte sich gelohnt. Jetzt noch der Siegtreffer für Dynamo und alles wäre prima. Ist doch klar, dass man als Ossi dem einzigen Ost-Vertreter in der Bundesliga die Däumchen drückte. Das Ganze nahm jedoch ein anderes Ende. Fußball ist kein Wunschkonzert. Statt einer schwarz-gelben Jubelorgie in der 87. Minute gab es in genau jener Minute jubelnde HSV-Fans. Der Ball wurde von Hubchev weit nach vorn reingebracht, ein Dynamo-Spieler legte ungewollt vor, Karsten „Air“ Bäron schob den Ball unten links rein. 2:1, das Volksparkstadion stand Kopf, bei den Gästefans herrschte Ernüchterung. Rang 15, 3:9 Punkte. Viele Dynamo-Fans ahnten es bereits, das würde eine verdammt schwere Saison werden. 

Ich setzte mich in den nächsten Intercity und düste zurück nach Berlin. Ein Blick auf den Kalender, die nächste Planung. Der 03. Oktober ist ein Montag? Zurück in Waldesruh ging es flugs zur nächsten Telefonzelle und gefragt: „Apropos, nächste Woche?! Soll ich rüberkommen?“  

Fotos: Marco Bertram

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Spielergebnis:
2:1
Zuschauerzahl:
23.000

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