Werder Bremen vs. Hansa Rostock: Totale Gegensätze und völlig abstruse Rahmenbedingungen

Werder Bremen vs. Hansa Rostock: Totale Gegensätze und völlig abstruse Rahmenbedingungen

 
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MB 30 August 2021

1. FC Köln vs. F.C. Hansa Rostock fünf DM. Borussia Dortmund vs. Bayer 04 Leverkusen fünf DM. SV Werder Bremen vs. Bayer 04 Leverkusen 16 DM. Merkste wat? Der Bremer an sich sich war bereits damals in der Bundesligasaison 1991/92 ein knallharter Kaufmann, der wusste, wie die Moneten reinzuholen sind. Fairerweise muss gesagt werden, dass wir damals im Müngersdorfer Stadion und im Westfalenstadion ermäßigte Eintrittskarten hatten - im Bremer Weserstadion indes nicht. Der Grund? Es gab einfach keine. Karsten und ich feiern in diesem September unsere 30-jährige Freundschaft - wir lernten uns Anfang September 1991 bei der Ausbildung in Leverkusen kennen -, und eine unserer ersten Auswärtstouren in einem Fanbus führte uns am Freitag, den 21. Februar 1992 nach Bremen.

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Eine richtig schöne Assitour war das. Rein in den Bus, Büchsen aufreißen, Kippen an und vorn ne VHS-Kassette eingelegt. Und weil die Belegschaft gefühlte hundertmal pinkeln gehen musste und zehnmal das „Aral-Aral-wir-plündern-total-Spiel“ haben wollte - manch einer kam mit Plüschtieren aus der Tanke -, kamen wir zu spät am Weserstadion an. 

Kaum drin im Gästeblock - Hurra, hurra, der Bayer, der war da! -, erzielte Thorsten Legat in der 11. Minute den Führungstreffer für Werder. Die ersten hingen am Zaun vor Wut, andere warfen ihr frisch geholtes Bier auf die Traversen. „Was ist grün und stinkt nach Fisch?“ Nachdem nur sieben Minuten später Andi Thom den Ausgleichstreffer klar machte, dachten wir, wir würden das Weserstadion zum Einstürzen bringen. Die rund 150 Gästefans gingen völlig ab, rissen am Zaun und umarmten sich innig. Keine Frage, zu jener Zeit wurde ich beim Fußball sozialisiert und bekam zu sehen, wie der Hase läuft. Wie viel Büchsenbier in einen Bauch reinpassen. Wie man am besten pöbelt mit 1,8 im Turm. Und wie ungelogen auf der Rückfahrt ein Herr vor uns seine Hose runterließ und einer Dame seiner Wahl seine Fleischpeitsche in Gesichtshöhe anbot. 

Bremen! Das hatte sich eingeprägt. Im Jahr darauf war ich noch einmal dort, seitdem allerdings nie wieder im Weserstadion. Um auf die Gegenwart zu sprechen zu kommen: Vor zwei Jahr gab ich ein Verspechen ab. Würde der F.C. Hansa Rostock endlich, endlich wieder in die 2. Bundesliga aufsteigen, würde ich jedes Auswärtsspiel mitnehmen. Allerdings konnte ich damals nicht ahnen, dass „Corinna“ ins Spiel kommen würde. Hansa Rostock packte nun nach extrem spannender Rückrunde die Wiederkehr in die 2. Bundesliga, doch waren die Karten im wahrsten Sinne des Wortes anders gelegt als damals erhofft.

Von Spiel zu Spiel gucken, lautet nun die Devise. Mit Krücken ging es im Mietwagen nach Hannover. Zum Glück, denn wurde dort ein megageiler 3:0-Auswärtssieg gefeiert. Nach Heidenheim hatte ich es aus familiären Gründen nicht geschafft, doch sollte eine Tour nach Bremen absolute Pflicht sein. Nach fast 30 Jahren wieder dort vorbei schneien. Auf die alten Zeiten, wenngleich ich damals mit der Werkself vor Ort an der Weser war. Wie vor drei Jahrzehnten hielt der kühle Bremer Hanseat die geschäftstüchtigen Hände auf und forderte anfangs satte 35 Euro für ein Ticket im Gästebereich. Alter Schalter. Das ist wahrlich eine Hausnummer. Geilste zweite Liga hin, geilste zweite Liga her. Auch Geiz ist geil. Und bei vielen sitzen die Moneten aktuell auch nicht gerade locker in der Tasche. 

Und es blieb ja nicht allein beim extrem hohen Preis. Der F.C. Hansa Rostock erhielt einfach nicht die Möglichkeit, das Gästekontingent an seine Mitglieder / Fans zu verkaufen. Es wurde verlangt, dass man sich als Hansa-Fan im Ticketportal des SV Werder Bremen anmelden sollte - und zwar mit allem Drum und Dran. Eine krasse Nummer. Verständlich, dass die Fanszene dazu aufrief, das Spiel zu boykottieren. Wer hat schon Bock, als jüngerer aktiver Fan dem Gegner seine Daten frei Haus abzuliefern?!

