1. FC Frankfurt (Oder) vs. Hertha BSC: Nostalgischer Fußballtag deluxe

1. FC Frankfurt (Oder) vs. Hertha BSC: Nostalgischer Fußballtag deluxe

 
5.0 (6)
MB 23 September 2022

Während kurz hinter Erkner von Uwe die letzten Programmhefte gefaltet wurden, kam die Frage auf, wann zum letzten Mal rund 4.000 Zuschauer den Weg ins altehrwürdige Stadion der Freundschaft in Frankfurt an der Oder gefunden hatten. Beim Testspiel des 1. FC Frankfurt (Oder) gegen das Konstrukt aus Leipzig im Juli 2016 waren es 3.420 Zuschauer. Am gestrigen Nachmittag sollten es gegen Hertha BSC noch einmal 500 mehr werden, welche die Ränge füllten. 

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Mal vom Spiel gegen das Brause-Konstrukt abgesehen, musste man gedanklich weit zurückgehen, um Partien mit ähnlich großer Kulisse zu finden. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verschwand der einstige ruhmreiche FC Vorwärts Frankfurt (Oder) zunächst als Viktoria in der sportlichen Versenkung. Mehr als Verbandsliga bzw. Brandenburg-Liga und NOFV-Oberliga waren seit 1991 nicht mehr drin. Seit der Fusion im Jahr 2012 versucht man nun als 1. FC Frankfurt (Oder) sein Glück und durfte zuletzt immerhin die Wiederkehr in die Nordstaffel der NOFV-Oberliga feiern. Mal abgesehen von der Auftaktniederlage gegen die Amateure des F.C. Hansa Rostock gelang der Saisonstart geradezu phänomenal.

 

Aber gut, wir waren bei der Zuschauerkulisse im Stadion der Freundschaft. Immerhin 850 Zuschauer waren es vor elf Jahren beim legendären Landespokalspiel gegen den SV Babelsberg 03, als es auf beiden Seiten brannte und qualmte und es vor Anpfiff zu einigen Laufereien auf den alten Rängen kam. Vierstellige Zuschauerzahlen gab es am 14. August 1994 beim Freundschaftsspiel gegen Borussia Mönchengladbach und bei den beiden U21-Länderspielen gegen Bulgarien und Portugal zu vermelden. Immerhin etwas mehr als 1.000 Zuschauer kamen zudem am 13. September 2014 ins Stadion der Freundschaft, als beim Heimspiel gegen den Eisenhüttenstädter FC Stahl das neue Funktionsgebäude eingeweiht wurde.

 

Die 4.000 fast geknackt wurde beim gestrigen Testspiel gegen die Alte Dame aus Berlin-Charlottenburg. Hätte das Spiel ein, zwei Stunden später begonnen, wären wohl locker 5.000 bis 6.000 möglich gewesen. Das derzeit fehlende Flutlicht sorgte jedoch dafür, dass die Partie bereits um 16:30 Uhr angepfiffen werden musste. Somit strömten zahlreiche Besucher last minute ins Stadion, und den Vereinsverantwortlichen waren Aufregung und Anspannung anzumerken. Bereits am 29. Oktober 1991 gab es schon mal ein Freundschaftsspiel gegen Hertha BSC, das zugleich ein Abschiedsspiel für Thomas Rath war. Als FC Victoria ’91 Frankfurt (Oder) ging damals das Ganze gegen den Zweitligisten mit 0:5 verloren. 

 

Nur nicht zweistellig verlieren, lautete gestern sicherlich die Devise. Und nach Möglichkeit sollte ein Treffer gegen die Berliner erzielt werden. Punkt eins konnte erfüllt werden, Punkt zwei konnte indes nicht erfüllt werden. Immerhin knapp 20 Minuten lang konnte der Kasten sauber gehalten werden, und die Heimzuschauer spendeten Applaus für jeden gehaltenen Ball und jede gelungene Aktion. Schnell war spürbar, dass nicht nur geschaut werden wollte, was die Bundesliga-Stars so schönes auf dem Rasen treiben. Vielmehr drückten beachtlich viele den Frankfurtern die Daumen. Allerdings sollte hier auch betont werden, dass etliche Zuschauer sowohl Utensilien von Frankfurt und von Hertha dabei hatten. Bei herrlichem Wetter erfreute man sich einfach daran, endlich mal wieder im Stadion der Freundschaft wie zu alten Zeiten ein sportliches Highlight vor guter Kulisse sehen zu dürfen.

