Zeitreise 1975: Der Samowar aus Kupjansk und das Hansa-Poster als Bückware

Zeitreise 1975: Der Samowar aus Kupjansk und das Hansa-Poster als Bückware

 
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MB 08 Januar 2021

Die Arme verschränkt. Der Blick schräg nach vorn. Der Fotograf Manfred Dressel ließ im Frühjahr 1975 die Mannschaft des F.C. Hansa Rostock auf Betonstufen Aufstellung nehmen, doch keinesfalls in die Kamera schauen. Brav wurden die langärmeligen Trikots mit der großen Kogge auf den weiß-roten Streifen in die etwas labberig wirkenden Jogginghosen gesteckt. Ebenso lang waren sämtliche Frisuren der Hansa-Kicker. Wirklich kein einziger Spieler kam damals auf die Idee, einen kurzen Bürstenschnitt zu tragen. Das meist blonde Haare wurde zur Seite gelegt oder in der Mitte gescheitelt. Nicht ganz wurde beim Anfertigen des Fotos auf die Details geachtet. So sind am linken Bildrand auf den Stufen neben Cheftrainer Heinz Werner zwei abgelegte Jacken zu erkennen.

1975! Als diese Aufnahme angefertigt wurde, war ich knapp zwei Jahre alt. Das besagte Mannschaftsposter war in der 12 Ausgabe der NBI des Jahres 1975 zu finden, und da diese wöchentlich erschien, muss dieses Heft im Frühjahr aus der Druckerei gekommen sein. Zwischen 700.000 und 750.000 Exemplare der Neuen Berliner Illustrierten (NBI) wurden Woche für Woche verkauft - und trotz der recht hohen Auflage handelte es sich phasenweise um eine echte Bückware. Bei „Bückware“ handelte es sich keineswegs um einen Bückling oder gar um etwas Versautes *Zwinkersmilie*, sondern schlichtweg um Waren, die in der DDR einst schwer erhältlich waren. So wurden in vielen Geschäften schon mal die einen oder anderen Produkte / Bücher / Zeitschriften unter den Ladentisch gepackt, sodass „besondere“ Kunden in den Genuss kamen und sich das heiß begehrte Gut abholen konnten. Mal ein Lächeln, mal ein kleines Entgegenkommen, mal der richtige Anstecker auf dem Jackett - für den einen oder anderen Staatsbürger wurde sich schon mal hinter dem Verkaufstresen gebückt.

Ein befreundeter Chemiker war so lieb und schickte mir kürzlich das herausgenommene Hansa-Poster zu. Mit hineingepackt wurde eine Aufnäher der ISG Schwerin-Süd. Der eine oder andere Leser dürfte wissen, dass ich zu Schwerin eine besondere Beziehung habe, und somit ergibt das kleine Stoffteil durchaus einen Sinn. Was in Herrgottsnamen eine ISG ist? Ganz einfach: Eine Industriesportgemeinschaft. Und die aus Schwerin war eine der größten Sportgemeinschaften der DDR-Bezirkshauptstadt. Die Fußballer der ISG Schwerin-Süd kickten sogar von 1977 bis 1985 und 1986/87 in der DDR-Liga (zweithöchste Spielklasse). In der letztgenannten Spielzeit hatten es die Schweriner unter anderen mit der BSG Schiffahrt/Hafen Rostock, der BSG Post Neubrandenburg, der SG Dynamo Schwerin, der BSG Chemie Leipzig, der BSG Motor Babelsberg und der ASG Vorwärts Stralsund zu tun. Apropos, beide Schweriner Derbys gingen unentschieden aus. Nach dem Fall der Mauer wurde aus dem Verein der VfL Tiefbau und ab 1991 der VfL Schwerin. Dieser schloss sich wenig später dem Schweriner SC an, der wiederum 1997 im FC Eintracht Schwerin aufging.

Doch zurück ins Jahr 1975. Zurück zur Bückware. Zurück zu Hansa Rostock. 30 Jahre zuvor nahm die Neue Berliner Illustrierte quasi direkten Bezug zur Berliner Illustrirten Zeitung (BIZ) und wurde anfangs vom Allgemeinen Deutschen Verlag herausgegeben. Später nahm sich der Berliner Verlag der Sache an, im Oktober 1969 wurde die bis dahin in Dresden erschienene Zeitschrift Zeit im Bild in die NBI integriert. Neben der beliebten Sportlerseite gab es in der NBI politische Berichte, Informationen über ferne Länder, Fortsetzungsromane, Heimwerkertipps, Gesundheitsratgeber, eine Rätselseite mit Schachecke und eine Kinderseite mit dem Affen NUK. Wir sehen - es war für jeden etwas dabei. Kein Wunder also, dass die NBI dermaßen beliebt war. 

Andere Zeiten, andere Sitten. Auf Seite 45 hieß es „… baun wir uns ein Nest“. Für den „Guten Rat Nr. 31“ erhielt Hella aus Leipzig stolze 50 Mark. Ihr guter Rat, der abgedruckt wurde, lautete wie folgt: „In unserer Küche hat mein Mann diese Nähecke gebaut. Sie erfordert wenig Platz und könnte selbst im finstersten Winkel der Wohnung eingerichtet werden. …“ Klingt gemütlich. Darunter abgedruckt wurde eine Zeichnung. Auf Seite 4 stellten Leser indes ihre liebsten Souvenirs vor. So erhielt jemand zehn Jahre zuvor einen handgeschriebenen Brief von Prof. Dr. Albert Schweitzer. Hannes aus Rostock hatte 1974 in Colombo auf Sri Lanka festgemacht und tauschte dort mit einem erfreuten Einheimischen ein Abzeichen vom Weltjugendtreffen in Ost-Berlin gegen einen Rupien-Geldschein ein. Wie der Zufall es wollte, arbeitete der Bruder des Einheimischen in einer Fabrik an Maschinen Made in GDR.

