Brandlöcher, Tränen und irre Touren: Gesammelte Schals & Trikots und ihre Geschichten

Brandlöcher, Tränen und irre Touren: Gesammelte Schals & Trikots und ihre Geschichten

 
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MB 24 Januar 2021

Die von Motten angefressene Hertha-Fahne aus dem Herbst 1990. Brandlöcher in den Leverkusen- und Polonia-Schals. Verwaschene Blutflecken. Silberfarbene Schmiere von einem Stadionzaun. Hunderte Geschichten. Der Geruch von längst vergangenen Touren. Rund 60 verschiedene Schals, Trikots, Fahnen, Jacken und Mützen liegen ausgebreitet auf dem Boden - und sämtliche Stücke haben ihre eigene Geschichte zu erzählen. Ich hatte in den vergangenen drei Jahrzehnten, in denen ich zum Fußball gehe, noch nie in dem Sinne Stadionpunkte, Länderpunkte oder gezielt Schals und Trikots gesammelt. Vielmehr spielte häufig Meister Zufall mit und ließ das eine oder andere Stück in meine Hände gelangen. Das eine oder andere Stück Stoff ging auch verloren. Durch Diebstahl, Tausch oder aufgrund einer der vielen Umzüge. Im Suff oder im Trubel blieb gewiss auch mal was in der Bahn oder in einer Kneipe liegen. Abgezogen wurde mir indes erst ein einziges Stück Stoff - und das ist nun mehr fast 30 Jahre her…

Mein allererstes Fanutensil stammt vom Herbst 1990. Ja, es wäre cool, jetzt sagen zu können, es sei ein Old-School-Schal von Górnik Zabrze, ein altes Hansa-Trikot oder ein Shirt von der BSG Bau Marzahn (FSV Blau-Weiß Mahlsdorf/Waldesruh). Und nein, es war auch nicht ein rot-weißer Synthetik-Schal vom FC Berlin. Der kam erst ein paar Monate später. Es war eine kleine klassische Stofffahne. Eine Fahne von Hertha BSC. Als ich damals unter der Woche mit dem Jagdmesser am Gürtel ins Berliner Olympiastadion wollte, um das Testspiel der Alten Dame gegen eine Weltauswahl zu sehen, kaufte ich mir - nachdem ich mein brachiales Messer draußen unter Laub verstecken musste - an einem Wagen die kleine Fahne samt Holzstab. Sie sollte später nie wieder zum Einsatz kommen, doch ist sie ein hübsches Erinnerungsstück an mein erstes richtiges Fußballspiel (davor nur ein Schülerländerspiel und Testspiele zwischen deutschen und tschechischen Kids in den 80er). 

Nachdem es am 1. September 1991 im engen Fiat Fiesta - wat ne „Fiesta“ zu fünft in der Karre auf der A2 - nach Leverkusen ging, um beim Chemie-Giganten meine Ausbildung fortzusetzen, ging es drei Tage später mal gleich als Auftakt zum DFB-Pokalspiel ins Ulrich-Haberland-Stadion. Zu Gast war kein geringerer als der 1. FC Köln. Voller Euphorie kaufte ich mir sogleich für 20 Deutsche Mark einen Jacquard-Schal mit Bayerkreuz an beiden Enden und fand mich dummerweise in Block A, wo nur Geißböcke standen, wieder. An jenem Abend bekamen auch ein paar Kölner Atzen, die auf dem Heimweg an einer Tanke Jagd auf mich machten, den Schal nicht zu fassen. Weg kam er dann doch - und zwar am 29. November 1991 in Mönchengladbach. Auf dem Weg zum legendären Bökelberg ließ ich den Schal locker um den Hals hängen - und schwupps wurde er im Getümmel von hinten weggezogen.

Da ich damals als 18-Jähriger noch grün hinter den Ohren war, zumindest was den Fußball betraf, musste halt einmal Lehrgeld gezahlt werden. Ich schwor mir an jenem Abend, dass mir nie wieder irgendein Idiot ein Stück Stoff klauen würde. Zum Glück kam ich nie in die Situation, mit Händen und Füßen in Unterzahlsituation irgendwas verteidigen zu müssen. Stress gab es dennoch häufig genug aufgrund irgendwelcher Farben. Im Februar 1995 wollte mich im Hampden Park sogar einmal ein Celtic-Anhänger - ich hörte plötzlich nur „You fucking bastard!“ - vermöbeln, weil ich unter der Jacke einen neutralen dunkelblauen Fleeceschal trug.

