Der Geist von Eindhoven schwebt noch über dem Stadion der Freundschaft

Der Geist von Eindhoven schwebt noch über dem Stadion der Freundschaft

 
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MB 03 Oktober 2021

Ein Knistern lag am 19. September 1984 in der Luft. Heute würde was gehen! Heute würde Frankfurter Fußball-Geschichte geschrieben werden! Der Stadionsprecher Roland Reißmüller las mit einer etwas steifen Stimmlage die Mannschaftsaufstellungen vor, und als er das „Number one - Hans van Breukelen“ in sein Mikro rief, tobten die Massen im weiten Rund. Europapokal. Kein Geringerer als der PSV Eindhoven war an jenem Mittwochabend zu Gast beim FC Vorwärts Frankfurt (Oder).

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Die in Weiß spielenden Frankfurter machten richtig Alarm, und bereits nach sechs Minuten machte Lutz Hendel mit einem satten Schuss das 1:0 klar. Die 16.000 Zuschauer sprangen auf und rissen die Arme gen Abendhimmel. Zwischen dem linken Pfosten und dem Ball passte kein Blatt mehr, genauer konnte das runde Leder nicht untergebracht werden. Der FC Vorwärts ließ nichts anbrennen. Schlussmann Karl-Heinz Wienhold war stets zur Stelle, und nach einer Stunde konnte Rainer Pietsch mit dem Kopf zum 2:0 nachlegen. In der 77. Minute hatte André Jarmuszkiewicz sogar das 3:0 auf dem Fuß und wollte den Ball hübsch heben. „Hätte ich ihn bloß geschoben“, erklärte er im Nachgang im Zeitungsbericht vom einstigen Vorwärts-Spieler Jürgen Nöldner, der nun als Journalist tätig war. 

Das Rückspiel in Eindhoven verlief sehr unglücklich und wurde mit 0:3 verloren. Das Aus im UEFA-Pokal, und niemand hätte damals ahnen können, dass dies der letzte Europapokalauftritt der Armee-Fußballer in Gelb-Rot war. Eindhoven - wieder Eindhoven! Kurz vor dem Umzug von Ost-Berlin nach Frankfurt an der Oder im Sommer 1971 waren die Partien im Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger die letzten Spiele auf europäischem Parkett als FC Vorwärts Berlin (bis 1966 ASK Vorwärts). In Eindhoven wurde mit 0:2 verloren, das Rückspiel im Jahn-Sportpark wurde am 24. März 1971 vor 16.000 Zuschauern mit 1:0 gewonnen. Otto Fräßdorf erzielte den Treffer des Tages, Jürgen „Kuppe“ Nöldner stand damals noch mit in der Startformation.

Was 37 Jahre nach dem Frankfurter Auftritt gegen Eindhoven im Stadion der Frankfurt noch an die alten goldenen Zeiten erinnert? Wenig. Drei der vier Flutlichtmasten sind inzwischen verschwunden, am Verbliebenen sind ein paar Mobilfunkantennen angebracht. Statt der alten hellblauen Haupttribüne gibt es nun einen in Rot gehaltenen modernen Komplex auf der Haupttrbüne, der sich sehen lassen kann. In den Gängen und im kleinen Vereinsheim erinnern Fotos und Utensilien an die alten Zeiten. 

Läuft man auf dem Ring eine Runde um das Stadion kann man noch ein wenig die Historie atmen. Alte Zäune, teils alte Sitzbänke, die alten Blocknummern neben den Neuen. Die Treppen und Geländer, das Marathontor, der weite Blick - sensationell! Welch ein geniales Stadion! Man könnte / man müsste viel mehr draus machen! Auch wenn der heutige 1. FC Frankfurt aufgrund der Fusion im Jahre 2012 auf dem Papier nur zur Hälfte als Nachfolgeverein des FC Vorwärts Frankfurt zählt, wäre weitaus mehr machbar. Ein paar geniale Graffiti könnten beispielsweise an alte Europapokalschlachten erinnern. Im Stadion am Quenz zeigt man beim FC Stahl Brandenburg, wie Historie wieder lebendig gemacht werden kann. Die Renovierung des Gebäudes, in dem sich Vereinsheim und Spielertrakte  befinden, ist sensationell gelungen! Ähnliches ist bei der SG Dynamo Schwerin zu bewundern, wo die Geschichte des Vereins stets zu spüren ist.

