Lechia Dzierżoniów vs. Karkonosze Jelenia Góra: Prima Gästeauftritt - der Aufstieg ist zum Greifen nahe!

Lechia Dzierżoniów vs. Karkonosze Jelenia Góra: Prima Gästeauftritt - der Aufstieg ist zum Greifen nahe!

 
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MB 29 Juni 2021

Der Stadionsprecher sagte es noch ganz laut am Ende: „dwa do dwóch“. Jedoch hafteten Augen und Ohren weiterhin fest am Gästeblock, sodass ich vor Ort diese Aussage gar nicht wahrgenommen hatte. Die Gedanken kreisten um den unnötigen Elfmeter für Lechia Dzierżoniów in der letzten Minute, der zum Ausgleich führte, doch gefühlt das 3:2 für den Gastgeber bedeutete. In der festen Annahme, dass Karkonosze Jelenia Góra knapp mit 2:3 verloren hatte, stieg ich ins Auto und spielte gedanklich die möglichen Szenarien für den kommenden Mittwoch durch. Umso erstaunter nahm ich dann zur Kenntnis, dass auf 90minut.pl ein 2:2 vermerkt wurde. Der erste erzielte Treffer des Gastgebers wurde zurückgenommen, beim Filmen und Fotografieren hatte ich dies gar nicht mitbekommen. Eine Anzeigetafel gab es nicht.

Jelenia Góra! Für mich ist dies nicht irgendeine Stadt. Im Juni 1995 war ich das erste Mal dort vor Ort - damals konnte man mit dem Nachtzug von Berlin aus noch bequem durchfahren -, ab 2007 wurde das einstige Hirschberg eine zweite Heimat für mich. Sommer für Sommer ging es in den Ferien ins Riesengebirge, immer wieder wurde ein Blick auf den dort beheimateten Fußballverein geworfen.

Unvergessen, als 2014 unser größerer, damals vierjähriger Sohn beim Fünftligaspiel gegen Orkan Szczedrzykowice auf der neue Haupttribüne meinte: „Mama, das ist keine Fahne!“ Die rund 40 aktiven Fans von Karkonosze hatten soeben die Zaunfahne „Władcy Sudetów“ (Herrscher der Sudeten) am grünen Zaun befestigt. Aus seiner Sicht gehörte halt zu einer Fahne ein Stock. Damals gab es noch die alten Ränge und das mit Graffiti besprühte kleine Marathontor. Dieses bot sich 1a für ein Fotomotiv an. Im Vordergrund der „laufende Meter“ *Zwinkersmilie*, im Hintergrund das „KSK Hools Squad“. 

Zu jenem Zeitpunkt war der KS Karkonosze Jelenia Góra auf Aufstiegskurs, der ersehnte Sprung in die III Liga (vierthöchste polnische Spielklasse) lockte. Als Tabellenzweiter hinter dem Klub Piłkarski Brzeg Dolny gelang schließlich der Aufstieg - und mit einem Mal waren sie alle wieder da!  Beim ersten Spiel der Saison 2014/15 gegen Ślęza Wrocław kamen mal eben 900 Zuschauer in das Städtische Stadion, und der Fanblock konnte sich wahrlich sehen lassen. Es wurde reichlich beflaggt, die Oberkörper wurden freigelegt, und es wurde geschlossen supportet. In der Folgezeit gab es das eine oder andere interessante Heimspiel, so zum Beispiel gegen Polonia Stal Swidnica  (befreundet mit dem Erzrivalen Górnik Wałbrzych) und Stilon Gorzów Wielkopolski. 

In der Saison 2015/16 schaffte es Karkonosze Jelenia Góra jedoch nicht unter die ersten Sieben zu kommen, und somit musste aufgrund der Ligen-Umstrukturierung wieder der harte Weg in die IV Liga angetreten werden. Es folgten fünf lange Jahre, in den meist fantechnisch tote Hose angesagt war. Hier und da gab es mal ein zartes Aufflackern, doch der Ligaalltag war meist grau und trist. An einem trüben Novembertag 2018 blieb mir beim Heimspiel gegen Górnik Złotoryja nichts anderes übrig, als mir die traurigen Reste der alten Gegengerade anzuschauen. Blöder Mist! Hatte ich doch gehofft, dass die beiden Söhne (der Zweite kam 2016 auf die Welt) mal immer wieder zu den Heimspielen des KS Karkonosze gehen könnten. Immerhin ist Jelenia Góra vor allem für sie familiär betrachtet eine echte zweite Heimat.

