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F.C. Hansa Rostock vs. VfB Stuttgart: Außer Rand und Band bis zur letzten Sekunde

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MB 13 August 2019
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Oh meine Güte, wäre der Rostocker Freistoß in der Nachspielzeit doch reingegangen! Statt deutlich über den Querbalken hätte der Ball den Weg in den Winkel finden müssen! Rein da! Ausgleich! Das Ostseestadion wäre explodiert! Diesen Jubel hätte ich sehen und hören wollen! Die Stimmung auf den Rängen war bereits zuvor erste Sahne. Sämtliche Tribünen wurden in den Support mit einbezogen, die Südtribüne und auch der Eckblock zwischen Nord- und Osttribüne gaben den Takt an. Der Rostocker Mannschaft fehlte jedoch am gestrigen Abend (mal wieder) in der Offensive die Durchschlagskraft, der Ball wollte nicht den Weg in die schwäbischen Maschen finden, der letzte Freistoß ging über das Gehäuse - und zirka eine Stunde später fand ich mich im Auto wieder und die dunklen Landschaften zogen an mir vorüber. Innere Ruhe kehrte wieder ein, Melancholie kam auf. Ich nuckelte auf der hinteren Sitzbank an der Bierflasche, schaute aus dem Fenster und ließ den Gedanken freien Lauf. Fast war es wie früher, als ich mit meinem Kumpel Jan aus Frankfurt/Oder mit dem Auto irgendwo zum Fußball fuhr. Cottbus, Zwickau, Leipzig, Rostock, Chemnitz. Aus dem Radio dudelte leise Musik, und nachdem das Wichtigste ausgewertet wurde, schaute ich verträumt auf die vorbeiziehenden Landschaften. Was das Leben wohl noch so alles bringen wird. Was der Fußball noch alles für Überraschungen bringen wird.

Gestern mittag fuhr ich mit dem Regionalexpress von Berlin nach Rostock. Überpünktlich. Nachdem ich letztes Jahr am frühen Morgen im polnischen Jelenia Góra vor dem mit Hochspannung erwarteten DFB-Pokalspiel gegen den 1. FC Nürnberg hängenblieb, weil nach einem Unwetter die Zugstrecke nach Görlitz gesperrt wurde, ging ich dieses Jahr auf Nummer sicher und wollte überpünktlich an der Ostseeküste eintreffen. Zurück sollte es mit dem Auto gehen. Über eine Mitfahrer-Plattform meldete sich innerhalb weniger Minuten ein Hansa-Fan. Treffpunkt würde nach dem Spiel der LT-Club sein! LT-Club? Wie geil! Mensch, was habe ich für Erinnerungen an diese Lokalität, als wir Ende der 1990er in Rostock und Warnemünde Segelunterricht hatten. Zuerst am Alten Strom mit dem Segellehrer im „Seehund“ ein paar Pilsetten, später dann nachts rein in die Lokalitäten und geschaut was geht. LT, ST und Studentenkeller. Die Erinnerungen an wilde Abende vermischen sich. Was wo genau geschah, lässt sich schwer rekonstruieren. Eines steht jedoch fest: Es war eine verdammt geile Zeit! Wild, unbeschwert und übelst lustig. 

Verrückt. Im Jahr, als wir nach dem Bootsbau und dem Segelunterricht mit zwei eigenen Segelbooten am Strelasund in See stachen, wurde die Gruppierung „Wolgastä“ ins Leben gerufen. Zum Ausklang der wilden 90er fanden sich in der Fanszene ein paar Jungs zusammen und wollten die Kräfte (manchmal im wahrsten Sinne des Wortes) bündeln. Das Banner „Wolgastä Multikriminell“ wurde berühmt berüchtigt. Am gestrigen Abend sollte es eine Choreo anlässlich des 20. Geburtstages geben. Als ich mittags im Zug nach Rostock saß, ahnte ich davon noch nichts. Anders als sonst, hatte ich dieses Mal im Vorfeld nicht allzu viel Kontakt zu diversen Hansa-Fans. Familiäre Trennung, privater Umbruch und der Amateurfußball nahmen mich in den letzten Wochen voll in Beschlag. Auf das gestrige Pokalspiel war ich jedoch heiß wie Frittenfett. Endlich mal wieder Hansa, endlich mal wieder DFB-Pokal im Ostseestadion. Mal kam mir mein Geburtstag in die Quere, mal fand parallel ein anderes wichtiges Spiel statt, mal war ich im Urlaub, mal fuhr der verflixte polnische Nahverkehrszug nicht. 

