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Brandenburger SC Süd 05 vs. Hansa Rostock II: Geniale Jubelorgie und fragwürdiger Polizeieinsatz

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MB 08 Juni 2019
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Echt ey, dafür gehe ich zum Fußball! Genau das hatte ich mir immer erträumt! Im Zuge einer blau-weiß-roten Jubelorgie gemeinsam mit dem inzwischen neunjährigen Sohnemann auf der Zaunkrone hängen und die Freude gen Himmel brüllen. Geil, Mann! Keine Frage, wir hatten in den letzten acht Jahren (zu Beginn noch im Kinderwagen) eine Menge gemeinsame coole Fußballerlebnisse, aber das heutige gedrehte Spiel der Hansa Amateure beim Brandenburger SC Süd 05 war echt das Sahnehäubchen. Man führe sich das mal vor Augen: In der 72. Minute erhöhte Rene Goerisch mit seinem zweiten Treffer zum 2:0 für den Gastgeber, und der Drops schien fast gelutscht. Zumal es sportlich ja nun nicht um den großen Pott, sondern eher um die goldene Ananas ging. Lockerer Saisonausklang aus Sicht des F.C. Hansa Rostock II. Die Mannschaft von der Küste hatte aber richtig Bock! Respekt, und nochmals Respekt! Nur eine Minute nach dem 2:0 für den BSC Süd 05 machte Henry Haufe den Anschlusstreffer klar. Wiederum nur eine Minute später erzielte Haufe sogar den Ausgleich zum 2:2. Alle auf den Zaun! Was für ein Jubel! Kaum war der Jubel abgeebbt, machte Niklas Tille dann das 3:2 für die Hansa Amateure. Noch einmal auf den Zaun und richtig abfeiern. Sportlich ein richtig dolles Ding - und sonst so? Es gab noch einiges mehr zu berichten. Um es vorweg zu nehmen, der Fußballnachmittag hatte einige zu bieten. Es wurde sehr facettenreich!

Mit dem Regionalexpress ging es von Berlin-Ostkreuz aus am späten Nachmittag als kleine Truppe gen Brandenburg an der Havel. Aus der kleinen Gruppe wurde im Laufe der Fahrt eine größere Truppe, wie sich bei Ankunft am Brandenburger Hauptbahnhof herausstellte. Etliche Schweriner Hansa-Fans waren zugestiegen und erreichten nun ebenfalls das Tagesziel. Ein Empfangskomitee gab es nicht. Bezüglich des Fußballs hält man in Brandenburg an der Havel gern einen Sommerschlaf. Dies durfte bereits beim Auftritt er Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin im April dieses Jahres bewundert werden. Damals tauchte während des ganzen Tages kein einziger Streifenpolizist auf. Wunderbar angenehm! Leider sollte dies heute im späteren Verlauf ein wenig anders sein.

Vor dem Spiel hatte die hanseatische Reisegesellschaft allerdings völlige Narrenfreiheit. Gebrandschatzt und geplündert wurde trotzdem nicht. Die rund 40 Männer (und eine Frau) wollten einfach was trinken, und so hatte einer die Idee, etwas früher aus dem Linienbus zu steigen und den Weg zu einer Lokalität am Wasser zwischen Kleinen Beetzsee und Domstreng zu weisen. Alle hinterher - der Durst war groß. Die anwesende ältere Kellnerin fiel wahrlich fast ins Essen. Schlimmer noch: Sie bekam fast einen Herzinfarkt beim Anblick der gar heiteren Truppe. Am liebsten wäre es ihr gewesen, die Horde wäre sogleich verschwunden, doch eine Runde Bier wurde genehmigt. Aber wirklich nur eine. Als plötzlich ein paar Hansa-Fans teils nackig ins Hafenbecken sprangen, schien Schluss mit lustig. Beruhigende Worte für die Dame. Alles wird gut! Wirklich, keine Sorge! Die Tische zahlten sogleich bar auf die Hand die gereichten Bier - und die Gemüter beruhigten sich auf Seiten der Lokalität. Am Ende durfte sogar nachbestellt werden, wenngleich auf Seiten der Belegschaft die Nerven blank lagen. Verluste gab es ebenso bereits zu beklagen, ein Hansa-Fan hatte sich an den Steinen die Knie aufgeschlagen. Das Blut floss - macht nix. Alles halb so wild! Und auch ein vermisster WET-Beutel fand sich wieder auf.

