DDR-Oberliga und Europapokal! Vorwärts und Dynamo im Vergleich

DDR-Oberliga und Europapokal! Vorwärts und Dynamo im Vergleich

 
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MB 15 September 2022

Goldene 1960er vs. Goldene 1980er. Sechs DDR-Meistertitel vs. zehn DDR-Meistertitel. Zwei FDGB-Pokalsiege vs. drei FDGB-Pokalsiege. 13 Europapokal-Teilnahmen vs. 17 Europapokal-Teilnahmen. 22 Siege vs. 24 Siege in der DDR-Oberliga. Die Rede ist von der Bilanz des ASK / FC Vorwärts Berlin / Frankfurt (Oder) im direkten Vergleich zum SC Dynamo Berlin / BFC Dynamo. Während der ASK / FC Vorwärts Berlin vor seinem Umzug nach Frankfurt (Oder) ganz klar seine erfolgreichste Zeit zwischen 1958 und 1969 hatte, startete die Serie des BFC Dynamo von zehn DDR-Meistertiteln in Folge ab 1979. In der Zwischenzeit waren der 1. FC Magdeburg und die SG Dynamo Dresden in der DDR - ähnlich wie Borussia Mönchengladbach in der BRD - das Maß aller Dinge.

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Schaut man sich die Historie von Vorwärts und Dynamo (Berlin) an, so gibt es nur eine Phase, in der beide Vereine zeitgleich sportlich richtig erfolgreich waren. 1983 holte der BFC Dynamo gerade seinen fünften Meistertitel, als der FC Vorwärts Frankfurt (Oder) etwas überraschend Vizemeister wurde. So waren es in der Saison 1982/83 immerhin rund 9.000 Zuschauer, die im Schnitt ins Stadion der Freundschaft pilgerten (beim BFC waren es 12.500). 

Bereits im Jahr zuvor - Vorwärts wurde Tabellenvierter - durften beide Vereine ihre Visitenkarte auf europäischem Parkett abgeben. So hatte es im Herbst 1983 der BFC Dynamo im Europapokal der Landesmeister mit dem Hamburger SV zu tun, der FC Vorwärts Frankfurt (Oder) kreuzte indes die Klingen mit dem SV Werder Bremen. Beide schlugen sich achtsam, mussten jedoch gegen die westdeutschen Rivalen die Segel streichen. 

Stichwort Europapokal. Den ersten Auftritt auf europäischer Bühne hatte der SC Dynamo Berlin (ab Januar 1966 dann BFC Dynamo) in der Saison 1961/62, als in der Gruppenphase des International Football Cup gegen Spartak Hradec Králové, Górnik Zabrze und den Wiener Sport-Club angetreten wurde. Auch der ASK Vorwärts Berlin war in jener Spielzeit in diesem Wettbewerb dabei und hatte es mit dem ŠK Slovan Bratislava, Odra Opole und dem Wiener AC zu tun. Am Rande: In anderen Gruppen mit von der Partie waren unter anderen der VfL Osnabrück, Kickers Offenbach, der FK Pirmasens und der SC Tasmania 1900 Berlin. 

Parallel dazu nahm der ASK Vorwärts Berlin auch am Europapokal der Landesmeister teil, wo in der ersten Runde der Linfield FC geschlagen werden konnte. Schluss war im Achtelfinale gegen die Glasgow Rangers (1:2 und 1:4). Für den ASK Vorwärts war es bereits die dritte Teilnahme am Europapokal der Landesmeister. Bei der Premiere im Herbst 1959 hatte es Vorwärts mit den Wolverhampton Wanderers zu tun. Das Hinspiel wollten am 30. September 1959 im Walter-Ulbricht-Stadion (später Stadion der Weltjugend) rund 65.000 Zuschauer sehen, Jürgen ‚Kuppe’ Nöldner und Horst Kohle erzielten die Treffer zum umjubelten 2:1-Sieg. Das Rückspiel am 7. Oktober 1959 ging indes im Molineux Stadium mit 0:2 verloren.

Jeweils ins Viertelfinale des Europapokals der Landesmeister und des Europapokals der Pokalsieger zog der FC Vorwärts Berlin in den Spielzeiten 1969/70 und 1970/71 ein. Panathinaikos Athen, Roter Stern Belgrad, der FC Bologna und Benfica Lissabon wurden in teils hoch dramatischen Schlachten rausgekegelt. Schluss war gegen Feijenoord Rotterdam (damals noch ohne „y“) und den PSV Eindhoven. Apropos Eindhoven. Als FC Vorwärts Frankfurt (Oder) gab es im Herbst 1984 die letzten Auftritte auf europäischer Bühne. Vor begeisterten Fans wurde im Stadion der Freundschaft der PSV mit 2:0 geschlagen - das 3:0 war bereits auf dem Fuß -, im Rückspiel setzte es eine bittere 0:3-Niederlage. 

