Bohemians 1905 vs. FK Slavia Praha: Knapper Gästesieg und überaus gereizte Polizisten

MB 29 April 2014
Bohemians 1905 vs. FK Slavia Praha: Knapper Gästesieg und überaus gereizte Polizisten

BohemiansBereits im Vorfeld des mit großer Spannung erwarteten Kellerduells zwischen Bohemians 1905 und dem FK Slavia im Stadion Dolicek wurde so einiges gemunkelt. Die Ordner und polizeilichen Einsatzkräfte – beim tschechischen Fußball generell keine Kinder von Traurigkeit – seien auf alles gefasst und würden jegliche Provokationen mit harter Hand im Keim ersticken. Vor allem die Gästeblock-Situation sorgte für einige offene Fragen. Wie viele Slavia-Fans würden vor Ort sein? Schließlich war zu lesen, dass im Heimbereich auftauchende Fußballfreunde mit rot-weißen Utensilien des Stadions verwiesen werden und die Tickets die Gültigkeit verlieren. Und vor allem: Was ist im eigentlichen Gästebereich, der schmal wie ein Handtuch ist, zu erwarten? 

DolicekZwar ist das Verhältnis zwischen den Bohemians-Fans und der Anhängerschaft des SK Slavia nicht wirklich von Feindschaft geprägt, doch aufgrund der brisanten sportlichen Situation herrschte in der Tat eine gewisse Aufregung rund um das altehrwürdige Stadion Dolicek, das sich östlich der Innenstadt befindet. Zum einen waren noch etliche Leute vor dem Haupteingang auf der Suche nach einem Ticket, zum anderen war die Polizei auf Zack und achtete penibel darauf, dass die ankommenden Gästefans den Weg zu ihren Blöcken finden. Rund 150 von ihnen fanden im eigentlichen Gästeblock Platz, zirka 400 hatten ein Ticket für den Block am Rand der Haupttribüne und durften sich dort geschlossen niederlassen. Nur zu klar, dass im dortigen Bereich an der Nahtstelle zu den Heimfans die Ordner verstärkt einen Blick warfen und stets auf standby waren. Der eine oder andere hatte die schwarzen Lederhandschuhe schon mal vorsorglich übergestreift. Gut vorbereitet schienen auch die polizeilichen Einsatzkräfte. Über dem Stadtteil flog ein Helikopter, eine Pferdestaffel stand bereit und ein Großteil der Polizisten hatten schwarze Masken und Helme mit verspiegeltem Visier.

BohemiansEntspannt wirkte indes das Stelldichein auf dem Stadiongelände vor der von außen überaus marode wirkenden Haupttribüne. Auf zahlreichen aufgestellten Bänken wurden Würste gefuttert und Bier geschlürft. Völlig unaufgeregt. Keine erkennbaren Probleme zwischen Slavia- und Bohemians-Fans. Gemeinsam wurde am Grill angestanden. Manch ein Pläuschchen wurde gehalten. Bohemians 1905 gegen Slavia Praha – ein Duell mit Geschichte. Mit genau jenem Prager Derby wurde am 27. März 1932 das Stadion Dolicek eingeweiht. Zu jener Zeit passten noch 18.000 Zuschauer hinein, in der Gegenwart sind es gerade einmal 5.000, obwohl die Kulisse bei ausverkauften Rängen durchaus größer wirkt. Gegen Teplice, Ostrava und Liberec kamen zuletzt um die 4.000 Zuschauer. Gegen Sparta und Slavia ist selbstverständlich ein volles Haus angesagt. Im Jahr 2010 – bevor Bohemians 1905 für zwei Jahre ins Stadion von Slavia ausweichen musste – hatte das Dolicek noch ein Fassungsvermögen von 7.500. Kurioses geschah zudem im Jahr 1996, als für ein Konzert von Tina Turner die eine Hintertortribüne kurzerhand abgerissen wurde. Bis heute klafft dort eine Lücke. Aufgrund nicht geklärter Eigentumsverhältnisse wird es dort in absehbarer Zeit auch keine neue Tribüne geben. Leider, denn der jetzige Gästeblock auf der überaus schmalen Gegengerade darf als Witz bezeichnet werden. Hinter einem eine Art Bretterwand, vor einem eine merkwürdige Stahlkonstruktion mit einem kleinen befestigten Fangnetz.

DolicekAnsonsten gibt es am Stadion nicht viel zu meckern. Wer authentische Fußballatmosphäre sucht, ist dort im Stadion Dolicek – wie auch im Stadion des Stadtrivalen FK Viktoria Zizkov – ganz gewiss bestens aufgehoben. Eine Spielstätte mitten im Wohngebiet, von den Balkonen der angrenzenden Häuser werfen die Anwohner einen Blick hinüber. Besonders bei Flutlicht ergibt sich im Stadion der Bohemians ein großartiger Anblick. Durchaus zu überzeugen weiß auch der Heimblock, wo trotz der vorhandenen Sitzplätze eine prima Stimmung herrscht. Beim Spiel gegen Slavia wurde eine große bemalte Folie hochgezogen. In der Mitte ein braunes Känguru, das auf einer erledigten Simpson-Figur steht. Jene werden von der Ultra-Szene des FK Slavia bekanntlich allzu gern bei Choreographien verwendet. Der Einsatz von Pyrotechnik war erst für den Fall eines Treffers der 1905er vorgesehen. Auch im Gästeblock und bei den Slavia-Fans auf der Haupttribüne blieb es vorerst allein bei Gesang und Schlachtrufen.

