Oberliga-Premiere für Dynamo Schwerin bei Blau-Weiß 90 Berlin

Oberliga-Premiere für Dynamo Schwerin bei Blau-Weiß 90 Berlin

 
5.0 (2)
MB 09 August 2022

Begeben wir uns zunächst auf eine Zeitreise. In der Wende-Saison 1989/90 spielte die SG Dynamo Schwerin in der Staffel A der DDR-Liga (zweithöchste Spielklasse) und hatte es unter anderen mit dem FC Vorwärts Frankfurt (Oder), dem 1. FC Union Berlin, der BSG KKW Greifswald, der BSG KWO Berlin und der BSG Chemie „Wilhelm-Pieck-Stadt“ Guben zu tun. Jene Spielzeit wurde mit einem mäßigen 14. Platz abgeschlossen, doch in Erinnerung blieb das Ganze dennoch.

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Dynamo Schwerin zog ins FDGB-Pokalfinale ein und trat im Berliner Jahn-Sportpark als PSV Schwerin gegen die SG Dynamo Dresden an. Denkbar knapp musste man sich mit 1:2 geschlagen geben, durfte jedoch im Europapokal der Pokalsieger in der ersten Runde gegen Austria Wien (0:0 und 0:2) antreten. In der NOFV-Liga-Saison 1990/91 wurden die Schweriner allerdings nur Vorletzter und verschwanden in der sportlichen Versenkung. Da nutzten auch die 15 Saisontore von Legende Steffen Benthin nix.

 

Ebenso in der Versenkung verschwand in jener Zeit die Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin, die 1986/87 mit dem Erstligaauftritt noch für reichlich Furore sorgte und knapp davor war, Hertha BSC dauerhaft als Nummer eins in West-Berlin abzulösen. 1991/92 spielten die Blau-Weißen noch in der Staffel Nord der 2. Bundesliga, schnupperten zwischenzeitlich an den höheren Rängen, nahmen dann nur an der Abstiegsrunde teil und mussten letztendlich wegen rund einer Million DM Schulden und dem Entzug der Lizenz Konkurs anmelden.

Blau-Weiß 90 wurde aus dem Vereinsregister gelöscht und musste als SV Blau-Weiss ganz unten in der Kreisliga C neu anfangen. Inzwischen wird stolz wieder das „Sp.Vg.“ im Namen getragen, und in der Nordstaffel der NOFV-Liga gehört Blau-Weiß 90 Berlin zu den Top-Teams. Ebenso ganz unten fing die 2003 neu ins Leben gerufene SG Dynamo Schwerin an. Zuletzt gelang der fulminante Durchmarsch von der Landesliga in die NOFV-Oberliga, und beim vergangenen Aufstieg - der zugleich Abschied von der geliebten Paulshöhe war - waren rund 2.400 Fußballfreunde auf den Rängen.

 

Am vergangenen Samstag kam es zur Begegnung Blau-Weiß 90 Berlin vs. Dynamo Schwerin, und es war klar, dass einige Schweriner im Volkspark Mariendorf zu erwarten waren. Ich haute im Vorfeld in einem Chat-Verlauf mal eben die Zahl 100 in den Raum - und bei den Blau-Weißen schaute man mit gemischten Gefühlen auf das anstehende Auftaktspiel der Saison 2022/23. Der Ruf der Dynamo-Fans eilte dem Ganzen voraus - die friedliebende Fangemeinde von Blau-Weiß 90 mag definitiv keinen Stress. Das Theater in Torgelow hatte manch einem gereicht. 

Letztendlich waren es rund 30 bis 40 Dynamo-Fans aus Schwerin, die es nach Berlin geschafft hatten. Zum einen waren einige Fans noch im Urlaub, zum anderen spielte am Abend Hansa Rostock gegen Arminia Bielefeld, und somit fehlten locker 20 bis 30 Schweriner, die beiden Vereinen die Daumen drücken. „Wo sind denn die 100 Dynamo-Fans?“, wurde ich vor der Partie gefühlt hundertmal gefragt. Unter dem Strich war man erfreut, dass überhaupt mal wieder Gästefans vor Ort und diese auch noch völlig tiefenentspannt waren.

