F.C. Hansa Rostock: Persönlicher Hinrundenrückblick - Realismus, Optimismus und das Damoklesschwert

Autor: Mia B.     veröffentlicht am 08 Januar 2018    
 
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Hansa Rostock zu Gast im Paradies
Foto: Marco Bertram

10 Siege in 20 Partien. 27:19 Tore. Rang vier als Stand der Dinge. Nur zwei Pünktchen Rückstand auf den Relegationsplatz. In der Auswärtstabelle belegt der F.C. Hansa Rostock derzeit sogar den ersten Platz. Auswärts fahren mit dem FCH hatte zuletzt richtig Freude bereitet! Man könnte meinen, dass mir als Hansafan selten ein Hinrundenrückblick so leicht von der Feder ging, wie dieser hier. Trotzdem habe ich lange gezögert, als Marco mich zu diesem Zweck gebeten hat, doch endlich mal wieder in die Tasten zu hauen. Neben den allseits bekannten Gründen für meine Schreibpause, ist der Grund in diesem Fall ein völlig anderer. Ohne um den heißen Brei herumzureden, bin ich durch die sportliche Situation aktuell schlichtweg überfordert.

Hansa

Auch wenn ich schon von klein auf Hansafan bin, treibt es mich erst seit zirka 7 Jahren in die Stadien, in denen der große F.C. Hansa seine Spiele austrägt. Nur wenige Spiele fanden seit der letzten Zweitligasaison ohne mich statt und irgendwie schwebte seitdem das böse A-Wort wie ein Damoklesschwert über dem Verein. Erfolgreiche Zeiten mit Hansa kenne ich im Prinzip nur aus dem Fernsehen. In meiner Zeit als "aktiver Fan" sind mir diese bislang verwehrt geblieben.

Schlechte sportliche Leistungen und daraus folgender Abstiegskampf sorgten natürlich auch dafür, dass die Erinnerungen an die wenigen positiven Momente umso intensiver sind. Doch gerade deshalb neigt man dazu zu sagen, dass im großen und ganzen vielleicht doch die positiven Momente überwogen haben.

Erfurt

Während man sich damit in den letzten Jahren häufig selbst belogen hat, muss auch der letzte Nörgler zugeben, dass das auf die vergangene Hinrunde jedoch schon zutrifft. Nach einem guten Start mit den drei Auswärtssiegen in Lotte, Erfurt und Würzburg neigten einige schon wieder dazu, eine Auswärtsstärke erkannt zu haben. Dass die Heimspiele bis dahin aber ähnlich mies liefen, wie in der vergangenen Saison, hatte man in der Zeit – wohl auch aufgrund des Tabellenplatzes – in dem ganzen Optimismus völlig ausgeblendet. Erst als aus den Spieltagen sechs bis zehn nur drei von 15 Punkten geholt wurden, hielt der Realismus wieder Einzug an der Ostsee.

Und das war auch gut so, wie sich in den folgenden Spieltagen zeigen sollte. Am elften Spieltag, zum Heimspiel gegen den VfR Aalen wurde dann auch endlich die Flaute im heimischen Ostseestadion beendet. Was jedoch fast genauso wichtig war, ist dass seit diesem Spieltag auch endlich diese verfluchten Unentschieden ein Ende hatten. Mit zwar zwei verlorenen Spielen in Jena und daheim gegen Karlsruhe aber dafür sieben Siegen führte der Weg stetig nach oben, was aktuell Tabellenplatz Nr. 4 bedeutet.

Hansa

Aufgrund meiner Heimat und der damit verbundenen Schadenfreude einiger Leute hier, hat mich vor allem die Niederlage in Jena geärgert. Mit ein bisschen Abstand und einer Portion Sarkasmus kann man das ganze aber einfach mal als Aufbauhilfe Ost abstempeln.

Positiv in Erinnerung bleiben dagegen vor allem das Heimspiel gegen Fortuna Köln und die Auswärtssiege in Wiesbaden und Halle. Während gegen Fortuna Köln größtenteils der Sahne-Tag von Marcel Hilßner für den Sieg nach filmreifem Spielverlauf sorgte, war es in Halle und Wiesbaden wie so oft in dieser Saison die geschlossene Mannschaftsleistung. Und ohne jetzt irgendwas gegen die rot-weißen aus Sachsen-Anhalt zu haben, ist es doch irgendwie immer wieder amüsant zu sehen, wie den Hallensern das "Seht ihr Hansa, so wird das gemacht", das aus dem Traumtor von Toni Lindenhahn vor ein paar Jahren resultierte, Jahr für Jahr wieder um die Ohren fliegt. Noch weit nach Abpfiff wurden die Mannschaft und der aktuelle sportliche Höhenflug im Gästeblock gefeiert. Ein fast ungewohntes Gefühl und selbst ich als bekennender Hansa-Pessimist, konnte es mir an diesem Abend nicht verkneifen, in die "Nie mehr 3. Liga"-Gesänge einzustimmen.

