Spaß und Beinbruch: Der FC Polonia Berlin gab in Leszno seine Visitenkarte ab

Spaß und Beinbruch: Der FC Polonia Berlin gab in Leszno seine Visitenkarte ab

 
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MB 15 Juli 2021

Noch fix eine Gruppenfoto am Zentralen Omnibusbahnhof in Berlin mit dem Funkturm im Hintergrund - und ab ging die Sause! Mittwoch vor einer Woche war das Ziel klar gesteckt. Auf nach Leszno zur dortigen Polonia Euro 2021! Die Anfahrt gestaltete sich denkbar einfach. Der Autobahn bis kurz vor Poznan folgen und dann auf die Schnellstraße in Richtung Süden abbiegen. Vielleicht mag der eine oder andere schon mal etwas von der 63.000-Einwohnerstadt Leszno (einst Lissen / Polnisch-Lissa) gehört haben. Das mag in den meisten Fällen am dortigen Speedwayverein (Żużel) Unia Leszno liegen, der seine Rennen in der höchsten polnischen Liga (Ekstraliga na żużlu) austrägt. Zuletzt wurde Unia Leszno von 2017 bis 2020 viermal in Folge polnischer Meister und führt auch die Rangliste vor Falubaz Zielona Góra und Unia Tarnów mit sieben Meistertiteln an.

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Beim örtlichen Fußballverein Klub Sportowy Polonia 1912 Leszno werden indes kleinere Brötchen gebacken. Seit 2014 wird in der IV Liga (fünfthöchste Spielklasse gespielt), die zurückliegende Saison 2020/21 wurde mit Rang 19 abgeschlossen, was den Abstieg zur Folge hat. Ein Zuschauermagnet war Polonia 1912 Leszno auch nicht, als vor zehn Jahren in der III Liga gespielt wurde. Selten schauten mehr als 100 Zuschauer vorbei, während es beim Ligakonkurrenten Olimpia Grudziądz auch mal 2.800 sein konnten. In Leszno zählte und zählt nun mal Żużel als Sportart Nummer 1 der Stadt.

Dennoch hat der Fußballverein Polonia 1912 Leszno Symbolcharakter, wurde er doch einst ins Leben gerufen, als der Staat Polen auf der Landkarte nicht existierte. Zwischen den Weltkriegen war Polonia 1912 Leszno einer der führenden Fußballvereine in der Region Großpolen und trat erfolgreich gegen die Clubs aus Poznan an. 1934 konnte bei einem großen Turnier die Bronzemedaille eingefahren werden. Als Kolejarz Leszno stieg der Verein sogar einmal in die zweite polnische Liga auf, 1974 wurde der Name wieder in MKKS Polonia 1912 Leszno geändert, 2017 spaltete sich die Fußballabteilung aus dem Gesamtverein ab.

In den Fokus der Öffentlichkeit rückte nun der Verein als Gastgeber der Polonia Euro 2021, die vom 7. Juli bis zum 11. Juli ausgetragen wurde. Man geht davon aus, dass rund 20 Millionen Menschen mit polnischem Hintergrund im Ausland wohnen, die sich mit polnischer Kultur und Tradition identifizieren. Zweifelsohne ist der Sport - allem voran der Fußball -, ein wichtiges Element, um die über die ganze Welt verstreuten Polen zu vereinen. An zahlreichen Standorten in Nah und Fern wurden von Polen Vereine gegründet, die den weißen Adler auf der Brust, oder zumindest im Herzen tragen. Die Idee war es, im Zuge der Polonia Euro 2021 möglichst viele Vereine einzuladen. Angedacht waren bis zu 16 Teilnehmer, doch mussten die Vereine aus Großbritannien, Italien und auch aus der Ukraine aufgrund der Corona-Maßnahmen absagen. 

Zusammengestellt werden konnte immerhin ein Teilnehmerfeld von acht Vereinen, wobei neben dem Platzhirsch Polonia 1912 Leszno noch eine zweite Auswahl des Vereins antrat. Aus dem Ausland zu Gast waren die beiden deutschen Vertreter Polski Klub Olimpijski w Berlinie und FC Polonia Berlin, sowie der FC Polska Wien und die drei aus den Niederlanden stammenden Vereine FC Schadewijk - Poolse Team, Białe Orły (Tilburg) und PNS Schiedam (Rotterdam). Als Favorit ins Rennen ging neben dem Gastgeber Polonia 1912 Leszno der FC Polonia Berlin. Allerdings trat dieser nicht allein mit der ersten Mannschaft, sondern mit einem Mix aus erster, zweiter und dritter Mannschaft an. Für Polonia Berlin sollte diese Tour nach Leszno eine Art Integrationsfahrt werden, um den Zusammenhalt zu festigen. Um es vorweg zu nehmen: Dies sollte wahrlich gelingen, wenngleich die sportliche Favoritenrolle abgegeben werden musste.

