In Vergangenheit und Gegenwart: SG Dynamo Schwerin tritt gegen Austria Wien an

In Vergangenheit und Gegenwart: SG Dynamo Schwerin tritt gegen Austria Wien an

 
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MB 05 April 2020

„Hier regiert der PSV! Hier regiert der PSV!“, hallte es durch das etwas schummerig erscheinende Rostocker Ostseestadion. Tröten und Gejohle ertönten, als am Abend des 19. September 1990 der dänische Schiedsrichter John Nielsen die Partie Polizeisportverein Schwerin vs. FK Austria Wien anpfiff. Die ganz in Grün gekleideten Schweriner starteten sogleich einen Angriff in Richtung des Gehäuses, das von Franz Wohlfahrt gehütet wurde. Welche Partie? Welcher Polizeisportverein? Sage und schreibe handelte es sich um ein Spiel des Europapokals der Pokalsieger, und als PSV Schwerin trat damals jener Verein an, der bis kurz nach dem Mauerfall als SG Dynamo Schwerin sich einen Namen machen konnte. Immerhin von 1963 bis 1990 wurde nonstop in der DDR-Liga (zweithöchste Spielklasse) gespielt, und in der FDGB-Pokalsaison wurde bis ins Finale gerauscht! Mein lieber Scholli! Wer damals alles aus dem Weg geräumt wurde! Zu Beginn wurde auswärts bei der BSG Motor Babelsberg mit 2:0 gewonnen, es folgten ein 3:1 gegen die BSG Stahl Riesa und ein 3:2 gegen die BSG Schiffahrt/Hafen Rostock. Im Viertelfinale wurde daheim der 1. FC Magdeburg sensationell mit 3:1 geschlagen, im Halbfinale konnte der 1. FC Lokomotive Leipzig mit 1:0 bezwungen werden! 

Gegen den FCM hatte Matthias Stammann bereits nach zehn Minuten im Stadion auf der Paulshöhe das 1:0 erzielen können, per Freistoß konnte Jens Bochert zum viel umjubelten 2:0 nachlegen. Als Bochert in der 83. Minute mit einem Nachschuss das 3:0 besorgen konnte, gab es kein Halten mehr. Die Paulshöhe stand Kopf. Der Magdeburger Anschlusstreffer kurz vor Abpfiff war reine Ergebniskosmetik. In der Halbfinalpartie gegen die Loksche war es Leistungsträger Matthias Stammann, der nach einer Viertelstunde vor 5.000 Zuschauern den Treffer des Tages erzielte. Spielte man im Halbfinale noch als SG Dynamo Schwerin, so trat man im FDGB-Pokalfinale im Berliner Jahn-Sportpark am 2. Juni 1990 bereits als PSV Schwerin an. Der Gegner war kein geringerer als die SG Dynamo Dresden!

Und schau einer an! Vor 5.750 Zuschauern brachte André Kort die Mecklenburger nach fünf Minuten in Führung! Stammann konnte sich auf der linken Seite prima durchsetzen, der Ball wurde reingebracht, und Kort konnte den Ball im Gehäuse unterbringen. Der Torjubel konnte sich hören und sehen lassen, nicht wenige Schweriner hatten sich auf den Weg nach Berlin gemacht. Apropos, die aufgestellten Werbebanden waren bereits bunt gemischt. Neben Robotron, Praktica, Interflug, Pneumant und ORWO waren bereits Coca Cola und Engelhardt zu sehen. Und ja, am Zaun durfte ein Stoff der „Berliner Bären“ bestaunt werden. Auf dem Rasen blieb jedoch die große Überraschung aus. Dynamo Dresden konnte Dank der Tore von Jörg Stübner und Ulf Kirsten die Partie drehen und am Ende den Pokal gen Berliner Himmel stemmen. Da die SG Dynamo Dresden jedoch als Meister im Europapokal der Landesmeister antreten durfte, rutschten die Schweriner im Europapokal der Pokalsieger nach. 

Während die SG Dynamo Dresden bis ins Viertelfinale vorstieß, und es in jenem mit Roter Stern Belgrad zu tun hatte (0:2, 0:3 inkl. schwere Ausschreitungen), wurde dem PSV Schwerin der österreichische Vertreter FK Austria Wien zugelost. Der westdeutsche Vertreter 1. FC Kaiserslautern hatte es indes mit Sampdoria Genua zu tun. Da das Heimspiel auf europäischem Parkett nicht auf der Paulshöhe ausgetragen werden konnte / durfte, wich man kurzerhand ins Rostocker Ostseestadion aus. 

Sehr viele Zuschauer hatte sich an jenem Septemberabend nicht eingefunden, exakt 835 zahlende Fußballfreunde waren es, die das Aufeinandertreffen bei ungemütlicher Witterung sehen wollten. Für Stimmung wussten jedoch die anwesender Dynamo-/PSV-Fans zu sorgen. Immer wieder hallte das „Heja, heja, PSV!“ über den Rasen. Jede halbwegs erfolgreiche Aktion des Zweitligisten wurde bejubelt. Mit dabei in den Reihen der Schweriner befanden sich unter anderen der Torschütze im FDGB-Pokalfinale, André Kort, sowie Frank Prange und Steffen Benthin, der in den folgenden Jahren Tore wie am Fließband schoss. Für ihn kam in der 67. Minute ein allseits bekannter Spieler in die Partie: Steffen Baumgart, der später beim F.C. Hansa Rostock zu einem echten Publikumsliebling werden sollte. Um auf Steffen Benthin zurückzukommen, dieser ist noch immer aktiv - und zwar beim FC Insel Usedom! In der laufenden Saison gelangen ihm für die zweite Mannschaft immerhin noch drei Tore in sechs Spielen. Dreimal kam er bei der ersten Mannschaft in der Landesklasse zum Einsatz.

