Bertram schlägt zu! Aue bleibt zweitklassig! Erinnerungen an 1987 kommen hoch!

MB 23 Mai 2018
 
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Bertram schlägt zu! Aue bleibt zweitklassig! Erinnerungen an 1987 kommen hoch!

Wat ick mit dem „Schacht“ zu tun habe? Eigentlich nischt! Aber halt, warte! Denke ich an Aue, denke ich romantisch an den Sommer 1987, als ich das erste Mal ernsthaft mit dem Fußball in Berührung kam. Also nicht mit dem Gebolze auf dem grauen Ascheplatz der 10. POS „Helene Weigel“ und dem Kick beim Kumpel in der Mahlsdorfer Lehnitzstraße auf das windschiefe, selbst gezimmerte Tor vor einem Nachbargrundstück. Nein, mit dem „richtigen“ Fußball! Als 14-jährige Ost-Berliner Göre mit den Ellies unten in Klingenthal zu Besuch bei guten Bekannten, und die etwas ältere Tochter der Familie schleppte mich im Neubaugebiet zur nächsten Mehrzweckgaststätte. Ich bekam ne Limo gereicht - oder war es doch eine Club-„Gooola“? - und anschließend von den allesamt älteren Vogtländern die Gretchenfrage gestellt. „Du bist Berliner? BFC oder Union? Echt mal, sag mal!“ Die aus der Not heraus gegebene Antwort soll an dieser Stelle keine Mandoline spielen - ich hatte damals eh keinen Plan vom Fußball -, viel wichtiger ist, dass sich damals ein Name fest eingebrannt hatte. Wismut Aue! Wie das in meinen Ohren klang? Cool und erschreckend zugleich. Also bitte, wer denkt bei „Aue“ nicht an „Haue“?! DDR, Sachsen, Neubaugebiet, Jugendliche mit Karo-Zigaretten. Im Kreis stehend und die Frage stellend. Skeptisch, aber zugleich wohlwollend. Ich war nun mal der Sohn von guten Bekannten. Ha, kein Wunder, dass ich im Frühjahr 2017 - sprich drei Jahrzehnte später - so angetan war vom Zwickauer Plattenbaugebiet. 

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Für Ost-Berliner waren die südlichen Bezirke der DDR schon ein wenig kritisch. Im Ferienlager war man als Ost-Berliner Kind schnell Mode, wenn es in den Süden ging, oder man im riesigen ORWO-Ferienlager in Breege auf Rügen mit 30 anderen Ost-Berlinern (Stichwort FCW in Köpenick) sich inmitten von 700 Kids aus dem Raum Bitterfeld-Wolfen zurechtfinden musste. Mein Aufenthalt im thüringischen Großbreitenbach im Sommer 1985 hatte ich auf meiner organischen Festplatte kurioserweise gelöscht. Muss derb zugegangen sein. Sagt mein Bauchgefühl. Aber egal, in Klingenthal war alles dufte. Die Wismut-Jungs klopften mir auf die Schulter und schwärmten von ihren Stadionbesuchen. Und auch am Abendbrottisch sprachen die Bekannten meiner Eltern immer wieder von der BSG Wismut Aue. Mein Vater konnte mit dem Fußballkram nichts anfangen, doch der Bekannte erklärte immer wieder, dass Wismut dort im Vogtland und im Erzgebirge nun mal wie eine Religion sei. 

