Bayern München II vs. TSV 1860 II: Irrwitziges Polizeiaufgebot und mediales Spektakel

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MB 07 April 2015

PolizeiDerby der Amateure im Städtischen Stadion an der Grünwalder Straße. Eine Regionalliga-Party, die bereits im Vorfeld für reichlich Schlagzeilen sorgte. Dass bei diesem Duell für Brisanz gesorgt ist, steht mit Sicherheit außer Zweifel, doch wenn man in den Tagen zuvor all die Meldungen las, hätte man meinen können, das Gipfeltreffen der Gewaltsuchenden stünde bevor. Ein brachiales Derby à la Levski Sofia vs. CSKA Sofia? Oder doch „nur“ ein Spiel der U23-Mannschaften der Roten und Blauen aus der bayrischen Landeshauptstadt?! Sei es, wie es sei. Säbelrasseln von Seiten der Behörden. Drohungen. Es wurde vor einem rigorosen Durchgreifen gewarnt. Der Ticker spuckte eine Schlagzeile nach der anderen raus. „Polizei rüstet sich …“, „… verschärfte Vorkehrungen …“, „Hochbetrieb der Polizei …“, „Derby hält Stadt in Atem …“

1860Allein die Fanmärsche sorgten im Vorfeld für Kopfzerbrechen. Wird wieder Müll hinterlassen? Wer wird das alles wegräumen? Wer soll das bezahlen? Wird gar die eine oder andere Glasflasche zerbrechen? Oder kommt es auf dem Marsch der Sechziger gar zum Einsatz von Pyrotechnik? Da konnte dem braven Anwohner schon mal Angst und Bange werden bei all diesen Schlagzeilen. Saß man 500 Kilometer weiter und verfolgte die Vorberichterstattung vom Rechner aus, kam man aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Wie kann man sich dermaßen hochpushen? Was passiert dort unten in Bayern nur? Aus Sicht eines Fußballfreundes in NRW oder gar aus dem - Ironie an - berühmt berüchtigten Nordosten des Landes - Ironie aus - konnte man eher müde lächeln. Gibt es nicht jede Woche Fußballspiele, die bestmöglich abgesichert werden? Was würden die Behörden, Verwaltungen und Medien in München wohl tun, wenn man nur mal aus Spaß die Duelle MSV Duisburg vs. Rot-Weiss Essen, 1. FC Union Berlin vs. BFC Dynamo oder Chemnitzer FC vs. SG Dynamo Dresden in die dortige Landeshauptstadt teleportieren würde? Gefühlt würde wohl der 3. Weltkrieg bevorstehen.

FCBZurück zur Sachlage. Ein Tag nach dem Münchener Derby. Unterschiedlicher könnte die mediale Nachbetrachtung kaum ausfallen. „Krawalle beim kleinen Derby“, meldete der Focus. „Lokal-Derby. Polizei hatte alles im Griff“, schrieb dagegen die BILD. Und das heißt schon was. Wenn BILD schreibt, man habe alles im Griff gehabt, musste es wahrlich ruhig zugegangen sein. Also mal reingeschaut beim Focus. Das hätte man sich aber auch sparen können. Was zu lesen ist, lässt bekanntlich die Zornesadern anschwellen. „Geflogene Rauchbomben und Böller“ wurden wieder einmal zur „Krawalle“, Klar, „Rauchbombe“ klingt ja auch so hübsch martialisch. Die Bezeichnung „Rauchtopf“ wäre einfach zu plump. Zu banal. „Mehr als 1.000 Beamte im Einsatz“. Das als Überschrift. Und schon ist einfach klar: Das muss bestialisch geknallt haben. „Schwarz vermummte Fans, die provokante Parolen skandieren“ (Focus) sind ja auch die absolute Härte. Oder nicht?

blaueAber Spaß beiseite. In der Münchener Abendzeitung wird von einer Spirale geschrieben, deren Ende langsam erreicht wird. Der Aufwand, um dieses Viertliga-Derby friedlich über die Bühne zu bringen, würde immer größer werden. Innoffiziell seien es sogar 1.200 Beamte gewesen, die für Ruhe und Ordnung gesorgt hatten. Warum eigentlich? Was soll bei einem brisanten Fußballspiel im Jahr 2015 anders sein als bei einem Hass-Duell im Jahr 2005? Gab es zur Jahrtausendwende nicht die Partien, bei denen es am meisten „gescheppert“ hatte? Wird da nicht künstlich etwas aufgebauscht? Man schaue doch nur mal in den Bericht der besagten Zeitung. Da wird von in der Menge explodierten Rauchbomben gesprochen. Roter und weißer Qualm zog über die Köpfe hinweg. Im gleichen Atemzug wird betont, dass dies zeige, wie schnell die Lage kippen könne. Ganz klar, gezündete Böller waren beim Großteil der landesweiten Fanszenen noch nie gern gesehen, aber Rauch bei einem Fanmarsch? Das hätte vor einigen Jahren noch keinen Dackel hinter dem Ofen vorgeholt. Wenn Rauch und skandierte Parolen bereits für Aufsehen erregen, dann kann die ganze Schose wirklich bald unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne gebracht werden.

Aber halt mal, war es denn wirklich so schlimm in diesem Jahr? Wohl kaum. Die meisten berichten vom friedlichsten Derby seit Jahren. „Es war sehr ruhig. Außer paar wenige Idioten“, kommentierte jemand den Polizeiticker der Polizei München. Andere beklagten indes das aggressive Verhalten einiger Polizisten. Im Stadion seien Beamte mit Schlagstock und Pfefferspray auf Fans losgegangen, nur weil sie den Zaun bestiegen hatten. Aber auch hier war man sich im gleichen Atemzug einig: Dieses Derby war im Großen und Ganzen friedlich. 

