grodzisk

Nach über 13 Jahren zurück in Grodzisk Wielkopolski

 
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M 28 Oktober 2019
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Es war die Sommerpause 2006 und 0815-Testspiele sind eh nie Pflicht. Schnell war die Idee geboren, sich einfach mal die U19-EM in Polen anzuschauen (Sieger Spanien). Die Austragungsorte lagen alle in der Region Wielkopolskie. Von diesen hatte ich eh nur das Stadion von Lech Poznań. Die anderen Austragungsorte waren Swarzędz, Pobiedziska (was mir bis heute noch fehlt), Wronki, Szamotuły und Grodzisk. Letzteres Stadion sollte an diesem Tag abgehakt werden. Ich fand damals sogar einen Mitfahrer aus Eberswalde für das Spiel. Zu frisch waren die Europa-Cup-Spiele von Hertha BSC gegen Dyskobolia Grodzisk, in denen der Vertreter der deutschen Hauptstadt einfach mal so aus dem Pokal geworfen wurde. 

Erst in der 3. Runde war mit Bordeaux ein Meister gefunden. Sogar Manchester City wurde von der Kleinstadt, westlich von Poznań gelegen, besiegt. Ziemlich rasant ging es danach bergab. Zwischendurch spielte Grodzisk sogar in der Kreisliga. 2016 war dann endgültig Schluss. Mittlerweile hat sich ein Nachfolger gegründet, der unter Nasza [unser] Dyskobolia Grodzisk in der Landesliga antritt. Nach dem Reset mussten Sie den weg über die unterste Kreisebene gehen.

Wir sahen dann am 23. Juli 2006 das Aus der Polen in der Vorrunde gegen Tschechien. Vor 4500 Zuschauern machten Marek Střeštík und Martin Fenin den Sack zu. Erster spielt aktuell für Prostějov. Dank einer Groundhopping-Doku des DSF um 2000 herum wurde die Bekanntheit des Ortes damals extrem gepusht. Fenin spielte später für Eintracht Frankfurt, Energie Cottbus und den Chemnitzer FC. Der damalige Kader bestand aus Leuten des Geburtsjahrs 1987.

Das Spiel begann um 20:00 und wir versäumten mal wieder die Besichtigung der kulturell wertvollen Bauwerke. Hinfahrt – Spiel – Rückfahrt. Auf dem Rückweg wurden wir sogar noch wegen eines kaputten Lichts in Myślibórz herausgezogen und ewig festgehalten. Meinen Mitfahrer setzte ich dann spät in der Nacht am Bahnhof meines Heimatortes ab, sodass er mit dem ersten Zug wieder nach Eberswalde fahren konnte. So war das damals.

Nur durch Zufall bekam ich neulich mit, dass der 14.000-Einwohner-Ort doch ganz nett sein soll. Über Stęszew waren die 45 Kilometer von Poznań nach Grodzisk ziemlich schnell abgespult. In Woźniki machte ich noch kurz am Franziskaner-Kloster im Wald halt. Lohnt sich. Total genial ist der Besuch der Kirche mit Katzen und Hunden die auf den Stufen liegen. Peinlich, aber wirklich zum ersten Mal habe ich dann doch mal einen Bruder in brauner Bruder-Tuck-Kluft gesehen – stilecht mit weißem Seil um den Bauch. Einen Katzensprung noch und Grodzisk war erreicht. 

Aus der Ferne waren schon die Flutlichter zu sehen, die aktuell den Exil-Spielen von Warta Poznań in Liga 1 Licht geben. Wie erwartet hatte ich keine Erinnerungen mehr an die Stadt und Stadionumgebung. Schade, dass man damals noch nicht wusste, dass Grodzisk eine ansehnliche Innenstadt und eine Windmühle hat. Am Marktplatz parkte ich das Auto und ging durch die Gassen. Die Leute sind nett und prompt wurde ich von einer Bettlerin angesprochen, die gleich auf den Punkt kam! Sie sammelte nicht das Geld für ihre Kinder oder Geld für Medikamente, wie es sonst üblich ist. Sie sagte ohne zu flunkern, dass sie um 5 zl für eine Flasche Suff bittet (vielleicht mit der lokalen Brauerei zusammenhängend). Die Stadt an sich ist aber nobel.

Innerhalb der polnischen Geschichte spielt Grodzisk eine große Rolle. In den Jahren 1918 und 1919 befand sich hier die Kommandostelle im Großpolnischen Aufstand. Außerdem kam ein Bauer namens Michał Drzymała mit seinem Wagen durch den Ort. Um die Zahlung von Gebühren zu sparen, kaufte er sich Anfang des 20. Jahrhunderts einen beheizbaren Zirkuswagen, den er alle paar Tage auf seinem Grundstück um ein paar Meter verschob. 

Nicht unerwähnt soll auch der Glücksbrunnen des seligen Bernhards bleiben – ein ziemlich großes Teil mit angeblich magischen Kräften. Dennoch: Das Touristenprogramm „Marktplatz, Kirchen, Gassen“ war nach 45 Minuten durch, sodass ich mich dann beruhigt wieder auf den Rückweg machte. 13 lange Jahre quälte die Ungewissheit, ob ich in Grodzisk was verpasst hätte. Jetzt bin ich beruhigt.

Fotos: Michael

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Dyskobolia Grodzisk

Ich hatte seiner Zeit April 2008 den Auftritt von Dyskobolia Grodzisk bei Lech Poznan gesehen (Stadion damals im Umbau). Sind glaube ich knapp an der Meisterschaft vorbeigeschrammt. War ein netter kompakter Haufen an Fans, die im alten Gästeblock in Poznan das Team aus Grodzisk unterstütze.

P
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