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Brüel 1997: „Das wird ne Friedensdemo!“ - Als Hools sich in Dörfern prügelten

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MB 17 Januar 2020

Acker, Feld und Wiese sind es heute. Vor 23 Jahren waren es noch die Marktplätze kleiner, abseits gelegener Gemeinden, auf denen mitunter die Fetzen flogen. Im Zuge der Recherche für zwei geplante Bücher stöberte ich in alten Heften und stieß somit auf einen ausgeschnittenen Zeitungsbericht vom Herbst 1997. In diesem wurde darüber berichtet, wie es am 19. Oktober 1997 in der Kleinstadt Brüel (Landkreis Ludwigslust-Parchim) zu einer verabredeten Schlägerei zwischen zwei Hooligangruppen kam. Zeuge sei der Pfarrer der 2.500-Einwohner-Stadt gewesen, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nichts ahnend eine Runde spazieren ging. Gegen 17 Uhr rannte plötzlich aus einer Querstraße ein Mob in Richtung Bahnhofstraße. Als aus der Gegenrichtung eine andere Truppe herangestürmt war, kam es zu einer wilden Schlägerei, bei welcher der eine oder andere am Boden liegen blieb. Die Tatsache, dass sich handfeste Auseinandersetzungen von den Stadien zu neutralen Orten verlagerten, war damals vor 23 Jahren noch völlig neu. 

Und somit griff auch das Nachrichtenmagazin Focus das Ganze auf und druckte am 3. November 1997 einen ausführlichen Bericht ab. Dieser wurde später online gestellt und ist für jedermann zugänglich. Ging es im besagten Zeitungsbericht noch recht sachlich zu, so packte der Focus die nötige Portion Witz hinein. So berichtete der Focus, dass die Meute dem Pfarrer und seiner Familie zurief: „Das wird ne Friedensdemo.“

Am Tag zuvor trafen im Rostocker Ostseestadion der F.C. Hansa Rostock und der FC Schalke 04 aufeinander. Die Bundesligapartie war ein echtes Spitzenspiel, und die Schalker kamen als frisch gebackene „Eurofighter“ eh mit breiter Brust an die Ostseeküste. Der Kogge würde man schon was vor den Bug geben, dachte man sich. S04-Trainer Huub Stevens schaute vor Anpfiff lustig drein, Manager Rudi Assauer paffte in gewohnter Manier an seiner Zigarre. 

Auf dem Rasen machten allerdings die Hansa-Spieler richtig Dampf. In der 18. Minute machte Jens Dowe das 1:0, kurz vor der Pause legte Sergej Barbarez vom Elfmeterpunkt aus zum 2:0 nach. Oliver Neuville war es, der nach einer Stunde den Sack zumachen konnte. Links unten brachte er den Ball zum 3:0 platziert unter. Das hatte gesessen! Zwar sorgte Michael Goossens in der 60. Minute mit seinem Anschlusstreffer für etwas Spannung, doch als in der Schlussphase die Schalker alles nach vorn warfen, machte Igor Pamic vor rund 18.000 Zuschauern den 4:1-Endstand klar. Voilà, es war der höchste Sieg der Rostocker gegen die Knappen in den 24 Aufeinandertreffen.

Ein Aufeinandertreffen der anderen Art gab es dann am Tag darauf zwischen den beiden Truppen, die rote und weiße Armbinden trugen. Nicht wirklich amüsant fand diese Art der „Friedensdemo“ die Polizei, die mit 53 Mann angerückt war und 47 Kämpfer festnehmen konnte. Nach der Personalienfeststellung konnte ein erstes Fazit gezogen werden: 17 von ihnen kamen aus Mecklenburg-Vorpommern, 13 kamen aus Sachsen und Sachsen-Anhalt, die restlichen Festgenommenen stammten aus Berlin, Brandenburg, Lübeck und Köln. Interessanterweise sind keine Hools aus Gelsenkirchen dabeigewesen.

