Hansa Rostock vs. Dynamo Dresden: Marsch in Warnemünde und Spielunterbrechung

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MB 30 November 2014
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Zwei schlaflose Nächte vor dem großen Spiel. Das anstehende brisante Nordostduell sorgte für wüste Träume. Das surreale Szenario in einem der Albträume: Ein dunkler Sportplatz. Hooligans rissen an einem Netz hinter dem Tor und warfen Böller wie wild um sich herum. Umgeben war der Platz von einer Art Erd- oder Sandwall. Eine Vorahnung? Samstagfrüh. Der Wecker klingelt. Es ist dunkel. Mit dem Regionalexpress geht es um 6:34 Uhr von Berlin aus in Richtung Rostock und von dort aus weiter nach Warnemünde. Es könnte ja sein, dass… Man munkelte, dass die Szene aus Elbflorenz bereits in der Nacht von Freitag zu Samstag anreisen würde. Zudem war immer wieder zu hören, dass die Rostocker mobil gemacht hatten, um ihre Stadt „sauber“ zu halten. 9:30 in Warnemünde. Eiskalter Wind bläst einem ins Gesicht. Die ersten Touristen gehen in der Morgensonne spazieren. Die Büdchen mit den Räucherfisch-Sortimenten haben bereits geöffnet. Und dort hinten? Ein Polizeihubschrauber steht in einiger Entfernung in der Luft.

Zehn Minuten später. Der Helikopter kreist in der Tat direkt über dem Strand. Auf Höhe des Netptun Hotels geht eine Gruppe im eisigen Wasser baden. Ultras Dynamo beim Härtetest?! Aber halt! Manche tragen keine Badehose und auch das Alter haut nicht so ganz hin. Fehlalarm, eine fröhliche Gruppe Eisbader wirft sich in die Ostsee. Da die Polizei wohl jedoch keine Nacktbader ins Visier nehmen wird, muss da noch etwas sein. Und richtig, vor einem Resort-Hotel an der Warnemünder Strandpromenade ist ein beachtlicher Polizeiaufmarsch zu bestaunen. Ein hübscher Kessel wurde vorbreitet. Ein Mitglied der Ultras Dynamo gibt seinen meist in schwarz gekleideten Kumpels ein paar Anweisungen und schon darf sich der beachtliche Mob in Bewegung setzen. Ein Spaziergang ganz in Schwarz. Dahinter der weiße Sand des Ostseestrandes. Das Ziel: Der historische Leuchtturm und der aus DDR-Zeiten stammende Teepott.

Man glaubt es kaum. Die Polizei begleitet die sächsische Gesellschaft und lässt die Ultras vor dem Leuchtturm Aufstellung nehmen. Raus das Banner, ein kräftiges „Dynamo! Dynamo!“ und dazu eine kleine Portion Rauch. Danach geht es wieder zurück die Promenade entlang. Sicherlich dorthin, wo die Fahrzeuge der Sachsen stehen. Und von der Rostocker Szene? Keine Spur! Da es von Rostock nach Warnemünde nur zwei relevante Straßen gibt, ist es für die polizeilichen Einsatzkräfte ein Leichtes, ein Nachrücken der Hansa-Szene zu verhindern. Wie es UD geschafft hat, in solch stattlicher Zahl vor Ort am Ostseestrand zu erscheinen, wird deren Geheimnis bleiben.

Eine halbe Stunde später. Rings um das Rostocker Stadion ertönen Böller. Mittlerweile dreht der Helikopter hier seine Runden. Gruppenweise strömen die Rostocker Fans in Richtung Zugänge. Mächtig Betrieb ist am Fanhaus. Noch kurz Zeit für ein paar kurze Gespräche. Auf der Südtribüne werden derweil die letzten Vorbereitungen für die Choreo getroffen. Pyrotechnik wird es auf Rostocker Seite nicht zu sehen geben. So viel ist sicher. Noch eine Aktion und dann dürfte das gute Stück wieder gesperrt werden. Also heißt es: Füße stillhalten und sich nicht nach Möglichkeit vom Gästeanhang provozieren lassen.

Dass das schwierig werden wird, sieht ein Blinder mit dem Krückstock. 13:40 Uhr betritt der letzte Schub den Gästeblock. Komplett in Schwarz, einige sind bereits völlig vermummt. Unten in der Ecke in Richtung Südtribüne wird ihr Plätzchen für die nächsten 90 Minuten sein. 14 Uhr. Die Mannschaften laufen ein und die Rostocker Fanszene zeigt auf der Süd ein schmuckes Intro in den Vereinsfarben. Als das „Schalalala, Schalalala, F.C. Hansa!“ angestimmt wird, macht auf der Hintertortribüne wirklich jeder mit. Das kann sich wahrlich hören und sehen lassen. Beide Fanlager sind gut aufgelegt und lassen es akustisch krachen.

Auf dem Rasen entwickelt sich auch eine recht ordentliche Partie. Gewiss nicht hochklassig, jedoch geprägt von Kampf und Einsatz. In der 25. Minute klingelt es das erste Mal im Rostocker Tor. Mathias Fetsch köpft aus kurzer Distanz ein und lässt den Gästeanhang förmlich explodieren. Hansa kommt zehn Minuten später fast zum Ausgleich. Einen sorgfältig vorbereiteten Freistoß kann Dynamo-Keeper Kirsten an den rechten Pfosten lenken. Nun wird es richtig bissig. Gleich dreimal innerhalb einer Minute begeht Dynamo in der Endphase der ersten Halbzeit ein Foul. 

