Streifzug durch Leipziger Fußballgeschichte: Vom Sportpark Bar Kochba bis zur Hundewiese

 
4.9 (7)
MB 29 Februar 2016

LeipzigWie das so ist bei Exkursionen, bei denen man im Vorfeld gar nicht so genau weiß, wohin die Reise überhaupt führt. Zu Beginn steht man ganz klassisch vor einem historischen Gebäude, lauscht den Schilderungen und fragt sich, wie man sich all die Zahlen und Daten behalten soll. Was wohl noch alles kommen mag an diesem sonnigen Februartag in der Messestadt Leipzig?! Um es vorweg zu nehmen, es wurde ein zutiefst beeindruckender Nachmittag. Auch mich als alten Fußballhasen hatte es dann doch von den Socken gehauen, was es in Leipzig alles zu sehen gibt, und welch eine lange bewegte Geschichte manch eine Spielstätte (mal längst abgerissen, mal noch vorhanden) hat. Und wir sprechen an dieser Stelle mal nicht von den sehenswerten Spielstätten der BSG Chemie Leipzig und des 1. FC Lokomotive Leipzig. Fußball-Leipzig hat noch weitaus mehr hoch interessante Orte zu bieten als den Alfred-Kunze-Sportpark und das Bruno-Plache-Stadion.

LeipzigDer Reihe nach. André Göhre vom NETZwerk „blau-gelb“ e.V. hatte sich an einem spielfreien Samstag Zeit für mich und einen guten Freund genommen. Zeit, um mit uns diverse Orte im südlichen Raum der Messestadt abzufahren. Angefangen am Hofmeisterhaus, wo sich einst das Restaurant „Zum Mariengarten“ befand. In diesem wurde am 18. Januar 1900 der Deutsche Fußballbund gegründet. Heute erinnert allein eine Gedenktafel an der Hauswand an dieses historische Ereignis. Weiter ging es zu zwei Standorten, an denen in der Gegenwart nichts mehr zu sehen bzw. fotografieren gibt. Man steht dort und muss sich mit dem geistigen Auge ausmalen, wie es wohl vor über 100 Jahren ausgesehen mag. Nahe einer Kirche befand sich in Innenstadtnähe der Gohliser Exerzierplatz. Dieser war die allererste Spielstätte des VfB Leipzig und der anderen damals ins Leben gerufenen Vereine. In der Gegenwart erinnert nichts mehr daran, das Gelände wurde bereits vor vielen Jahrzehnten mit schmuck aussehenden bürgerlichen Wohnhäusern bebaut. 

Eine freie Fläche ist indes an einer anderen historischen Spielstätte vorhanden. Wo einst auf dem Sportplatz Leipzig / Lindenau zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Ball rollte, befindet sich heute - direkt neben dem Trainingszentrum von RasenBallsport Leipzig - ein Trödelmarkt. Eröffnet wurde der Sportplatz im September 1892, bis zu 25.000 Zuschauer konnten dort die Spiele des Leipziger BC, des VfB Leipzig, des BV Olympia Leipzig, des FC Wacker 95 und der Spielvereinigung 1899 Leipzig besuchen. Gemeinsam mit dem Gohliser Exerzierplatz und dem Töpferplatz war dieser Sportplatz, der auch eine große Radrennbahn besaß, die einzige Möglichkeit für die Leipziger Vereine, ihre Spiele auszutragen. Gegen eine Gebühr konnte der Sportplatz Leipzig / Lindenau genutzt werden. 1903 und 1904 gab es dort jeweils ein Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft. Der VfB Leipzig hatte zum einen den Altonaer FC 93 mit 6:3 geschlagen, zum anderen setzte sich der VfB Leipzig gegen den Duisburger SV mit 3:2 nach Verlängerung durch.

LeipzigDie Spielvereinigung 1899 Leipzig fand bereits Erwähnung, zu deren Stadion ging es als nächstes. 1911/12, 1913/14, 1921/22, 1923/24 und 1930/31 nahm dieser Verein an der Endrunde der Deutschen Meisterschaft teil. Viermal wurde die Spielvereinigung 1899 Leipzig Mitteldeutscher Meister, einmal durfte der Mitteldeutsche Pokalsieg gefeiert werden. Der Karl-Enders-Sportpark, in dem seit etlichen Jahrzehnten gespielt wird, haute mich glatt weg. Beim Blick auf die kleine Haupttribüne, das alte, dahinter befindliche Gebäude sowie den links stehenden riesigen Baum verliebte ich mich sofort. Die kahle Landschaft - dazu dieses beschriebene Ensemble.