Und was Leverkusen betraf, wo ich im doppelten Sinne meine Ausbildung machte, so hatte der zweite gekaufte Schal recht bald ein Brandloch, weil mit Silvesterzeug ein wenig gezündelt wurde. Karsten und ich hatten immer was dabei. Paar Chinaböller, ein paar Goldregen. Das juckte am Einlass ja meist auch keine Sau. Schön war´s. Es dauerte damals in der Saison 1991/92 auch nicht lange, bis der Blick über den Tellerrand erfolgte, querbeet eingekauft und die eigene Ecke im Doppelzimmer des Ausbildungswohnheimzimmers hübsch dekoriert wurde. Über dem Stuhl hing eine russische Tarnjacke, in der Ecke standen ein paar BW-Stiefel, und an den Wänden hingen Schals und diverse Wimpel. Hertha, Union, FC Berlin, EHC Dynamo Berlin, alte Dinge aus der DDR-Oberliga. Ich wollte damals im tiefen Westen für ganz Berlin und den gesamten Osten Flagge zeigen. Die Uhren tickten ja noch ein wenig anders. Nur nicht für Chemnitz. Das war mir total suspekt. Mein damaliger Mitbewohner kam aus Chemnitz, trug eine Brille, als würde er zur Parteischule gehen, und faltete sorgsam seine Handtücher. Er schwärmte in den höchsten Tönen von den Himmelblauen aus Chemnitz und schaute angewidert auf meine angebrachten Utensilien.

Sachsen macht Faxen, Sachsen sind anders - das lernte ich bereits in den 1980ern in den DDR-Betriebsferienlagern. Mir war die Ostseeküste eh um einiges lieber. Und für Berlin musste ich in der Ausbildungsklasse eh jeden Tag gerade stehen. Da fragte keine Sau, ob man für Hertha, Union oder sonstwen war. Man kam aus Berlin? Da wurden einem zum Frühstück die Tabellen aus der Zeitung auf den Tisch geknallt. Sieht oll aus, oder? Die Bayer-Utensilien wurden eh nur belächelt. Die meisten gingen zum Effzeh oder auch zu Schalke und zum BVB. Was die Schals und Trikots betraf, so kam 1993 Schwung in die Sache. Bereits im Jahr zuvor kaufte ich mir in Irland ein für die damalige Zeit geniales MUFC-Shirt, und als es im Januar 1993 und im April 1993 nach London, Manchester und Liverpool ging, waren Karsten und ich richtig angefixt vom Fußballgeschehen auf den Britischen Inseln. Hinzu kam, dass wir im September 1992 mit in der Gästekurve standen, als der Celtic FC zu Gast im Müngersdorfer Stadion spielte. Was für ein genialer Abend! We shall not bemoved! Wir waren infiziert. Der Besuch bei Manchester United im Old Trafford gab uns im positiven Sinne den Rest. Fortan wurden - egal, wo man hinfuhr - die mitgebrachten Schmuckstücke getragen. Das Kleeblatt oder der Rote Teufel auf der britischen Fahne konnte gar nicht genug aus der Jacke rausschauen. Wat kiekste so? Is wat? 

Als wir auf einer VHS-Kassette dann auch noch den legendären Film „Ultra - Blutiger Sonntag" aufgesaugt hatten - vor allem die Schlussszene mit den herausgerissenen Wasserrohren beim Klassiker Juventus Turin vs. AS Rom -, musste unbedingt ein schwarzer Juve-Schal her. Der Verein lag mir nicht wirklich am Herzen, doch so nen schwarzer Schal vor Mund und Nase würde einem gut stehen beim nächsten besuchten Fußballspiel am Spielort XY. Manche Schals wurden indes aufgrund punktueller Erlebnisse erworben. Zwar ging mir der SV Werder Bremen total am Arsch vorbei, doch das Europapokalfinale 1992 ließ auch mein Herz höher springen. Damals zitterte man noch wirklich mit jeder deutschen Mannschaft mit, wenn sie auf europäischem Parkett ihr Bestes gab. Außer mit dem FC Bayern München. Matthäus und Effenberg gingen einfach gar nicht. Und da mich der damalige Fußball von Borussia Dortmund und des FC Barcelona begeisterten, wurden kurzerhand auch von diesen Vereinen die Schals gekauft.

