dr_bahn

Mit 10 Ost-Mark von der Küste bis nach Aue: 14 Flaschen Hellbier inklusive

 
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MB 21 Januar 2020

Das waren noch Zeiten! Mit der „Braunen“ eine ganze Fußballsause finanzieren! Mit der „Braunen“ ist kein Goldbrand, sondern der gute alte Zehnmarkschein der DDR gemeint. Während Thomas Müntzer auf dem violetten Fünfmarkschein und Goethe auf dem grünen Zwanzigmarkschein irgendwie skeptisch dreinschauten, schien auf dem braunen Zehner Clara Zetkin ein ganz leichtes Lächeln zu zeigen. Ein intensiver Blick, ein Mundwinkel hob sich ganz leicht. Die gute alte Clara war also ausreichend für eine komplette Auswärtsfahrt mit dem F.C. Hansa Rostock. In der 12. Ausgabe des genialen Heftchens „Fankogge“ hatte Heiko Neubert eine Sahne Aufstellung gemacht. Ob man dieses Geld noch kenne, wurde der interessierte Leser gefragt. Hallo! Zu jenem Zeitpunkt war die DDR mal gerade anderthalb Jahre Geschichte. Aber es ist wohl wahr, jene irre aufregende Wendezeit mit allem Drum und Dran fühlte sich richtig lang an. 

Nun aber zur aufgestellten Rechnung. Zurückgeblickt wurde auf die DDR-Oberligasaison 1988/89. Mit Hansa ging es wieder einmal zur BSG Wismut Aue, und weiter ging es quasi damals nicht. Satte 500 Kilometer mussten auf Straßen- oder Schienenweg zurückgelegt werden. Nur nach Suhl war es noch weiter (550 km), doch spielte die BSG Motor Suhl ja nur in der Saison 1984/85 im Fußballoberhaus, und in den DDR-Liga-Spielzeiten ließen Rostock und Suhl in unterschiedlichem Staffeln das Leder rollen.

Also! Die Fahrkarte mit der Deutschen Reichsbahn kostete nix. Es wurde ganz einfach schwarz gefahren. Insgesamt 1.000 Kilometer musste immer ein Blick auf Trapo und Schaffner geworfen werden. Allesfahrer kannten sämtliche Tricks und Kniffe. Hinzu kam vor Ort die (ermäßigte) Eintrittskarte für die Oberligapartie im Otto-Grotewohl-Stadion, die mal eben schlappe 1,10 Mark kostete. Für 50 Pfennige gab es das Programm dazu, zwei im Stadion gefutterte Bockwürste schlugen mit 1,70 Mark zu Buche. Die 85 Pfennige für eine „Bowu“ waren in der Tat landesweit Standard an Imbissständen. Aufgrund des Sparprogramms blieben vom braunen Zehnmarkschein mit der Clara drauf ja noch 6,24 Man übrig - und diese wurden, wie sollte es auch anders sein, in Bier investiert.

Neee, nix mit Fassbier im Becher. Für Hin- und Rückfahrt wurden pro Person 14 Flaschen Rostocker Hellbier einkalkuliert. 0,33 Liter im grünen Glas. Und damit es richtig mundete, wurden diese stundenlang bei 30 Grad Celsius in die Sonne gestellt. Hergestellt wurde das helle Vollbier beim VEB Getränkekombinat Hanseat Rostock. Vermutlich wird dem einen oder anderen älteren Leser nun das Wasser im Munde zusammenlaufen. 48 Pfennige kostete das gute Stück. Hinzu kam noch der Pfand, aber den bekam man ja wieder zurück. Auch das Vollbier hatten einen staatlich vorgeschriebenen Festpreis (EVP), so dass dieses in jeder Ecke der DDR genauso viel kostete. Ein 0,33er Starkbier / Bockbier kostete indes 72 Pfennige.