Andererseits war Hansa Rostock seit dem 3. November 2007 nicht mehr zu Gast beim SV Werder Bremen. Und welcher ältere Hansa-Fan denkt nicht mit leuchtenden Augen an den 3. April 1999 zurück, als Hansa sage und schreibe mit 3:0 an der Weser gewinnen konnte?! Werder Bremen! Das klingt ja nicht nur nach 2. Bundesliga, sondern gefühlt nach 1. Bundesliga. Und somit bissen zahlreiche - vor allem ältere Hansa-Fans - in den sauren Apfel und orderten - teils nach etlichen Schwierigkeiten - online eine Karte, die von Hansa Rostock immerhin auf 25 Euro runtergehandelt wurde. 

Test gemacht, Mietwagen gebucht, Schal eingepackt - und mit etwas mulmigen Gefühl gen Bremen gedüst. Die Begegnung wurde als Hochsicherheitsspiel eingestuft, doch wie in Bremen üblich darf man seinen PKW irgendwo im Wohngebiet abstellen. Keine Ahnung, wie man eine Parkkarte hätte ordern können. Fakt ist, irgendwo am Osterdeich war Schluss. Ordner fingen einen ab und wünschten - ohne Witz - viel Glück bei der Parkplatzsuche in den Straßen und Gassen der Östlichen Vorstadt. Irgendwo zwischen TÜV Nord und einem Autohändler wurden wir fündig und konnten das gute Stück abstellen.

Ein Stück weiter wurden die ersten Hansa-Fans vor einem Kiosk gesichtet. Großes Hallo, es wurde sich angeschlossen, der Kräuter wurde gereicht. Jedem parkplatzsuchenden Hansa-Fan wurde freundlich zugewinkt. Dat wird schon! Der Bremer an sich zeigte sich von einer tiefenentspannten Seite. Warum wir dort am Kiosk stehen, wurden wir von jemanden gefragt. Ein Stück weiter wäre es viel schöner, und dort seien auch ganz viele Fans. Hansa-Fans? Nee, Werder-Fans. Aber die freuen sich über Gesellschaft. Und in der Tat wurde man zwei Ecken weiter fündig und tat sich gegenseitig kund, dass man sich über das Wiedersehen sehr freue. Aus Werder-Sicht war es sicherlich mal ganz nett, nicht Hoffenheim oder RB Leipzig, sondern die Rostocker zu Gast zu haben. Hoch die Tassen. Ein älterer Rostocker machte das Angebot: Ein Remis, und dafür dürfe Werder am Ende der Saison aufsteigen. Lachend wurde dieses Angebot abgelehnt.

Immer noch tiefenentspannt ging es gemischt gen Weserstadion, und auf dem Weg dorthin durfte noch eine 1a Kutte bestaunt werden. Bis direkt vor den Gästeeinlass gab es quasi keine Fantrennung, doch ab dort musste halt gezeigt werden, dass es ein Hochsicherheitsspiel war. Die Polizei beäugte grimmig die Ankömmlinge, beim Einlass wurden wie am Flughafen die Papiere kontrolliert und abgeglichen. Corona-Test und Ausweis. Eintrittskarte und Ausweis. Zum Abschluss die Arme hoch. Drinnen gab es dann jedoch trotzdem Vollbier. Der Bremer Hanseat ist halt wie erwähnt ein tüchtiger Kaufmann und möchte den Rubel rollen sehen. Kleine Wurst - großes Geld. Ein Gehopftes war für 4,90 Euro zu haben. 

Beim Betreten des Gästebereichs, der sich im Oberrang befindet, wurde ich sogleich stutzig. Irgendwas haut hier nicht hin. Okay, durch das durchgängig gespannte Netz müssen sich halt die Pupillen irgendwie dran vorbei fixieren. Aber diese nun wahrlich nicht zeitgemäßen Stützen sind wirklich ein echtes Grauen. Sind die dort mit Absicht eingebaut worden? Ein Blick auf die anderen drei Tribünen zeigt, dass dort das Dach eine andere Konstruktion hat. Logischerweise ohne Stützen. Ist der Gästeblock mal ausverkauft, hat man - wenn es blöde kommt - eine der Metallsäulen mitten im Blickfeld. Beim gestrigen Spiel blieb indes genügend Luft, um sich ein Plätzchen der Wahl zu suchen.

Wie angekündigt hatte die Fanszene das Stadion nicht betreten, und schnell machte die Nachricht die Runde, dass die Polizei mit Wasserwerfer einige mit dem Zug angereiste Hansa-Fans abgefangen hatte. Was den Support beim gestrigen Spiel betraf, so darf dieser als Old School bezeichnet werden. In der ersten Halbzeit wurde es phasenweise erstaunlich laut auf dem Oberrang, und im Normalfall würde mir das sogar ein stückweit gefallen, weil es so schön an die ganz alten Zeiten erinnerte, doch in Anbetracht der katastrophalen Umstände stieß das Ganze schon sehr bitter auf. Was wäre gestern möglich gewesen, wäre Rostock mit voller Kapelle angetreten?! 

