FC United of Manchester: 10 Jahre nach der Gründung – eine Bestandsaufnahme

F 08 Oktober 2015
 
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FC United of Manchester: 10 Jahre nach der Gründung – eine Bestandsaufnahme

FC UnitedSchauplatz Stalybridge, ein Vorort von Manchester – im Bower Fold, dem Stadion des Stalybridge Celtic FC, finden normalerweise nur wenige hundert Besucher den Weg zu den Spielen der National League North. Aber heute ist ein besonderer Tag, heute kommt der FC United of Manchester, dessen Fans den größten Teil der 1.775 Zuschauer stellen werden. Sie treten gewohnt sangesfreudig und selbstbewusst auf, doch in einem ihrer wiederkehrenden Gesänge klingt auch viel Schwermut mit:

„This is our club, belongs to you and me 

We’re United! United FC! 

We may never go home, but we’ll never feel down 

When we build our own ground, When we build our own ground.“

UnitedDas Lied kann man als Vergangenheitsbetrachtung oder -bewältigung sehen: aus Protest gegen die Übernahme ihres geliebten Manchester United durch den US Milliardär Malcolm Glazer im Jahre 2005 gründeten einige ManUnited Fans bekanntlich den FCUM und verschrieben sich Werten wie Mitbestimmung, Gemeinschaft und Non-Profit („belongs to you and me“). 

Im „we may never go home“ schwingt die Trauer um ihr verlorenes Manchester United mit. Denn dem sind viele FCUM Fans noch heute eng verbunden, was beim Spiel bei Stalybridge nicht nur durch ManUnited Fanartikel auffällt (sogar Kinder die erst nach FCUM-Gründung geboren sein dürften), sondern auch durch die immer wieder durchklingenden Schmähgesänge auf Manchester City.

FC UnitedDie FCUM Supporter sind extrem heterogen – quer durch alle Altersklassen. Die Atmosphäre ist gelockert, hier treffen sich Freunde, haben Spaß, stehen, singen und beweisen dabei viel Witz, u.a. als die Männer ein Lied zwei Oktaven höher singen, als man es aus ihren Kehlen sonst gewohnt ist.

Sportlich hat sich der FCUM nach Start in Liga 10 vor 10 Jahren mittlerweile auf Liga 6 vorgekämpft. In dieser Zeit spielte der Club ersatzweise in vier verschiedenen Stadien aber baute zuletzt ein eigenes. Broadhurst Park wurde im Mai 2015 eingeweiht, die Bedingung „when we build our own ground“ ist nun erfüllt und wird daher auch als „now we’ve built our own ground“ intoniert. Ist der FCUM also nun daheim? Angekommen? Und wo soll die Reise hingehen?

CelticIn Stalybridge gab es nichts zu holen – 0:1 durch einen Elfmeter in der 51. Minute der auch noch eine rote Karte nach sich zog. Trotz großer Anstrengungen und Anfeuerungen war nicht mehr drin. Der Verein liegt im Mittelfeld der Tabelle – das ist für einen Aufsteiger solide. „Condolidation“ ist auch angesagt, meint Des, der im Vorstand des FCUM ehrenamtlich tätig ist. Und ja: durch das eigene Stadion sind sie aus seiner Sicht nun wirklich angekommen – statt auf mehrere teuer angemietete Trainingsplätze verteilt zu sein, haben nun erstmalig alle Teams (erste Mannschaft, Frauen, Nachwuchs) eine gemeinsame Heimat und konnte der Club auch eine Fußball-Akademie aufbauen. 

Das Stadion bietet zurzeit Platz für 4.400 Zuschauer, 5.000 Plätze sollen es noch werden – die regelmäßig zu füllen wäre das Ziel, doch Des gibt zu, dass es für Non-League Football wohl recht ambitioniert wäre. Die Zuschauerzahlen waren beim FCUM aber schon immer beachtlich, und das neue Stadion zieht bisher ganz gut.

FC UnitedDie Fanbasis von deutschen Kult-Clubs sorgt sich bei zunehmender Popularität ihrer Vereine nicht selten darum, dass die Identität und Werte des Clubs aus den Fugen geraten, und dass die „Neuen“ zwar von der Stimmung angelockt werden, zu dieser aber nicht viel beitragen. Diese Sorge teilt Des nicht: Broadhurst Park soll auch neue Fans anziehen, und das ist etwas „we should not be afraid of but welcome“ – der Club solle davor keine Angst haben, sondern neue Fans willkommen heißen und dann liegt es eben an den Älteren, die Neuen über die Werte des Clubs aufzuklären. 