1860Gut, dass wir auch vor Ort waren und uns selbst einen Eindruck verschaffen konnten. Also zu den Fakten. Bereits um 10:45 Uhr war am Stadion an der Grünwalder Straße ein gigantisches Polizeiaufgebot zu beobachten. Scheinbar sollte bei diesem Fußballspiel für spätere Einsätze beim G7-Gipfel geprobt werden. In Fankreisen munkelte man, dass sich 150 Festnahmen im Rahmen des Derbys gar nicht mal schlecht machen würden. Für die Bilanz. Während sich die Bayern-Fans in der City „im Tal“ trafen, sammelten sich die Anhänger des TSV 1860 München am Grünspitz-Garten in Giesing und in den umliegenden Kneipen. Als mittags (geplant war bereits die Schließung um 11:15 Uhr) die polizeilichen Einsatzkräfte den Park mit Sicherheitsabsperrungen komplett dicht machen wollten, kam es kurzzeitig im anliegenden Terrain zu Laufereien. 

GMarschegen 12:30 Uhr setzte sich der Fanmarsch der Sechziger in Bewegung. Eigentlich sollte es die große Hauptstraße entlang gehen, doch die Fans wurden von der Polizei auf einen Gehweg geschleust, der von den Einsatzkräften massiv bewacht wurde. Nach einigen Metern brach eine kleine Gruppe 1860-Anhänger aus und rannte durch die Wohnsiedlung, um zur Gegengerade des Stadions zu gelangen. Dieser Versuch konnte jedoch von der Polizei unterbunden werden. Als der Marsch der Blauen am „Wienerwald“ eintraf, wurde es in der Tat kurzzeitig hitzig, da zeitgleich die Fans des FC Bayern München eintrafen. Die Einsatzkräfte hatten jedoch alles im Griff und somit blieb es weitgehend beim gegenseitigen Bepöbeln. 

FCBIm Stadion ergab sich folgender Anblick: Während die Bayern-Fans aus roten und weißen Regenschirmen eine Choreo hervorzauberten („Wir lassen Euch nicht im Regen stehen“), gab es im Block der 1860-Fans nichts zu sehen. Fast sämtliche Materialien waren verboten worden und so blieb es allein beim verbalen Support. Dieser konnte sich jedoch wahrlich hören lassen. Bereits eine Stunde vor Anpfiff herrschte auf den Rängen eine tolle Atmosphäre. Vor 12.500 Zuschauern (ausverkauft) konnte das mit Spannung erwartete Spiel von Schiedsrichter Günter Perl um 14.30 Uhr angepfiffen werden. Auf Seiten der Bayern kamen zwei Spieler mit überaus bekannten Namen zum Einsatz. Ribery und Schweinsteiger (56. Minute eingewechselt) im Trikot der Roten. Allerdings hießen diese beiden mit Vornamen Steeven und Tobias. 

BayernApropos Ribery. Vor den Augen seines Bruder Franck, der auf der Tribüne sein Plätzchen hatte, kam Steeven nach gut einer Viertelstunde zu einer dicken Möglichkeit, die jedoch 1860-Keeper Michael Netolitzky vereiteln konnte. Bei ungemütlicher Witterung - immer wieder kam es zu Schneeböen - und hitziger Atmosphäre ging es mit dem Spielstand von 0:0 zum Pausentee. Zu Beginn des zweiten Spielabschnittes brannte der Anhang des FC Bayern eine ordentliche Portion Pyrotechnik ab. Bengalos, die unter einem hochgehaltenen Vereinslogo gezündet wurden, kamen zum Vorschein. Weißer Rauch nebelte kurzzeitig das altehrwürdige Städtische Stadion ein. Im Gästeblock kam dieses Mal - bis auf einen blauen Rauchtopf - keine Pyrotechnik zum Einsatz. 

MünchenEin happy End gab es am Ostermontag für die Roten. 15 Minuten vor Schluss schlenzte Lukas Görtler den Ball ins obere Eck. 1:0 für die U23 des FC Bayern. Mit diesem Spielstand endete auch später die Partie. Dem TSV 1860 II ist es somit nicht gelungen, in der Regionalliga Bayern auf Rang zwei vorzurücken. Den Platz an der Sonne belegen indes die Würzburger Kickers. Und ob es in Zukunft noch häufig das kleine Derby der U23-Mannschaften geben wird, gilt abzuwarten. Vielerorts werden die U23-Mannschaften zurückgezogen. Bayer 04 Leverkusen und Eintracht Frankfurt hatten vorgelegt. Der VfL Bochum folgte kürzlich mit dieser Entscheidung. Ganz aktuell gab der 1. FC Union Berlin bekannt, dass er seine U23-Mannschaft aus der Regionalliga Nordost zurückziehen wird. Gut möglich, dass das mediale Münchener „Krawall-Derby“ in der vierten Liga bald Geschichte ist. Dann können sich die örtlichen Medien andere spannende Themen suchen und die polizeilichen Einsatzkräfte müssen woanders den Ernstfall für etwaige G7-Gipfel proben …

Fotos: Claude Rapp (cr-fotos.de)

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Spielergebnis:
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12.500

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Bemerkenswert ist auch der offene Brief von Heino Hassler vom Nürnberger Fanprojekt.
Die Polizei tickte wohl in Leipzig komplett aus:

http://www.fan-projekt-nuernberg.de/?p=1757

L
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perfekt auf den Punkt gebracht! Bitte weiter so!!!!

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