OrdnerBereits nach wenigen Minuten wurden die Ordner auf den Plan gerufen. Im unteren Bereich der Haupttribüne gab es eine kleine Rangelei, fix waren die Ordner im Einsatz. Selbst aus dem hinteren Bereich des Stadions stürmten weitere Ordner hierbei. Auf dem Weg zum Ort des Geschehens wurde schon mal ein Fotograf weggeschubst, das Grinsen bzw. eine gewisse Art von Vorfreude war in dem einen oder anderen Gesicht erkennbar. Am „Tatort“ sah man schon bald einen rausgezogenen Fan über die Werbebande fliegen, anschließend wurde er von den Ordnern davongezogen. Als wenige Minuten später Tomas Necid das 1:0 für die Gäste schoss, wurden die Ordner wieder unruhig. Inmitten der auf der Haupttribüne feiernden Slavia-Fans leuchtete ein Breslauer. Forsch marschierte ein glatzköpfiger Ordner zum Brandherd, von unten erhielt er von seinem breitschultrigen Chef, der mit dem Finger auf einen Fan zeigte. Nein, nicht der, ja, der dort. Rausgezogen wurde jedoch niemand.

SlaviaDiese Aufgabe übernahmen in der Halbzeitpause die maskierten Polizisten, die überall postiert waren und selbst direkt neben dem Grill Stellung bezogen hatten. Ein gruseliges Bild. Überall, wo man hinschaute, standen in Gruppen die komplett dunkel bekleideten Einsatzkräfte, bei denen allein der Augenschlitz anzeigte: Ja, hier steckt ein Mensch und kein Roboter drin. Zugriff! Ohne lange zu fackeln wurden einzelne Slavia-Fans gepackt und nach draußen gezogen. Im Vorbeigehen wurde dem einen oder anderen schon mal der Bierbecher aus der Hand geschlagen. Zaghafter verbaler Protest von ein paar Fans, doch anlegen wollte sich – allzu verständlicherweise – niemand mit den rabiat wirkenden Polizisten.

SlaviaZu Beginn der zweiten Halbzeit wurde im Heimblock eine weitere bemalte Folie hochgezogen. „1905“ in den Farben Grün und Weiß. In der Mitte ein grimmig dreinschauendes Gesicht. Ein Teufel? Ein Joker? Lass uns spielen, Slavia! Im eigentlichen Gästeblock wurde eine Blockfahne der Gruppierung „Sesívani“ präsentiert. Wenig später folgte eine T-Shirt-Aktion, bei der – wie bereits zuvor beim Spiel AC Sparta gegen Slovan Liberec – der von den Fans harsch kritisierte Vorsitzende des tschechischen Fußballverbands Miroslav Pelta – aufs Korn genommen wurde.

SlaviaAuf dem Rasen beherrschte die Mannschaft des SK Slavia klar die Partie und wirkte souveräner, wenn gleich Tabellennachbar Bohemians 1905 durchaus motiviert war und einiges versuchte. Zu echten hochkarätigen Ausgleichsmöglichkeiten kamen die Hausherren indes nicht. Kurz vor Ende ließen die Slavia-Fans im kleinen Gästebereich ihren Emotionen freien Lauf und zündeten reichlich Pyrotechnik. Bei Abpfiff legten auch die Heimfans nach und brannten etliche Bengalos, einen Rauchtopf und paar Breslauer ab. Alles, was eigentlich für einen Bohemians-Treffer vorgesehen war, wurde nun angezündet.

1905Noch eine Weile im Gästekäfig bleiben mussten die Slavia-Fans nach dem Spiel. Während die von der Haupttribüne bereits längst den Heimweg antreten durften, hielten Ordner und Polizisten den eigentlichen Gästeblock noch geschlossen. Als dieser schließlich geöffnet wurde, ging es mit massiver Polizeibegleitung auf der Hauptstraße in Richtung Slavia-Stadion, das nicht allzu weit entfernt liegt. Hoch zu Ross trieben die Beamten die Slavia-Fans an der Kneipe gegenüber des Stadions Dolicek vorbei. Die Polizisten wirkten gereizt und schoben Schaulustige grob beiseite. Kritisch wurde es eine Straßenecke weiter, an der nur fahles Licht herrschte und einige Bohemians-Anhänger in der Nebenstraße warteten. Obwohl nicht wirklich etwas passierte, rissen die Polizisten den einen oder anderen ohne Rücksicht auf Verluste zu Boden und ließen diese später mit einem Transporter wegschaffen.

1905In den umliegenden Kneipen wurde indes die sportliche Situation analysiert. Wirklich niedergeschlagen wirkten die meisten Bohemians-Fans nicht. Viel mehr schien eine Niederlage gegen den Stadtrivalen durchaus einkalkuliert gewesen zu sein. Trotz des 0:1 gegen Slavia und dem letzten Tabellenplatz ist durchaus noch was drin. Der Rückstand zum rettenden Ufer beträgt zwei Punkte. Da ist in vier Spielen noch einiges möglich. Slavia ist bereits Dank des Sieges auf Rang 12 gesprungen, mit einem Sieg gegen den 1. FK Pribram könnte ein weiterer wichtiger Schritt in Sachen Klassenerhalt geschafft werden.

Fotos Marco Bertram

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