 

1a war die Versorgungslage. Lange Warteschlangen an den Wurst- und Bierständen gab es kaum. Vor dem Stadion wurden zudem zahlreiche Bierbänke aufgebaut. Drei Euro für ein 0,4er Bier lagen völlig im Rahmen, gleiches galt für die Bratwurst. Zu gern hätte ich mal einen Torjubel nach einem Frankfurter Treffer gesehen, doch ließen die Berliner nix anbrennen. Nach 20 Minuten machten Richter und Maolida die ersten Treffer, in der 24. und 29. Minuten legten Ngankam und nochmals Maolida nach. Nachdem in der 39. Minute Darida das erste seiner drei Tore schoss, war zu befürchten, dass es doch zweistellig werden könnte. Allerdings war nach der 66. Minute Schluss, nachdem Mittelstädt und Darida innerhalb einer Minute zweimal einlochen konnten. Zuvor hatte Darida in der 56. Minute die zwischenzeitliche 6:0-Führung für Hertha BSC hergestellt. 

 

Am Ende hieß es 0:8. Ein Ergebnis, für das sich der Oberligist keinesfalls schämen muss. Man hatte gekämpft und kam auch zu eigenen Möglichkeiten. Der Ehrentreffer war durchaus drin, doch wirklich enttäuscht war nach dem Spiel niemand. Zu sehr Spaß hatte es gemacht, alte Bekannte und Kumpels auf den Rängen zu treffen und mit ihnen zu plauschen und ein frisch Gezapftes zu zischen. Hinter dem Wall stromerten in der zweiten Halbzeit auch ein paar Cottbuser herum, doch sollte an diesem Nachmittag nix Weltbewegendes passieren. 

 

Am Bierwagen neben der Haupttribüne fanden sich nach dem Spiel die alten Vorwärts-Fans ein und tauschten sich aus. Thema waren unter anderen das geplante Flutlicht, die Problematik mit dem Insektenschutz und selbstverständlich die alten guten Vorwärts-Zeiten. Da recht rasch die Dunkelheit hereinbrach und es empfindlich kühl wurde, verlegten ein paar alte Vorwärts-Fans das Epizentrum in ein Kneipchen jenseits der Bahnlinie. 

 

Die Belegschaft fuhr mit dem Taxi vor, ich nutzte die Gelegenheit und lief gemütlich zu Fuß hinterher. Der lange abendliche Tunnel sorgte für ein gewisses Millwall-Feeling und ich testete mutterseelenallein die Akustik. „No one likes us, no one likes, no one likes us, we don’t care…“ Wenig später betrat ich die verquarzte Kneipe und fühlte mich auf einen Schlag um locker 25 Jahre zurückversetzt. Mein lieber Herr Gesangsverein, solch eine geile Zeitreise hatte ich lange nicht mehr gehabt. Tasche abgelegt und zum gereichten Flaschenbier gegriffen. 

 

Dekoration wie in den 90ern, Mucke wie in den 90ern - das ganze Ambiente wie in den 90ern. Die Auswertung der ganz, ganz alten Zeiten konnte beginnen. Die Wimpel an den Wänden sorgten für Aufhänger. Qualifikation für die X. Fußballweltmeisterschaft 1974. Finnland vs. DDR in Tampere am 06.06.1973. 1:5. Da schlummerte ich noch in Mamas Bauch. DDR vs. Rumänien in Leipzig am 26.09.1973. 2:0. Ich lag bereits mit der Kina-Milchflasche im Babybett in Waldesruh vor den Toren Ost-Berlins.