Da die Mannschaft logischerweise nichts für die Umstände kann, war es erfreulich, dass die anwesenden Hansa-Fans ihre Spieler bestmöglich anfeuerten. In der ersten halben Stunde sah es sogar noch recht gut. Zumindest wurde bis dato hinten die Null gehalten, was ja bei einem Auswärtsspiel bei einem gefühlten Erstligisten eine Menge wert ist. Vor wenigen Jahren spielte Hansa noch gegen die zweite Mannschaft, und nun kam das Wiedersehen mit der ersten Mannschaft schneller als die meisten für möglich gehalten hatten. Und mit etwas Glück hätte Streli Mamba den Rostocker Führungstreffer erzielen können, doch sein Schuss landete im Außennetz.

Und dann! Verdammte Axt! Kurz vor der Pause ging nach einer Hereingabe der Ball an die Hand von Julian Riedel. Elfmeter für den SV Werder Bremen, Marvin Ducksch verwandelte diesen souverän. Das Heimpublikum feierte. Das typische Gefühl der Ohnmacht im Gästeblock. Und Mensch ja, Mamba hatte fast die passende Antwort parat. Noch vor der Pause zischte sein gezirkelter Schuss am rechten Pfosten vorbei. 

Im zweiten Spielabschnitt ließ der SV Werder Bremen den Ball rollen und kombinierte sich (leider) sehenswert durch die Rostocker Reihen. In der 51. Minute zog Ducksch einfach mal ab, der Ball knallte an die Unterkante der Latte und kam auf der Linie auf. Davor? Dahinter? Der Ball blieb im Spiel, und der Nachschuss wurde neben das Gehäuse gesetzt. Der war wohl drinnen gewesen, doch das Tor wurde nicht gegeben. Wenig später stürmte Werder mit Wut im Bauch an, Marvin Ducksch wurde angespielt und vollendete zum 2:0. Abseits oder nicht? Der Monitor musste her. Zuerst jubelten die Heimfans, dann jubelten kurz die Gästefans, am Ende durfte sich Werder wirklich über die 2:0-Führung freuen. Abstruse Situationen, die ein Fußballspiel kaputtmachen.

Der Drops war gelutscht - Phrasenschwein her! - und in der Nachspielzeit machte Werder in Form des Treffers von Nicolai Rapp noch das 3:0. Ernüchterung im Gästeblock. Verhalten wurde sich trotzdem bei der eigenen Mannschaft bedankt. Sooo übel war die erste Halbzeit ja schließlich nun auch nicht. In Halbzeit zwei konnte einem jedoch ein wenig Angst und Bange werden. Da muss einfach mehr kommen, wenn man am Ende den Klassenerhalt packen möchte.

Nach dem Rausgehen wurden mein Kumpel und ich von grimmigen Beamten auf einer Treppe abgefangen. Bahn oder Auto? Wat? Wo ist der Unterschied? So oder so musste man gefühlt durch die halbe Stadt latschen. Auto! Wir durften passieren und uns ins Bremer Volk mischen. Quasi vorbei an der Bremer Ostkurve. Ein paar Jungsche hielten Ausschau nach leichter Beute, doch meine Krücken lagen locker in den Händen. Zwei Straßen weiter bekam man wieder das Bild wie vor dem Spiel zu sehen. Totale Entspannung und freundliche Leute. Ich erspähte ein Restaurant, in dem es das Gezapfte in den „zersplitterten“ Gläsern gab. Her damit! 

Bei derbem Regen ging es schließlich auf der Autobahn über Hannover zurück nach Berlin, und ich ließ bei dieser miesen Witterung meinen Gedanken freien Lauf. Bremen vor über 29 Jahren. Wenig später ging es damals im Frühjahr mit dem Bus an einem Freitagabend nach Nürnberg. Hinten fehlte die Scheibe, und eine Zaunfahne diente als provisorischer Windschutz. Die Besatzung war wieder hackedicht, die angesteuerten Tankstellen hatten ihre helle Freude, wieder kamen wir auf dem letzten Drücker an.

Gerade rechtzeitig genug, um eine organisierte Pyro-Aktion der Nürnberger Alt-Hools bestaunen zu dürfen. Auf Zäunen wurden zahlreiche Bengalos angezündet, das proppenvolle Frankenstadion wurde zum Hexenkessel. Wo geht es für Hansa Rostock als Nächstes hin? Richtig! Nach Nürnberg zum Glubb. Man darf gespannt sein, wie das in Sachen Ticketvergabe laufen wird. Großartig optimistisch sollte man nicht sein. Die Zeichen sind generell alles andere als gut… 

Wichtiger Hinweis: Wer meine Tätigkeit (online und auf Papier) unterstützen möchte, dem sei der Kauf des 512-seitigen Wälzers „Kaperfahrten - Mit der Kogge durch stürmische See“ nahegelegt. Das Buch ist direkt bei bei mir - auf Wunsch mit persönlicher Widmung - bestellbar: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

Weitere Infos zu diesem Buch sowie den anderen bislang veröffentlichten Werken gibt es auf der privaten Webseite: www.marco-bertram.de

Fotos: Marco Bertram, Klischi, K. Hoeft

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

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Gegen Darmstadt müssen erstmal Punkte her!

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