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Tennis Borussia Berlin vs. Blau-Weiß 90 Berlin: Mit Krücken und Kostümen in den Gästeblock

 
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MB 21 September 2019
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Das nennt man echte Bruderliebe! Der eine Bruder geht seit Jahrzehnten zur „Alten Dame“, der andere ebenso seit gefühlter Ewigkeit zu Blau-Weiß 90. Bereits Wochen vor dem mit Spannung erwarteten Oberligaspiel Tennis Borussia Berlin vs. Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin versprach der Herthaner seiner Atze, dass er ihn im Mommsenstadion unterstützen werde. Ein Fall von der Leiter, eine zertrümmerte Ferse,  eine Schiene um den Fuß? Egal, auf Krücken humpelte der alte Haudegen am gestrigen Abend zur Spielstätte der Veilchen, um wie versprochen mit seinem Bruder in der Gästekurve Blau-Weiß 90 zu unterstützen. Kurioserweise war er nicht der einzige, der quasi mit letzter Kraft zum Spiel kam. Alles für Blau-Weiß!

Kurz vor 18 Uhr trafen sich die ersten Blau-Weiß-Fans vor dem Bahnhof Südkreuz bei einem ersten Bierchen. Nachdem der berühmte Hund mit dem (nicht mehr schmuddeligen) Schal ein Mohnbrötchen bekam, ging es hoch auf den Bahnsteig, um weiter nach Westkreuz zu düsen. Die Stimmung stieg, die Vorfreude wuchs. TeBe ist einfach DER Hassgegner für die Blau-Weißen. Immer wieder ertönte das „Lila-Weiße Charlottenburger Scheiße!“ Nun denn, das übliche „Westberliner“ wäre in diesem Fall wohl eher unpassend gewesen. 

Der neunjährige Sohnemann hat ein Drittel seines Herzens an die Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin (die anderen beiden Drittel sind Hansa Rostock und Polonia Berlin vorbehalten) vergeben, und somit versprach ich ihm, mit in die Gästekurve zu gehen. Logisch, dass im Vorfeld alte Erinnerungen aufkamen. Nicht zuletzt der irrsinnige Polizeieinsatz im Dezember 2008 bei der Partie TeBe vs. BFC Dynamo, als auch ich beim Filmen eine volle Ladung Pfeffer gezielt in die Augen bekam. Beim Gedanken daran bekomme ich noch immer ne Wutlatte. So was vergisst man einfach nicht! An gleicher Stelle ließen BFC-Hools im Februar 2005 ordentlich die Fetzen fliegen, lockten mit Pyro die Polizei in den Block und legten in echter Millwall-Manier los. Den Beamten wurde in die Helme gegriffen, direkt neben mir wurde ein Polizist zu Boden gerissen. Gut möglich, dass der Polizeieinsatz dreieinhalb Jahre später einfach nur eine Racheaktion von der Truppe aus Ruhleben war.

Auf solch einen Mist hatte ich gestern mit dem Kind an der Seite wahrlich keinen Bock, und auch auf Vermummte im Gebüsch konnte man getrost verzichten. Verrückt, irgendwann vor 20 Jahren hatte ich sogar ein-, zweimal mit Union in der Gästekurve gestanden. Die Eisernen reisten mit voller Kapelle an, füllten die gesamte Gegengerade und waren richtig auf Achse. TeBe gegen Union war damals eine richtig heiße Kiste. Unvergessen, als ein Unioner mit Fahne über den Zaun sprang, mit freiem Oberkörper zur Haupttribüne rannte, dort ein paar Räder schlug und dann zurück zur Kurve eilte. Die Ordner bekamen ihn am Zaun fast zu fassen. Aber eben nur fast. Die Meute johlte, kochte und bespucke massiv die Ordner. Der Zaun wackelte bedenklich, und das Adrenalin schoss einen durch die Adern. 

Nun also mit Blau-Weiß 90 zu TeBe, und aufgrund der Fans fühlte man sich um die zitierten 20 Jahre zurückversetzt. Old School trifft es ganz gut. Bedenkliches Klientel, meinen einige. Im Suff fielen bei letzten Aufeinandertreffen nicht ganz so hübsche Wörter, und die Schublade war geöffnet. Nazi-Klientel bei Blau-Weiß?! Wer alles beim gestrigen Spiel in der Gästekurve plötzlich auftauchen würde - da war auch ich mir nicht ganz sicher. Letztendlich gab es diesbezüglich nichts besonderes zu vermelden. Eine Mega-Mobilmachung war nicht erfolgt, und auch politisch kritisches Klientel war am gestrigen Tag (soweit erkennbar) nicht aufgesprungen. Hässliche Gesänge? Fehlanzeige!

