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1. FC Frankfurt vs. FSV Union Fürstenwalde: Melancholie am Ufer der Oder

 
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MB 14 Oktober 2019
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Ich mag diese sanfte Melancholie in der Oder-Region. Optimismus wird in Frankfurt/Oder nicht wirklich groß geschrieben. Das durfte ich bereits in den frühen 90ern feststellen, wenn mich Kumpel Jan in seinem weißen Golf einmal im Monat mit in seine Heimatstadt nahm und wir mit seinen Eltern in der Plattenbauwohnung beim Kaffee saßen. Viktoria? Eine müdes Lächeln. Abwinken. Marco, noch ein Tässchen? Ach Viktoria, was soll die schon anstellen? Lieber im Garten Kirschen ernten gehen, erklärte der Herr Papa, nachdem Jan und ich ihn aufmuntern wollten, doch mal mitzukommen ins Stadion der Freundschaft. Fußball in Frankfurt? Das funktioniere einfach nicht seit dem Fall des Eisernen Vorhangs, erklärte Papa. Man könne getrost ein Schloss vor die Eingangstore des maroden Stadions hängen. Und trotzdem schaute er Woche für Woche in die MOZ und las die Spielberichte. Irgendwie könne man ja trotzdem nicht vom einstigen Vorwärts Frankfurt lassen. Schließlich hatte der Verein einst durchaus bessere Zeiten. 1982/83 wurde der FC Vorwärts Frankfurt Vizemeister der DDR-Oberliga, bereits im Herbst 1982 war im UEFA-Pokal der SV Werder Bremen der Gegner. Denkbar knapp musste sich damals Vorwärts geschlagen geben. Nach einer 1:3-Niederlage im heimischen Stadion vor 18.000 Zuschauern konnte zwei Wochen später im Bremer Weserstadion überraschend mit 2:0 gewonnen werden. Conrad (76. Minute) und Andrich (86. Minute) erzielten die späten Treffer und brachten Werder ins Wanken.

Nachdem 1983/84 gegen Nottingham Forest (0:1 und 0:2) nichts zu holen war, konnte 1984/85 in der ersten Runde des UEFA-Cups im heimischen Stadion der Freundschaft der PSV Eindhoven mit 2:0 geschlagen. Hendel und Pietsch schossen vor über 15.000 Zuschauern die umjuebelten Tore. Auswärts ging zwei Wochen später das Ganze leider Gottes 0:3 aus, wobei der letzte entscheidende Gegentreffer erst in der 87. Minute fiel. Die Spiele gegen Bremen und Eindhoven könne man einfach nicht vergessen, erklärte mir am Samstag ein guter Freund. Als Kind saugte man die Atmosphäre regelrecht auf. Seinem Vater wurde vor dem Heimspiel gegen Bremen die Eintrittskarte aus der Gesäßtasche gestohlen. Daraufhin eilte er fix nach Hause, schnappte sich seine Liga-Dauerkarte und kam trotzdem ins Stadion. Ob er den dreisten Dieb auf seinem Platz vorfand? Nein, dieser blieb logischerweise frei. Besser für den Dieb, ansonsten hätte es wohl gescheppert.

Irre, einfach irre, meinte der besagte Freund beim Landespokalspiel gegen den FSV Union Fürstenwalde. 35 Jahre späte stehe man quasi am gleichen Platz neben der Haupttribüne wie damals als zehnjähriges Kind. Schaut man ins weite Rund, so hatte sich soooo viel nicht geändert. Okay, die Haupttribüne wurde erneuert, die Flutlichter leuchten schon lange nicht mehr, und auch einige Sitzbänke wurden in den Kurven demontiert. Der Rest blieb indes. Steht man auf den Rängen des Stadions der Freundschaft, so atmet man Fußballgeschichte ein. Und man spürt die eingangs erwähnte Melancholie.

Immerhin 421 Zuschauer hatten sich am Samstagnachmittag bei sonnigem Wetter auf den Rängen des altehrwürdigen Stadions eingefunden, unter ihnen gut und gerne 150 Fußballfreunde aus Fürstenwalde. Endlich mal wieder was los. Zuletzt gegen den RSV Eintracht 1949 waren es bei Pieselwetter noch 83 Hartgesottene. Aber schau an, gegen den ambitionierten Tabellenführer konnte mit 2:1 gewonnen werden! Na also, da ging doch was gegen den Regionalligisten aus Fürstenwalde! Oder etwa nicht? 

Während jedoch der RSV Eintracht 1949 zeitgleich gegen den FC Energie Cottbus denkbar knapp mit 1:2 verloren hatte, fanden die Frankfurter Kicker nicht den Glauben an ein kleines Fußballwunder. Mit 0:2 ging es nach 45 Minuten in den Pausentee. Kemal Atici hatte in der 9. und 16. Minute die Treffer für Union Fürstenwalde erzielt. Psychologisch sind solch frühe Gegentore für Underdogs denkbar schlecht, doch anderseits kam der 1. FC Frankfurt im ersten Spielabschnitt zu einigen guten Möglichkeiten. Eine der Chancen gab es in der 14. Minute zu sehen, quasi im Gegenzug erhöhte Fürstenwalde auf 2:0. Kurz vor der Pause lag der 1:2-Anschlusstreffer in der Luft. Es war zum Mäusemelken. Es sollte einfach nicht sein.