Meine späteren Berührungspunkte mit Erzgebirge Aue? Es gibt nur wenige. Witzigerweise war es ein Auswärtsspiel von Aue, bei dem ich einmal früher ging. Es muss 1994/95 gewesen sein. Beim FC Berlin (BFC Dynamo) im Sportforum Hohenschönhausen. Das Spiel war dermaßen rotten und das Wetter dermaßen abartig, dass ich beschloss, in der Halbzeitpause zu gehen. Das passierte in den rund 1.000 gesehenen Spielen eigentlich nur dieses eine Mal. Selbst im Dezember 1995 harrte ich bei steifer Brise und minus 25 Grad Celsius beim CL-Spiel Legia Warschau vs. Spartak Moskau bitter frierend bis zum Ende aus. Aue! Und sonst? Nun, das eine oder andere Spiel war gewiss dabei seit 2008/09 - sprich dem Start dieses Magazins. Aufgrund der schlechten Erreichbarkeit mit der Bahn führten meine Wege jedoch eher selten ins Lößnitztal. Meine Chemnitzer Kumpels werden sogleich sagen: Auch besser so! Schweineschacht! 

Diesbezüglich ließ ich mich nie beirren. Der Fußball-Osten muss rollen! Für viele Nordost-Vertreter waren die Zeiten nach dem Mauerfall bitter genug. Grundsätzlich drücke ich jedem Ost-Verein die Daumen. Außer dem Konstrukt aus Leipzig, aber dies dürfte wohl klar sein. Klassenerhalt für Dresden und Aue in der 2. Bundesliga? Aber hallo, was für Frage! Das Spiel in Darmstadt war schon harter Tobak. Also die Schiedsrichterentscheidungen. Eine vorgeschlagene Aufstockung der 2. Bundesliga in diesem Fall ist natürlich Humbug. Soll vielmehr der Fußballgott die Würfel fallen lassen - und dann schauen wir mal, ob in der Relegation das nötige Quentchen Glück auf der Seite der Auer ist. 

Ein 0:0 im Hinspiel?! Nicht übel, aber auch kreuzgefährlich. Mit einem 1:1 daheim ist man halt raus. Ein Sieg musste her! Ich schaffte es nicht, das Spiel live zu verfolgen. Zwei Kinder, eine Menge Trubel - und plötzlich die Mail von meinem Fotografen-Kollegen. Fotos kriegste dann! War gut! Wie jetzt? Vom Hinspiel? Neee, frisch vom Rückspiel! Schon gespielt! Anpfiff war bereits um 18:15 Uhr. „Dreierpack! Bertram hält Aue im Unterhaus“, titelte der Kicker. Da staunte der Bertram am Laptop in Berlin-Rixdorf nicht schlecht! Drei Buden?! Hut ab, Namensvetter! 

Also dann! Fotos sichten, die relevanten Spielausschnitte anschauen! Sören Bertram schlug gegen den Karlsruher SC zu. Erst einmal ein Blick auf seine Karriere. Geboren wurde er im Juni 1991 in Uelzen. In seiner Jugend spielte er bei Teutonia Uelzen und beim FC St. Pauli. Als 14-Jähriger wechselte er zum Hamburger SV, bei dem er bis 2012 blieb. Im Anschluss spielte er beim FC Augsburg, beim VfL Bochum und beim Halleschen FC. Im Juli 2016 wechselte er schließlich vom HFC nach Aue. In der zurückliegenden Saison lief er in der 2. Bundesliga 23-mal auf, hinzu kamen nun die beiden Relegationsspiele. In den insgesamt 25 Partien erzielte er sieben Treffer, drei allein im alles entscheidenden Spiel gegen den KSC. Respekt!

Die Partie am gestrigen Abend begann nebelig, was jedoch nicht an der Witterung, sondern am Pyro-Einsatz der KSC-Fans lag. Bereits beim Vorlesen der Mannschaftsaufstellungen ließ man es im Gästeblock brennen und qualmen. Kaum war der Qualm halbwegs verzogen, da gab es auf beiden Seiten eine erste gute Möglichkeit. Kalig verpasste nach einem Freistoß per Kopf die frühe Führung, auf der Gegenseite war es Pourié, der die Gästeführung hätte klarmachen können.