Wer sich eine Fußballsause richtig versüßen wollte, packte sich noch einen hübschen „Bolzen“ in das Netz, doch konnte dieser schon richtig in die Moneten gehen. So kostete eine Flasche Goldbrand mal eben 14,50 Mark, eine Flasche Nordhäuser Doppelkorn war für 17,60 Mark zu haben. Da musste schon mal zum „grünen Goethe“ gegriffen werden. Aber klar, es gab auch Alternativen. Wer die richtigen Kontakte hatte, konnte sich ja steuerfreien Trinkbranntwein für Bergarbeiter zukommen lassen. Dieser kostete schlappe 80 Pfennige der halbe Liter. Wie der schmeckte? Sicherlich richtig dufte. Nicht ohne Grund wurde er auch „Kumpeltod“ genannt. Nun denn, hatte man eine Braut mit an Bord, so machte sich eine Flasche Stichpimpulibockforcelorum (was für verrückter Name) für 11,70 Mark sicherlich ganz gut. Dieser Kräuterlikör wurde in Zerbst und Blankenburg produziert und hatte auch 35 Umdrehungen. Drin waren der Saft junger Kiefern, Cerealien, Rum, Stiches, Pimpernuss, Bocksdorn, Lotus und Liebstöckel. Vermutlich konnte es nach dem Genuss hoch hergehen im Abteil der 2. Klasse des D-Zuges.

Heute soll mal weniger über Fußball als solches gesprochen werden. Vielmehr soll an dieser Stelle mal einiges in Relation gesetzt werden, was die liebe Kohle betraf. Wer zu DDR-Zeiten bereits eine feste Arbeitsstelle hatte, wird sich keine großen Sorgen gemacht haben, was eine Fußballsause nach Erfurt, Leipzig, Halle und Frankfurt (Oder) betraf. Wer als Lehrling jedoch noch keine eigene Karre und Kumpels, die ordentlich Geld in die Spritkasse warfen, hatte, musste wohl oder übel auf den Schienenverkehr zurückgreifen. Grundsätzlich so oder so eine gute Sache, doch wurden einem als Lehrling im ersten Ausbildungsjahr 108 Mark (120 brutto) ausgezahlt. Große Sprünge ließen sich damit nicht machen. Für nen Hanseat-Vollbier und ne „Bowu“ wird es immer gereicht haben, jedoch konnte es preistechnisch ziemlich eng werden, wenn regulär eine DR-Bahnfahrkarte nach Erfurt oder Berlin bezahlt werden musste. 

Als Ost-Berliner wird man noch im Kopf haben, was der innerstädtische Nahverkehr gekostet hatte. 20 Pfennige (ermäßigt ein Groschen) mussten für eine Einzelfahrkarte bezahlt werden. Auch für damalige Verhältnisse war das ein Spottpreis, doch als Schüler wollte man auch diesen von den Eltern mitgegebenen Groschen sparen. Schließlich konnte man von diesem beispielsweise eine Packung Pfeffis kaufen. Also steckte man im Bus irgendwas in die Vorrichtung, an der mit einem Hebel ordentlich geackert wurde. Rein mit dem Pfennig oder dem Knopf, und dann wurde so lange gehebelt, bis der reingesteckte Gegenstandaus dem Sichtfeld verschwand. Den langen Fahrschein abgerissen - und gut war´s. Mein Vater nutzte seine Fahrkarte für die S-Bahn gefühlte hundertmal. Immer wieder legte er das Pappstück kurz in ein Lösungsmittel, so dass der Aufdruck verschwand. Irgendwann kam jedoch der Augenblick, an dem sich der gesamte Fahrschein in flockige Zellulose auflöste. 

Eine reguläre Fahrt im Schnellzug von Ost-Berlin nach Rostock kostete 1981 exakt 20,80 Mark. Meine Eltern hatten damals zahlreiche Fahrkarten, Rechnungen und Quittungen in die privaten Reisetagebücher eingeklebt. Von Ost-Berlin nach Prag fuhr man zu jener Zeit für 27,60 Mark. Regionale kürzere Strecken waren indes wahrlich kein großes Ding. So ging es am 1. Juli 1983 für 1,20 Mark mit dem Zug auf der Insel Rügen von Göhren nach Binz Ost. Wollte man von Ost-Berlin aus in den Harz düsen, so machte das für die Strecke 17,60 Mark. Hinzu kamen drei Mark Schnellzugzuschlag und 50 Pfennige für die Platzkarte. Fuhr man nur bis Magdeburg, um dort ein Fußballspiel im Ernst-Grube-Stadion zu sehen, so dürften pro Strecke um die 12 Mark fällig gewesen sein. Hin und zurück dann auch ein bisschen Geld. Zu beachten ist natürlich, dass Lehrlinge Ermäßigungen erhielten, und es auch Gruppentickets gab. Bei insgesamt 1.000 Streckenkilometern von Rostock nach Aue und zurück kam so oder so eine hübsche Stange Geld zusammen. Da half es häufig nur, sich auf dem Klo einzuschließen oder andere Versteckspiele auszuüben.

