Pöbelei, Emotionen und viel Kampf: Ein Pokalfight vom Allerfeinsten im Mühlenbecker Land

Pöbelei, Emotionen und viel Kampf: Ein Pokalfight vom Allerfeinsten im Mühlenbecker Land

 
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MB 28 März 2022

Als man in den 90ern die Türen der alten S-Bahn-Waggons noch während der Fahrt aufziehen konnte, war die Strecke zwischen Blankenburg und Mühlenbeck-Mönchmühle im Sommer übelst beliebt. Eine gefühlte Ewigkeit fuhr die S-Bahn zwischen den beiden Stationen, und bei offenen Türen konnte man sich den warmen Wind durch die Haare streichen lassen und die vorbeiziehenden Felder bestaunen. Ungemütlich konnte es allerdings in den Abendstunden werden. Der Abschnitt war bei Glatzen gern beliebt, weil man während der elendig langen Fahrt hübsch allein sitzende Fahrgäste belästigen und im schlimmsten Fall auch ausrauben und verkloppen konnte. Die vielleicht zehnminütige Fahrt konnte sich dann gefühlt eine Stunde lang hinziehen. Quasi eine Ewigkeit, wenn Rowdys und Halbstarke mal wieder während der Fahrt Radau machen wollten.

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Im Sommer 1997 hatte ich sogar mal ein dreiviertel Jahr auf einer Datsche in Bergfelde gewohnt. Im Garten schrieb ich an meinem ersten Laptop an einem Buch über wilde Erlebnisse in Brasilien, am späten Nachmittag schnappte ich mir den Schäferhund von Mitbewohnerin Michaela, joggte mit ihm zehn Kilometer durch die anliegenden Wälder und scheuchte im Unterholz schlafende Wildsäue und Keiler auf. War ne geile Zeit! Spät Abends mied ich allerdings die S-Bahnfahrt über Schönfließ und Mühlenbeck-Mönchmühle und zog die S1 von Birkenwerder vor, um in die große bunte Stadt zu gelangen. Diese Strecke war eh mega, weil auf dieser in den 90ern die ganz, ganz alten S-Bahnzüge mit den Nieten und Holzbänken eingesetzt wurden. 

 

Jedoch genug der Schwelgerei. Zurück in der Gegenwart. Ein Blick auf die Spielpläne. Die Suche nach einem duften Kreispokalspiel im Umland. Die Wahl fiel bereits auf Rehfelde, als ich dann doch noch einmal in der Region Oberhavel / Barnim guckte. Volltreffer! Bingo! Der Kreisligist SV Mühlenbeck 1947 empfing im Viertelfinale des Kreispokals den Kreisoberligisten SV Grün-Weiß Bergfelde. Ein lokales Duell. Quasi schon fast ein echtes Derby, trennen die beiden Ortschaften gerade einmal sieben Straßenkilometer. Das klang wirklich phantastisch, und somit ging es am Samstag mit beiden Kindern mit der S-Bahn nach Mühlenbeck. Vom Bahnhof aus waren knapp zwei Kilometer bis zum Sportplatz zu laufen, und aus gewisser Entfernung waren bereits die ersten Schlachtrufe zu vernehmen.

 

Für drei Euro waren die Zuschauer mit von der Partie. Offiziell waren es 350, die das Pokalduell sehen wollten. Unter ihnen einige Gästefans, die sich auf der Gegengerade hinter der Werbebande platziert und zwei Banner befestigt hatten. Aus drei weißen Bettlaken wurde ein „Bergfelder Jungs“ gebildet, links daneben war ein „Ultras“ auf einem grün-weiß gestreiften Stoff zu lesen. Da Grün-Weiß gegen Grün-Weiß spielte, war auf dem ersten Blick am Bierstand nicht erkennbar, ob vor einem ein Heim- oder Gästefan stand. Der allgemeine Bierdurst war recht groß, bei schlappen zwei Euro für 0,4 Liter wurde gut zugegriffen. Gemixt wurde zudem im Vereinsheim Aperol Spritz, für exzellent befunden wurde vom Bratwurst-Experten Felix (mein jüngerer Sohn) das gereichte Grillgut im Brötchen. Mit seinen sechs Jahren wollte er das erste Mal auch Senf dazu probieren. „Ist gar nicht soooo sauer“, lautete sein Urteil über die gelbliche Zugabe.

 

Und was das Ambiente betraf, durfte sogleich gesagt werden: Fetzte wie Sau! Ein paar Unikate liefen mit Camouflage und Yakuza-Jacken herum, bereits vor Anpfiff war die Pöbelquote bereits auf einem beachtlichen Niveau. Insbesondere die etwas ältere Generation holte den Sprachwortschatz der alte Landschule hervor und kommentierte während der kommenden zweieinhalb Stunden jede Aktion. Zu Beginn der Partie hielten die Bergfelder ein paar grüne und weiße Zettel hoch und zündeten etwas Pyrotechnik. Applaus und lauthalses Lachen auf Heimseite unter dem kleinen Blechdach. „Für ein Heimspiel, seid Ihr ganz schön laut!“, riefen die Bergfelder Jungs in der Anfangsphase. Später jedoch verlegte sich das Epizentrum ganz eindeutig in den Heimbereich. Je spannender die Partie wurde, je mehr Bier die Kehle hinunterfloss, desto intensiver wurde die Unterstützung.