Die Polizei teilte damals mit, dass es erst der zweite (bekannt gewordene) Fall solch einer Art von Auseinandersetzung in der dortigen Region war. Bereits im August 1997 kam es in Mühlen-Eichsen nahe Schwerin zu einer verabredeten Schlägerei, an der insgesamt 130 Hooligans aus Hamburg und Rostock teilgenommen hatten. Damals gab es - im Gegensatz zum Vorfall in Brüel - fünf Schwerverletzte zu beklagen. 

Verständlich, dass solche Vorfälle für reichlich Gesprächsstoff sorgten. Ganz klar, nachdem in und vor den Stadien die Überwachung stetig zunahm, suchte die gewaltbereite Szene nach neuen Wegen. Um diese potentiellen Radaubrüder wieder mehr ans Spiel zu binden, gab es von Seiten der Fan-Betreuer sogar Interessante Vorschläge. So sollten Stadionverbote aufgehoben oder auf Bewährung ausgesetzt werden. 

Von Seiten des DFB zeigte man sich hinsichtlich dieser Vorschläge eher weniger begeistert. So wurde der damalige Sicherheitsbeauftragter des DFB, Wilhelm Hennes, im Nachrichtenmagazin Focus mit folgenden Worten zitiert: „Mir sind Prügeleien auf der grünen Wiese allemal lieber als Randale im Stadion.“ Allerdings sei im Umland damit zu rechnen, dass bis zum bitteren Ende geprügelt werde. Mit Sorge wurde damals ins westliche Nachbarland geschaut. Im März 1997 kam es in den Niederlanden an einer Autobahnraststätte zu einem gewaltsamen Aufeinandertreffen von insgesamt 400 Fans von Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam, bei dem ein 35-jähriger schwer verletzt wurde und am Ende verstarb. 

In Deutschland gab es in den Folgejahren eine deutliche Tendenz. Weg von den Dörfern, raus auf die Äcker und Wiesen, wo es sich munter austoben lässt. Es dauerte einige Jahre, bis die Strafbarkeit solcher Drittortauseinandersetzungen genau festgelegt werden konnte. So gab es am 20. Februar 2013 beim Bundesgerichtshof einen Beschluss. Dieser lautete wie folgt: Drittortschlägereien seien strafbar, die wechselseitige Einwilligung der Beteiligten sei sittenwidrig. Grund sei das erhöhte Risiko, sich schwere Verletzungen zuzufügen. 

Zuvor war es juristisch umstritten, ob verabredete Raufereien in Wäldern, Parks oder auf Wiesen und Feldwegen strafrechtlich relevant seien. Knackpunkt war, dass nach § 228 StGB eine Körperverletzung nicht strafbar sei, wenn der Verletzte zuvor eingewilligt hatte. Somit musste ein anderer Hebel betätigt werden - und zwar der des Sittenverstoßes (Sittenwidrigkeit). Grob erläutert handelt es sich bei einer Sittenwidrigkeit um den Verstoß gegen moralische Maßstäbe, die nicht in Verbotsgesetzen positiviert sind.

Fazit: Die Ausrede mit der „Friedensdemo“ zieht nicht mehr beim Fight auf dem Acker. Der besagte Pfarrer hatte indes damals im Herbst 1997 einen guten (sarkastischen) Vorschlag. Man könne solch eine Schlägerei im Rahmen eines Stadtfestes austragen, dann könne gleich dazu eine Würstchenbude aufgebaut werden…

Anmerkung: Das Aufmacherfoto ist ein Symbolfoto von einem anderen Spiel aus dem Jahr 1994!

Fotos: Marco Bertram, K. Hoeft, Heiko Neubert, Klischi

> zum Bericht des Nachrichtenmagazins Focus vom 2.11.1997 (Nummer 45)

  

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Der Autor hat leider nicht die geringste Sachkenntnis.

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