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„Baby Born“ spielt mit den Roten Bullen und kriegt den Arsch voll

 
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MB 10 Juni 2019
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Was hatte ich herzlich gelacht! Unvergessen, als der zu jenem Zeitpunkt sechsjährige Bub einst mal fragte: „Papa, wer steht in der Tabelle ganz oben? Pada was? Baby Born?“ Das wurde hier Zuhause nen Running Gag, genauso wie der mit den Chemie-Schweinen, die immer liebevoll herhalten mussten, wenn es hier aus Spaß mal auf „die Kloppe“ gab. Um es mit seiner Mundart wiederzugeben. Irre ist indes der sportliche Verlauf des SC Paderborn 07 in den vergangenen Jahren. Von ganz unten hoch ins Fußballoberhaus - und dann wieder runter. Mit einem Bein in der Regionalliga West, dann doch noch in Liga drei dabei, und dann wieder den direkten Weg nach oben genommen. Dieser Verein ist irre! Egal, wo er spielt, er ist immer irgendwie eine graue Maus. Damals in den 1990ern waren der FC Gütersloh und Paderborn Neuhaus für mich quasi das Gleiche. Gab es da einen Unterschied? Viel verändert hatte sich später nicht. Würde Paderborn nun in der Regionalliga West kicken, wäre dieser Verein nicht gerade DAS Zugpferd. Man müsste ganz klar hinter Rot-Weiss Essen, Alemannia Aachen, Wuppertaler SV und Rot-Weiß Oberhausen anstehen.

Nun denn, meinen Respekt hatte der Verein trotzdem in jedem Fall. Respekt, sich als kleiner Verein nach dem Rückschlag wieder zu erholen, aufzurappeln und oben anzugreifen. Sportlich war der jetzige Aufstieg in jedem Fall verdient. Nicht wenige meinten, dass Paderborn als Gegner am schwersten war, da sie einfach spielerisch zu überzeugen wussten. Okay, dachte man, spielen sie halt wieder ganz oben mit. Sollen sie Wolfsburg, Hoffenheim und RB Leipzig dort Gesellschaft leisten. RB? Hüstel!

Nun kam es dicke! Nee, oder? In der vergangenen Woche - genauer gesagt am 4. Juni 2019 - gab der SC Paderborn 07 bekannt, dass eine umfangreiche Zusammenarbeit mit RasenBallsport Leipzig vereinbart wurde. Nein, kein punktueller Austausch! Eine umfangreiche Zusammenarbeit! Der SC Paderborn 07 ließ seinen Geschäftsführer Sport Markus Krösche als Sportdirektor nach Leipzig ziehen, über die Ablösemodalitäten und Vertragsinhalte vereinbarten die Vereine Stillschweigen. Stillschweigen! Geilomat! Allein über diese Aussage freuten sich die Paderborner Fans gewiss richtig dolle. 

Die Wellen schlugen richtig hoch. Einen Tag später veröffentlichte der Verein schließlich einen Text mit der genaueren Erläuterung. Wortwörtlich heißt es unter anderen: „…  Inhaltlich zielt die Kooperation auf einen gegenseitigen Austausch über sportliche Entwicklungen, insbesondere im Bereich der Ausbildung von Spielern und der Fortbildung von Trainern ab. Dadurch soll es zu einem Know-How-Transfer in beide Richtungen kommen, der letztlich beiden Klubs hilft. Die Möglichkeit von Spielerleihen wurde ebenfalls besprochen, steht aber sicherlich nicht im Vordergrund.  …“ Weiter unten im Text ist zudem zu lesen: „Unabhängig davon stehen wir natürlich in sportlicher Konkurrenz im Ligaspielbetrieb.“ Ach nee! Ist ja ein Ding! Hätte man nicht erwartet. 

Zwei Tage später gab es auf der Facebook-Seite ein Foto mit drei Personen zu sehen, die freudestrahlend eine Dose in der Hand halten. Nee, keine Red Bull-Dosen, sondern die von einem anderen Unternehmen. Die Partnerschaft mit diesem Unternehmen wurde bis 2010/21 verlängert. Na, seht Ihr, alles halb so wild! Paderborn geht auch weiterhin seine eigenen Wege. Was für ein Zufall. Aber egal, das spielt auch eher keine Mandoline.

Mal generell: Was soll man davon halten, wenn zwei Ligakonkurrenten eine umfangreiche Zusammenarbeit beschließen? Nichts! Warum? Weil es immer einen negativen Beigeschmack hat. In einer Liga gibt es einen Kampf jeder gegen jeden - und das sollte auch so bleiben. Wenn es eines Tages kreuz und quer zig Verstrickungen und Verknüpfungen gibt, ist der echte Wettbewerb gefährdet. Und wenn dazu es noch einen enge Zusammenarbeit mit dem arg umstrittenen Red Bull Konstrukt in Leipzig gibt, sehen die Fans zurecht komplett schwarz. Oder pink. Oder was auch immer. Stehen Testspiele gegen RB-Mannschaften bereits in der Kritik, so ist eine enge Zusammenarbeit aus Sicht der Fans / Vereinsmitglieder schlichtweg nicht tragbar. 