Weshalb ich mir in jener Zeit auch einen Schal von Lazio Rom und vom BSC Preussen Berlin gekauft hatte, weiß ich einfach nicht mehr. Manche nicht so wichtigen Stücke wurden auch mal verschenkt oder getauscht. Bei irgendeinem Spiel wollte ein Hopper unbedingt den kurioserweise himmelblauen Hertha-Schal kaufen. Nur zu. Das Himmelblau war mir eh suspekt. Den Werder-Schal gab ich irgendwann weiter und auch das Hertha-Trikot von 1996/97 fand kürzlich einen neuen Besitzer. So muss das sein. Dafür fanden sich ja über die Jahre bereits ein paar Trikots des F.C. Hansa Rostock, der SpVgg Blau-Weiß 90 Berlin, des BFC Dynamo, des KS Karkonosze Jelenia Góra und des FC Polonia Berlin an. 

Sich wacker in der Sammlung gehalten hat sich ein Trikot des 1. FC Union Berlin aus den 90ern. Ich hatte damals zugeschlagen, als es - vermutlich in der Saison 1995/96 - für einen schmalen Taler rausgehauen wurde. Falls jemand von den Älteren ernsthaftes Interesse hat, so kann er sich bei mir gern melden. Im Gegenzug suche ich noch immer mein besagtes T-Shirt von Manchester United, das ich auf der Jungen-Gemeinde-Tour nach Irland im Sommer 1992 erworben hatte. Es war (siehe Foto unten) in den Farben Blau, Weiß und Rot (*Zwinkersmilie*) gehalten. Verloren ging es nicht, doch dummerweise hatte ich es im Sommer 1997 während der Bootsbauarbeiten in der Scheune vor den Toren Berlins getragen. Fragt mich nicht, warum. Es war einfach dämlich. Denn wenig später war es verseucht mit Glasfasern und Polyesterharz. Es war nix mehr zu machen, es war ein Fall für die Tonne. Dieses kratziges Mistzeug war nicht mehr rauszukriegen. Seit Jahren bin ich bereits auf der Suche, doch immerhin überraschte mich ein Erfurter / Duisburger Sportsfreund und schickte mir eine Hose aus jener Zeit zu, die dem damaligen Design recht nahe kommt. Fehl also nur noch das damals so heiß geliebte Shirt.

Apropos versauen. Ein Mega Hammer war auch eine Aktion des größeren Sohnemanns vor anderthalb Jahren. Da bekam Dominik von Fußballkumpels von Blau-Weiß 90 Berlin eine wirklich geniale in Weiß gehaltene Jacke in XS geschenkt - und was macht der Spross? Hängte sich beim Oberliga-Duell Tennis Borussia Berlin vs. Blau-Weiß 90 Berlin in der Gästekurve an den Zaun und kam nach dem Spiel mit den Worten „Papa, mir ist da wat passiert“ zu mir. Silbern glänzende Farbe war an beiden Ärmeln und am Bauchbereich verschmiert. Ick gloob, dat klatscht gleich, dachte ich mir noch, doch dann besann ich mich. Wer war eigentlich derjenige, der als erstes oben auf der Zaunkrone hockte und den Sohnemann animierte, gleich mit hochzukommen?! Icke. Es konnte ja auch niemand ahnen, dass im Mommsenstadion die Zaunkrone so hübsch fies präpariert wurde. Eigentlich hatte ich die Jacke schon aufgegeben, doch daheim startete ich einen letzten Versuch. Zu versauen war ja nix mehr. Ich fand in einem Schrank richtig derbes Spray, das sogar Graffiti entfernen kann. Und siehe an - in Kombination mit sämtlichen Seifen und Waschmitteln konnte das Gröbste entfernt werden.

