SV Lippstadt 08: Der Stand der Dinge und der Kampf der Fanszene gegen Willkür

 
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MB 21 Oktober 2015

LippstadtAus Teutonia und Borussia wurde ganz schlicht und einfach der Spielverein - und zwar bei der Fusion am 4. Juni 1997. Da sowohl Teutonia Lippstadt als auch Borussia Lippstadt im März des Jahres 1908 ins Leben gerufen wurden, machte der neue Name SV Lippstadt 08 wirklich Sinn. Doch auch wenn der neue Name recht harmonisch klingt, so war die Fusion vor 18 Jahren nicht unumstritten. Groß war die Rivalität zwischen den beiden Vereinen. Spielten die Jugendmannschaften im Pokal gegeneinander, so kamen nicht selten über 1.000 Fußballfreunde, um zu sehen wer sportlich die Nase vorn hat. Nachdem jedoch in der Saison 1997/98 der Aufstieg in die Oberliga Westfalen gepackt wurde, verstummte manch ein Kritiker. 2008 wurde allerdings die Qualifikation für die neue NRW-Liga (im Zuge der neu eingeführten 3. Liga) deutlich verpasst. Plötzlich fand sich der finanziell angeschlagene Verein in der Sechstklassigkeit wieder. Ein Neuanfang musste in der Westfalenliga gestartet werden.

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LippstadtAllerdings ging es wieder aufwärts. Nach einem zweiten Platz in der Saison 2009/10 wurde der SV Lippstadt 09 am Ende der Spielzeit 2011/12 Erster und kehrte somit in die Oberliga Westfalen (die NRW-Liga wurde inzwischen wieder aufgegliedert) zurück. Mit vollem Schwung wurde die Oberliga-Saison gemeistert und sogleich in die Regionalliga West durchmarschiert. Als Regionalligist konnte sich Lippstadt nun auch bundesweit einen gewissen Namen machen. Mit vierstelligen Zuschauerzahlen wusste man sich Gehör zu verschaffen, und auch auswärts konnte sich mitunter die stimmungsvolle Truppe im Gästeblock sehen und hören lassen. Nach Essen? Nach Wattenscheid? Mit schwenkenden Fahnen und Gesang wurde die eigene Mannschaft nach Kräften unterstützt. Kurzum: Lippstadt war und ist fantechnisch keine schlechte Hausnummer.

LippstadtGanz bitteres geschah am 24. Mai 2014. Letzter Spieltag der Regionalliga West. Ein Sieg gegen den ebenfalls abstiegsbedrohten SC Wiedenbrück 2000 musste her. 2.840 Zuschauer hatten sich im Stadion Am Waldschlösschen eingefunden, und diese sahen einen furiosen Beginn. 0:1 nach sieben Minuten, 1:1 per Elfmeter nach zehn Minuten, 1:2 nach knapper einer Viertelstunde. Weitere Tore wollten nicht mehr fallen. Am Ende der hart umkämpften Partie wurde es hektisch. Nachdem Wiedenbrück bereits ab der 35. Minute einen Mann weniger hatte, bekamen in der 80. und 84. Minute gleich drei Heimspieler die Rote Karte gezeigt. Das war´s, die Partie ging verloren, der KFC Uerdingen 05 zog in der Tabelle noch vorbei und Lippstadt stieg in die Oberliga ab. 

Nachdem die vergangene Saison mit Rang fünf abgeschlossen wurde, ging es mit einem 4:0-Sieg beim ASC 09 Dortmund in die laufende Spielzeit. Es folgte am zweiten Spieltag ein 1:1 gegen den SC Roland Beckum vor immerhin 710 Zuschauern. Gespielt wird allerdings nicht mehr im Stadion am Waldschlösschen, sondern im Stadion am Bruchbaum, das einst Heimstätte des Vorgängervereins Borussia Lippstadt war. Ausgangssituation vor dem verlegten Heimspiel gegen den FC Gütersloh am vergangenen Freitag: Mit einem Erfolg konnte zum zweitplatzierten Sportfreunde Siegen aufgeschlossen werden. 

LippstadtAlles entspannt also rings um das Stadion am Bruchbaum? Nicht ganz. Um einen näheren Einblick zu bekommen, wurde ein Vertreter der dortigen Fanszene befragt. Ob es gezielte Repressionen gibt, lautete die erste Frage. Eigentlich nicht. Allerdings gab es in der vergangenen Saison eine ganze Menge Hausverbote. Gemeinsam mit dem Verein konnte ein Bewährungskonzept ausgearbeitet werden. Ein Rückschlag sei jedoch ganz klar das Verbot von normalen Sachen - ohne darüber im Vorfeld zu kommunizieren. Und die allgemeine Lage bei den aktiven Fans? Seit dem Umzug gibt es den „Block LP“, der quasi ein kleiner Dachverband für sämtliche mehr oder weniger aktive Fans im Block ist. Nachdem vor allem in der Regionalliga-Saison zu wenig dafür getan wurde, die Leute im Umfeld der Szene zu halten, war dies sicherlich notwendig. Und in der Tat hatte die Gründung des „Block LP“ den Zusammenhalt der Szene gefördert.