Vergangenheit, Tradition, Gegenwart und Zukunft könnten auch in Frankfurt an der Oder noch besser vereint werden. Mag manch ein Oderstädter müde abwinken, so könnte es für neutrale auswärtige Fußballfreunde ein echtes Highlight sein. Frankfurt an der Oder ist immer eine Reise wert! Die Kombination aus „in Slubice was futtern gehen“, einem Spaziergang an der Oder und auf der Insel Ziegenwerder sowie dem anschließenden Fußballausflug ins altehrwürdige Stadion der Freundschaft ist aus meiner Sicht - und auch die meiner gestrigen kleinen und großen Begleiter - schlichtweg genial. Da schlummert Potential.

Und ja, der gestrige Ausflug hatte sich gelohnt. Nach der riesigen Schnitzelplatte auf der polnischen Seite und einem Verdauungspaziergang am Wasser konnte bei bestem Oktoberwetter eine unterhaltsame Partie bestaunt werden. Am Bierwagen traf man auf äußerst nette Fußballfreunde, die bereits zu FCV-Zeiten ins Stadion pilgerten - beste Grüße und besten Dank an dieser Stelle -, auf dem Rasen ließ die Mannschaft des 1. FC Frankfurt gegen den FC Eisenhüttenstadt nichts anbrennen und konnte mit 5:2 gewinnen.

Immerhin 240 zahlende Zuschauer hatten sich auf den Rängen eingefunden, und bereits in der dritten Minute erzielte Paul Bechmann das 1:0. Noch vor der Pause konnten Robin Grothe (27. Minute) und Georges Florent Mooh Djike (33. Minute) zum 2:0 bzw. 3:0 nachlegen. Kuriosität des Tages: „Hütte“ bekam gleich zwei Elfmeter zugesprochen. Beide konnte Erik Schack in der 45.+1. und 53. Minute verwandeln. 

Halb so wild, denn in der 48. Minute konnte Paul Bechmann sein zweites Tor des Tages schießen, und in der 74. Minute machte Jonas Kwast die Sache rund. Na geht doch! In der Brandenburgliga ist man oben dabei, und auch der Fanclub vom Frankfurter Trainer Thorsten Beck war hochzufrieden und feierte nach Abpfiff lautstark mit einem „Derbysieger! Derbysieger!“ den deutlichen Sieg. 

Hinweis in eigener Sache: Noch vor Weihnachten wird es ein Buch über die Historie von Vorwärts Berlin / Frankfurt (Oder) geben. Es wird als Taschenbuch im Verlag CULTURCON medien in der Reihe der Fußballfibeln erscheinen. Zwei teils fiktive Alltagsgeschichten in Ost-Berlin der 50er und 60er Jahre und in Frankfurt an der Oder der 70er und 80er Jahre werden im Buch mit dem realen sportlichen Geschehen verknüpft. Weitere Infos werden in Kürze unter anderen auf der privaten Webseite www.marco-bertram.de bekanntgegeben.

Fotos: Marco Bertram, Dominik Bertram, FCV-Fan (Eintrittskarte)

> zur turus-Fotostrecke: 1. FC Frankfurt (Oder)

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Spielergebnis:
5:2
Zuschauerzahl:
240
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Schöne Erinnerung

War eine schöne Zeit damals. Aber sie wird nie wieder zurück kommen. Was bleibt sind die Eintrittskarten, Programmhefte und Biergläser. Gruß an die ehemalige Fanszene Oderfront & Arthur hilf !

RW
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