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Feuerwehrverein Licheń Stary mit ordentlich Druck auf dem Schlauch – 6:1 gegen Orlik

 
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M 12 Mai 2019
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Während es bei RB gegen Bayern München der 30. Minute entgegen geht, stehe ich schnell vom Kaffeetisch auf, sage „Tschüß!“ und wenige Sekunden später startet die Fahrt zu einem der wohl spannendsten Orte in Polen. Das mag ich hier so. Während ich das Auto starte, sehe ich in einer Ecke, wie sich die hier im Viertel ansässige Fan-Gruppe von Górnik Konin sammelt und auf das Spiel gegen die Reserve von Lech Poznań vorbereitet. Die Schüssel an der Warta habe ich in letzter Zeit zu oft gesehen, sportlich geht es eh um nichts mehr und in der Umgebung gibt es halt noch interessantere Sachen, weshalb ich nicht lange nachdenken muss. Nachdem die Platten hinter mir sind, kann ich auch wieder vorsichtig die Musik anmachen. Die Songs von Hitliste mit u.a. Motor Lublin, BFC Dynamo, Zagłębie Sosnowiec, Stahl Riesa werden hier wahrscheinlich nicht jedem gefallen.

Was kann so stark sein, dass mich nichts beim Top-Spiel der Bundesliga hält? Na klar: etwas Mystik und ein merkwürdiger Vereinsname. Und wenn ich richtig gerechnet habe, dann müsste der Platz in Licheń Stary äußerst kurios sein. Das bestätigt sich auch bei der Ankunft an der Sportanlage von MUKS Strażak Licheń Stary (Landesliga Konin, Level 7), die schlicht Schulsportplatz genannt wird. Nur habe ich das Pech, dass eine knappe halbe Stunde vor Beginn niemand auf den Rängen lungert und dem Rasen die Kreide fehlt.

Die aktuelle Situation ist nun zweifelsfrei der Horror für jeden Stadionsammler. Früher hätte man sich durchfragen müssen. Heute muss ich leider zugeben: In dieser Lage hilft mir ausgerechnet die Ami-Daten-Krake im weltweiten Netz, die nie meine Daten und Respekt erhalten wird. Sie hat sich einfach zu stark bei der Zensur des Filternets eingebracht. Das Spiel wurde also ein paar Kilometer weiter nach ślesin verlegt. Also kommen zu einem späteren Zeitpunkt ein paar Zeilen zu Licheń Stary.

Das Stadion des Touristenmagnets für Bade- und Bootfreunde ślesin stand eh auf meiner Wunsch-Liste. Der Ort ist ebenso ziemlich speziell. Hier hat sich aufgrund reger Handelstätigkeit eine eigene Sprache entwickelt. Die Beschilderung auf dem Marktplatz ist beispielsweise zweisprachig. Gut 3.000 Leute wohnen in dem Nest, dazu kommen an den Wochenenden noch zahlreiche Touristen. Als ich hier zum ersten Mal war, staunte ich nicht schlecht: Was ist das? Hier hat der Triumphbogen zu Ehren Napoleons aus dem Jahr 1812 überlebt, der dort steht, wo sich die beiden malerischen Seen verbinden. Der angrenzende Park ist sowieso erste Sahne. Ein Besuch der Gegend lohnt sich in jedem Fall, auch schon des Platzes wegen. 

Ähnlich wie in Pruszków, Lesko und Daleszyce ist hier der Gästeblock die Attraktion der Anlage. In diesen Niederungen gibt es allerdings äußerst selten Gäste. Für den Fall, dass doch mal welche kommen, hat der Heimverein LKS ślesin eine nette Behausung mit Klo und hohem Zaun. In der Mitte gibt es eine kleine Tribüne und in der Kurve Trainingsobjekte für die Kameraden der freiwilligen Feuerwehr. Der Platz in Licheń Stary war angeblich nicht bespielbar, weshalb die Kameraden von Strażak Licheń Stary, Strażak bedeutet Feuerwehrmann, bei ihren Kameraden in ślesin das Spiel gegen Orlik Miłosław austragen konnten.

Die Zuschauerzahl von gezählten 35 Köpfen ist natürlich ziemlich mau. Bei ihren Einsätzen haben sie bestimmt mehr Schaulustige, bei echten Heimspielen sowieso. Das Spiel hat mehr verdient. Gemäß der Tabellensituation war es ein Spiel auf ein Tor, in dem der Torreigen ab der 37. Minute begann. Doch bevor es in Hälfte II geht, steht die obligatorische Pause. Zeit für eine Analyse der Randerscheinungen. Das Publikum ist ziemlich jung.

Am Zaun hing in der ersten Hälfte eine Fahne des FC Barcelona. Der komische Kauz, der sie aufhing, hat mit Sicherheit aufgrund des Spiels in der vergangenen Woche einige Kommentare ertragen müssen. Aber noch ein paar Worte zu ihm: Viele kennen den Schweriner mit seiner Tröte, Gesten und Rufen. So kann man sich den Ein-Mann-Support von diesem Herrn auch charakterisieren. Zur zweiten Hälfte tauchte er wieder auf – wieder mit Fahne und Tröte. Beim näheren Hinsehen erwies sich das Teil sogar als eine kleine Trompete.

Orlik (kleiner Adler) kam zwar zwischendurch noch einmal ran, was den Trainer dazu veranlasste den Spielverlauf mit „Seht ihr, man kann, wenn man will!“ zu kommentieren. Nach diesem zwischenzeitlichen 2:1 (mit einem schönen Knaller ans Gehäuse) brachen die Adler völlig ein und hatten auch noch Glück, dass die Feuerwehrmänner die restlichen Chancen nicht nutzten. Eine Gelegenheit war dabei, in der ein Feuerwehrmann den Ball volley versenken wollte, ihn aber senkrecht in die Luft beförderte und beim Kopfballversuch kläglich scheiterte. 

Ein Schmunzeln auf den Rängen, mehr nicht. Beim 6:1 war dann mehr Stimmung drin. Der Trompeter sprang nun auf der Stahlrohrtribüne auf und ab und blies dabei kräftig in sein Instrument. Die Feuerwehr-Bank ließ indes trotz des Spielstands noch einmal Dampf ab, als es um ein Foul ging. Orlik antwortet mit „Haltet die Fresse!“ und der Schiedsrichter nimmt sich die Kameraden kurz zur Brust, während er über die staubige schwarze Schlacke der Laufbahn geht. Aber im Allgemeinen geht es hier sportlich und fair zu.

Und nett ist es hier sowieso, denn schnell komme ich mit einem Offiziellen ins Gespräch, dessen Bruder bei Polonia Münster spielt. Die Einladung zum Spiel in Licheń Stary nehme ich natürlich gerne an.

Und die Moral von der Geschicht? Feuerwehr Licheń rettet Leben, Bundesliga eher nicht.

Fotos: Michael

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6:1
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