LAWie sieht denn derzeit die Fanszene des SV Lippstadt 08 aus? Welche Gruppierungen gibt es? Als Gruppen gibt es die „Los Aliados“ sowie die „Wild und Frei“. Letztendlich bilden jedoch sämtliche Fans einen Freundeskreis und somit gibt es auch keine internen Konflikte. Zu nennen ist noch die „Banana Squad“, eine Gruppe Fans/Ultras aus dem Dortmund und Umgebung. Seit knapp einem Jahr ist die BSU allerdings ein Teil von „Los Aliados“, auch wenn deren Fahne noch immer bei den Spielen am Zaun hängt. Die Highlights in der laufenden Saison? Ganz klar die Sportfreunde Siegen. In der Oberliga Westfalen trifft man schließlich nicht allzu häufig auf andere nennenswerte Szenen. Zu nennen ist auch das Auswärtsspiel beim SC Paderborn 07 II. Der Grund: Das Verhältnis zu Paderborn war noch nie besonders positiv, und da seit geraumer Zeit auch die zweite Mannschaft supportet wird, hat dieses Duell einen Reiz. Zudem sind die Spiele gegen den FC Gütersloh ein Highlight, auch wenn dessen Fanszene inzwischen quasi tot ist. 

Und die Entwicklung in Lippstadt? Besonders durch „Block LP“ und den Umzug hat sich einiges positiv entwickelt. Wie sagt man so schön? Es hat einfach selten zuvor so viel Bock gemacht, mit diesem Verein zu fahren und zu supporten. Ganz klar: Lippstadt lebt! Die Vor- und Nachteile des jetzigen Stadions? Ganz klar gibt es nun mehr Möglichkeiten der optischen Entfaltung. Zudem lassen sich, wenn es gut läuft, die anderen Fans besser animieren. Im alten kleinen Block stand die aktive Szene doch eher isoliert da. Der Nachteil aus Sicht der Fans: Das Stadion ist halt ein moderner Klotz, in dem sich das gewisse Etwas erst noch entwickeln muss. Das Waldschlösschen wurde aufgrund seiner engen Beschaffenheit und der Häuser drumherum besonders bei Abendspielen für die Fans zu einem geliebten zweiten Zuhause. 

Wie lauten die Ziele? Was für eine Frage! Ziel kann es nur sein, aus dieser „Bauernliga“ wieder rauszukommen! Wieder hoch in die Regionalliga! Nach der - ja sagen wir es ruhig so - überaus geilen Saison 2013/14 (auch wenn das Ende verdammt tragisch war) kann die Rückkehr in die Regionalliga West nur das Ziel sein! Allerdings muss nichts über das Knie gebrochen werden, die Anhängerschaft gibt der jungen Truppe gern noch etwas Zeit. 

GüterslohZurück zum Heimspiel gegen den abstiegsbedrohten FC Gütersloh. Dieser hat in den 90er Jahren eine rasante Achterbahnfahrt hinter sich. Von der Verbandsliga Westfalen hoch bis in die 2. Bundesliga, in der man sich immerhin drei Spielzeiten halten konnte. Nach dem Abstieg in die Regionalliga West/Südwest kam dann jedoch das Aus. Am 14. Februar 2000 wurde der Verein aufgelöst. Wenige Tage später wurde der FC Gütersloh 2000 ins Leben gerufen. Dank einer Lücke in der Satzung des Verbandes durfte der neu gegründete Nachfolgeverein direkt in der Oberliga Westfalen starten. In dieser hielt sich Gütersloh konstant, aus der sportlich stärkeren NRW-Liga stieg Gütersloh indes am Ende der Saison 2008/09 ab. Nach drei Jahren Westfalenliga wurde die Rückkehr in die Oberliga im Frühjahr 2012 gepackt. Allerdings blieb es knifflig, aufgrund nicht gezahlter Sozialversicherungsbeiträge stellte die Bielefelder Minijobzentrale einen Insolvenzantrag. Diese konnte jedoch im Herbst 2014 abgewendet werden. 

GÜTLippstadt gegen Gütersloh war in der Vergangenheit eine durchaus brisante Begegnung. So kam es im Jahr 2009 zu handfesten Auseinandersetzungen. Genau zu jener Zeit entstand die Freundschaft zur Fanszene von Rot Weiss Ahlen, das derzeit in der Regionalliga West spielt. Während die Freundschaft zwischen Lippstadt und Ahlen immer fester wurde, brach die Fanszene in Gütersloh, die über Jahre hinweg durchaus gut war, nach und nach auseinander. In jüngerer Vergangenheit hofften die Szenen aus Lippstadt und Ahlen, dass es bei Spielen gegen Gütersloh wieder knistern würde, doch außer einigen teils älteren Allesfahrern ließ sich niemand mehr in Lippstadt sehen, auch wenn im Vorfeld der eine oder anderer Gütersloher Aufkleber das Stadionumfeld zierte. 