Aber dann! Was war das? Die Art und Weise wie die Frankfurter Spieler nach dem Pausentee zurück auf den Rasen schlurften, gab mir arg zu denken. Das Ganze musste oben beim Bierchen sogleich ausdiskutiert werden. Wir alle waren uns einig. Es war Pokal! Da muss es brennen. Da müssen Gegner (fair) weggehauen werden! Auch wenn es 0:2 steht, muss man körperlich zeigen: Jetzt geht’s los! Wir glauben an die Minichance! Jetzt gibt es auf die Socken! Kommen schon mal über 400 Fußballfreunde ins weite Runde, muss es unten auf dem Rasen abgehen! Man stelle sich mal vor, eine Überraschung würde gelingen und in der Runde darauf würde Energie Cottbus das Stadion der Freundschaft füllen.

Aber nein, spürbar waren nur Melancholie und Pessimismus. Aber ja, dafür liebe ich auch diese Region. Irgendwie ist man bescheiden und herzlich zugleich. Manchmal zu nett. Man möchte niemanden weh tun. Aber kommt, Nottingham, Bremen und Eindhoven habt Ihr doch wehgetan. Man könnte ein ganzes Buch füllen. Warum „könnte“? Und somit ist es höchste Zeit, diesen Plan Realität werden zu lassen. 

Auf der Haupttribüne saßen zwei Frankfurter in rot-gelber Kleidung, und auch an den Zäunen gingen ein paar rot-gelbe Stoffe. Die Tradition wird gepflegt, kürzlich gab es ein gut besuchtes Traditionstreffen der Vorwärts-Freunde. Während die wackeren Alle-Spiele-Angucker bis zur letzten Sekunde blieben, winkte manch ein anderer Zuschauer ab und ging von dannen. In der zweiten Halbzeit brach der 1. FC Frankfurt - wie befürchtet - in der Schlussphase komplett zusammen. Union Fürstenwalde machte ernst, und allein in den letzten zehn Minuten fielen vier Gegentreffer. Am Ende siegte der FSV Union Fürstenwalde völlig verdient, aber aufgrund der ersten Halbzeit einen Tick zu hoch mit 8:0. Solch eine Pleite hatten die Frankfurter wahrlich nicht verdient. Vor allem den älteren Zuschauern, die in der Schlussphase das Weite suchten, stand es ins Gesicht geschrieben, was sie dachten. Es war wie immer in den vergangenen 28 Jahren. Ach Viktoria, ach 1. FC Frankfurt. Das wird doch wieder nischt…

Nach dem Spiel spazierte ich mit dem größeren Sohn durch die ruhigen Straßen am Ufer der Oder. Die alten Gebäude wurden größtenteils hübsch saniert, und die Uferpromenade wurde großartig ausgebaut. Frankfurt hat wirklich was. Die herrschende Ruhe war indes ein stückweit irritierend. Einwohner gab es fast keine zu sehen. Als wir uns der Alten Oder näherten, hörten wir in der Ferne immer wieder Böller. Irgendwelche Fußballfreunde ließen noch ein wenig die Sau raus. Ob Frankfurter oder Fürstenwalder - das entzieht sich meiner Kenntnis.

Nachdem die Oderbrücke passiert wurde, empfing uns recht reges Leben. Familien spazierten mit Hunden auf der kleinen sandigen Halbinsel, ältere Leute saßen auf den Bänken, die Restaurants waren recht gut besucht. Auch ein, zwei Spieler aus Fürstenwalde wurden gesichtet. Meine Sohnemann war erstaunt, wie anders plötzlich das Leben sein kann. Nur ein paar Meter über einen Fluss - und schon fühlt man sich wie mitten in Polen? So ist es! Den Rückweg auf deutscher Seite mochte er aber auch. Diese Ruhe, diese Stille, diese Friedlichkeit. Ja, das hat schon was. 2020 wird diesbezüglich demzufolge in die Tasten gehauen. Versprochen! Auf die alten Zeiten, als Papa die Karte aus den Hosen gezogen und Eindhoven und Nottingham aus dem Stadion gefegt wurde.

Fotos: Marco Bertram

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Spielergebnis:
0:8
Zuschauerzahl:
421
Gästefans
150

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Korrektur

Asche auf mein Haupt, die Ergebnisse gegen Nottingham Forest wurden anfangs falsch übernommen, wurden jetzt jedoch korrigiert.

Beste Grüße
Marco Bertram

MB
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Falsche Ergebnisse

Hallo Marco!
Der FCV hat beide Spiele gegen Nottingham Forest 0:2 (auswärts) und 0:1 (daheim) verloren in der Saison 83/84.
Im Jahr darauf war dann ebenfalls in der ersten Runde Endstation gegen PSV Eindhoven 2:0 (daheim) und 0:3 (auswärts).
Gruß Uwe Zühlsdorf (der FCV-Statistiker)
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UZ
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