Dann wird es schlagartig still. Halbzeit. Die beiden Mannschaften holen sich in der Kabine das verdiente Heißgetränk ab. Und die beiden Fanlager? Schon bald wird es hinter der Südtribüne hektisch. Polizeiliche Einsatzkräfte rücken vor. Etliche Dresdener stürmen aus dem Block, werden jedoch später von der auch hier vorrückenden Polizei in den Gästeblock gedrängt. Inzwischen wird von den anderen Dresdnern etwas vorbereitet. Große Spruchbänder werden postiert. Mittenrein fällt der von Julian Jakobs erzielte Ausgleich (52. Minute). Brachialer Jubel auf den Rängen.

Nach kleiner Verzögerung wird schließlich von Dresdner Seite gezeigt, was man von den Rostockern hält: „Seht rüber zu den Matrosen, vollgeschissen ihre Hosen!“ Gelber Rauch steigt auf. Und auch das restliche Pyro-Material lässt nicht lange auf sich warten. Der schwarze Mob unten in der Ecke zündet die Bengalos. Und nicht nur das. Eine erste Leuchtkugel verfängt sich im Netz. Die Nächste bahnt sich ihren Weg in Richtung Südtribüne. Immer wieder knallt es. Eine Kugel landet auf dem Rasen, eine weitere mitten unter den Hansa-Fans.

Verständlich, dass nun die Hanseatische Volksseele kocht. Erste Rostocker rücken auf der Süd in Richtung Gästebereich vor. Auf der Gegengerade zerren etliche Rostocker an der im Pufferbereich ausgelegten Plane. Nun geht es schnell. Zahlreiche behelmte Einsatzkräfte rücken in die beiden Pufferzonen vor und verhindern schlimmeres. Unterbrochen ist das Spiel sowieso erst einmal.

Ob es noch einmal angepfiffen wird, hängt nun davon ab, ob es der Polizei gelingt, die Situation zu beruhigen. Diese verhält sich (auf dem ersten Blick) relativ passiv und sichert nur ab. Ein voreiliger Pfefferspray-Einsatz auf den Rängen würde das Fass komplett zum Überlaufen bringen. (Anmerkung: 01.12.: Es gab vor und auf der Süd allerdings doch einen massiven Pfefferspray-Einsatz, bei dem zahlreiche Hansa-Anhänger verletzt wurden). Nach gut einer Viertelstunde können die Mannschaften wieder zurück auf den Rasen. Die Uhr auf der Anzeigetafel wird wieder zurückgedreht. Noch ist eine halbe Stunde zu spielen, doch der F.C. Hansa findet nicht zurück in die Spur. 

Anders bei den Gästen. Unmittelbar nach dem Wiederanpfiff nach der Zwangspause macht Fetsch seine zweite Bude des Tages. Außer sich vor Freude rennen die in Weinrot gekleideten Spieler zur Eckfahne und jubeln den mitgereisten frenetisch zu. Hm, ein klein wenig wundern darf man sich da schon. Schließlich sorgten diese kurz zuvor dafür, dass das Ganze fast komplett eskaliert wäre. Sei wie es sei, Dresden bleibt am Drücker. Die letzte Viertelstunde muss Hansa gar wegen Gelb-Rot für Krauße in Unterzahl spielen. Da ist nichts mehr zu holen. Kurz vor Schluss trifft Fetsch nochmals ins Schwarze. 3:1 für die Sportgemeinschaft. Kurzzeitig kehren die Fans auf der Südtribüne dem Spielfeld den Rücken zu. Wenig später werden die Schals hochgehalten und die Hansa-Hymne ertönt. Mit Anstand werden die letzten zwei, drei Minuten über die Bühne gebracht. Auf der Gegengerade zerren ein paar Rostocker Hauer nochmals an der ausgelegten Plane, doch einen Angriff wird es nicht mehr geben. Zumindest nicht im Stadion. 

Während die SG Dynamo wieder in die Erfolgsspur eingeschwenkt ist, steckt der F.C. Hansa weiterhin ganz unten drin. Finanziell angeschlagen, sportlich mies drauf. Und dann noch die Sache mit dem Teepott in Warnemünde. Rostock musste sich heute auf allen Ebenen geschlagen geben?! Doch halt! Sieger sind die Fans auf der Südtribüne, die sich nicht zur "Mega-Randale" haben verleiten lassen. Und einen kleinen Trost gibt es sowieso noch: Man sieht sich wieder – und zwar beim Rückspiel in Dresden!

Fotos: Marco Bertram 

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock 

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Spielergebnis:
1:3
Zuschauerzahl:
20.500
Gästefans
2400

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Sorry an die wahren Hansafans!

Kann nur SORRY sagen für unsere Vollhonks die sich wieder mal nicht benehmen konnten und andere in Gefahr brachten! Leider gibts bei den Hansafans auch Gestörte die Reifen zerstechen und Autoscheiben zerkloppen(auf angeblich bewachten Parkplatz) oder die Gästefans mit Steinwürfen von Autobahnbrücken empfangen haben! Leider gibts überall ein paar Vollhonks die vieles kaputt machen mit ihren Aktionen! P.S Beitrag find ich gut geschrieben und dies ohne Hetze!!!

R
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Scheiss Dynamo!

G
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Hätte Hansa zurück gefeuert, wäre jetzt der Ofen aus.

G
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Pfefferspray

Auf der Ost Tribüne hat dir Polizei Pfefferspray eingesetzt und dabei wurden ca. Ein Dutzend Fans verletzt...aber das wird wieder konsequent verschwiegen....

M
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