Gegen Austria Wien wollten Benthin und Baumgart allerdings leider keine Tore gelingen. Die Wiener waren eine Nummer zu groß, doch nichtsdestotrotz schlugen sich die Schweriner wacker. Bis zur 34. Minute konnte hinten die Null gehalten werden, dann war es Jevgenijs Milevskis, der nach einer Ecke mit dem Kopf den Ball unter den Querbalken hauen konnte. Zwar war der Schweriner Torwart Dirk Minklei noch mit den Händen dran, doch zu präzise und kraftvoll wurde die Kugel auf das Gehäuse gebracht.

Bitter für die Mecklenburger: Nur zwei Minuten später konnte die Austria auf 2:0 erhöhen. Manfred Zsak trat einen Freistoß, und dieser wurde von der Schweriner Mauer unhaltbar abgefälscht. Mehr sollte an jenem Abend nicht mehr geschehen. Die Partie ging mit 0:2 verloren, und im Rückspiel musste nun ein großes Wunder her. Wer glaubte daran? Sage niemals nie, ein Spiel geht bekanntlich 90 Minuten. Ein Bus mit Schweriner Fußballfans hatte sich auf den Weg gemacht, um ihre Mannschaft im Franz-Horr-Stadion lautstark zu unterstützen. Das Kuriose: Irgendwann in den Abendstunden des 2. Oktober 1990 hatten sie die DDR verlassen (man wollte ja auch noch was von Wien sehen *zwinkersmilie*), anderthalb Tage später kehrten sie wieder zurück und befanden sich nun im wieder vereinten Deutschland. 

Insgesamt 1.500 Zuschauer wollten das Rückspiel sehen, die Partie leitete der jugoslawische Schiedsrichter Zdravko Đokić. Im Tor der Schweriner stand dieses Mal Thomas Raatz, der vor seiner Zeit in Schwerin bei der BSG Post Neubrandenburg gespielt hatte. An jenem denkwürdigen 3. Oktober 1990 hielt er den Kasten sauber. Mit einem achtbaren 0:0 verabschiedete sich der Polizeisportverein Schwerin aus dem Europapokal der Pokalsieger. 

Wie es im Ligaalltag später weiterging? 1991 wurde aus dem PSV Schwerin der FSV Schwerin, am 1. Juli 1997 schloss man sich dem FC Eintracht Schwerin an. Aus jenem wurde 2013 der FC Mecklenburg Schwerin, der aktuell in der Verbandsliga Mecklenburg-Vorpommern zu finden ist. Ähnlich wie in Leipzig wurde auch in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern die Tradition bewahrt und der alte Verein wieder neu gegründet. Die SG Dynamo Schwerin spielt derzeit in der Staffel West der Landesliga und darf sich über eine kleine, aber feine Anhängerschaft freuen, die dem Verein seit Jahren in guten und in schlechten Zeiten treu bleibt. Seit Jahren wird für den Erhalt der Paulshöhe gekämpft, zu Heimspielen kommen zwischen 150 und 250 Zuschauer, und zuletzt konnten am 25. Oktober 2019 auswärts beim FC Mecklenburg Schwerin II optische und akustische Akzente gesetzt werden. Zwar ging im Stadion Lankow vor 542 Zuschauern das Duell mit 1:2 verloren, doch am Rande zeigten die Dynamo-Fans, wer die Nummer eins in der Landeshauptstadt ist.

Wie zahlreiche andere Vereine auch leidet die SG Dynamo Schwerin unter der mit der Corona-Krise verbundenen Zwangspause. Keine Spiele - keine Zuschauereinnahmen. Auch in Schwerin griff man nun die Idee auf, ein virtuelles Spiel stattfinden zu lassen. Die „53er“ brachten eine wirklich feine Idee ins Spiel, und der Verein setzt diese Sache nun um. „Dynamo Schwerin holt die Europapokalnacht von 1990 zurück auf die Paulshöhe!“, heißt es nun auf der offiziellen Webseite der SG Dynamo. 

Wortwörtlich heißt es: „Im 30. Jahr des sportlichen Höhepunktes unserer SG Dynamo fällt das Coronavirus über die Welt her. Die Folgen sind jetzt schon für alle unerträglich. Auch unser Verein hat, wie viele andere darunter zu leiden und so haben wir uns die Idee einiger Profiklubs abgeguckt und als erster Verein in Mecklenburg-Vorpommern ein virtuelles Spiel ins Leben gerufen. Was liegt da näher als ein Rückspiel gegen Austria Wien? Allerdings haben wir noch einen drauf gelegt! Denn bei uns gibt es richtige, nummerierte Karten in einer Top Qualität sowie ein Unterstützershirt in weinrot mit weißem Druck.“

Eine Karte kostet 5 Euro, ein T-Shirt kann für 19,90 Euro erworben werden. Das virtuelle Komplettpaket mit Eintrittskarte, T-Shirt, Bratwurst und Bier kostet 30 Euro. Und hey, sowohl die Eintrittskarte, als auch das schmucke T-Shirt sind nicht virtuell, sondern aus Papier und Stoff und werden nach Hause geschickt! Weitere Infos findet Ihr auf der Facebook-Seite der SG Dynamo Schwerin! Keine Frage, ich will dabei sein und werde mir morgen das Komplettpaket gönnen! Hieß es damals im Ostseestadion noch 0:2, so kann es dieses Mal auf der Paulshöhe nur einen Gewinner geben: Die SG Dynamo Schwerin!

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: SG Dynamo Schwerin     

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