Nach einer stimmungsvollen Fahrt im Mannschaftsbus von Berlin nach Leszno, bei der zum einen oder anderen abgespielten Song lautstark mitgesungen wurde, erreichte die weiß-rote Truppe, die ich als Freund, Supporter und Fotograf begleiten durfte, die Hotelanlage in Leszno. Nach einem Abend der freien Verfügung standen am kommenden Vormittag die Vorbereitungen für die Eröffnungsveranstaltung an der Tagesordnung. Sage und schreibe 50 Mitarbeiter von TVP Polonia waren vor Ort, um ab 12 Uhr live zu senden. Einmarsch der Mannschaften, etwas Folklore, das Abspielen der Mazurek Dąbrowskiego sowie die Reden - alles musste abgestimmt werden. Am Ende spielten das Wetter und sämtliche Teilnehmer mit, sodass die fast ein wenig überdimensionierte Eröffnungsveranstaltung 1a über die Bühne gehen konnte. 

Auftaktspiel war das Gruppenduell FC Polonia Berlin vs. FC Polska Wien. Stimmungstechnisch wurde diese Partie womöglich eines der Highlights des gesamten Turniers. Polonia Berlin konnte das Spiel drehen und nach einem zwischenzeitlichen 3:3 am Ende noch den 4:3-Siegtreffer erzielen. Es wurde getrommelt und gesungen, das „W Berlinie tylko Polonia!“ hallte lautstark über den Platz und erfreute das TV-Team eines Regionalsenders. Der Sieg wurde wie der Turniersieg gefeiert, und die anschließende Jubelorgie in der Kabine konnte sich sehen und hören lassen. 

Im zweiten Spiel des Tages zeigte der Lokalmatador Polonia 1912 Leszno beim 4:2-Sieg gegen PNS Schiedam, dass mit ihm zu rechnen sei. In der anderen Gruppe musste Olympia Berlin eine empfindliche 0:5-Niederlage gegen die Jungs aus Tilburg hinnehmen. Gegen Druzyna Polonii, der zweiten Auswahl aus Leszno, gab es sogar eine 0:10-Klatsche. Auf den Boden der Tatsachen gebracht wurde am ersten Tag jedoch auch Polonia Berlin. Gegen Polonia 1912 Leszno zeigte es sich, dass es mit der Abstimmung im bunt gemixten Team doch recht schwer werden würde. 2:3 lautete der Endstand.

Am Freitag musste für den FC Polonia Berlin gegen PNS Schiedam unbedingt ein Sieg her, um den Einzug in die ersten Vier zu sichern. Es lief jedoch nicht sonderlich rund, und das Ganze endete 0:3. Auf dem Nachbarplatz fuhr indes Olympia Berlin seinen ersten Turniersieg in Form eines 5:1 gegen den FC Schadewijk - Poolse Team ein. Gegen genau jene Mannschaft konnte Polonia Berlin am späteren Mannschaft ebenso einen Sieg (4:2) erringen und sich somit am Finaltag den Kampf um Rang fünf sichern. Aus Spaß an der Freude unterstützten die Spieler von Polonia Berlin samt Anhang im Anschluss die Mannschaft von PNS Schiedam im Kampf um den Finaleinzug. Mit Erfolg. Dank der lautstarken Gesänge konnte Druzyna Polonii mit 2:1 niedergerungen werden. Im Anschluss gab es gemeinsames Abklatschen und laute Jubelgesänge.

Am Ende tranken etliche Spieler von Polonia Berlin am Hotel ein paar Bier mit denen des FC Polska Wien. Zwei Trikots wurden getauscht, anschließend zog man zu einem benachbarten Biergarten weiter, wo ein paar Spieler von PNS Schiedam dazu stießen. Es war angerichtet für den kommenden Finaltag, der im Leichtathletikstadion und im Speedwaystadion ausgetragen wurde. Auf dem Heimweg erlitt ich allerdings einen Unfall, knickte um und kam zu Fall, und fand mich später mit geschwollenem Fuß im Hotelbett wieder. Am Samstag ließ ich mich auf meinen Wunsch hin von einem Freund im Auto abholen und direkt ins Unfallkrankenhaus Berlin bringen, wo ich in der Nacht von Samstag zu Sonntag versorgt und eingegipst wurde. Großes Glück im Unglück: Zwar ist das linke Wadenbein gebrochen, doch blieb das Sprunggelenk heil. Statt Gips darf nun ein Stützschuh getragen werden. Eine OP blieb mir Gott sei Dank erspart.

Was den Finaltag betrifft, so verlor der FC Polonia Berlin das Spiel um Rang fünf gegen den FC Polska Wien knapp mit 1:2. Den dritten Platz sicherte sich Druzyna Polonii mit einem 3:1-Sieg gegen die Białe Orły aus Tilburg. Das große Finale lautete Polonia 1912 Leszno vs. PNS Schiedam, das der Gastgeber erstaunlich klar mit 5:0 für sich entscheiden konnte. Was die Organisation betraf, so wurde man - wenngleich ich den Finaltag nicht miterleben konnte - wirklich angenehm überrascht. Die Versorgung für die Spieler samt Betreuerstab lief wie am Schnürchen, für zwei warme Mahlzeiten am Tag war gesorgt. Keine Frage, das Ganze ruft nach einer Wiederholung. Dann aber bitte ohne Beinbruch…

Tausend Dank an dieser Stelle an den FC Polonia Berlin für die Möglichkeit, das Team im Bus und vor Ort begleiten zu dürfen! Es war mir eine große Ehre! 

Fotos: Marco Bertram, Kartofliska.pl (jubelnde Fans)

> zur turus-Fotostrecke: FC Polonia Berlin 

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