Dieses Jahr sollte nichts anbrennen! Zu Fuß lief ich vom Hauptbahnhof aus durch die Rostocker Südstadt. Vor dem Spiel wollte ich noch ein paar Fotos von den Spielstätten des PSV Rostock und des Rostocker FC anfertigen. Diese Bilder würde ich für das in Kürze geplante Buch „100 Fußball-Standorte in Mecklenburg-Vorpommern“ gut gebrauchen können. Was man hat, das hat man. Noch ein Bier am Fanhaus? Ich musste das Handy laden gehen (der Regionalexpress hatte keine Steckdosen) und der hungrige Magen schrie nach Würstchen und Kuchen. Rein ins Ostseestadion! Bereits zwei Stunden vor Anpfiff strömten tausende Hansa-Fans aus allen Richtungen zum Stadiongelände. Vor den Ständen, an denen die weißen T-Shirts verkauft wurden, bildeten sich lange Schlangen. Die Shirts mit einem Flutlichtmast drauf gab es für zehn Euro nur gegen Vorlage der Eintrittskarte. Diese wurde nach dem Erwerb des begehrten Shirts mit einem Textmarker auf der Rückseite abgestrichen. Pro Zuschauer nur ein Shirt. Nicht, dass auf Ebay im Nachfeld wieder zig Mottoshirts für viel Geld verscheuert werden.

Ob alle Heimzuschauer letztendlich solch ein weißes Shirt auf den Rängen trugen? Nicht alle, doch der Anteil lag sicherlich bei 80 bis 90 Prozent. Logisch, dass auf der Südtribüne diese Quote bei 100 Prozent lag. Beim Einlaufen der Mannschaften wurden ringsherum weiße und blaue Plastikfahnen geschwenkt, auf der Süd wurde ein großer runder blauer Stoff hochgezogen. Darauf zu sehen war ein weißer Totenkopf mit Lorbeerkranz. „Wolgastä Multikriminell 1999“. Heruntergeklappt wurde unten ein riesiges Spruchband. Links das Wappen des F.C. Hansa Rostock, rechts das deutsche Wappen mit dem Bundesadler. Mittendrin mit weißen Lettern: „Ausser Rand und Band, für Verein und Vaterland“. Sagen wir es mal so, die Überraschung war gelungen. Für Gesprächsstoff war gesorgt. Viele werden das Ganze gefeiert haben, viele werden es als blanke Provokation in politisch arg aufgeheizten Zeiten gesehen haben. Fakt ist, die Fanszene zeigte wieder einmal, dass sie einfach ihr Ding macht und immer wieder zu überraschen weiß. Ob negativ oder positiv, sei jedem selbst überlassen. 

Für die größte Überraschung sorgte indes die eingespielte Einlaufmusik. Böhse Onkelz statt „Hansa forever“. Und was für ein Lied! Zu hören war „Auf gute Freunde“. Zuletzt stellten der SV Werder Bremen und Atlas Delmenhorst im Vorfeld des DFB-Pokalspiels im Weserstadion den Verkauf von Schals mit der Aufschrift „Auf gute Freunde“ ein. Zwar sollte nun wahrlich nicht das Onkelz-Lied gemeint sein, doch aufkommende Assoziationen ließen die Zahl der kritischen Stimmen steigen. Was für ein Quark, dachten nicht wenige. Was darf überhaupt noch gesagt werden, fragt der eine oder andere. Echte Freunde, Kameraden, Vaterland - heutzutage muss bei nicht wenigen Begriffen genau überlegt werden, wann und wie sie verwendet werden. Etwaige Schubladen sind stets geöffnet - und zack liegt man in solch einer. Scheißegal, wird man bei der aktiven Hansa-Fanszene gedacht haben. Wenn provozieren und überraschen - dann richtig. 

Das fette Banner blieb die gesamte erste Halbzeit hängen, in der zweiten Halbzeit kam dann das riesige, bereits mehrfach gezeigte Ultras-Banner zum Einsatz. Auf der Nordtribüne hing das gesamte Spiel über das nicht zu übersehene Banner, auf dem Weiß auf Schwarz „Nein zum SOG-MV“ zu lesen war. Um bei den optischen Akzenten zu bleiben. Gemäß dem Motto „Außer Rand und Band“ loderte es das ganze Spiel über immer wieder auf der Südtribüne. Mal brannte einsam eine rote Bengale, mal stieg blauer und grauer Rauch empor. An den verschiedensten Ecken - meist an den Mundlöchern und in vorderster Reihe - standen vermummte Fans und reckten die Fackeln gen Abendhimmel. Zum Einsatz kamen auf der Süd auch ein paar Spruchbänder: „Gib Öler mal´n Bier aus!“, „Wolgast hat 3 Bahnhöfe!!!“, „Geisteskrank, treu & gerade - alles Gute zu 20 Jahren!“

Eine optische Aktion gab es zu Beginn der zweiten Halbzeit im Eckblock zwischen Nord- und Osttribüne. Auch dort wurde zum 20. Geburtstag der „Wolgastä“ gratuliert und per Spruchband die Hand gereicht. Doppelhalter, Fahnen und Konfetti ergänzten das Ganze. Der Anblick erinnerte an die Anfangszeiten der Rostocker Ultra-Bewegung zu Beginn des Jahrtausends. Im ersten Spielabschnitt wurden auf der Nordtribüne teilweise eigene Lieder angestimmt, im späteren Spielverlauf zog das gesamte Stadion an einem Strang und übte sich im Wechselgesang. Gänsehautstimmung allerbester Güte!