Nun aber! In der zweiten von der Corona-Krise überschatteten Saison hatte Karkonosze einen prima Lauf und sicherte sich in der Grupa dolnośląska der IV Liga mit fünf Punkten Vorsprung den ersten Platz. Die „Baraże o udział w III lidze“ (Aufstiegsrunde zur III Liga) steht nun an der Tagesordnung. Erfreulicherweise fand am Montagabend das Hinspiel auswärts in Dzierżoniów (südwestlich von Breslau) statt. Als auf der Fanseite am 23. Juni das „WYJAZD NA MECZ PO AWANS!“ zu lesen war, schlug das Herz gleich schneller. Ein Bus wurde organisiert, der Gästeblock durfte gefüllt werden. 

Der Gegner Miejski Zakładowy Klub Sportowy Lechia Dzierżoniów war von 2010 bis 2019 in der III Liga zu finden, konnte in der Saison 2018/19 jedoch selten mehr als 150 Zuschauer bei den Heimspielen begrüßen. Acht Jahre zuvor gab es diesbezüglich mitunter noch ganz andere Zahlen zu verbuchen. Mit was beim gestrigen Spiel gegen Karkonosze zu rechnen war, erschien im Vorfeld ein wenig unklar. Was den Gästeblock betraf, so durfte durchaus mit 70 bis 80 Mann gerechnet werden. Am Ende waren es 135 Fußballfreunde, die sich nach rund einer halben Stunde im Gästekäfig eingefunden hatten. Unterstützung erhielten die KSK-Fans unter anderen aus Legnica, Bielawianka und Jablonca. Unter dem Strich wurde es ein beachtlicher Mob, der zu überzeugen wusste.

Auf Heimseite war erstaunlich, dass sich nur 10 bis 15 Mann bereit erklärt hatten, gemeinsam auf der Gegengerade Paroli zu bieten. Erstaunlich deshalb, weil die Kulisse als solches durchaus hübsch anzusehen war. Rund 500 Fußballfreunde fanden auf Heimseite den Weg auf die Ränge, doch ging es eher nach dem Motto „Mit Kind und Kegel“ zu. Unten am Zaun wurden die Fahrräder abgestellt, weiter oberhalb wurden die berühmten Sonnenblumenkerne geknabbert. Für die aus Deutschland und Tschechien angereisten Groundhopper bot sich immerhin die Gelegenheit eine Kiełbasa vom Grill und ein alkoholfreies Getränk am Stand zu erwerben. Das beliebte Piwo wurde indes wie vielerorts in den unteren Spielklassen nicht ausgeschenkt. 

Bei schönstem Wetter ging es auf dem Rasen zu Beginn der Partie eher gemächlich zu, doch nachdem die von der Polizei begleiteten Gästefans endlich im Käfig eintrafen, nahm auch das Ganze auf dem Spielfeld an Fahrt zu. Nach dem vermeintlichen Führungstreffer von Lechia Dzierżoniów, der jedoch nicht gegeben wurde, war es Mikołaj Łazarowicz, der in der 56. Minute nach prima Vorarbeit mit dem Kopf den Gastgeber in Führung bringen konnte. Da ich annahm, dass es sich bereits um das 2:0 handeln würde, sah ich bereits die Felle davonschwimmen.

Nix da! Jetzt ging es richtig los! Die ersten Böller flogen, in der 62. Minute machte Tobiasz Kuźniewski nach einer Ecke mit einem sehenswerten Schuss den Ausgleich klar. Die Oberkörper wurden freigelegt und die Fackeln angerissen. Der Rauch war noch nicht verzogen, als in der 69. Minute Kamil Młodziński den zweiten Treffer des Tages für die Gäste in Form eines satten Distanzschusses aus dem Riesengebirge erzielte. Geiles Ding! Voller Freude rannten die Spieler zum Gästeblock und ließen sich zurecht feiern. 

In der 90. Minute sprang Przemysław Kocot beim Zweikampf mit dem Arm nach oben und berührte den Ball. Rote Karte und Strafstoß für Lechia Dzierżoniów. Eine harte doppelte Strafe für Karkonosze. Patryk Chrapek ließ sich nicht lange bitten und verwandelte souverän den Elfmeter. 2:2 der Endstand - alles drin für Karkonosze Jelenia Góra! Der Verein wirbt nun um volle Unterstützung auf den Rängen am Mittwochabend, wie diese konkret aussehen wird, steht noch ein wenig in den Sternen. Beim polnischen Fußball tickt das Ganze bekanntlich ein wenig anders. Fakt ist, ich werde vor Ort sein! TYLKO KS KARKONOSZE!

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Polen

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Spielergebnis:
2:2
Zuschauerzahl:
600
Gästefans
135

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