Corona-Krise: Fans machen virtuelle Stadien voll und hamstern Fanshops leer

Corona-Krise: Fans machen virtuelle Stadien voll und hamstern Fanshops leer

 
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KH 11 April 2020

Eigentlich begann der heutige Samstag wie immer: Bei herrlichem Fußballwetter geschaut ob Akkus geladen, Speicherkarten geleert und Notizblock eingepackt. Die Kinder schauten kurz als ich den Rucksack mit der Fotoausrüstung umschnallte: „Ah Papa geht wieder zum Fußball.“ Das Auto aus der Garage in Richtung Hafenstraße 97A gelotst, denn normalerweise hätte heute die Partie von Rot-Weiss Essen gegen den SV Bergisch Gladbach 09 angestanden und je nach Saisonverlauf wären an die 10.000 Zuschauer ins Stadion Essen gepilgert.

Aber was ist in diesen Tagen schon normal. Mein Weg zum Stadion (um das Titelfoto zu schießen) war anders als an „echten“ Spieltagen nicht geprägt von rot-weissen Farbtupfern in der Stadt, keine Fans die an Haltestellen gesellig auf ihren Transfer zum Spiel warten, keine Autoschlangen in Richtung Parkplätze und auch keine Anhänger, die sich vor dem „Hafenstübchen“ sammeln und bierselig auf das Spiel einstimmen. Es ist niemand da am Stadion Essen. Auf den Parkplätzen stehen nur ein paar Container der Entsorgungsbetriebe Essen, die (weil die Recyclinghöfe geschlossen sind) hier ausnahmsweise vorübergehend den Grünschnitt der Bürger annehmen.

Das letzte Heimspiel von Rot-Weiss Essen fand vor sechs Wochen am 28. Februar (3:1 gegen den SV Lippstadt) statt. Es folgten noch zwei Auswärtsspiele und seitdem steht die Liga aufgrund der Corona Krise still. Eine Entscheidung darüber wie die Regionalliga West weitergeht steht noch aus (ich hätte ja eine gehabt, aber war ja ein Aprilscherz). Während die ersten beiden Ligen ihre Saisons wohl vor leeren Rängen zu Ende spielen, um die entsprechenden TV Gelder zu kassieren, wären Geisterspiele unterhalb der zweiten Bundesliga für viele Vereine das Ende. Traditionsvereine wie Rot-Weiss Essen leben von den Zuschauereinnahmen (Eintrittskarten und Catering). Im Schnitt pilgerten in dieser für RWE erfolgreichsten Saison seit langer Zeit bis zu diesem Zeitpunkt 10.934 Fans an die Hafenstraße. Es wäre ein herber finanzieller Verlust für den Klub, der seine Angestellten inzwischen in Kurzarbeit geschickt hat, aber die kreative Fahne wie viele andere Klubs auch weiterhin hoch hält.



So fand das „echte“ Spiel gegen Bergisch Gladbach heute zwar nicht statt, dafür aber in „virtueller“ Weise gestern (Endstand 2:1). Wie schon die Partie gegen Borussia Mönchengladbach haben sich Blogger und die Fan-Förderabteilung zusammen getan und das Spiel auf eine etwas andere Art übertragen (u.a. Liveticker, Videos) um auch vor allem die vor einigen Wochen gestartete Aktion „virtuelles Heimspiel“ weiter anzukurbeln. Für dieses Heimspiel können die Fans Tickets (Stehplatz, Sitzplatz, VIP) zum normalen Preis erwerben und diese dann hinterher, wenn es doch weitergehen sollte gegen ein „echtes“ Ticket eintauschen. Aber nicht nur Eintrittskarten stehen im Online-Shop von RWE zum Kauf bereit, auch Bier und Bratwürste kann man mitbestellen. Dabei zeigen sich die Essen Fans sehr hungrig und vor allem durstig: Über 9.100 Bier und 4.400 Würste gingen schon über den virtuellen Tresen, aber auch gut 5.500 virtuelle Tickets (mehr als mancher Klub Zuschauer hat). Da aber viele Fans angekündigt haben, ihre Tickets gar nicht einzutauschen, sondern lieber einem guten Zweck zukommen zu lassen (so wie ich es auch mit meinem gekauften VIP Ticket machen werde), verkauft der Klub inzwischen so genannte „Heldentickets“, die direkt gesammelt werden und dann später an „Corona-Helden“ also an alle die dazu beitragen diese Krise zu meistern verschenkt werden. Diese Tickets sollen auch Gültigkeit über die Saison hinaus besitzen. Eine starke Aktion!

Verkehrte Welt auch bei Essens Reviernachbar Rot Weiß Oberhausen am Niederrheinstadion. Statt Fußballspiele, gibt es dort am Stadion seit einigen Wochen eine Corona-Drive-In Teststation. Aber auch RWO kann sich auf seine Fans verlassen. Im Schnitt sahen 2.872 Zuschauer die Spiele in der laufenden Saison im Niederrheinstadion noch mehr langten bisher bei dem Verkauf von „virtuellen Geistertickets“ Tickets zu: Aktuell wurden 3.235 Tickets zu einem einheitlichen Preis von 19,04 Euro verkauft. Anders als in Essen kann man das Ticket nicht gegen ein „echtes“ Ticket eintauschen, bekommt aber einen Gutschein für den Fanshop zum Kauf des neuen Trikots.