LeipzigIch fühlte mich auf den Balkan versetzt. Genauer gesagt in die im Norden Serbiens gelegene Vojvodina. Klasse, wirklich klasse! Vorgemerkt für ein Heimspiel im Frühjahr oder Sommer! Egal, ob der Verein in den Niederungen des Fußballs kickt und ob da nur 70 Zuschauer kommen mögen. Jeder Stein und jedes Geländer des Karl-Enders-Sportparks riecht nach Geschichte. An einem lauen Sommerabend dort ein Spiel sehen und das dort angebotene Köthener Bier in der Hand. Eine verlockende Vorstellung.

KochbaMit André Göhre als Exkursionsleiter ging es Schlag auf Schlag. Keine Hektik, keine Hetze, aber es gab nun mal viel zu sehen und viel zu erzählen. Auf zum einstigen Sportpark des jüdischen Vereins SK Bar Kochba. Gegründet wurde der Sport-Klub im August 1920. Das Spiel gegen den FC Hakoah Zürich war damals die erste Partie des jüdischen Vereins. Zwangsaufgelöst wurde er nur 19 Jahre später.

KochbaWas heute noch zu sehen ist? Nicht mehr viel! Der Sportplatz ist komplett überwuchert, wurde jedoch kürzlich freigeholzt. Zu sehen sind noch eine Treppe, ein paar Mauerreste und eine alte jüdische Gedenktafel, an welcher der Zahn der Zeit genagt hatte. Des weiteren gibt es noch ein rostiges Tor zu sehen, das einsam sein Dasein fristet. Es stammt aus DDR-Zeiten, als ein Teil des Geländes noch als Fußballplatz genutzt wurde. Im November 2013 erinnerte die „Initiative 1903“ an den SK Bar Kochbar - und zwar in Form eines symbolischen „Strafstoßes der Erinnerung“. Zu diesem Gedenktag waren Mitglieder des FC Hakoah Zürich eingeladen. Eine tolle Geste.

FriedenDurchatmen. Und das aus verschiedenen Gründen. Zum einen nahm einen diese Geschichte des jüdischen Vereins arg mit, zum anderen verlor André Göhre auf dem verkrauteten Gelände doch glatt seinen Autoschlüssel. Als wir bereits munkelten, dass die Geister den Schlüssel aus der Tasche gezogen hatten, konnte dieser an einem Busch hängend auf Anhieb gefunden werden. Weiter also zum Stadion des Friedens, das am 15. September 1923 als Wacker-Stadion eröffnet wurde.  Wie der Name vermuten lässt, spielte dort bis 1945 der SC Wacker 1895. Später nutzten auch die SG Rotation 1950 Leipzig und der SC Lokomotive Leipzig (von 1954 bis 1963) dieses Stadion als Spielstätte. In den 1980er Jahren trug die BSG Chemie Leipzig die Derbys gegen den 1. FC Lokomotive Leipzig dort aus. Seit 1949 genutzt wird das Stadion des Friedens zudem von der SG Motor Gohlis-Nord. Und schau an, am 31. Mai 1931 spielten dort Hertha BSC und der Hamburger SV das Halbfinale der Deutschen Meisterschaft aus. Endstand: 3:2 nach Verlängerung. Fünf Jahre zuvor empfing an gleicher Stelle im Rahmen des Achtelfinales der SV Fortuna Leipzig 02 den FC Bayern München. Ein Glückstag für Leipzig. Die Bayern wurden mit 2:0 nach Hause geschickt.