Nachdem vor dem Bahnhof Eichkamp ein wenig blauer Rauch gen Himmel stieg und ein paar Fackeln den Weg erleuchteten, traf die blau-weiße Truppe am Gästeeingang ein. Ein Achter für die Eintrittskarte und im Kassenhäuschen sahen die Blau-Weißen einen ganz, ganz alten Bekannten aus Blau-Weiß-Zeiten im Berliner Olympiastadion. Sachen gibt´s! Die Ordner zogen sich schon mal die Lederhandschuhe an, blieben jedoch völlig tiefenentspannt. Höflich wie selten wurde einem mitgeteilt, dass nur zaghaft ganz rasch mal abgetastet werden müsse. Etwas genauer wurden die drei mitgebrachten Spruchbänder inspiziert. Auszusetzen gab es nichts, alle drei Tapeten durfte nach dem Ausrollen mit hinein genommen werden. „Alles geben für den Derbysieg!“, „Nichts ist schlimmer als Verräter!“, „Wir sind stolz heute dabei zu sein. Nicht jeder darf hinein!“

Eine andere Botschaft gab es zu Beginn der Partie am Oberrang der Haupttribüne zu lesen. „U-Bahn Bauer freu´n sich, heut kommt Braun-Weiss 90“. In der heimischen Fankurve gab es glitzernde Winkelemente und eine Portion Pyo zu sehen. Doch bevor es auf dem Rasen losgehen konnte, gab es eine Trauerminute für den am 13. September verstorbenen Rudi Gutendorf. Im August 1926 wurde Gutendorf in Koblenz geboren, und er gilt weltweit als Trainer mit den meisten Stationen. Irre! 1946 fing alles beim SV Rengsdorf an, bei Samoa und TuS Koblenz International (als Ehren-Coach) hörte alles auf. 55 Trainerstationen bedeuten Weltrekord, von 1976 bis 1977 war er auch Trainer bei Tennis Borussia Berlin.

42 Jahre später ist nun Dennis Kutrieb der Trainer. Mit ihm startete TeBe blendend in die laufende Oberliga-Saison. Gegen die Blau-Weißen sollte gestern vor 937 Zuschauern der nächste Sieg eingefahren werden. Allerdings hielt Blau-Weiß 90 in der ersten Halbzeit exzellent dagegen. Mit prima Einsatz konnten die Gäste sogar phasenweise das Geschehen bestimmen, doch vorn wollten keine echten fetten Torchancen herausspringen.

Mit einem 0:0 ging es zum Pausentee, und die Gästefans waren vollauf zufrieden. Die Stimmung wurde immer besser, das Bier lief in Strömen, es war gar nicht einfach, sämtliche Blau-Weiß-Fans supporttechnisch auf einen Nenner zu bringen. Und dann standen sie plötzlich in der Kurve. Wie aus dem Nichts liefen vom Einlass zwei Gestalten heran. Eine weiße, eine rote. Waaaas / weeeer ist das? Erstaunte Blicke. Ein Mann in einem weißen Hai-Kostüm, ein Mann ein einem roten Hummer-Kostüm. Oder war es doch eine Kakerlake? Die Storkower waren da, mit dabei noch ein paar Cottbuser Kumpels, die gerade vom Spiel Berliner AK vs. FC Energie kamen. 

Mit einem Mal stieg der Stimmungspegel. Die beiden Jungs im Kostüm heizten von Null auf Hundert prima ein und motivierten nun wirklich jeden, in Gesang und Schlachtrufe einzusteigen. Und in der Heimkurve? Dort blieb es erstaunlich still. Erst nachdem TeBe in Führung gehen konnte, stieg auch dort der Stimmungspegel. Allerdings bei weitem nicht bis auf Anschlag. Per Strafstoß konnte TeBe in der 64. Minute mit 1:0 in Führung bringen, Nicolai Matt traf vom Punkt aus. Nur neun Minuten später legte Sefa Kahraman zum 2:0 nach. Der Blau-Weiß Keeper Michael Hinz stand zu weit vor dem Kasten, aus rund 50 Metern hatte Kahraman einfach mal Maß genommen.

Logisch, dass Blau-Weiß 90 nun öffnen musste, doch es sollte nichts mehr gehen. Kurz vor Schluss staubte Rifat Gelici zum 3:0-Endstand ab. Aufgrund der ersten starken Halbzeit war dies wirklich bitter für Blau-Weiß 90. Wat willste machen? Abpfiff, ein Trostbier mit den beiden Kostümierten und rauf auf den Zaun, um das dritte Spruchband zu präsentieren. Spruchband Nummer 2 gab es während des Spiels am Zaun zur Pufferzone zu sehen. 

Pass bloß auf, ein paar Leute wollen den Gästefans auflauern. So lautete eine Kurznachricht. Vor dem Gästeblock fanden sich jedoch noch ein paar weitere Cottbuser ein, die Lust auf ein gemeinsames Bierchen hatten. Durch das dunkle Gehölz - huhu, was für gruselige Erinnerungen von Dezember 2008 - ging es ohne Probleme zum Bahnhof Eichkamp und dann weiter geschlossen mit der S-Bahn bis Charlottenburg. Auf zum Stuttgarter Platz, lautete die Devise. Nicht jeder fand auf Anhieb den richtigen Weg. Der eingangs erwähnte Bruder hatte es wahrlich nicht leicht, doch am Ende trafen sich alle vor einer Kneipe wieder. Mit Lausitzern und Storkowern kann man prima trinken, waren sich die Berliner einig. Hoch die Tassen! Prost, Ihr Säcke! Das Lebbe geht weiter, war sich einst „Steppi“ sicher…

Fotos: Marco Bertram, Ulf Lange

> zur turus-Fotostrecke: Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin

Spielergebnis:
3:0
Zuschauerzahl:
937

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Tiptop!

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Wat is los mit Kohlfresse??? Haha

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Weiter so! Sport frei!

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Dufte Jungs!

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