 

Für Erheiterung sorgte ein Blick in das Programmheft, in welchem von der „SG Dynamo Berlin“ zu lesen war. Beim Bier wurde reichlich gescherzt. Gab es wie zu DDR-Zeiten mal wieder eine Delegierung von einer Stadt zur anderen? Manche Vorwärts- und Dynamo-Vereine konnten ja davon ein Liedchen trällern. Aber gut, so ein Vertipper passiert nun mal, wenn im Sommer mal schnell was mit heißer Nadel gestrickt wird. Zudem klingt aus Sicht der Mariendorfer ein „Dynamo Schwerin“ wahrlich exotisch.

 

Insgesamt hatten sich 150 Zuschauer auf der Haupttribüne des Volksparks Mariendorf eingefunden, und vor dem Anpfiff gab es eine Trauerminute für die jüngst verstorbene Marei. Die blau-weiße Familie hatte mehr als eine gute Seele verloren, und nach der Schweigeminute wurden zahlreiche blaue und weiße Luftballons gen Himmel geschickt.

 

Auf dem grünen Rasen tat sich zunächst Blau-Weiß 90 gegen den Aufsteiger aus Schwerin ziemlich schwer. Zunächst gab es einen straffen Schuss links vorbei, in der 12. Minute machte Nicklas Klingberg das 1:0 für die SG Dynamo - vorbei am herausgekommenen Berliner Torwart Nico Wiesner. Na geht doch! Der erste dynamische Treffer in der Oberliga war bereits in trockenen Tüchern. Auf diesen musste Blau-Weiß 90 Berlin nach dem Aufstieg in die Oberliga einige Spieltage warten, bis letztendlich der Knoten auswärts bei Hertha 03 Zehlendorf platzte.

 

Es sollte bis zur 42. Minute dauern, bis Blau-Weiß 90 gegen Dynamo Schwerin ins Schwarze traf. Nach einer Balleroberung am Mittelkreis ging es flott über die rechte Seite, am Ende schloss Romario Hartwig souverän ab. Ein Raunen ging eine Minute später über die Ränge, als nach einem Lattentreffer die Gäste fast mit 2:1 in Führung gingen. Es ging schließlich mit einem 1:1 zum Pausentee, und aus den Boxen ertönte „Kreuzberger Nächte sind lang …“

 

Nett wurde sich mit zwei anwesenden Fans der BSG Stahl Brandenburg ausgetauscht, bevor es in die zweite Halbzeit ging und die Blau-Weißen ein gehöriges Schippchen drauflegen konnten. Zunächst senkte sich ein Schlenzer auf die Latte, dann folgte in der 55. Minute eine Doppelchance für Blau-Weiß 90. In der Folgezeit verteidigte Dynamo Schwerin tapfer und die Berliner drückten weiterhin aufs Tempo. 

 

Die blau-weiße Erlösung erfolgte eine Viertelstunde vor Schluss. Nach einer Ecke bekam die Dynamo-Abwehr das Leder nicht aus der Gefahrenzone, aus kurzer Distanz machte Romario Hartwig seine zweite Bude des Tages. Den Sack zu machten schließlich Florian Kohls in der 82. Minute und Mike Brömer in der 90.+1. Minute. Nach Abpfiff feierten die Blau-Weiß-Fans ihre Mannschaft, auf Gästeseite wurde den Spielern, dem Trainergespann und den Betreuern Mut zugesprochen. Man hatte keine so schlechte Partie gezeigt, und zudem galt zu Bedenken, dass Dynamo Schwerin vier neue Spieler fehlten, da noch keine offizielle Nachmeldung möglich war. Der Staffelleiter war wohl die zwei Tage vor der Partie telefonisch nicht erreichbar.

 

Fakt ist, nach dem ersten Beschnuppern dürfen sich die Blau-Weiß-Fans auf das Rückspiel im Sportpark Lankow freuen. Dort seien die Berliner definitiv herzlich willkommen, und auch nach der Partie könne dort locker flockig gemeinsam ein Bierchen gezischt werden…

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin

> zur turus-Fotostrecke: SG Dynamo Schwerin

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Spielergebnis:
4:1
Zuschauerzahl:
149
Gästefans
40

Ligen

Inhalt über Liga
Oberliga
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