So war es auch kein Wunder, dass am vergangene Freitag nur rund 20 Fans des FC Gütersloh den Weg nach Lippstadt auf sich genommen hatten. Dazu muss gesagt werden, dass beide Städte gerade einmal rund 30 Kilometer auseinander liegen. Die Fanszene aus Lippstadt hatte am Freitag allerdings auch andere Probleme. Wie bei vielen anderen - vor allen Dingen kleineren Vereinen - bekommen aktive Fans derzeit verstärkten Gegenwind zu spüren. Sei es von den Behörden oder von den eigenen Vereinen. Am Tag vor dem Spiel gegen Gütersloh erhielt ein Vertreter der Fanszene einen Anruf. An der Strippe: Der Fanbeauftragte. Dieser teilte mit, dass das improvisierte Vorsänger-Podest und die Absperrung der ersten Reihe (geschlossenes Stehen hinter den Zaunfahnen) auf Druck der Polizei verboten seien. 

GüterslohLogischerweise waren die Ultras sauer, richtig sauer. Dass die Polizei die höchste Sicherheitsstufe ausgerufen hatte (warum eigentlich, wenn 20 bis 30 Gästefans kommen?), war aus Sicht der Fanszene zu erwarten, doch dass auf einmal Dinge verboten werden, die zum absoluten Standardrepertoire bei jedem Heimspiel des SV Lippstadt gehören, allerdings nicht. Sauer waren die Fans nicht nur auf die Polizei - von der sei man eh nichts anderes gewohnt, als dass ständig Steine in den Weg gelegt werden -, sondern auch auf den Verein. Eigentlich hatte man gedacht, dass der Verein sich hinter seine Fans stellt und das Heimrecht nutzt, um etwaigen willkürlichen Verboten einen Riegel vorzuschieben. Nun aber - so steht es in einem Aufruf der Ultras geschrieben -, zeige sich erneut, dass dem Verein die Fans egal seien und fröhlich nach der Pfeife der Staatsmacht getanzt werde.

LippstadtEs gehe nicht allein um zwei Cola-Kisten für das improvisierte Vorsänger-Podest, betonten die Ultras. Viel mehr müsse die Frage gestellt werden, wohin dieser Weg führen soll! Was käme als nächstes? Werden demnächst auch Fahnen und Trommel verboten, wenn die Polizei es wünscht? Um dem Ganzen Nachdruck zu verleihen, verzichtete man gegen Gütersloh in den ersten zehn Minuten auf Support. Es sollte gezeigt werden, was dieses irrsinnige Vorgehen aus der stets so hoch angepriesenen Stimmung beim SV Lippstadt 08 machen würde. Nämlich einen Totentanz! Mit hochgehaltenen Spruchbändern wurde beim Spiel drauf hingewiesen, worum es geht: „Flutlicht an? Fahnen in die Luft? Für Willkür, Verbote & Vertrauensbruch?“ 

Nach zehn Minuten der Stille wurde der Support aufgenommen. Unterstützt wurde die heimische Fanszene von 25 angereisten Freunden aus Ahlen. Gemeinsam konnte auf den Rängen Fahrt aufgenommen werden, und auch auf dem Rasen lief es rund. Vor 586 Zuschauern konnte der FC Gütersloh mit 2:0 bezwungen werden. Ardian Jevric und Halil Elitok schossen in der 41. und 68. Minute die Tore. Punktgleich mit Sportfreunde Siegen steht der SV Lippstadt 08 auf Rang drei. Und was soll man sagen? Am kommenden Sonntag (25. Oktober) steht das mit Spannung erwartete Auswärtsspiel in Siegen an. 

Text: Marco Bertram & Los Misenas

Fotos: Los Misenas, Simon S., Karsten Höft (Archivbilder)

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sehr interessant zu lesen

überall die gleichen probleme, überall das gleiche schema.

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Schon krass

Wie die Fanszene von Gütersloh scheinbar komplett zusammengebrochen ist.wenn man da an die 90er denkt...immer schön voll mit 10.000 Zuschauern. Aber man sieht...kein Erfolg auf Dauer...keine Fans...ist überall so.

R
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Echt dämliche Kacke das Verbot. Was für Kindergarten von Seiten der Behörden. Cola-Kisten, echt megagefährlich! Mit was für einen Haufen darf man in Siegen rechnen?

Ultras sterben nie!

Gruß Achim

A
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