In der 25. Minute erfolgte schließlich Bertrams erster Streich. Nach einer Flanke von Kvesic war er mit dem Kopf zur Stelle. 1:0 für Aue! Der Schacht bebte! Kurz vor der Pause dann jedoch das Entsetzen. Schleusener nutzte nach einer Ecke ebenso das Köpfchen. Ausgleich für Karlsruhe! Mit diesem Ergebnis hätte bekanntlich der KSC den Aufstieg gepackt. 

Also dann, Aue musste noch ein Pfund drauflegen. Gesagt, getan! Kraftvoll brachte Bertram in der 53. Minute den Ball zum 2:1 unter. Logisch, dass sich die Gäste nicht lumpen ließen und in der Folgezeit zu Chancen kamen, doch der Fußballgott ließ die Würfel purzeln. Aue sollte dieses Mal kein Pech haben. Kopf, linker Fuß und nun der rechte Fuß. Aller guten Dinge sind drei! 3:1 für Erzgebirge Aue! Da sollte nichts mehr anbrennen. Der KSC musste aufmachen, und somit boten sich weitere Möglichkeiten für Aue. Am Ende blieb es beim 3:1 und der FC Erzgebirge Aue darf sich auf eine weitere Saison in der 2. Bundesliga freuen.

Die wievielte Saison in der zweiten Liga ist das eigentlich? Erstmals gelang der Sprung in die 2. Bundesliga am Ende der Saison 2002/03. Nach fünf Jahren Zweitklassigkeit ging es 2008 runter in die neue 3. Liga. 2010 wurde die Rückkehr gepackt, wieder wurden es fünf Jahre 2. Bundesliga, bis es 2015 wieder runter in die 3. Liga ging. In Aue hatte man sich jedoch bereits zu sehr mit der 2. Bundesliga angefreundet. Zack! 2016 gelang der direkte Wiederaufstieg! Vielleicht werden es ja wieder fünf Jahre am Stück! 12 Spielzeiten hat der FC Erzgebirge Aue bereits in der 2. Bundesliga absolviert, genauso viele wie der 1. FC Union Berlin, eine mehr als der FC Energie Cottbus. In der Ewigen Tabelle der 2. Bundesliga ist Aue auf Rang 36 zu finden. Nach der kommenden Saison wird es Rang 34 sein. 

Apropos Ewige Tabelle. Dass in der Ewigen Tabelle der DDR-Oberliga ganz oben der FC Carl Zeiss Jena zu finden ist, dürfte bekannt sein. Gefolgt vom BFC Dynamo und der SG Dynamo Dresden. Jedoch die meisten DDR-Oberligazeiten absolvierten nicht Jena (35) und der BFC (34) und auch nicht der 1. FC Lokomotive Leipzig (36) und der FC Rot-Weiß Erfurt (37), sondern die BSG Wismut Aue, die (zwischenzeitlich auch als SC Wismut Karl-Marx-Stadt) 38-mal mit von der Partie war. Mehr DDR-Tradition geht also nicht. Allein deshalb gehört Aue in den Profifußball, auch wenn dies in Chemnitz, Dresden und Zwickau bekanntlich anders gesehen wird. Obwohl, nach den krassen Fehlentscheidungen in Darmstadt gab es sogar aus Dresden einige milde Stimmen zu hören. Für den Osten! Der Osten muss rollen! Darauf eine Limo oder „Goola“ in Klingenthal. Nach drei Jahrzehnten müsste ich eigentlich mal wieder hin…

Fotos: Los Misenas, Marco Bertram, Felix

> zur turus-Fotostrecke: FC Erzgebirge Aue

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Inhalt über Klub(s):
Spielergebnis:
3:1
Zuschauerzahl:
16.000

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2. Bundesliga
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Es spricht eine Seele des Ostens. Egal ob rot-weiß, blau-weiß, schwarz-gelb oder lila. Das ist richtig, nach der Wende wurde vieles kaputt gemacht. Inzwischen lässt sich der Osten nicht mehr unter buttern.

M
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Klassiker!

G
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:-)

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