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Rostocker Sonderzug nach Kaiserslautern: Mixgetränke, Boom-Boom-Boom-Boomerang und Brathering

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A 22 April 2019
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Zugegeben, für den 1. FC Kaiserslautern war es nicht der glücklichste Tag in der Vereinsgeschichte als im April 2018 der Abstieg aus der zweiten Liga feststand. Die meisten Fans der anderen Drittligisten dürften sich hingegen wohl über einen neuen attraktiven Gegner zwischen den Wehen Wiesbadens und Sonnenhof-Großaspachs dieser Liga gefreut haben. Endlich mal wieder ein großer Name, ein traditionsreicher Verein, ein legendäres Stadion. Endlich mal wieder ein Auswärtsspiel auf dem Betzenberg.

Somit ist es auch wenig überraschend, dass sich über 3.000 Rostocker für das Rückspiel im Fritz-Walter-Stadion an diesem Ostersonntag 2019 angekündigt haben und der Sonderzug der Fanszene innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war. 

Dieser 34. Spieltag beginnt im Grunde schon nachts um halb zwei als der Sonderzug mit einem knappen halben Kilometer Länge in Hamburg-Harburg einfährt, hunderte Köpfe heraus hängen und die wenigen Wartenden abwechselnd mit "Hurra, Hurra, die Rostocker sind da!" und "Scheiß Sankt Pauli" begrüßen. 

14 Abteilwagen, dazu ein Tanz- und Barwagen in der Mitte, von außen weinrot, von innen komfortabel und ziemlich modern, nach zwei Stunden Fahrt schon ein bisschen vermüllt, aber dafür schön klebrig auf dem Boden. Läuft. 

Die folgenden Stunden verschwimmen in einem Meer aus verschiedenen Gesprächsfetzen, diversen Mixgetränken, Blümchens Boom-Boom-Boom-Boomerang und Brathering. Und diesem verdammten Teppich im Abteil, der einfach nicht aufhören will, sich zu drehen. Gegen sieben Uhr dann die Ansage, dass erstmal kein Alkohol mehr ausgeschenkt wird, “weil ihr alle glatt seid”, gefolgt von ein paar Stunden Zeit für einen kurzen Schönheitsschlaf.

In Lautern angekommen sind dann alle hübsch und die Bodenbeläge bewegen sich auch wieder in die dafür vorgesehenen Richtungen und Geschwindigkeiten. Leider ist der Zug viel zu lang für den Bahnsteig des Kaiserslauterer Hauptbahnhofs, sodass die gesamte hintere Hälfte der Zugbesatzung über den Partywagen in der Mitte aussteigen muss.

 

Der Weg zum Ausstieg ist ein wildes Durcheinander aus Abteilen voller Bier und Schnaps, bunten Papiergirlanden, Hansakissen und -adiletten und ein paar Personen, die das Spiel wohl verschlafen würden. Die größte Herausforderung besteht in dem Wechsel aus dem klebrigen Boden, der einem die Schuhe auszuziehen droht, und einigen Rutschbahnen dazwischen.

Bei strahlendem Sonnenschein setzt sich Mob nach und nach in Bewegung Richtung Stadion und gibt dabei ein beeindruckendes Bild ab. Tausend Leute, alle in blau, die meisten mit dem Mottoshirt, das im Zug verkauft wurde, nehmen den Anstieg und die steilen Stufen zum Stadion, das immer noch in unerhörter Höhe über der Stadt liegt. 

 

Am Ende sollen es 3.500 Rostocker sein, die sich im Gästeblock des Fritz-Walter-Stadions einfinden und fast alle sind dem Aufruf der Fanszene gefolgt, doch bitte in Blau zu erscheinen. Das sich daraus ergebende Bild des blauen Blocks, der die Hälfte der roten Osttribüne einnimmt, ist absolut beeindruckend. Mit dem Anpfiff beginnt die dazu passende Pyroshow mit blauen und weißen Rauchtöpfen, ein paar Bengalos und einer Menge Raketen, die knallend in die Luft gehen.

 

Danach kommt erstmal nichts, denn es ereignet sich die längste und zähflüssigste erste Halbzeit der Saison, in der Lautern nicht viel auf die Reihe bekommt, Hansa meist die falschen Entscheidungen trifft und auch der Support noch unter seinen Möglichkeiten bleibt. Vor Anpfiff zeigte sich einmal die enorme Lautstärke, die auf diesen riesigen, steilen Tribünen möglich ist. Danach bleibt es eher durchschnittlich, was alles in allem ganz gut zum Spiel passt. 

 

In der zweiten Halbzeit wird dann aber alles besser. Zur Feier des Tages (20 Jahre Wolgastä und Hansaflotte) steht Eggi endlich mal wieder auf dem Zaun und bringt Geschlossenheit - bei der Größe des Blocks nicht ganz einfach - und vor allem Lautstärke auf die Tribüne. Vielleicht ist es Einbildung, vielleicht springt der Funke tatsächlich über, auf jeden Fall sieht das Spiel nun deutlich besser aus.

 

Denn nur zehn Minuten nach Wiederanpfiff fällt das 1:0 für Hansa durch Merveille Biankadi, der wiederum zehn Minuten später nach einem Tänzchen im Lauterer Strafraum das 2:0 erzielt und erneut dafür sorgt, dass 7.000 Arme und das eine oder andere Getränk in die Luft fliegen. Das zweite Tor heute ist sein neuntes in dieser Saison und damit zieht er mit Cebio Soukou gleich, der zuvor allein bester Rostocker Torschütze war.

 

Der Rest des Spiels vergeht wie im Flug mit einem sehens- und hörenswertem UFFTA und einer ganzen Menge Spaß- und Sinnlossupport zwischen “Nie mehr dritte Liga”, dem altbekannten “Mecklenburg” - “Vorpommern”-Wechselgesang, der um die Strophen “Ostdeutschland” und “arbeitslos” ergänzt wird, und einer Neuauflage des Klassikers “Wir sind nur zum saufen hier”. Als Topping obendrauf das “Heimspiel in Lautern” und dann ist auch schon Feierabend. 

Die Mannschaft lässt sich erst etwas zögerlich, dann anständig für den Sieg feiern und posiert für ein Siegerfoto vor dem blauen Gästeblock. Anschließend geht es nach einer kurzzeitigen wie sinnlosen Polizeisperre zurück zum Bahnhof, wo der Sonderzug schließlich vorfährt.

Die Rückfahrt verläuft feuchtfröhlich und ohne Zwischenfälle an Mosel und Rhein entlang durch den Ruhrpott nach Norddeutschland - wer die Strecke vor Ort nachvollziehen will, muss nur der Spur aus Bierdosen folgen, die sich quer durch Deutschland zieht und etwas stärker wird, wo der Zug einen Zwischenhalt eingelegt hat.

 

Die Tatsache, dass in den Abteilen Schlafliegen heruntergeklappt werden können, entspannt die Müdigkeits- und Platzsituation ein wenig, sodass bei Ankunft in Hamburg ein paar Gelenke nicht ganz so sehr verdreht sind wie üblich auf einer solchen Fahrt.

Und so endet dieser Spieltag nach 24 Stunden mit drei eher unwichtigen Punkten, einer großartigen Zeit und dem Wissen, dass es jetzt erstmal für eine sehr lange Zeit das letzte Auswärtsspiel gewesen ist, das man vor Ort im Stadion sehen wird. In diesem Sinne, vielen Dank an alle, die da waren und diesen Tag unvergesslich gemacht haben. Hansa ist der beste Club der Welt!

Fotos: Anika, Aumi, Matthias

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

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3000

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