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Ein Fußballnachmittag geht länger als 90 Minuten…

 
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MB 23 September 2019
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Boah, Berlin! Manchmal bist du einfach nur ätzend! Mit Rucksack auf dem Rücken und dem kleineren Kind auf den Schultern sowie dem größeren Kind an der Hand blökte uns plötzlich irgendein Typ von hinten an. Willkommen in Neukölln um zehn Uhr morgens! Den Stromkasten als Tresen umfunktioniert, und dann stand er da wie Eckensteher Nante. Mit Bierflasche in der Hand und fiesem Blick. Klar, ich könnte diesen Pfosten einfach ignorieren, doch ich konnte nicht anders. Ich drehte mich auf der Hacke um und war innerlich auf 180. Du sinnloser Idiot, dachte ich mir und wählte verbal ein paar moderatere Worte. Mein Tonfall war indes scharf wie ein Messer. Mensch, was habe ich es manchmal satt, in dieser Stadt jeden Tag solche kaputten Typen zu sehen. Soll’n sie machen. Meine Kinder und ich mich anblöken, nur weil wir seiner Meinung nach anscheinend dem Stromkasten zu nahe kamen - geht jedoch gar nicht! Tja, so fröhlich begann der Sonntag - und dabei hatten wir drei uns vorgenommen, die Sache mal richtig relaxt anzugehen.

Die U-Bahnfahrt bis Landauer Allee verlief indes völlig relaxt. Der Große turnte, dem Kleinen zeigte ich ein paar Videos von Kleinkindern, die im Mund ihre Nuckis drehen können. Mit uns in der Ecke saß bereits ein bekanntes Gesicht vom FC Polonia Berlin. Er betreut während der Spiele der ersten Mannschaft die Spieler, die restliche Zeit kümmert er sich meist um den Verkaufsstand. Ein netter Kerl mit Charisma, aber wehe, man würde ihm blöde kommen. Und wie der Sonntagvormittag es so wollte, bekam auch er eine Berliner Packung Heiterkeit. Nachdem er mit uns ausstieg, stellte er eine leere 0,3er Flasche Radler sachte an eine Wand, so dass diese - wie in Berlin üblich - problemlos von den Flaschensammlern eingesammelt werden kann. 

Ein Rentner hinter uns sah das Ganze jedoch völlig anders, und echauffierte sich lautstark über den Polen, der den Müll nicht in einen Mülleimer schmeißen könne. Nun machte auch der Polonia-Mann eine halbe Drehung nach hinten. Der Blick! Göttlich! In Anbetracht der Tatsache, dass ich mit meinen Kids direkt daneben lief, verkniff er sich eine Ansage und eilte die Treppe hoch. Stattdessen übernahm ich den Part. Ich war ja eh schon warm. Ob er wolle, dass Flaschensammler auf der Suche nach Pfandflaschen immer im Müll wühlen sollen, fragte ich mit sachlichem Tonfall. Er winkte nur ab, schaute auf die roten Polonia-Shirts meiner Kinder und meinte, dass die (blöden) Polen eh immer alles besser wissen. Pah, Pfandflasche, nölte er. Das reiche doch eh nicht für eine Flasche Schnaps. Für was? Er könne es sich also nicht vorstellen, dass auch Rentner aufgrund der mickrigen Rente Pfandflaschen sammeln gehen? Ich kochte! Nein, könne er nicht. Ich wurde zum Kinski. Na juuut, mit nem vollen Bankkonto könne man natürlich nen großes Maul haben. Erbärmlich so was!

So, Leute, das musste ich einfach mal loswerden. Zum Glück bietet diese teils echt asozial und verkommen gewordene Stadt auch sehr entspannte Oasen. Mit Leuten, die nicht nur grunzen und jeden anpöbeln, nur weil sie mit dem eigenen Leben nicht klar kommen. Solche Oasen bietet mitunter der Fußball - der FC Polonia Berlin insbesondere! Am gestrigen Tag gab es vier Spiele hintereinander zu sehen, und bei dem sommerlichen Wetter wurde ganz einfach ein Familientag draus. Mit Getränken, Kiełbasa Śląska vom Gasgrill und viel Smalltalk. Beim ersten Piwo erklärte mir Sportsfreund Gunter, dass er auch schon so seine Erfahrungen gemacht hatte. Nach einem Spiel des FC Polonia meinte doch tatsächlich ein Gegenspieler beim Abschließen seines Fahrrads, dass es ein Wunder sei, dass die Räder überhaupt noch dastehen würden. Da war er bei Gunter auch an der richtigen Adresse.

Nun mögen sich manche Leser fragen, weshalb fast wöchentlich ein Bericht über die Polonia online geht. Vor allem so aus dem Nichts. Die Antwort ist ganz einfach: Zum einen ist es die familiäre Atmosphäre, die auch für mich ideal ist, unsere (halb-polnischen) Kinder mal ohne Stress mit zum Fußball zu nehmen. Vor allem für den Dreijährigen einfach perfekt. Zum anderen möchte ich diesen 2012 gegründeten Verein begleiten. Mich fasziniert das Projekt, zumal ich Rafał Kwak ja bereits zuvor von den Pogon-Spielen kannte. Ganz unten in der Freizeitliga anzufangen und sich dann auf den Weg in Richtung Bezirks- und Landesliga zu begeben - der Gedanke gefällt mir. Ein erstes Anschnuppern gab es vor zwei Jahren beim Kreisliga C Spiel bei Kickers Hirschgarten II, in der Kreisliga B Saison (inklusive Pokalspiel gegen TeBe) ging es dann für mich richtig los. In Berlin gibt es ja so einige ambitionierte Fußball-Projekte - zum Beispiel Berlin United -, doch passt mir die gegebene Schnittmenge bei Polonia wirklich. Da steckt wirklich Potential drin, und Mannschaft und Umfeld sind einfach bombig. Aus Polonia könne wirklich was Großes werden, ist sich auch Rafał Kwak sicher. 