Apropos Milch. Heiß diskutiert wurde über die Milchsorten in der DDR. Es schien regionale Unterschiede gegeben zu haben. So wurde felsenfest behauptete, dass es an der Oder auch Milch mit Bananen- und Kokos-Geschmack gab. Konnte ich mir nicht vorstellen. Ich kenne nur Milch pur, Frucht, Vanille, Kakao und Schoko. Wobei einst die Sorten Vanille und Schoko H-Milch-Versionen waren und keine Fettbröckchen in den Zipfeln der dreieckigen Viertelliter-Milchtüten hatten.

 

Noch ein Bier, eine Runde Armdrücken, ein Gruppenfoto und weiteres Schwelgen über alte Zeiten. Ein Blick auf die Uhr. Zeit zu gehen, der Zug nach Berlin rief. Einmal bezahlen bitte. Die vier Bier. „Macht sechs Euro!“ Nee, oder? 1,50 Euro für die 0,5er Flasche Frankfurter Pils in geselliger Runde? Krass. Angenehm krass. Preise wirklich wie Mitte der 90er. Frankfurt, ick komme recht rasch wieder! 

 

Apropos, alte Zeiten. Die einen wissen es bereits, die anderen noch nicht. Jüngst kam von mir ein Fußballroman über den ASK / FC Vorwärts Berlin / Frankfurt (Oder) auf den Markt. Es wird gemunkelt, dass es - schreibtechnisch betrachtet - wohl mein bislang bestes Fußballbuch geworden ist. Reale Fußballhistorie verknüpft mit den Alltagsgeschichten in Ost-Berlin der 50er und 60er Jahre sowie in Frankfurt (Oder) der 70er und 80er Jahre. Das gute knapp 200-seitige Stück ist mit persönlicher Widmung bei mir zu haben. Einfach eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! senden.

Paar Infos zum Buch sind auf www.marco-bertram.de zu finden. 

Noch ein Apropos. Bereits vor dem Bau der Berliner Mauer gab es Freundschaftsspiele gegen Hertha BSC - und zwar als ASK Vorwärts Berlin an der Plumpe. Die Vorwärts-Kicker ließen es damals mächtig krachen und siegten souverän. Für reichlich Trubel sorgte das auf der Brust getragene „Spalter-Zeichen“. West-Berliner Politiker und Medien drehten reichlich am Rad - die Zeiten in der geteilten Stadt waren alles andere als einfach. Hier ein Auszug aus meinem besagten Buch „Vorwärts Berlin / Frankfurt (Oder) Fußballfibel“, das im Verlag Culturcon medien erschienen ist:

Zwei Begegnungen zwischen dem ASK Vorwärts Berlin und Hertha BSC hatte es bereits 1959 gegeben. Während der Status von Berlin auf weltpolitischer Ebene heiß diskutiert wurde – im Herbst 1958 hatten sowohl Walter Ulbricht, als auch Nikita Chruschtschow betont, dass ganz Berlin zum Hoheitsgebiet der DDR gehöre – fegte am 10. Juni 1959 im Jahn-Sportpark vor 30.000 Zuschauern Vorwärts die Jungs von der Plumpe mit 7:1 vom Platz.

… Ein Wiedersehen gab es an der Plumpe am 8. Juni 1960, und dieses Mal wurden im Vorfeld eine Menge Kohlen aufgelegt. Die allgemeine Stimmungslage in der geteilten Stadt war arg erhitzt, und die großen Zeitungen hatten ihren Anteil dran. Als kurz zuvor der SC Chemie Halle beim VfL Bochum ein Freundschaftsspiel bestreiten wollte, kamen Polizeibeamte in die Kabine und teilten mit, dass es zu Polizeigewalt kommen würde, wenn die Hallenser mit dem DDR-Emblem auf der Brust den Rasen beträten. Hammer, Zirkel und Ährenkranz wurden im Westen als „Spalter-Symbol“ angesehen. Der SC Chemie Halle reiste aus Bochum ab und versuchte in Frankfurt am Main sein Glück, wo ein Testspiel beim FSV Frankfurt problemlos über die Bühne ging. 