Ebenso wie die vom Klub verkauften „Geisterpils“. Knapp 4.000 „virtuelle“ Bier auf Bierdeckeln für fünf Euro das Stück gingen schon über den Tresen. Gegen ein echtes Bier eintauschen kann aber nur der, der gleich fünf Bier abnimmt, der bekommt ein echtes im Stadion on top, wenn es mal irgendwann wieder läuft. Die RWO Fans sehen das ganze als ideellen Wert, genauso wie die des MSV Duisburg, die sogar ihr eigenes Blut für die finanzielle Unterstützung ihres Klubs geben können, anstatt sich heute auf dem Weg zum Auswärtsspiel beim KFC Uerdingen (in Düsseldorf) zu machen. Die Aufwandsentschädigung, die man fürs Blut „anzapfen“ bekommt wird direkt an den Klub weitergeleitet. Dazu verkaufen die Zebras deren Stadion aktuell auch zur Corona-Teststation umfunktioniert wurde noch Sammelkarten und Sondertrikots zur Unterstützung. Auch bei der Alemannia in Aachen ist man rührig. Vor 15 Jahren noch im Europapokal unterwegs, kämpft man sich seit Jahren durch die Regionalliga West und bietet seinen Fans aktuell ein "Goldenes Ticket" für zehn Euro an (aktuell 3.438 verkauft), um so die Kasse etwas zu füllen.



Ein Blick aus dem Westen in Richtung Osten. Hier sorgte vor allem der Regionalligist Lok Leipzig mit seiner „grossen Rekordjagd“ für Aufsehen. Der Klub verkauft virtuelle Tickets für einen Euro für ein imaginäres Spiel am 8. Mai 2020. Das erste Ziel von 55.000 verkauften Tickets (1955 waren laut Klub 55.000 Zuschauer beim Spiel SC Rotation Leipzig vs. Bayern München im "Bruno-Plache-Stadion") war schnell erreicht. Nun soll bald die Marke von 120.000 fallen. Diese Zuschauerzahl erreichte Lok Leipzig (inoffiziell) im Europapokalspiel gegen Bordeaux 1987 (im Leipziger Zentralstadion). Aber das wird die Loksche locker packen. Stand jetzt: 117.706 verkaufte Tickets und sicherlich noch den einen oder anderen Fanartikel dazu aus dem Fanshop. Leipzig ist einfach Fußball verrückt, denn auch beim Stadtrivalen BSG Chemie Leipzig langten die Fans bei der Aktion „Das kann doch einen Leutzscher nicht erschüttern“ beim Kauf von Unterstützer Paketen ordentlich zu. Insgesamt kamen runde 185.000 Euro für den Klub aus der Regionalliga Nordost zusammen.



Land auf, Land ab unterstützen die Fans auf besondere Weise ihre Klubs finanziell: Beispielsweise in Dresden mit dem Druck und Verkauf von Sondershirts, in Magdeburg durch den Verkauf von 4.000 „gedanklichen“ Tickets für die Wiederholung des Europapokal-Endspiels in Rotterdam am 8. Mai 2020 in Erinnerung an der 1974er Erfolg oder in Rostock, wo die Fans es im Rahmen der Aktion „Hamstern für Hansa“ schafften innerhalb von zwei Wochen den Fanshop mit sage und schreibe 15.500 Artikeln leer zu kaufen (hamstern) und dem Klub einen Umsatz von 250.000 Euro bescherten.

Auch im tiefen Amateurlager kämpfen die Klubs ums Überleben. Der DFB mit seinem üppigen Geldsäckel will nicht unterstützen außer die Gebühren zu senken und Anpassungen bei der Lizensierung vorzunehmen. Die Vereine und damit die Basis des deutschen Fußballs ist auf sich alleine gestellt. Auch wenn es in der Kreisliga nicht so hohe Zuschauerzahlen gibt wie bei höherklassigen Klubs fehlen doch einige Einnahmen von Wurst und Bier in den Kassen der vielen hundert Klubs. Den finanziellen Ausfall zu stemmen könnte für viele Vereine das Ende bedeuten.



Auf einer vom Essener Klub TC Freisenbruch (bei dem man ja virtuell am Vereinsgeschehen teilhaben kann, wie wir schon einmal 2016 berichteten) aktuell initiierten Internetseite www.geisterspieltickets.de können Sportvereine direkt virtuelle Tickets oder Getränke verkaufen. Nach wenigen Tagen hätten sich schon einige Vereine aus ganz Deutschland angemeldet. Vereine wie der SV Hochlar 28 aus Recklinghausen, der bereits 800 Euro eingenommen habe. Oder der Volleyball Zweitligist VC Allbau Essen, der über die Plattform mindestens 600 Tickets verkaufen möchte und so seine Sporthalle zumindest virtuell noch einmal vollmachen möchte. Stand jetzt wurden 1493 Eintrittskarten, 1178 Würstchen, 2065 Bierchen und 226 Bierkisten verkauft.

Ob Geistertickets, Bier, Würste oder Fanartikel, fast alle Klubs bieten Aktionen an und die Fans hören und unterstützen. Stark, weiter so.
Welche Aktionen und Initiativen kennst Du? Poste einfach in den Kommentaren unter dem Artikel


#SaveYourTeam
#SupportYourLocalTeam
#BleibtZuHause

Fotos (Aktuell und Archiv): K. Hoeft / Marco Bertram

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BFC Dynamo mit virtuellen Tickets für ein Spiel ab 1 Euro

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Lok Stendal verkauft Tickets für eine Partie gegen Dynamo Dresden:

http://www.1fc-lok-stendal.de/news/neuigkeiten/article/vereinsnews-ticket-spendenaufruf-zum-virtuellen-spie/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=8cc9bfaa01cd2558bba657a3ca0afd55

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Stahl Brandenburg für ein Spiel im November

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