FC UnitedEs kommen auch nicht verwöhnte oder gesättigte Konsumenten in Scharen, vielmehr sind neue Fans dabei, die (auch aus Kostengründen) vorher noch nie live bei einem Fußballspiel waren. Mit der Atmosphäre bei den bisherigen Heimspielen ist er auch zufrieden – reichlich Stehplätze und eine Architektur die die Akustik im Stadion hält tragen ihr übriges dazu bei, das bescheinigen ihm auch Fans die aus Deutschland kommen.

Und wo ist der Club in 5 Jahren? „Consolidation“ erinnert mich Des – „wir sind doch gerade erst aufgestiegen“. Ja, theoretisch hätte der Club das Potenzial für die Football League, ein paar Etagen weiter oben – aber würde der sportliche Erfolg das finanzielle Risiko wert sein? Ab dem nächsten Aufstieg müsste man Spieler in Vollzeit beschäftigen – ist das überhaupt bezahlbar? Und würden die Mitglieder das wollen? Denn die entscheiden ja hier „when we step on the breaks“, deswegen wurde der FC United of Manchester schließlich gegründet. Als Gegenmodell zur übermäßigen Kommerzialisierung im Oberhaus.

Die wichtigsten Ziele sind gar nicht sportlicher Natur: Des Hoffnung ist es, dass der Club in 5 Jahren finanziell gesund ist und sich erfolgreich in der Nachbarschaft integriert hat.

UnitedEr selbst wäre übrigens ein reicher Mann, meint er, wenn er jeweils ein British Pound bekäme, wann immer er danach gefragt wird, was wohl passieren würde, wenn der FCUM im Pokal auf Manchester United treffen würde, ein Fettnäpfchen, das auch der Autor dieser Zeilen nicht ausgelassen hat.

Viele würden das sicher gar nicht so gut finden – ManUtd ist einfach eine andere Welt und es reizt auch nicht, zurück ins Old Trafford zu gehen und irgendwelche Banner hochzuhalten oder Botschaften loszuwerden. FCUM Fans verkörpern ihre Botschaften jeden Tag, indem sie Eigentümer ihres eigenen Fußballvereins sind und diesen nachhaltig führen.

UnitedNatürlich sind der Großteil der FCUM Fans bzw. Mitglieder ehemalige Manchester United Fans, aber viele hatten schon aufgehört, Premier League zu schauen bevor der FCUM überhaupt gegründet wurde, aus bekannten Gründen wie überzogenen Eintrittspreisen oder den Fan-unfreundlichen Anstoßzeiten. Trotz der Abkehr von der großen Fußballbühne sehen sich viele dieser Menschen aber immer noch als ManUtd Fans („hearts are still there“), manch einer stattet Old Trafford sogar ab und an einen Besuch ab – aber Des betont, und auch das ist Teil der FCUM Mentalität, dass es hier kein Richtig und kein Falsch gibt – es ist jedem selbst überlassen und keiner schwingt mit der Moralkeule.

UnitedJahrelang wurde ihnen von „Profis“ aus der Fußballindustrie gesagt, dass einfache Fans doch nie in der Lage wären, einen eigenen Club zu managen. Zehn Jahre nach Gründung ziehen sie in ihr eigenes Stadion und sind unglaublich glücklich und voller Stolz: „now we’ve built our own ground, now we’ve built our own ground“

Und werden nun von vielen Seiten gefragt, wie sie das eigentlich machen, wie man Clubs wieder in die Hand der Mitglieder überführt und organisiert. Des drückt diesen Fans und Organisationen die Daumen und hofft auf einen kleinen Dominoeffekt, denn es wäre das Beste, was dem Fußball hier passieren könnte: „Surely this is the best way forward for football.“

Fotos: Felix (weitere Bilder und Texte aus: Groundhopping etc.)

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in England

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Großartiger verein, guter bericht

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Top Bericht. Wirklich klasse!!!

G
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Großartiger Verein, großartig geschrieben!
Danke!!

T
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