Apropos Geschenke. Ein wunderbares Erlebnis hatte ich Ende 2018 im guten alten Welli. Der EHC Eisbären Berlin empfing an alter Spielstätte den EV Zug, und ich hatte mich mit Dominik unten an die Plexiglaswand hinter dem Tor gestellt. Es war wie auf einer Zeitreise zurück in die 90er. Immer wieder hallte das geschmetterte „Dynamo“ über die Eisfläche. Von dem Geschehen beeindruckt starrte mein Sohn auf die Eisfläche und klatschte immer wieder mit. Ein Fan im mittleren Alter schien ebenso beeindruckt, verschwand kurz und kehrte nach wenigen Minuten mit einem frisch gekauften Schal zurück und legte diesen meinem Sohn um den Hals. Ja, ist für dich! Ein sanfter Klopfer auf die Schulter. Dominik war baff, ich war baff. Es sollte ein weinroter SC Dynamo-Schal sein. „15-facher Meister der DDR. Tradition seit 1954“. 

Verrückt alles. Was die Dynamischen aus Berlin betraf, so hatte ich mir 1992 bereits einen FC Berlin-Schal besorgt. Der musste auf der Auswärtsfahrt mit Bayer 04 nach Nürnberg an einer Raststätte mal fix für ein Foto präsentiert werden. Später kam dieser weiß-rote Schal mit dem schmalen schwarzen Streifen jedoch bei einem der zahlreichen Umzüge abhanden (kürzlich konnte wieder einer erworben werden). So wie auch manch ein Wimpel, der früher an der Wand über dem Schreibtisch hing.

Aus heutiger Sicht skurril erscheint es auch, mit welchen Schal-Kombinationen man quer durch Europa reiste. Eine Platte hatte man sich in den 90ern eher nicht gemacht. Und klar doch, man kokettierte auch mal gern mit einem heraushängenden Schalende. Stand eine Fußballtour XY an, so wurde die mitzunehmende Kombination im heimischen Zimmer ausgesucht. Eine Busfahrt im Hool-Bus von Leverkusen nach Parma? Fix wurden die grüne Jeans und das weiße, wirklich megageile England-Trikot angezogen. Wie es sich für einen Ossi gehörte, wurde das Trikot auch hübsch in die Hose reingesteckt. Dass es in Italien derb auf die Fresse geben könnte, hatte ich trotz zahlreicher gelesener Fanzines, nicht wirklich auf dem Schirm gehabt. Zudem fetzte einfach der Nervenkitzel und das Spiel mit dem Feuer.

Mit gleicher Hose und MUFC-Schal ging es im Herbst zuvor nach Leipzig-Leutzsch, wo der FC Berlin (BFC Dynamo) mit voller Kapelle angereist war. Ich saß auf einem der Sitze der Geraden und fertigte zahlreiche Fotos vom titschenden Gästeblock an. An jenem Nachmittag nutzte auch die grüne Hose nix. Schwarze Lederjacke, Manchester-Schal, große Berliner Fresse - nach dem Spiel gab es dann vor dem AKS einen derben Faustschlag in jene. Und trotzdem marschierte ich ein halbes Jahr später rotzfrech im England-Trikot durch die Innenstadt von Parma. Wird schon nischt passieren. Okay, von der Polizei des Landes verwiesen wurde unsere Busbesatzung dann so oder so. Seitdem habe ich nie wieder italienischen Boden betreten. 

Ein Bekleidungsstück, das früher bei mir nie Beachtung fand, rückte in jüngerer Vergangenheit in den Fokus. Die Mütze. Manch eine wurde in den letzten Jahren getragen bis sie ausleierte. Das vor Ort erworbene gute Stück von Dinamo Riga wurde fast zu meinem Markenzeichen, ebenso heiß geliebt sind die schwarze Mütze „Alles für den FCH“ und die von einer Freundin gestrickte blau-weiß-rote Mütze. Und manchmal hat auch Meister Zufall die Hand im Spiel. Als ich vor einem Jahr nach Berlin-Friedrichsfelde zog, spazierte ich eines Abends mit Dominik an der Hand vom Betriebsbahnhof Rummelsburg durch das dortige Wohnviertel. Das leuchtende Flutlicht zwischen den Neubaublocks zog uns magisch an. Mal kieken?! Die Ü40 hatte gerade ein Spiel gegen Eintracht Mahlsdorf. 