Ein Gradmesser wird am 3. November 2019 das Heimspiel gegen den derzeitigen Spitzenreiter S.D. Croatia Berlin II sein. Für dieses Spiel wird richtig mobilisiert werden - und jeder ist herzlich willkommen. Polen, Kroaten, Deutsche. Auch die Botschafter und Vertreter der Landespolitik werden höchstwahrscheinlich an diesem Nachmittag auf dem Sportplatz an der Ollenhauerstraße (am Kienhorstpark) vorbeischauen. Für Speis und Trank (polnisch und kroatisch) wird gesorgt sein, und man kann dieses Spiel wirklich nur jedem wärmstens empfehlen!

Was der gestrige Tag zu bieten hatte? Sehr leckere Kiełbasa Śląska und sehr viel Fußball bei Sonnenschein. Angefangen hatte alles um neun Uhr mit dem Spiel der E-Junioren gegen den SV Buchholz. Gegen die starken Gäste war jedoch kein Kraut gewachsen. Völlig verdienten konnten die Kids aus Buchholz mit 7:1 gewinnen. Weitaus enger zu ging es beim Spitzenspiel der B-Junioren gegen den FSV Hansa 07 II aus Kreuzberg. Denkbar knapp mit 2:1 konnte Hansa 07 das umkämpfte Spiel für sich entscheiden. 

Aber manchmal gibt es wichtigere Dinge im Leben als das reine Ergebnis beim Fußball. In der 30. Minute zeigte der Schiedsrichter auf den Punkt. Es stand 0:1, und es gab Elfmeter für die Jungs des FC Polonia. Verantwortung übernahm Polonia-Keeper Karol Kozioł. Er legte sich den Ball zurecht und haute ihn anschließend knapp unter die Latte. 1:1 für Polonia - der Jubel hallte über die Sportanlanlage. Dann wurde es richtig herzlich. Karol Kozioł riss sich sein Trikot vom Leib und zum Vorschein kam ein liebevoll bemaltes T-Shirt. Jubelnd sprang er übers Geländer und eilte die drei, vier Stufen hoch, um seine dort sitzende überraschte Freundin Veronika Woznica zu umarmen. Alles Gute dem Pärchen an dieser Stelle auch von uns! Dass am Ende die Partie noch 1:2 verloren wurde, war dann (fast) zweitranging. Ein Herz für das Liebespaar hatte auch der Schiedsrichter, denn er beließ es bei einer gelben Karte. Nach dem Spiel erklärte er, dass er auch zwei, drei Karten hätte zeigen können. Trikot ausziehen, unbefugtes Verlassen des Platzes, etc.

Um 12:30 Uhr wurde schließlich das Spiel der ersten Mannschaft angepfiffen, die zuletzt in Hermsdorf das Ruder herumreißen konnte. Nach einem 0:3-Rückstand konnte die Partie noch mit 5:3 gewonnen werden. Nun hieß es gegen den Mit-Favorit der Staffel 2 der Kreisliga A nachzulegen. Der FV Wannsee hatte zuletzt 1:1 gegen die SpVgg Tiergarten gespielt und war ein wenig unter Zugzwang. Bei Polonia gab es jedoch gestern nichts zu holen. Nach nicht einmal einer Minute erzielte Lucjan Marek Konopka das 1:0, in der 22. Minute legte er zum 2:0 nach. Noch vor der Pause machten Lukasz Dawid Isalski und Michael Wolynski mit ihren Treffern den Sack quasi zu.

Allerdings, so schrieben wir es bereits, ist in den Kreisligen einiges möglich. Höhere Rückstände können auf den Kunstrasenplätzen mal schneller aufgeholt werden. Das dachte sich wohl auch die Mannschaft des FV Wannsee, die im zweiten Spielabschnitt ein Schippchen drauflegte. Jannis Edler machte in der 57. Minute das 1:4 für die Jungs vom Wannsee. In der 70. Minute stellte Kevin Gawin jedoch wieder den Viertorevorsprung her. Das 2:5 für Wannsee, erzielt von Yasser Ben Tanfous in der 90. Minute, war nur noch reine Ergebniskosmetik. „Pack die Badehose ein, nimm das kleine Schwesterlein, und dann nischt wie los zu Polonia…“, sangen während der Partie die Heimfans, die am gestrigen Tag teilweise sämtliche Partien mitnahmen.

Ich indes pendelte zwischendurch fix nach Gesundbrunnen, um das RL-Spiel BFC Dynamo vs. 1. FC Lokomotive Leipzig mitzunehmen. Manchmal kann man sich einfach nicht teilen. Pünktlich zum Spiel der zweiten Mannschaft gegen den FC Spandau II war ich wieder mit am Start. Bei einem verdienten Bier bekamen wir einen ungefährdeten 3:0-Sieg zu sehen, und die Mannschaft freute sich über den punktuellen Support am gestrigen Nachmittag. Die Treffer erzielten Michal Sylwester Szarko, Jakub Pulikowski und Pawel Danilczuk. Besonders gefeiert wurde „Messi“ mit der Nummer neun, der wieder ein paar künstlerische Einlagen hinlegte. 

Abpfiff um 16:15 Uhr. Und nun? Es könne echt noch eine weitere Partie sein! Schön zum Ausklang bei der Abendsonne. Aber gut, auch das Quatschen beim Piwo machte Laune, und die Kids konnten sich auf dem Kunstrasen und später noch auf dem Spielplatz im Kienhorstpark austoben… 

Fotos: Marco Bertram

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5:2

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Wohl wahr!

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Schöne Stadt :-o

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