 

Und dabei schien es in der ersten Halbzeit, als würde Bergfelde das Ding recht locker über die Bühne bringen. Bereits nach einer Viertelstunde musste Heimspieler Adnan Nezirevic aufgrund einer Knieverletzung vom Platz, für ihn kam Dennis Maximilian Kind ins Spiel. Sieben Minuten später machte René Retkowski das 1:0 für den Favoriten aus Bergfelde. Nachdem in der 33. Minute André Neue zum 2:0 nachlegen konnte, schien der Drops gelutscht. Gleich den Fünfer ins Phrasenschwein! Ein Kumpel von mir schmiedete bereits den Plan, kurz nach der Pause gehen zu wollen. Aber komm! Irgendwie ein glückliches Ding zum 1:2-Anschluss und es könnte noch einmal rundgehen!

 

Gesagt, getan. Mühlenbeck wechselte nach der Pause zweimal durch, und in der 64. Minute machte Bastian Kulk tatsächlich 1:2 klar. Und was für ein schönes Ding! An Gehen war auch bei meinem Kumpel nicht mehr zu denken. Mühlebeck machte nun richtig Alarm, und nur sieben Minuten später erzielte Bastian Kulk seinen zweiten Treffer des Tages. Ausgleich. Nun war richtig Alarm auf der Heimseite. 

 

Mit dem 2:2 ging es in die Verlängerung, und mein größerer Sohnemann machte gerade auf der Gegengerade ein paar Fotos, als Paul Michael Franzen in der 99. Minute zum 3:2 abschloss. Alter Schalter! Was für ein Jubel. Rund 250 der 350 Zuschauer drehten nun richtig am Rad. Minute für Minute näherte sich das Ende der Verlängerung, und als sich die Heimseite bereits den Abpfiff herbei sehnte, kam es im Strafraum zu einem Foul. Der Schiedsrichter wollte zunächst weiter spielen lassen, doch gab der Assistent an der Linie ein Signal. Nach kurzer Absprache wurde auf Elfmeter für Bergfelde entschieden. Und das in der 116. Minute. Verdammt ärgerlich für Mühlenbeck. Im ersten Versuch konnte Mühlenbeck-Keeper Oskar Wolff den Schuss abwehren, doch im Nachschuss machte Tom Thiele den Ausgleich zum 3:3 klar. Nun tobte die Gästeseite vor Freude.

 

Ein weiterer Treffer sollte nicht mehr fallen. Das Elfmeterschießen musste nun die Entscheidung bringen. Da Oskar Wolff in der 116. Minute bereits gezeigt hatte, was er drauf hat, ging die Heimseite mit gesundem Optimismus ran. Und siehe da, Oskar Wolff war zur Stelle. Ein Schuss über die Latte auf Heimseite konnte verschmerzt werden, da für Bergfelde nur Sebastian Buchholz, André Neue und Tom Thiele trafen. Für Mühlenbeck behielten Sergej Krasnikov, Oemer Burak Koc, Bastian Kulk und Aurel Hameister die Nerven. Mit 4:3 konnte Mühlenbeck das Elfmeterschießen gewinnen - die Zuschauer rannten voller Freude auf den Platz. Von Häme in Richtung Bergfelde war nun jedoch kaum etwas zu hören. Es war schön zu sehen, wie sportlich man nach Spielende miteinander umging.

 

Mühlenbeck feierte den Sieg, startete eine „Uffta“ und ließ - sehr zur Freude meiner beiden Kinder - ein großes Bierglas kreisen. „Wir später ooooch …“, lautet der Vorschlag. Klar doch! „Hier regiert der SVM!“, brüllten indes die Mühlenbecker Spieler und bedankten sich bei den Zuschauern. Anschließend machte sich ein Mühlenbecker zur Legende, indem er mit dem riesigen Bierglas in der Hand brüllend eine Ansage machte. Und zwar so laut, dass irgendwann die Stimme versagte. Das Ganze darf gern auf unserem online gegangenen YouTube-Video bestaunt werden. Dat hat er sich wahrlich verdient! Keine Frage, dieser Pokalnachmittag war einfach genial. Amateurfußball mit allem Drum und Dran. Wenn es die Zeit zulässt, schauen wir auch im Halbfinale vorbei. Versprochen! 

 

In eigener Sache: Wer Bock hat, sich über den regionalen Fußball zu informieren, dem sei unter anderen „Fußballheimat Brandenburg“ empfohlen. Frisch aus dem Druck kam zudem der Fußball-Roman über den ASK / FC Vorwärts Berlin / Frankfurt (Oder). Infos und Bestellmöglichkeit gibt es auf www.marco-bertram.de.

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Impressionen vom Kreispokalspiel Mühlenbeck vs. Bergfelde

> zum Video (mit der besagten Ansprache) auf unserem YouTube-Kanal

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Spielergebnis:
7:6
Zuschauerzahl:
350
Gästefans
100

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Landespokal
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