Ein Herr Poppe aus Leipzig-Schleußig stellte indes seinen Samowar aus Kupjansk vor. Nun war Herr Poppe nicht irgendwer, sondern kein geringerer als der GISAG-Kombinatsdirektor. War zum Beispiel der Hauptmechaniker der Gießerei Kupjansk bei Charkow zu Gast bei ihm in der Messestadt, so wurde bei der Samowarstunde „Russki Tschai“ ausgeschenkt. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass er 26 Jahre zuvor in Charkow als Kriegsgefangener und als Schüler einer Antifa-Schule (ja, so steht es im Text) die Gründung der DDR aus der Ferne miterlebt hatte. 1974 hatte er den Samowar in das GISAG-Clubhaus gebracht, und es wäre interessant zu wissen, ob es diesen Samowar noch irgendwo auf einem Dachboden oder in einer Kellerkiste gibt.

Kommen wir nochmals zum eigentlichen Aufhänger dieser Zeitreise zurück. Das Mannschaftsposter von Hansa Rostock. Die typischen 70er-Jahre-Frisuren und die verwegenen Blicke. Bei welchen Namen schrillt es auf Anhieb? Hintere Reihe, Dritter von links! Bereits zu jenem Zeitpunkt hatte Hans-Joachim Streich 40 A-Länderspiele absolviert! Unmittelbar nachdem dieses Poster in der NBI abgedruckt wurden, wechselte er zum 1. FC Magdeburg. Die Rostocker mussten damals den bitteren Weg in die Zweitklassigkeit antreten. Am letzten Spieltag kam der F.C. Hansa bei der bereits abgestiegenen ASG Vorwärts Stralsund nicht über ein 1:1 hinaus. Streich hatte in genau jener Partie einen Elfmeter verschossen. Bis heute wird sich darüber gestritten, ob er vor dem Spiel bereits gewusst hatte, ob er zum neuen DDR-Meister 1. FC Magdeburg wechseln würde oder nicht. Man munkelte, dass in der Wohnung die Gardinen verdammt schnell abgenommen wurden. 

Schauen wir durch die Reihen, fällt selbstverständlich auch Gerd Kische ins Auge. 1951 wurde er in Teterow geboren, über Neubrandenburg ging es schließlich nach Rostock, wo er ab 1970 eine fest Größe und 63-facher Nationalspieler wurde. Sein größter Erfolg war die Goldmedaille mit der DDR-Olympiaauswahl bei den Sommerspielen 1976 in Montreal. Damaliger Hansa-Trainer war Heinz Werner, der 1935 in Uenglingen geboren wurde und bei Lok Stendal das Fußballspielen erlernt hatte. Über Motor Schwerin und der BSG KKW Greifswald kam er zu Hansa Rostock. Auch er verließ noch 1975 den Verein und wurde fortan Trainer bei den Eisernen in Berlin-Köpenick. Seine letzte Trainerstation war die beim FSV Zwickau im Jahr 1997.

Immerhin zehn Jahre - sprich von 1971 bis 1981 spielte Hans-Joachim Wandke beim F.C. Hansa Rostock, seinen Einstand im Männerbereich gab er am 31. März 1972 beim Zweitligaspiel TSG Wismar vs. F.C. Hansa Rostock II. Wie Joachim Streich wurde auch Peter Sykora in der Hansestadt Wismar geboren. Sykora trug von 1965 bis 1968 sowie von 1970 bis 1979 das Trikot mit der Kogge auf der Brust. Bereits ein Spiel beim SC Empor Rostock absolviert hatte Rainer Kaube, bevor er von 1965 bis 1972 für die BSG Stahl Riesa gekickt hatte. Der charismatische Abwehrspieler kehrte 1972 zurück nach Rostock und blieb bis 1975 beim F.C. Hansa. Somit war auch für ihn dieses Poster in der NBI ein Abschiedsposter. 

Ins Auge fällt noch der Name Jürgen Decker. Seinen ersten Oberligaeinsatz hatte er am 10. April 1965 bei der Begegnung SC Empor Rostock vs. ASK Vorwärts Berlin. Bis 1979 blieb er als Spieler den Rostockern treu, doch musste er seine Karriere für anderthalb Jahre unterbrechen, weil er zwischen 1973 und 1975 zum 18-monatigen Wehrdienst bei der NVA musste. Nehmen wir uns zum Abschluss den zweiten Mann mit orangefarbener Trainingsjacke vor. Links außen in hinterster Reihe zu sehen ist Jürgen Heinsch, der zu jenem Zeitpunkt Assistenztrainer beim F.C. Hansa Rostock war. Geboren wurde er 1940 in Lübeck, in der Jugend hatte er bei der BSG Einheit Rostock gespielt. Von 1958 bis 1971 war er für Empor / Hansa Rostock aktiv, im Anschluss wurde er Co-Trainer später dann auch längere Zeit Cheftrainer. Und nun hört! In jüngerer Vergangenheit war Jürgen Heinsch bis 2005 als Manager im Nachwuchsbereich sowie als Scout im Profibereich tätig. So ist das, wenn man eine Doppelseite der NBI-Ausgabe 12 aus dem Jahre 1975 in den Händen hält. Papier genug, um stundenlang in Erinnerungen zu schwelgen und zu recherchieren…

Anmerkung: Kürzlich auf den Markt kam das Buch „Kaperfahrten - Mit der Kogge durch stürmische See“. Den 512-seitigen blau-weiß-roten Wälzer kann man direkt beim Herausgeber & Autor Marco Bertram bestellen: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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Fotos: Marco Bertram, Bildagentur frontalvision.com

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