Auf dem Rasen gab es aus Rostocker Sicht ein gar nicht mal so schlechtes Spiel zu sehen. Zahlreiche Hansa-Fans hatten vor der Partie nicht wirklich viel erwartet. Mit einem weiteren Pokalwunder gegen den VfB Stuttgart rechneten die wenigsten. Das würde wohl am Ende irgendwie 0:3 ausgehen, meinten einige. Allerdings wurde hinten solide gespielt, manch eine knifflige Situation wurde spielerisch gelöst. Mag einer sagen, was er will, mir gefiel die Arbeit der Hintermannschaft. Nach vorn ging, vor allem im ersten Spielabschnitt, einiges über den linken Flügel. Wenig überraschen dürfte jedoch, dass vorn einfach zu wenig Durchschlagskraft zu verzeichnen ist. Manch ein guter Ansatz verpuffte dann, oder es wurde schlichtweg zu unpräzise abgeschlossen. Aber ja, hätte Breier in der achten Minute nicht nur das Außennetz, sondern ins Gehäuse getroffen - wer weiß, wie dann das Spiel verlaufen wäre.

Aus Heimsicht richtig ärgerlich war der Rückstand in der 19. Minute. Nach einer schnell ausgeführten Stuttgarter Ecke wurde die Rostocker Hintermannschaft auf dem falschen Fuß erwischt - und zack lag der Ball in den Maschen. Die Heimzuschauer trieben die eigene Mannschaft weiter an, in der zweiten Halbzeit wurde stimmungstechnisch noch ein Quäntchen draufgelegt. Zu Beginn der zweiten Spielhälfte ertönte dann doch noch das „Hansa forever“, später hallte das „Dem Morgengrauen entgegen…“ durch das Ostseestadion. Gefolgt von einem „Hansa ist der geilste Club der Welt!“. 

Während auf der Süd eine weitere rote Fackel glühte, versuchte sich Hansa in der Schlussoffensive. Allerdings schienen auch die Kräfte ein wenig zu schwinden. Manch ein Einwurf wurde kurz vor Schluss nicht mehr so fix ausgeführt wie es eigentlich nötig wäre. Das wäre auch Wurscht gewesen, wenn der Freistoß in der Nachspielzeit in das Stuttgarter Gehäuse eingeschlagen wäre. 

Tja, wenn, wenn, wenn. Abpfiff. Es blieb beim denkbar knappen 0:1. Der VfB Stuttgart konnte den Pokal-Fluch in Rostock beenden, und der scheinbar nicht ganz ausverkaufte Gästeblock (kein Wunder in Anbetracht der Entfernung und der Anstoßzeit) feierte den Auswärtssieg und das Weiterkommen im DFB-Pokal. Ich schnappte meine Sachen und marschierte durch den Wald in Richtung LT-Club. In der Ferne böllerte es immer wieder. Mit reichlich Verzögerung wurden die VfB-Fans in Sonderbussen zum Sammelplatz auf der Südseite des Hauptbahnhofs gebracht. Vor einer matschigen Pfütze fand ich schließlich nach einigen Anläufen das richtige Auto. Der Fahrer winkte, und ich kaufte bei einer Kleinbusbesatzung erst einmal ein nordisches Bierchen für den anderen Mitfahrer und mich. 

Als wir dann zu dritt im Auto saßen und die Autobahn erreichten, fühlte ich mich wirklich zeitversetzt. Fehlte nur noch, dass vorn ne Onkelz-Kassette eingelegt wurde. Ey, kommt, Anfang der 1990er hatte wirklich fast jeder mal die Onkelz gehört. In meinem Freundeskreis taten dies sogar Freunde, die sonst eher in Berlin-Mitte zu Punk-Konzerten in den berüchtigten „Eimer“ gingen und dort mordsmäßig abfeierten. Damals hörte man querbeet und kannte keine Schubladen. „Außer Rand und Band“ - das war auch unser Motto vor 20, 25 Jahren. Was für eine geile Zeit! Manchmal bedaure ich sehr, dass unsere beiden Söhne in einer Zeit aufwachsen, in der das gesellschaftliche Korsett arg eng geschürt wird. Scheißegal, denke ich mir dann! Bei Hansa werden sie gut aufgehoben sein. Wenn sie denn Bock haben. Die Jungs haben die Wahl…

Fotos: Marco Bertram

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Inhalt über Klub(s):
Spielergebnis:
0:1
Zuschauerzahl:
24.000

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Und immer wieder gruselig
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Stabilo
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