Erstaunt zeigen sich indes die Vereinsverantwortlichen. Man sei von den heftigen Reaktionen überrascht. Überrascht? Ehrlich, ich würde mich als SCP-Fan verarscht fühlen. Überrascht! Das kann doch nicht deren Ernst sein! Der Verein zeigte indes echtes „Fingerspitzengefühl“, als am 7. Juni 2019 dazu aufgerufen wurde, die Fans, die beim Auswärtsspiel bei Dynamo Dresden Pyrotechnik angezündet hatten, auf gut Deutsch gesagt anzuscheißen. Wortwörtlich heißt es: „Der SCP07 bittet um Mithilfe bei der Identifikation der Täter, die in Regress genommen werden sollen. Der Verein ist für jeden Hinweis dankbar, der zur Ermittlung der Täter beiträgt. In der Vergangenheit ist eine Identifikation bereits gelungen: Beim Spiel gegen Holstein Kiel konnte der SCP07 die Strafe in Höhe von 1.440 Euro auf die Verursacher umlegen.“

Hut ab! Man stelle sich vor, der 1. FC Union Berlin hätte nach dem Relegationsspiel gegen den VfB Stuttgart dazu aufgerufen, die Fans ausfindig zu machen, die im Zuge der Feierlichkeiten Rasenstücke als Andenken rausgerissen und mitgenommen hatten. Schließlich war auch dies ein „Fehlverhalten“ der Fans. Die Eisernen würden einen Teufel tun. Zu groß war die Freude über den Sprung in Liga eins. Schließlich sind es auch die Fans, die dafür sorgen, dass die eigene Mannschaft Dank der Unterstützung dieser Fans vielleicht vier, fünf Prozent mehr Leistung herauskitzeln können. Egal, in Paderborn sollen die „sogenannten Fans“ zur Kasse gebeten werden. Klar, kann man alles machen. Man kann es aber auch intern klären, wie es andere Vereine hinter den Kulissen auch tun. Mit einer Sammlung in den Fankurven waren vielerorts mal ein paar tausend Euro für das DFB-Sparschwein zusammen.

Da auch im Zuge der geplanten Zusammenarbeit mit RB Leipzig die eine oder andere Äußerung in Richtung Fans eher kühl daher kam, darf sich nicht gewundert werden, dass es nun zur Sache geht. Ein Boykott der Fanszene steht im Raum, zudem gibt es eine Petition, die an die Clubführung des SC Paderborn 07 gerichtet ist. Dr. Jan Fischer hat diese eingerichtet. In der Begründung heißt es unter anderen: „… Ich denke schon, dass man mit Fug und Recht behaupten kann, dass unser SCP über Nacht von einem sympathischen Underdog, dem viele in Deutschland den Aufstieg gegönnt haben, zu einem der drei unbeliebtesten Vereine des Landes geworden ist. Das ergibt sich aus allen Internetforen und Pressespiegeln. Dies kann und darf der Führung unseres Vereins doch nicht verborgen geblieben sein. Wir fordern Sie daher klar und unmissverständlich dazu auf, diese irrige Entscheidung mit enormer Tragweite so schnell wie möglich zurückzunehmen, um den Schaden für unseren Verein so gering wie möglich zu halten. Wir wären dem SCP selbstverständlich auch in Liga 4 oder 5 treu geblieben, aber auch wir werden nicht einen Verein unterstützen, der in welcher Weise auch immer in der Nähe des Konzerns steht, der zum Inbegriff des Raubtierkapitalismus schlechthin geworden ist. …“

Knapp 2.000 Personen haben bislang unterzeichnet. Das sind noch nicht soooo viele - und das hat einen Grund. Nicht wenige Fußballfreunde, die nicht SCP-Fan sind, winken einfach angewidert ab und sind ganz einfach der Meinung, dass Paderborn mit diesem „Scheiß“ allein klarkommen müsse. Nun denn, man darf gespannt sein, wo die Wege hinführen werden. Wenn ich meinem größeren Sohn erkläre, dass sein „Baby Born“ mit den Roten Bullen kuschelt, wird er einfach nur abfeiern. Mit seinen neun Jahren versteht er noch nicht alles, aber dieses komische Ding in Leipzig mag selbst er nicht leiden. Da sind ihm die „Chemie-Schweinchen“ um Längen lieber… 

Fotos: K. Hoeft, Klischi, Arnaud Schonder, Felix, Marcus Hengst

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Da tun mir die Paderborn Fans leid, Nach so einer Euphorie so eine Katerstimmung.

G
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G
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Auf Testspiele ist doch echt geschissen. Aber eine enge Kooperation mit diesem Scheiß! Nein und nochmals nein!!!!!

M
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J
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Raubtierkapitalisten sind fast alle

Ich bin mittlerweile immer wieder erstaunt, wie so jeder seine roten Linien und sein eigenes Meinungssüppchen kocht. Für den einen darf man mit RB keine Testspiele machen, aber Leihspieler von RB zu mieten ist ok. Für den anderen ist Liverpool ein Traumclub, obwohl die aus den USA von einem Hedgefond geführt werden und Gewinnmaximierung betreiben, aber das ist ok, weil die haben ja immerhin Tradition. Das ist absolut Lächerlich!

Die ganze Debatte wird immer bizarrer gerade weil sich jeder Verein damit auseinandersetzt und es keine geschlossene Meinung gibt. Das ist vollkommen unlogisch und damit macht es sich die deutsche aktive Fanszene immer am leichtesten.
Im Prinzip müssten alle hinter den Fans des SCP stehen oder für immer den Mund halten und damit RB tolerieren, dazwischen kann es nichts geben.

M
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