In jener Saison musste der BFC Dynamo im Europapokal der Landesmeister in der ersten Runde gegen den Aberdeen FC antreten. Nachdem auswärts mit 1:2 verloren wurden, konnte das Rückspiel im Jahn-Sportpark mit 2:1 nach Verlängerung gewonnen werden. Das Elfmeterschießen musste her. Gänsehautstimmung. Rainer Ernst haute den Elfer links oben rein. Ein Pfeifkonzert, als die schottischen Schützen antraten. Frank Rohde haute den Ball halbhoch auf der linken Seite rein. Dann traf Bernd Schulz nur die Latte. Das Aus? Rainer Troppa schob lässig ein, danach konnte BFC-Keeper Bodo Rudwaleit den Schuss von Willy Miller halten. Welch ein Jubel! In der Folge konnte Frank Terletzki verwandeln und Bodo Rudwaleit den Schuss von Eric Black abwehren. Norbert Trieloff bewies Nerven und brachte den Ball unter. Wohl kaum war der Jubel im Jahn-Sportpark dermaßen frenetisch wie bei diesem Sieg gegen Aberdeen.

Nachdem 1989 die SG Dynamo Dresden den BFC Dynamo als Meister ablöste, trat der BFC Dynamo als FDGB-Pokalsieger im Herbst 1989 im Europapokal der Pokalsieger an und setzte sich in der ersten Runde gegen Valur Reykjavík mit 2:1 und 2:1 durch. Verdammt ärgerlich war dann das Ausscheiden gegen den AS Monaco. Nach dem 0:0 im Hinspiel stand es auch im Rückspiel nach 90 Minuten 0:0. In der 110. Minute machte Eike Küttner an jenem 1. November 1989 das 1:0 für den BFC Dynamo. Alles gut? Nein! In der 117. Minute machte Ramón Díaz den Ausgleich für die Monegassen klar. Das Aus für den BFC Dynamo. Hätte man dieses Spiel gewonnen, ja, hätte, hätte, Fahrradkette. Wer weiß, wie es beim BFC weitergegangen wäre.

Zurück zu den Fakten. Im FDGB-Pokal traten der FC Vorwärts Frankfurt (Oder) und der BFC Dynamo dreimal gegeneinander an. Zweimal konnte sich Vorwärts durchsetzen - 5:4 im Elfmeterschießen am 25. März 1981 und 2:0 nach Verlängerung am 9. Dezember 1989 -, einmal konnte der BFC Dynamo gewinnen. Am 27. März 1982 erzielten Bernd Schulz und Ralf Sträßer die Treffer zum 2:0-Sieg. 

Und im Ligabetrieb? Als in der DDR-Oberligasaison 1952/53 Vorwärts noch in der Messestadt Leipzig spielte, war der SC Dynamo noch nicht am Start. Am Ende jener Spielzeit wurde Vorwärts nach Ost-Berlin umgesiedelt und spielte nach dem Abstieg als SV Vorwärts KVP Berlin in der DDR-Liga. Bereits in ZSK Vorwärts Berlin umbenannt, glückte in der Staffel 2 der souveräne Aufstieg in die DDR-Oberliga. Somit kam es in der Saison 1954/55 zu den ersten Pflichtspielen zwischen dem ZSK Vorwärts Berlin und dem SC Dynamo Berlin. Am Ende jener Spielzeit hatten beide Vereine 26:26 Punkte, die direkten Duelle konnte der SC Dynamo mit 4:0 und 3:1 für sich entscheiden. 

Es sollte bis zum 23. März 1958 dauern, bis Vorwärts den ersten Sieg gegen Dynamo einfahren konnte. Vor rund 10.000 Zuschauern trafen Rolf Fritzsche und Horst Kohle ins Schwarze, am Ende stand es 2:1 für den ASK Vorwärts. Es startete die goldene Ära von Vorwärts Berlin, doch blieben die direkten Duelle meist ausgeglichen. Mal gewann Vorwärts mit 3:0, mal behielt der SC Dynamo mit 4:1 die Oberhand. 

Wenngleich nach dem Umzug von Vorwärts im Sommer 1971 in die Oderstadt der BFC Dynamo meist der klare Favorit in den Ligaspielen war und 16-mal gewinnen konnte, so schaffte es der FC Vorwärts Frankfurt (Oder) immer wieder die Weinroten zu ärgern. Immerhin achtmal wurde gewonnen, neunmal wurde ein Remis abgerungen. So gab es in den 1980er Jahren gleich zweimal ein 3:3 im Stadion der Freundschaft, am 9. September 1983 sahen die Zuschauer im Stadion der Freundschaft ein 4:5-Torfestival. Den höchsten Sieg von Dynamo (seit 1954 alle eingerechnet) gab es am 23. August 1975 zu sehen. Nach 0:1-Rückstand endete das Ganze 7:1. Zweimal mit 5:2 konnte Vorwärts die dynamischen Jungs bezwingen. Am 24. August 1974 in Frankfurt und am 10. September 1969 in Berlin. 