Auf eine Cola - auf ein Bier. Das Vereinsheim hatte geöffnet, und was sah ich in der kleinen gläsernen Vitrine? Eine blau-weiß-rote Mütze. Und zwar eine des SV Bau-Union Berlin. Genial! Sie vereint alles. Diese geilen Farben. Das Bärchen meiner Heimatstadt. Hinzu kommt, dass meine Großeltern einst in Friedrichsfelde / Rummelsburg gewohnt hatten. Ich wollte nicht warten und bat die etwas verdutzte Frau im Vereinsheim, mir diese Mütze gleich zu verkaufen. Allerdings musste ich erst einmal zur Sparkasse tigern, und die werte Dame musste telefonisch tätig werden und in Erfahrung bringen, wer eigentlich den Schlüssel zur Vitrine hatte. Eine Stunde später stand ich mit blau-weiß-roter Mütze am Spielfeld und ließ das Bierchen die Kehle hinunter rinnen. 

Ein letzter Blick auf die auf dem Fußboden ausgebreiteten Utenslien. Trikots wurden in jüngerer Vergangenheit eher selten getragen. Auf der Auswärtssause nach Mannheim vor anderthalb Jahren hatte ich mit stolzer Brust das rote Hansa-Trikot getragen, beim FC Polonia Berlin wurde das eine oder andere Mal das Aufstiegsshirt von 2019 übergestreift, ansonsten belasse ich es meist bei der Mütze und im Sommer bei einem klassischen T-Shirt (Casual Company & Co) oder Polohemd. Was mir jedoch beim Blick auf die Trikots noch einfällt, ist der turbogeile Tag in Stuttgart am 27. Februar 2003. Der Celtic FC war zu Gast - und damals reisten wahre Fan-Massen an und fluteten den Stuttgarter Schloßplatz. Karsten und ich tauchten ein in den grün-weißen Mob und hoben ebenfalls die Becher. Noch nie zuvor hatte ich eine dermaßen hohe Trikot-Quote gesehen. Gefühlt jeder Celtic-Fan hatte ein Trikot an, und auch ich hatte meins von 1995 über die Jacke gezogen. Da Karsten „nur“ seinen Celtic-Schal dabei hatte, wurde er prompt immer wieder von irgendwelchen Schotten und Iren gefragt: „Hey, where is your Jersey?“ Später am Abend in der prall gefüllten Gästekurve spielte dies jedoch keine Rolle mehr. So oder so wurde es einer der besten Fußballabende der vergangenen 30 Jahre. Der Jubel bei den beiden Toren von Alan Thompson und Chris Sutton in der 13. und 15. Minute war rekordverdächtig. Auch als "bloßer" Sympathisant für „The Bhoys“ wurde man emotional so heftig mit reingezogen, dass mir beim doppelten brachialen Jubel fast der Atem stockte und das Blut derb in den Kopf schoss, sodass ich fast aus den Latschen kippte. Genau jene Momente sind die Würze des Fußballs schlechthin. 

Für Nicht-Fußballfreunde mögen solche Schals und Trikots nur bunte Stoff- / Polyester-Stücke sein. Für Fußballfreunde sind es indes lieb gewonnene Gegenstände, die einen mitunter ein ganzes Leben begleiten. Welche Kleidungsstücke aus den 1990ern liegen noch im Schrank? Quasi keine. Aber die damals gekauften oder geschenkt bekommenen Trikots und Schals liegen stets griffbereit im Regal. Verrückt. Weil es im April 1993 das rote MUFC-Trikot mit den heiß geliebten Schnürchen nur noch in XXL gab, musste es halt diese Größe sein. Vielleicht würde ich ja eines Tages eine Kante werden und somit noch hineinwachsen. Es fühlt sich an, als sei es gestern gewesen. Da ich ahnte, dass ich nie ein XXL-Brocken werden würde, legte ich im Februar 1995 noch einmal nach. Eric Cantona olé! Her mit dem schwarzen Trikot! Das gestickte „UMBRO“ mit der doppelten Raute. Das gelbe „SHARP“ mit den plüschigen Buchstaben. Das aufgenähte Wappen. Geilomat! 