hansa

Dieses Saison läuft es bisher also sportlich und auch sonst scheint Ruhe im Verein zu herrschen. Der Abstand zu den Relegationsplätzen beträgt zwei Punkte. Das war sonst der Abstand, den man vielleicht (wenn überhaupt) zu den Abstiegsplätzen hatte. Da ist noch alles drin, hört man in den letzten Tagen und Wochen immer wieder von allen möglichen Seiten. Endlich schaffen es auch mal junge Spieler, denen man den Sprung aus der Regionalliga vielleicht nicht sofort zugetraut hätte, sich einen Platz im Kader zu erkämpfen. Beste Beispiele dafür dürften Bryan Henning und dank der letzten Spiele auch Eigengewächs Lukas Scherff sein, die ihre Aufgaben ordentlich und unaufgeregt erledigen. Auch Spieler, die mit ihrer Erfahrung helfen sollten, erfüllen bisher beständig ihre Aufgaben. Dazu zählt für mich neben Oliver Hüsing und Janis Blaswich vor allem auch ein oft unterschätzter Stefan Wannenwetsch, der wie kein anderer seinen Körper einsetzt, so immer wieder wichtige Bälle erobert und in dieser Saison auch Mitspieler um sich herum hat, die mit seinen cleveren Bällen auch was anfangen können.

hansa

Lässt man die kompletten letzten Jahre jedoch Revue passieren, merkt man ziemlich schnell, warum nicht alle – mich eingeschlossen - in gnadenlosen Optimismus verfallen. Zu oft wähnte man sich auf einem guten Weg, um dann doch wieder enttäuscht zu werden. Da ist die Taktik "Wenig erwarten, viel bekommen" vielleicht nicht gerade die schlechteste. Wir wären nicht Hansa Rostock, wenn wir nicht bei gerade aufkommender Euphorie wieder irgendeinen dämlichen Dämpfer kassieren würden.

Zudem sind mit Magdeburg und Paderborn zwei Mannschaften ziemlich souverän unterwegs. Dazu kommt noch, ob man es gern hört oder nicht, dass Wehen Wiesbaden allein aufgrund des Kaders weiter oben mitspielen wird. Dazu werden sich, wenn sie gut in die Rückrunde starten, in absehbarer Zeit mit dem KSC und den Würzburger Kickers noch die Zweitligaabsteiger der letzten Saison gesellen. Den aktuellen vierten Platz zu verteidigen, wird also schwer genug. Von solchen Träumen wie "Aufstiegsplatz" ganz zu schweigen.

Hansa

Wenn es nicht der sportliche Einbruch war, dann waren es in den letzten Jahren übrigens oft Abgänge von Spielern, von denen man sich einiges erhoffte. Publikumslieblinge, die dann bei Vertragsende den Verein sofort verließen, um bei anderen Drittligagrößen und Publikumsmagneten wie den Kickers aus Würzburg oder Wehen Wiesbaden ihr Geld zu verdienen. Deswegen sollte auch in sportlich erfolgreichen Zeiten immer in den Köpfen bleiben, dass der F.C. Hansa für viele Spieler, die wir heute noch feiern, nur eine Zwischenstation ist. Wo wir uns heute noch einreden, dass da eine richtig gute Mannschaft zusammenwächst, sind wir am Ende der Saison wahrscheinlich wieder froh, wenn von den ganzen Leuten mit auslaufenden Verträgen vielleicht 1-2 Leute bei uns bleiben.

Hansa

Alles in Allem ist es aktuell jedoch eine ungewohnt schöne Momentaufnahme, die man bei all dem Hansa-Pessimismus einfach mal genießen sollte. Wichtig wird es sein, gut aus der Pause zu kommen, schnell die zehn Punkte für den Klassenerhalt zu holen und dann können wir ja sehen, was noch so geht.

Der erste Stolperstein wartet am 20. Januar in Großaspach. Und selbst, wenn das in die Hose geht... Wenn man als Hansafan in den letzten Jahren eines gelernt hat, dann ist es die Tatsache, dass es sich immer lohnt zu kämpfen und weiterzumachen. Hansa ist groß!

Hansa

Fotos: Marco Bertram, Anika, Bjn Kâ, Dennis Rosemund, Rainer M., Marcus Hengst

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

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Super!!

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Ja Hansa mach seit Jahren mal wieder Spaß ... obwohl grad der Jahresausklang zuhause gg. Lotte auch mal wieder typisch hansa like war.
Schöner Artikel der die Gefühlslage und die Hin- und Hergerissenheit zwischen dem angeborenen hanseatischen Grundpessimismus und der momentanen sportlichen Situation sehr gut beschreibt.

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Sehr gut geschriebener Artikel der sehr Realitäts nah ist.
Ich bin so gut wie in allen Punkten der gleichen Meinung!
Die Momentaufnahme ist sehr schön aber man sollte nicht vergessen das noch 17 schwere Spiele auf uns warten!
Ich bin dennoch sehr optimistisch das dieses Jahr mehr als nur der Klassenerhalt drin ist.

AFDFCH

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