Die letzten (traurigen) Aufeinandertreffen gab es in der letzten Oberliga-Saison 1990/91. Als FC Berlin konnte der BFC zweimal mit 2:1 gegen den FC Vorwärts Frankfurt bzw. den FC Victoria 91 Frankfurt gewinnen. Das Duell in Berlin wollten nur noch 676 Zuschauer sehen, beim Abschied in Frankfurt waren am 25. Mai 1991 nur noch rund 700 Unentwegte dabei… 

 

Buch-Tipp ‚Vorwärts Berlin / Frankfurt (Oder) Fußballfibel‘

Mit sechs Meistertiteln und zwei FDGB-Pokalsiegen war der ASK/FC Vorwärts Berlin in den 1960er Jahren einer der erfolgreichsten Vereine in der DDR-Oberliga. Es gab legendäre EC-Spiele gegen Wolverhampton, Benfica und Feyenoord. Namen wie Otto Fräßdorf, Jürgen „Kuppe“ Nöldner sowie Karl-Heinz Spickenagel hatten einen großen Klang. Mit dem Umzug nach Frankfurt (Oder) endete zwar die goldene Ära des Vereins, doch auch im Stadion der Freundschaft feuerte eine treue Anhängerschaft ihre Helden im rot-gelben Dress an. Aus dem Blickwinkel von zwei jugendlichen Anhängern lässt Marco Bertram die Vereinsgeschichte lebendig werden. Dabei zeigt er das reale sportliche Geschehen eingebettet in eine farbenfrohe Schilderung des zeitgenössischen DDR-Alltags.

Zum Autor: 

Marco Bertram wurde 1973 in Ost-Berlin geboren und geht seit dem Fall der Mauer Woche für Woche zum Fußball. Seit 2008 betreibt er gemeinsam mit K. Hoeft das Onlinemagazin turus.net. In den vergangenen Jahren veröffentlichte er zahlreiche Fußballbücher, u.a. „Zwischen den Welten“, „BFC Dynamo Fußballfibel“, „F.C. Hansa Rostock Fußballfibel“, „Fußballheimat Brandenburg“ und „Kaperfahrten – Mit der Kogge durch stürmische See“. Aufgrund fester privater Freundschaften hat er seit Anfang der 1990er-Jahre eine besondere Beziehung zur Stadt Frankfurt (Oder). 

> Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit auf www.marco-bertram.de 

Textprobe aus dem Fußballroman „Vorwärts Berlin / Frankfurt (Oder) Fußballfibel“:

Ein paar Tage später hatte ihn jedoch wieder der Fußball im Griff. In der Abstiegssaison 1987/88 war noch mal richtig was los, es schien, als wolle man allen anderen Fans noch einmal zeigen, wo der Hammer hängt. Als ob die FCV-Fans spürten, dass danach endgültig die Tristesse Einzug halten würde. Häufig wurden die Frankfurter aufgrund der seit 1985 stetig abnehmenden Zuschauerzahlen arg belächelt, aber anscheinend befeuerte dies zusätzlich die kleine Anzahl der handfesteren Frankfurter Partisanen, und so manche siegestrunkene auswärtige Nachzügler-Gruppe erlebte in der Gubener Straße nach Abpfiff unerwartet ihr rot-gelbes Wunder. 

So unter anderem auch die Fans aus Aue, die sich an einem Freitagabend im Herbst 1986 unter der Anzeigetafel im Stadion der Freundschaft eingefunden hatten. Bereits weit vor Spielende hatten etliche Frankfurter, im Stil der Ostberliner BFC-Schule, das Stadion verlassen, um sich am schlecht beleuchteten Reichsbahner- Denkmal nahe Hauptbahnhof zu positionieren. Dort verteilten sie wenig später überfallartig im Halbdunkel etliche Backpfeifen an die mehr als überraschten gen Bahnhof trottenden Auswärtigen. Einige Auer waren dermaßen geschockt, dass sogar vereinzelt Tränen flossen und Frankfurter Fans dazwischen gingen, um das Ganze zu stoppen. Molli stockte bei solchen Szenen das Herz. Eine Mischung aus Faszination, Schock und Ekel. 

Seinen Augen traute Molli kaum am Abend des 11. Dezember 1987. Der FC Vorwärts empfing den BFC Dynamo. Thomas Doll brachte die Berliner mit 1:0 in Führung, Lutz Schnürer konnte zum 1:1 ausgleichen und auf den Rängen blieb es erwartungsgemäß entspannt. Nach Abpfiff zog eine beachtliche Gruppe sportlich gekleideter BFCer nebst ihren Frankfurter Sportsfreunden gemeinsam über den dunklen Vorplatz des Stadions und skandierte lautstark: „Falko Götz! Falko Götz!“ Wie aus dem Nichts schossen Mitarbeiter des MfS in Trenchcoats heran, zückten die Teleskop-Schlagstöcke und schlugen auf die Truppe ein. So was hatte Molli noch nie zuvor gesehen und der Schrecken fuhr ihm in die Glieder. Erst später begriff er, dass die Falko-Götz-Rufe reine Provokation waren, da dieser sich am 3. November 1983 in den Westen abgesetzt hatte. …

Fotos: Marco Bertram, Bildagentur frontalvision.com

> Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit auf www.marco-bertram.de 

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