Nun gab es für Jugendliche im Gegenzug aber auch prima Möglichkeiten, sich sein Taschengeld aufzubessern und somit die eine oder andere Spritztour zu ermöglichen. Die jüngere Generation ging damals im Herbst schon mal Eicheln und Kastanien sammeln. Diese konnte man bei der nächsten Revierförsterei abgeben. Für ein Kilogramm Kastanien erhielt man in der Regel 25 Pfennige, für Eicheln 35 Pfennige. Was sich mühevoller sammelte, liegt auf der Hand. Der Zeitaufwand-Ausbeute-Faktor musste stets im Auge behalten werden.

SERO war indes das ganze Jahr eine 1a-Anlaufstelle. An den SERO-Annahmestellen konnten Weinflaschen, Schraubgläser, Altpapier und mitunter auch Lumpen abgegeben werden. Insbesondere bei Lumpen läpperte sich das ganz gut. Her mit dem Handwagen und im Wohngebiet bzw. in der Siedlung eine Runde gedreht und die alten Herrschaften genervt. Noch was im Keller, im Schuppen, das weg kann? Kurz vor Abgabe bei der SERO packten einmal eine Schulfreundin und ich ein paar Steine in das Lumpenbündel. Der Dame an der Waage kam das gemessene Gewicht nicht ganz geheuer vor, und siehe an, da purzelten auch schon die Steine raus. Geld gab es am Ende dann doch ein wenig, und draußen auf der Straße kriegten wir uns nicht mehr ein vor Lachen.

Hatte man große Anschaffungen vor oder wollte bei der nächsten Auswärtsfahrt im Zug kein Versteckspiel mit Trapo und Schaffner spielen, musste größeres Geld ran. Auch was war nicht das Problem. Es gab immer Möglichkeiten, sich eine „Bravo“ aus dem Westen zu besorgen. Und diese wurde dann fachgerecht ausgeschlachtet. Noch rasch ein Blick auf die Fragestunde bei Dr. Sommer („Kann ich auch beim Liegen in der Badewanne schwanger werden, wenn mein Freund vorher im Wasser lag und sich einen runterholte?“) - und dann ran ans Werk! Für gefragte Acht- und Vierseitenposter konnte man mitunter 20 Mark verdienen. Für ein Zweiseitenposter gab es nen Zehner. Die meiste Kohle konnte gemacht werden mit Heavy Metal. Die älteren Jungs, die in der hintersten Ecke des Schulhofes Club und Kabinett oder auch einfach Karo rauchten, auf dem Moped die geilsten Bräute abschleppten und bei Union in der ersten Reihe standen, legten mitunter gutes Geld hin für brauchbare Poster und Songbooks.

Ein weitere Methode, an Kohle ranzukommen, war das Besorgen von Busblinkern. Diese waren bei Simson- und MZ-Fahrern der letzte Schrei. Nachts ging es zum Busdepot nach KW, am nächsten Tag wurde ausgeliefert. Die nächste Sause war finanziert. Ob einfach nur zur Kaufhalle, um sich mal richtig vollzuschlagen, oder mit der Deutschen Reichsbahn zum nächsten Auswärtsspiel des F.C. Hansa oder des BFC - das lag ganz klar daran, wie sich der abgesteckte  Rahmen der familiären Oberhäupter gestaltete… Geil und spannend waren die Zeiten so oder so!

Anmerkung: Weitere Anekdoten wird es in drei Büchern geben, die in diesem Jahr in Arbeit sind...

Fotos: Marco Bertram, privat, Fußballfotografie

 

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Von mir /uns wurde sehr gerne die sogenannte Arbeiterrückfahrkarte genutzt. Stempel im Kombinat besorgt und dann einfach den Vordruck ausgefüllt und abgestempelt und dann am Reichsbahntresen 75% (!!!) Ermässigung auf die reguläre Fahrkarte erhalten. Wir hatten dann an Spieltagen immer zufällig beruflich in der Nähe des Auswärtsspieles zu tun. Hat immer geklappt.

T
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30 Jahre. Wir werden alt...

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