Englisches Flair in Jungfernheide: Westend gegen BW 90, Rugby und Wurst zum Frühstück

Englisches Flair in Jungfernheide: Westend gegen BW 90, Rugby und Wurst zum Frühstück

 
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MB 26 September 2022

Der Wecker schrillt. Sonntag. 8 Uhr. Griesbrei kochen für das Kind, anziehen und ab die Post! Auf dem Weg vom Tierpark bis Jungfernheide dürfen die beachtlichen Ausdehnungen von Berlin voll ausgekostet werden. Am Rohrdamm raus aus der U-Bahn und rüber zur Bushaltestelle, von der ein Bus gefühlt quasi nach JWD fährt. Dachten wir, man träfe dort ein paar Fans von Blau-Weiß 90, so sahen wir uns getäuscht. Ganz allein stand Jérôme an der Haltestelle - und das mit einem gebrochenen Knöchel. Mit einem Spezialschuh humpelte er in den Bus, und wir fragten uns, ob wir drei beim Landespokalspiel SC Westend 01 vs. Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin wohl die einzigen Zuschauer sein werden.

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Hinein in die Parkanlage in Jungfernheide, in der sich einige Sportplätze befinden. Auf dem vorderen bestritten ein paar Minis des 1. FC Union Berlin gerade ein Auswärtsspiel, auf dem hinteren Rasenplatz machten sich die Männer für das Pokalspiel warm. Zur großen Überraschung herrschte bereits reger Betrieb um kurz vor halb elf. Bier und Kaffee wurden ausgeschenkt, die sehr schmackhaften Bratwürste befanden sich bereits im verzehrfertigen Zustand. Und das alles zu sehr moderaten Preisen.

 

Ich naschte bereits ein erstes Bierchen und verspeiste mit Wohlwollen die Bratwurst, als Jérôme mir in die Seite stieß. „Kiek mal, es gibt gleich Pyro!“ Wat? Und tatsächlich, zwei junge Männer hatten ihre Gesichter komplett vermummt und legten zwei ordentliche Rauchtöpfe auf zwei Absperrkegel. Ich bekam gar nicht so schnell meine Kamera aus dem Rucksack, als sich das Umfeld des SC Westend 01 bereits mit gezückten Handys um den Ort des Geschehens gruppierte und auf das Einlaufen der Mannschaften wartete. Dichter blauer und roter Rauch waberte empor, und die Spieler mussten da einfach mal durch. 

 

Welch eine Überraschung. Blöd gelaufen für die Blau-Weiß-Fans, die etwas später eintrudelten und jaaanz jeemütlich die mitgebrachten Fahnen ans Geländer knüpften. Solch einen Auftakt um 10:30 Uhr konnte man allerdings wirklich nicht erwarten. Beim Blick auf den Bierbecher musste festgestellt werden, dass einem das Wappen des SC Westend 01 noch nie vor die Augen kam. 

 

Am 1. Juni 1901 wurde der Verein als Charlottenburger FC 01 Concordia ins Leben gerufen, im Jahre 1933 fusionierte dann der Charlottenburger FC 01 Concordia mit dem Charlottenburger FC Viktoria 1911 zum neuen Charlottenburger FC 1901. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es zunächst als Sportgruppe Charlottenburg-Nord bzw. Sportgruppe Westend Berlin weiter, seit 1949 lässt man als SC Westend 01 Berlin den Ball rollen. Man staune, es gab sogar durchaus Erfolge zu vermelden. So spielte man 1973/74 in der Regionalliga Berlin (zweithöchste Spielklasse). Gegner waren unter anderen Blau-Weiß 90 Berlin, Tennis Borussia Berlin, Wacker 04 Berlin und den BFC Alemannia 1890. In der Saison darauf nahm Westend 01 sogar am DFB-Pokal teil, musste sich aber in der ersten Runde Eintracht Nordhorn mit 1:5 geschlagen geben.

 

Inzwischen ist der SC Westend 01 in der Kreisliga A angesiedelt und bekam nun im Berliner Landespokal mit Blau-Weiß 90 einen Oberligisten vorgesetzt. Was kann man sich da groß vornehmen? Einen Ehrentreffer erzielen und nicht zweistellig verlieren, würde ich mal sagen. Für Blau-Weiß 90 war ein deutlicher Sieg selbstverständlich Pflicht, und beim Bierchen schauten die inzwischen zehn Blau-Weiß-Fans dem Treiben auf dem Rasen gelassen zu.

 

Bereits in der zweiten Minute machte Simon Gartmann die 1:0-Führung für Blau-Weiß 90 klar, und es schien einen Kantersieg zu geben. Allerdings hielten sich die Gastgeber erstaunlich wacker und ließen bis zur 41. Minute keinen weiteren Gegentreffer zu. Dann platzte bei Blau-Weiß der Knoten und innerhalb von zwei Minuten fielen gleich drei Treffer. Bob Chike Mike Okezie-Anicene, Maxim Cygankov und Florian Kohls stellten die 4:0-Führung vor der Pause her. 

 

Die Sonne schien, das Herbst war bereits teils herbstlich gefärbt, und das gesamte Ambiente erinnerte durchaus an England. Das alte Gebäude mit dem Casino an der Stirnseite des Rasenplatzes, all die Grünflächen und Bäume, und hinzu kam, dass sich im Hintergrund bereits die Spieler des Berliner Rugby Clubs langsam warmachten. So viel Idylle hatte ich gar nicht erwartet, und auch der größere Sohnemann stimmte mir zu, dass es nach dem intensiven Derby am Tag zuvor bei Stahl Brandenburg auch mal gemütlicher zugehen kann. 

 

In der zweiten Halbzeit erzielte die Sp.Vg. Blau-Weiß 90 noch fünf Treffer - Bob Chike Mike Okezie-Anicene, Maxim Cygankov, Tobias Göth, Mike Brömer und Tamino Marker waren die Torschützen -, doch sollte das Ganze nicht zweistellig werden. Sei es drum, die Blau-Weiß-Spieler kamen einmal rüber und klatschten lachend die anwesenden Fans ab. Bei solch einer frühen Anstoßzeit irgendwo in Westend kann es schon mal vorkommen, dass die anwesende Fantruppe überschaubar ist. 

 

Noch ein Kaffee, noch eine Waffel, noch eine Wurst, noch ein Bier. Auf aus Baumstämmen gebauten Bänken wurde sich niedergelassen und noch etwas gequatscht. Zudem konnte noch ein Blick auf das sportliche Treiben hinten auf dem Platz des Berliner Rugby Clubs geworfen werden. Auch dort ließ man nichts vermissen. In einem aufgebauten Zelt wurden Kuchen, Würste und Getränke verkauft. Da komme ich noch einmal wieder. Ich konnte ja nicht ahnen, dass um 15 Uhr zum Hauptspiel der FC St. Pauli bei den Berlinern antreten würde. Andererseits kamen halt Fluchtgedanken auf, als die ersten Spieler mit Krawatte und St. Pauli-Utensilien lässig vorbeischlenderten… 

 

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin

> zur turus-Fotostrecke: Rugby 

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Spielergebnis:
0:9
Zuschauerzahl:
40
Gästefans
10

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Landespokal
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