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Amateurfußball in Italien: „Calcio?“

 
5.0 (5)
MB 17 Februar 2020

Schon früh morgens geht es per auto mobile durch beträchtlichen Nebel auf einer mautpflichtigen, fast menschenleeren Autobahn der italienischen Metropole Mailand entgegen. Fußball im Jahre 2020: Das ist der Videobeweis, Lars Windhorst  in Berlin oder eine Fußballmannschaft aus Leipzig in der Spitzengruppe der, nun ja, Regionalliga Nordost. Fußball in den 20er-Jahren, das heißt aber auch: Immer am Ball mit mobilem Internet. Dank der Handy-App "Tuttocampo" ist es kein Problem, unterwegs mit ein paar Handgriffen ein Vormittagsspiel im Raum Mailand herauszusuchen. Dass es mit dem Verein US Pio IX Speranza aus dem Vorort Cinisello Balsamo den Tabellenletzten der letzten italienischen Liga trifft - who cares? Alles halb so wild: Als die Stadtgrenze von Mailand passiert wird, schält sich die Sonne aus dem Nebelnest und hellt den Norden Mailands mit schönstem Vor-Frühlingswetter auf.

In Cinisello Balsamo ist die Welt sonntags um 10 Uhr morgens noch in Ordnung. Der Sportplatz befindet sich direkt im Zentrum der kleinen Stadt - nebenan schlägt der Kirchturm zur vollen Stunde und auf dem Marktplatz herrscht reges Treiben. Dort gastiert um diese Zeit ein Flohmarkt, auf dem auch Merchandise aus der Blütezeit des italienischen Fußballs feil geboten wird. Eine Fan-Zeitschrift vom AC Mailand aus dem Jahre 1989, mit Marco van Basten auf dem Titelbild, wird den Verkäufern abgeluchst.

 In der Zeitschrift "Forza Milan!" sind auch Fotos von Carlo Ancelottis (inszeniertem) dreißigsten Geburtstag zu finden. Die 3 Euro haben sich gelohnt. Kurz einen alten Mann auf dem Marktplatz nach "Calcio?" gefragt und einen Fingerzeig später steht man auf dem Gelände des Neuntligisten. Eintritt wird nicht erhoben und die Verpflegung müssen die Kioske auf dem nahen Marktplatz übernehmen. Es gibt eine kleine Stehplatztribüne aus Beton und der Platz ist eingezäunt. 

EINBEINIGE SCHIEDSRICHTER AUF "ITALIENISCHEM GRAND"

Es dauert bis die Mannschaften auf den Rasen gekrochen kommen und ein kahl geschorener Schiedsrichter die Partie schließlich mit rund zehn Minuten Verspätung anpfeifen kann. Der Platz verfügt nur über ein paar Grashalme - hier wächst gar nichts mehr, so trocken und abgetreten ist der Untergrund. Klarer Fall von: "Italienischem Grand". Der Schiri hinterlässt einen sehr engagierten Eindruck. Mit Verve zückt er jede Gelbe Karte und gestikuliert im Laufe des Spiels das ein oder andere Mal herum wie ein Dirigent. Was die Linienrichter betrifft, so hat man allerdings das letzte Aufgebot in die Terza Categoria geschickt. Der Assistent auf der anderen Seite fällt mit einer Gehbehinderung auf und bewegt sich nicht von der Stelle. 

Trotzdem wedelt er - wenn's Not tut - munter mit seinem Fähnchen herum. Während Speranza das Tabellenende ziert, spielen die Gäste in ihren grünen Trikots oben mit. Das wird in der Praxis auch schnell sichtbar: Die erste Halbzeit entwickelt sich zu einem munteren Spielchen mit zwei wunderbaren Toren für den Favoriten. Ein Lupfer über den Torwart und ein artistischer Flugkopfball kurz vor dem Pausenpfiff, finden den Weg über die Torlinie. Grande Calcio.

Im zweiten Abschnitt passiert allerdings nicht mehr allzu viel. Der Heimmannschaft fehlt die rechte Idee, doch noch zum Anschlusstreffer zu kommen und Dugnano hat seine Schuldigkeit mit den beiden Toren schon getan.

 Die Spielerfrauen auf der Tribüne haben wichtigere Themen zu bequatschen, Bambini pinseln mit Straßenmalkreide ihr eigenes Spielfeld auf den Vorplatz-Asphalt. Zwei Platzverweise für die Gäste täuschen nicht über die technischen Mängel im Spiel von Speranza hinweg. Die Theatralik und Hingabe wie gegen die Schiedsrichter-Entscheidungen protestiert wird, erweckt nicht zuletzt dank prominenter Vorbilder aus dem Stiefelland den Eindruck, es handele sich beim Lamentieren um eine Volkssportart. In der üppigen Nachspielzeit stolpern sich die Stürmer beider Teams durch die gegnerischen Spielhälften - und dann ist irgendwann Schluss. Es bleibt beim 0:2 - wie hätte das Spiel an so einem Datum auch sonst ausgehen sollen?

Fotos: Matthias Backhoff

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Italien

Spielergebnis:
0:2
Zuschauerzahl:
60
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Danke

Beinahe das Schönste, das ich jemals über ein Fußballspiel gelesen habe.

W
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