Gegen 13:30 Uhr zog die Truppe schließlich zu Fuß weiter zum Werner-Seelenbinder-Sportplatz. In der Oberliga befindet sich der Gästebereich (so auch gegen Blau-Weiß 90) gewöhnlich am Rande der überdachten Haupttribüne, gegen Hansa Rostock II wurde indes der eigentliche Gästeblock geöffnet. Als die feucht fröhliche Truppe den Haupteingang erreicht hatte, schlossen sich ruckzuck die Schotten. Hier kam niemand mehr rein! Bitte einmal gegen den Uhrzeigersinn um das Stadion zum Gästeblock! Eine Vorhut von rund 30 Mann lief voran, der Rest sammelte sich zeitversetzt mit anderen eintreffenden Hansa-Fans. Beim ersten Schub schien es Versuche gegeben zu haben, kostenfrei ins Stadion zu schieben. Als wir dort eintrafen, war davon nichts mehr spürbar. Die gut bepackten Ordner leisteten ganze Arbeit und waren Drohung genug, allerdings traten diese keinesfalls aggressiv auf, sondern hielten sich angenehm zurück.

Beim Blick auf die umzäunte Wiese vor dem Gästebereich kamen allerdings traurige Erinnerungen auf. Kalte Buletten im Herbst 2011. Nieselregen, ein richtiger kack Nachmittag, und nach dem Spiel sprühten sächsische Polizisten (!) Pfefferspray in einen bereitgestellten Shuttlebus. Es war ein widerlicher Tag, bei dem manch einer vom Glauben abfiel. Damals war der BFC Dynamo zu Gast in der Havelstadt, von Bambule war an jenem Tag allerdings nicht der Hauch einer Spur zu bemerken. Umso sinnfreier war an jenem Tag der Reizgas-Einsatz. Es schien, als sei das Auswärtsspiel des BFC eine prima Spielwiese, um Plan XY auszuprobieren. Es glich einem Wunder, dass die anwesenden Fans nicht komplett ausrasteten und das Ganze nicht völlig eskalierte.

Vom Imbisswagen mit den kalten Buletten aus der Packung war heute nichts zu sehen, und ich dachte bereits, es würde überhaupt nichts geben, doch überraschenderweise wurde die Luke im Turm an der Ecke geöffnet. Ein Bier für drei Euro, eine Bocki für zwei Euro - damit konnte es sich leben lassen. Zwischen 80 und 100 Mann hatten sich im geräumigen Gästebereich eingefunden, die Stimmung war von Beginn an nicht übel. Im Laufe der ersten Halbzeit wurden im Gästeblock ein paar grün-gelbe Fanutensilien des SC 1903 Weimar am Zaun präsentiert, die vermutlich vor dem Spiel gezogen wurden. Dass es freundschaftliche Kontakte zwischen Weimar und Brandenburg Süd gibt, dürfte den meisten Hansa-Fans bis heute nicht klar gewesen sein.

Während die Stoffe am Zaun hingen, näherte sich ein Ordner im Innenraum dem Ort des Geschehens. Aber was heißt Ordner? Es war keiner der muskelbepackten Truppe. Eher ein „schmales unscheinbares Hemd“ mit Ordnerweste drüber. Er wird doch nicht, fragte ich mich noch. Und schwupps konnte er in bester polnischer Manier einen den gezogenen Stoffe zurückerobern. 1:1 für Brandenburg Süd! Feixend rannte der „Ordner“ quer über den Rasen in Richtung „Meckerecke“, dabei sich immer wieder umdrehend und den Mittelfinger zeigend. Das Spiel war kurz unterbrochen, andere Ordner versuchten ihn noch aufzuhalten, doch das Stück aus Weimar erreichte die „Meckerecke“ und wurde dort kurz stolz hochgehalten.

Kurzzeitig schien, als wenn Hansa am anderen Ende des Gästeblocks eine Gegenangriff starten würde, doch wurde dieser abgeblasen. Ein mögliches Stadionverbot aufgrund solch einer Geschichte wollte dann doch niemand riskieren. Stattdessen landete ein roter Rauchtopf auf dem Rasen, der rasch von einem BSC-Ordner (die anderen muskelbepackten Kräfte wurden extra für dieses Spiel gebucht und passten eher zum FC Stahl) zum Spielfeldrand gebracht wurde. Und sonst? Vor insgesamt 325 Zuschauern ging der Gastgeber mit 1:0 in Führung. Lockeres Quatschen beim Bierchen bei prima Sonnenschein, sportlich schienen die Hansa Amateure anfangs keinen Baum auszureißen. Nachdem Rene Goerisch in der 72. Minute seinen zweiten Treffer erzielt hatte, schien das Ding echt durch. Aber dann! Im Leben nicht hätte ich an solch eine Wende geglaubt! Ein gedrehtes Spiel innerhalb von vier Minuten?! Das Zeitgefühl war ausgesetzt. Nach dem Spiel fragten sich nicht wenige: Waren es fünf Minuten? Zehn Minuten? Egal! Das Ganze verschmolz im Geiste zu einem irren Gefühlsfasching. 