WieseUnd das war an unserem Exkursionstag noch längst nicht alles! Weiter ging es zu einer Hundewiese! Ja, zu einer von Bäumen eingerahmten Wiese, die als Auslaufplatz für Vierbeiner genutzt wird. Nichts, wirklich nichts deutet in der Gegenwart darauf hin, dass sich dort einst der Sportpark am Debrahof befand. 1902 wurde dieser als Wackerstadion gegründet. Bevor der SC Wacker 1895 in dem zuvor genannten Stadion seine Heimspiele austrug, ließ er dort am Debrahof den Lederball rollen. Dieser Sportplatz war der erste vereinseigene Sportplatz Leipzigs. Nachdem der SC Wacker 1895 im September 1923 ins heutige Stadion des Friedens umzog, nutzte der SV Helios 02 Leipzig den Sportpark am Debrahof. Und was viele wirklich nicht mehr auf dem Schirm haben: Dort wurde am 22. April 1905 die Viertelfinalpartie zwischen dem VfB Leipzig und dem Berliner FC Norden-Nordwest ausgetragen. Die Leipziger putzten damals vor 110 Jahren die Berliner locker mit 9:1 weg. Drei Jahre später kreuzten im Halbfinale des Kronprinzenpokals 1908/09 die Mannschaften aus Mitteldeutschland und Nordddeutschland die Klingen. Die mitteldeutsche Auswahl behielt Dank der Leipziger Spieler ganz klar mit 8:0 die Oberhand.

südkampfbahnBevor der Exkursionstag mit einer Lesung im Casino des Bruno-Plache-Stadions ausklingen gelassen wurde, wurde noch zwei weiteren Plätzen ein Besuch abgestattet. In Sichtweite zueinander befinden sich die Südkampfbahn und der Sportplatz von Turbine Leipzig. In einem guten Zustand befindet sich die schmucke Haupttribüne der Südkampfbahn, auf der einst zu DDR-Zeiten Dynamo Leipzig gespielt hatte. Überraschend war zudem der Abstand zwischen den Plastikschalensitzen und dem Hauptplatz dieser Spielstätte. Man müsste auf dem oberen Balkon mit dem Fernglas schauen, um das Geschehen auf dem hinteren Hauptplatz verfolgen zu können.

TurbineGemütlich geht es bei Turbine Leipzig zu. Auch hier lässt sich an warmen Abend gewiss sehr lauschig ein Bierchen schlürfen. Ein paar Container werden von Roter Stern Leipzig genutzt. Und ja, ein Schild am Zaun weist darauf hin, dass der Mittagstisch bereits ab 1,50 Euro zu haben ist. Und das von 09:00 bis 14:00 Uhr. Na dann guten Appetit! Leipzig, wir kommen wieder. Lassen den Profifußball komplett außen vor und haben unser Stelldichein auf all den kleinen Sportplätzen. Allen voran der Karl-Enders-Sportpark, der so hübsch melancholische Reisegefühle aufkommen lässt…

MittagFazit: Die Fußballstadt Leipzig ist für einige Überraschungen gut. Und wohl kaum in einer anderen deutschen Stadt gibt es dermaßen viele historische Fußballstätten auf engem Raum wie in Leipzig. Von Berlin und dem Ruhrgebiet mal abgesehen. 

Vielen Dank an dieser Stelle an André Göhre vom NETZwerk „blau-gelb“ e.V. für die spannende Exkursion und all die zur Verfügung gestellten Informationen!

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Historische Leipziger Sportstätten

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anmerkungen bar kochba/roter stern

hey marco,
auch für mich als leipziger
sehr spannend zu lesen!

zwei anmerkungen:
flosse1964 hatte es schon erwähnt
die überreste des bar kochba sportplatz
wurden jetzt leider zerstört.
dabei wurde auch ein jüdisches denkmal planiert :-/
auch eine initiative aus dem rsl umfeld wies
die stadt und die baufirma auf ein laufendes
denkmalschutz verfahren hin, leider ohne wirkung.

zu turbine/roter stern
rsl nutzt da nicht einfach nur ein paar container.
der verein hat auf dem gelände zwei brachflächen
nutzbar gemacht.
zum einen einen neuen rasenplatz angelegt und die
alte zerfallene turbine turnhalle, durch aufwändige sanierung
in einen sozialtrakt (umkleidekabinen, duschen...) umgewandelt.
wenn ich richtig informiert bin, ist auch der bau
eines kustrasenplatz in planung.

M
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Großartig, eine tolle Zeitreise!

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Bar Kochba

Grad noch rechtzeitig Marco. Erstmal möchte ich sagen, dass ich es genial finde, dass du dir auch die Zeit für Bar Kochba genommen hast, Initative 1903 hat hier vor Jahren einen Schatz ausgegraben. Nur wurde dieser Schatz in den letzten Wochen vollkommen zerstört, hier wird wieder drauf gebaut. Da halfen alle Guerillaaktionen meinerseits nichts. Trotzdem, danke an die Initative und dich Marco, dass ihr dieses Stück Leipziger Fußballgeschichte nicht in Vergessenheit geraten lasst!

F
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