Vor dem Auftritt der Vorwärts-Mannschaft bei Hertha BSC – man durfte davon ausgehen, dass Hammer, Zirkel und Ährenkranz auf dem Trikot getragen würden – forderte der Tagesspiegel in einem Vorbericht indirekt ein durch die West-Berliner Polizei durchzusetzendes Veranstaltungsverbot. Diese wollte jedoch nichts davon wissen und beschränkte sich darauf, außerhalb des Stadions für Ordnung zu sorgen und den Verkehr zu leiten. Auch die Verantwortlichen von Hertha BSC ließen sich nicht beirren und konzentrierten sich voll und ganz auf das Sportliche. Ein erneutes sportliches Desaster konnten sie allerdings nicht vermeiden. 

Vor rund 8.000 Zuschauern holte der ASK Vorwärts unter Trainer Harald Seeger einen klaren 5:0-Sieg. Bereits nach vier Minuten machte Gerhard Vogt die erste Bude, Gerhard Reichelt, Horst Kohle, Lothar Meyer und Peter Kalinke konnten fleißig nachlegen. Nun bei den Männern dabei war der junge Jürgen „Kuppe“ Nöldner, im Tor kam zur Halbzeit Horst Jaschke für Karl-Heinz Spickenagel zum Einsatz. Allerdings täuschte das klare Ergebnis darüber hinweg, dass Hertha BSC eine Stunde lang ein ebenbürtiger Gegner war. Erst nach dem zweiten Gegentreffer in der 64. Minute brach die West-Berliner Mannschaft komplett ein. 

„Die Herthaner hatten nach Halbzeit praktisch keine Torchancen mehr, und wäre ihr Schlußmann Tillich nicht in überragender Form gewesen, hätte das Ergebnis auch zweistellig ausfallen können“, war am folgenden Tag in der Berliner Morgenpost zu lesen. 

Der Westberliner Telegraf gab indes zu bedenken: „Es erhebt sich die Frage, ob es in Zukunft nicht zweckmäßiger wäre, Spiele gegen sowjetzonale Staatsprofis nur dann zu bestreiten, wenn unsere Saison noch in vollem Gange und die Mannschaften nicht schon spielmüde sind. Während nämlich Hertha BSC eine lange, nerven- aufreibende Meisterschaftsserie bereits hinter sich hat, stehen die ASKler mitten in ihren Punktekämpfen und wirkten auch entsprechend frischer.“ 

Thematisiert wurde in westdeutschen Medien noch tagelang das „Spalterzeichen“ auf den Trikots, und besonders der Tagesspiegel echauffierte sich über den Auftritt an der Plumpe: „Die Ostberliner Mannschaft der Volkspolizei musste sich auf Geheiß ihres Politruks das Wappen mit Hammer und Zirkel auf die gelbe Hemdbrust kleben, und Ostberliner Zeitungen melden die Tatsache, dass das Spalter-Emblem bei einem Fußballspiel auf Westberliner Boden gezeigt worden ist, mit Triumphgeschrei. Die Vereinsleitung von Hertha BSC war sich der Tragweite ihrer Handlung offensichtlich nicht bewusst, als sie ihre Mannschaft zu dieser Begegnung auf das Feld laufen ließ.“ 

Zu einem Wiedersehen des ASK Vorwärts Berlin und Hertha BSC sollte es aufgrund des Mauerbaus am 13. März 1961 ohnehin nicht mehr kommen. …

Fotos: Marco Bertram, Bildagentur frontalvision.com

> zur turus-Fotostrecke: FC Vorwärts / 1. FC Frankfurt (Oder)

> der Fußballroman über Vorwärts Berlin / Frankfurt (Oder) auf www.marco-bertram.de

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