Aus genau jener Zeit stammt auch das erima-Trikot des F.C. Hansa Rostock. Mit der DAEWOO-Werbung auf der Brust wurde damals die 1. Bundesliga gerockt, und der Verein war deutschlandweit in der Sympathie-Skala in den Top 10 zu finden. 20 Jahre später schenkte ein guter Freund sein Hansa-Trikot aus Kindheitstagen meinem größeren Sohn. Ich warf bereits einen Blick drauf, doch in XS passe ich nun wirklich nicht. In genau jenem Trikot durfte Dominik am Ende der Saison 2018/19 seinen ersten Polizeieinsatz erleben - auswärts mit den Amateuren beim Brandenburger SC Süd 05. Paar Monate später hatte er am Ostseestadion das riesige Glück ein schneeweißes Trikot mit dem Kurzurlaub.de-Schriftzug bei einer Verlosung zu gewinnen. Auch in S ist für mich kein Reinkommen - es ist und bleibt das Heiligtum des Sohnemanns. 

Ich indes kann ja im kommenden Sommer mal das im Sommer 1996 erworbene Trikot von Flamengo spazieren führen bei einem der hoffentlich wieder kommenden Fußballausflüge ins Umland. Voller Stolz hatte ich damals in Belém auf einem Markt das schwarz-rote Exemplar mit dem weißen Wappen erworben, und ich hatte noch gestaunt, dass ich nur so wenige Real-Scheine hinblättern musste. Ha, ein geiles Schnäppchen! Erst später auf einem der Amazonas-Schiffe wurde mir bewusst, dass ich ne billige Fälschung gekauft hatte. Etwas neidisch schielte ich auf das aufgenähte Wappen eines Trikots, das ein Brasilianer beim Truco-Spiel auf dem Oberdeck trug. Meins ließ ich dann mal gleich besser im Treckingrucksack stecken.

Um den Bogen zu schließen: Denke ich an Schlebusch in der Nacht, werde ich wegen Himmelblau um den Schlaf gebracht. Ha ha, mein Mitbewohner im Herbst 1991 im eingangs erwähnten Ausbildungswohnheim in Leverkusen-Schlebusch hatte sich echt eingebrannt. Chemnitz. DDR-Brille. Gefaltete Handtücher und gefaltete Hemden. Der bereitstehende Aktenkoffer für den kommenden Tag in der Berufsschule. Ick gloobte im falschen Film zu sein. Meine Abscheu gegenüber Chemnitz und Himmelblau wurde echt gigantisch. Fast wäre es 1993 zum DFB-Pokalfinale TSV Bayer 04 Leverkusen vs. Chemnitzer FC gekommen. Aaaaaalter! Gott sei Dank setzten sich dann aber die Hertha-Bubis durch. Mit der Farbe Himmelblau habe ich mich inzwischen versöhnt, und den Verein aus dem einstigen Karl-Marx-Stadt betrachte ich inzwischen mit neutralem Gefühl. 

Was Himmelblaues ist in meiner Sammlung inzwischen auch zu finden. Zwar nix aus Chemnitz, doch dafür ein Balkenschal und ein Trikot des polnischen Fünftligisten KS Karkonosze Jelenia Góra. Kreise werden geschlossen, das einstige Hirschberg ist die Heimat der Großeltern (mütterlicherseits) meiner beiden Kinder, und somit waren wir dort gemeinsam bei paar Heimspielen im Städtischen Stadion zu Gast. Da zwischendurch auch mal eine Etage höher gekickt wurde, waren sogar zwei, drei knackige Partien mit ansprechender Kulisse dabei. Was mir mir nun nur noch fehlt, ist das 1992er T-Shirt von Manchester United, das ich dummerweise beim Bootsbau mit Glasfaserstaub und Polyesterhart versaut hatte. Wer einen Tipp hat, der darf sich gern melden. Im Gegenzug gebe ich gern das Eiserne Trikot aus der Saison 1995/96 ab. Und ne geile aktuelle blau-weiß-rote Bau-Union-Mütze könnte ich auch sicherlich besorgen… :-D

Fotos: Marco Bertram, K. Hoeft

 

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Ein Wort...

Eventkutte!
Ich lese ja die Beiträge immer recht gern. Bei dieser historischen Betrachtung Deines Fanlebens war das oben genannte das erste was in meinem Kopf erschien. Über die Wahl Deiner Favoriten decken wir lieber den Mantel des Schweigens. Und ansonsten gilt immer noch:
Man wechselt seinen Arbeitgeber, seine Frauen aber niemals den Verein!

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