Schön war zu sehen, wie beim Ausgleich und der Führung die Hansa-Spieler freudestrahlend zum Gästeblock rannten und feierten. Später nach Abpfiff wurde reichlich weitergefeiert. Eine XXL-Flasche-Pfeffi machte plötzlich die Runde, Spieler und Fans stimmten das „Scheiß St. Pauli!“ an, freudiges Abklatschen am Zaun. Auf Heimseite wurde indes in der „Meckerecke“ mehrfach reichlich Pyrotechnik angezündet, um den bereits vor dem Spiel gesicherten Klassenerhalt zu feiern.

Weniger erfreuliches gab es am Ausgang des Gästeblocks zu sehen. Mussten bereits am Einlass vor dem Spiel die Personalausweise gezeigt werden, wurden jetzt sämtliche Personalien aufgenommen. Niemand, wirklich niemand, durfte den Block verlassen ohne den Ausweis den Beamten zu zeigen. Auf einem Schreibblock wurden die Daten notiert. Düstere, ganz düstere Erinnerungen an die Jugend Ende der 80er kamen auf. Wozu das Ganze? Hierzu gab es unterschiedliche Aussagen. Vor dem Spiel hatten sich Fans Zutritt verschafft, lautete eine der Aussagen. Aber wenn dem so sei, wären diese doch eh schon weg, gaben einige Fans zu bedenken. In der Tat nutzten nach Abpfiff einige Fans die Abkürzung über die Zäune hinter der Haupttribüne.

Diskussionen, Wortgefechte, ein Anwalt wurde angerufen. Noch blieb die Polizei konsequent und verlangte von jedem die Daten. Einige Fans ließen sich jedoch nicht beugen und blieben auf der Wiese im Stadion. Nach einer Weile kamen sogar einige Hansa-Spieler herbei und zeigten sich solidarisch mit ihren Fans. Erst nachdem einer der bepackten Ordner ein deutliches Wort einlegte und bezeugte, dass von den Anwesenden keinesfalls einer dabei war, der im Zuge des ersten Schubs ohne Eintritt ins Stadion drängte, ließen die polizeilichen Einsatzkräfte mit einem Mal die restlichen Fans ohne Personalienkontrolle gehen. 

Das nächste Ziel der Hansa-Fans lag auf der Hand: Ein nahegelegener Supermarkt! Versorgung mit Trinkgut und Essbarem, erstaunlich brav stellten sich die Fußballfreunde an die Kassen. Muffig wurde eine Kassiererin trotzdem (die gute Frau hätte mal sehen sollen, wie es auch hätte anders laufen hätte können), und auf dem Vorplatz wurden zwei Einsatzfahrzeuge der Polizei abgestellt. Vielleicht hätte etwas mehr Abstand gut getan nach dem Procedure direkt nach dem Spiel, denn so kochten unnötigerweise die Emotionen etwas hoch. Im Zuge dessen fielen ein paar unschöne Worte wie „Gehen sie doch sterben!“, doch letztendlich durfte man froh sein, dass ein Knüppel- oder Pfefferspray-Einsatz ausblieb.

Mit Polizeibegleitung ging es zurück bis nach Berlin, doch verhielten sich die polizeilichen Einsatzkräfte im Regionalexpress zurückhaltend, so dass am Ende durchaus das Positive des aufregenden Fußballnachmittages im Geiste hängen blieb! 

Fotos: Marco Bertram, Tobi

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

 

Spielergebnis:
2:3
Zuschauerzahl:
325
Gästefans
100

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Oberliga
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Einfach traurig

Es macht mich traurig wenn ich das so lese. Der Artikel ist super keine Frage aber die Tatsache das eine Gruppe aus 30 Leuten (wie es in den Kommentaren steht) ein paar Fans die z.T Minderjährig und in der Unterzahl sind angreift und beklaut ist schon erbärmlich. R.I.P Hansa, Ehre verloren. : (

G
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G
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So muss Fußball sein. Das Abziehen tat jedoch nicht not.

S
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D
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Saustark

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Starke Aktion von Hansa...

Also die Fanszene von Rostock hat seit der Aktion jeglichen Respekt von mir verloren. Wer zweimal mit ca 30 Leuten auf acht z.T. minderjährige raufgeht, die abzieht und körperlich attackiert, ist einfach nur erbärmlich.

Aber gut zu sehen, dass derjenige der das Banner wiedergeholt hat anscheinend größere Eier, als die ganzen Typen hat, die es nur in ner großen Gruppe geschissen bekommen.

WU
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alles für den FCH
G
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