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Regionalliga-Reform: Gegen die Spaltung - der Fußball-Osten wurde genug verarscht!

 
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MB 18 März 2019
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Halten wir mal fest: Den kräftigen Arschtritt hat der Fußball-Osten im Zuge der deutschen Wiedervereinigung erhalten. Auch wenn das Ganze zigmal thematisiert wurde und nun fast drei Jahrzehnte zurückliegt: Für zahlreiche Vereine, die einst in DDR-Oberliga und DDR-Liga (zweite Liga) eine wichtige Rolle gespielt hatten, war die Umstrukturierung nach der Saison 1990/91 das geöffnete Grab. Während der F.C. Hansa Rostock als letzter Meister und Dynamo Dresden als Tabellenzweiter den Sprung in die 1. Bundesliga gepackt hatten, wurde es für die anderen einstigen DDR-Größen mitunter ein Desaster: Sprich der Absturz ins Amateurlager. Die Zusammenführung von DFB und DFV (Fußballverband der DDR) wurde eine arg ungleiche Vereinigung. Während im Westen quasi null Abstriche gemacht werden mussten, gingen im Osten zig Vereine vor die Hunde. Die 1. Bundesliga wurde 1991/92 um zwei Vereine aufgestockt, die 2. Bundesliga wurde auf 24 Vereine aufgebläht (gespielt wurde in zwei Staffeln). Was soll das für eine Vereinigung gewesen sein? Die Bundesrepublik hatte 1989 rund 62 Millionen Einwohner, die DDR zirka 16,5 Millionen. Demzufolge hätten es vier Teilnehmer in der ersten gesamtdeutschen Bundesliga-Saison 1991/92 sein müssen - und nicht anders! Aber nein, der Fußballosten bekam quasi den Katzentisch zugewiesen. Soll sich also niemand wundern, dass aktuell in der Region Nordost mit Argusaugen drauf geschaut wird, was es mit der neuen möglichen Regionalliga-Reform auf sich hat. 

Allein die jetzige Tatsache, dass ein einziges Bundesland der alten Bundesrepublik eine eigene Regionalliga erhielt, muss man einem ostdeutschen Fußballfreund erst einmal verklickern. Gut, der Freistaat Bayern hat ja auch 13 Millionen Einwohner, mögen die Befürworter sagen. Und einen größeren Unterbau im Amateurbereich. Hm ja, und genau den zweiten Punkt konnte ich irgendwie nie verstehen, wenn es darum ging, dass zum Beispiel der Südwesten in jüngerer Vergangenheit immer gleich zwei Vertreter ins Rennen um den Aufstieg in die 3. Liga schicken durfte. Schön und gut, wenn sich in den Kreisklassen und Kreisligen weitaus mehr Mannschaften rumtummeln, doch kann dies echt allein dafür ausschlaggebend sein, den Nordosten und auch den Norden immer zu benachteiligen? Fein, wenn sich in Bayern und Baden-Württemberg jedes kleine Dorf eine schnucklige Sportanlage leisten konnte und demzufolge einfach mehr Möglichkeiten geboten werden können, den Ball rollen zu lassen. In manch einer abgelegenen Ortschaft der Prignitz oder der Uckermark würde man seinen Kids und Jugendlichen vielleicht auch so was bieten wollen. Ist die Voraussetzung erst einmal geschaffen, würde es vielleicht im Amateurbereich auch dort mehr Mannschaften geben. Aber so ist nun mal der blöde Kreislauf. Allein die finanziellen Möglichkeiten sind ausschlaggebend dafür, wohin mitunter die Wege führen. 

Mit Grauen denke ich noch an die Aufstiegsregelung in den Regionalligen von 1995 bis 2000 zurück. Die damalige Einführung der Regionalligen war wohl die beste Tat des DFB in den vergangenen 30 Jahren, doch die Aufstiegsrunde, welche die Meister der Staffeln Nord und Nordost austragen musste, war echt das allerletzte! In der Premierensaison 1994/95 durfte noch jeder Meister aufsteigen, in der Folgesaison begann das Grauen. Der Norden und der Nordosten waren quasi nur die Hälfte wert. In einer Region, die von 1949 bis 1989 einen eigenen Staat bildete und im Fußballbetrieb DDR-Oberliga-Vertreter auf die europäische Bühne schickte, durfte nun zusehen, wie sich einstige DDR-Oberliga-Größen in der RL-Staffel tummelten und ums Überleben kämpften. Der FC Berlin (BFC Dynamo), der FC Rot-Weiß Erfurt, Dynamo Dresden, der FC Erzgebirge Aue, der FC Sachsen Leipzig, der FC Energie Cottbus, der 1. FC Union Berlin - allesamt schauten sie 1996 blöd in die Wäsche. Als Krönchen wurde Tennis Borussia Berlin Staffelmeister, das jedoch in der Aufstiegsrunde am VfB Oldenburg scheiterte. 

Nun könnte man meinen, okay, ist auf gut Deutsch gesagt Scheiße gelaufen, schwamm drüber, das nächste Mal machen wir es einfach besser! Die fünf RL-Staffeln könnten auf vier Staffeln reduziert werden. Die vier Staffel-Meister würden direkt in die 3. Liga aufsteigen. Schön und gut, doch schon wieder soll der Fußball-Osten Zugeständnisse machen. Vier Staffeln könnten kommen, doch es dürfe halt nicht auf die eigene Staffel Nordost beharrt werden. Um den Süden, den Südwesten und den Westen zufrieden zu stellen, müsste die Region Nordost aufgeteilt werden. Schwupps, Thüringen und Sachsen einfach Anschluss an Bayern, der Rest geht mit ran an den Norden. Zufrieden? Nö, überhaupt nicht! Soll das ein Witz sein? Mit Grausen erinnern wir uns an die Zeiten, in denen es nur zwei RL-Staffeln gab und der FC Carl Zeiss Jena und der FC Rot-Weiß Erfurt im Süden spielen mussten. Eine Zeitlang waren die Erfurter sogar im Süden allein auf weiter Flur. Eine Höchststrafe! Kein Wunder also, dass sich der Widerstand regt.

Ist das denn so schwer? Die Region Nordost hat knapp ein Viertel der Gesamteinwohnerzahl von Deutschland. Warum darf der Nordosten keine eigene Staffel haben und einen direkten Aufsteiger stellen? Tja, weil es dort einfach zu wenig Geld, zu wenig Plätze, zu wenig infrastrukturelle Möglichkeiten und zu wenig Amateurmannschaften im Unterbau gibt, sollen Abstriche gemacht werden. West, Süd und Südwest drücken zu sehr am Hebel. 

Ich bin auch ständig hin- und hergerissen. Was wäre die beste Möglichkeit? Erst einmal raus mit den zweiten Mannschaften aus 3. Liga und Regionalliga. Das würde einiges vereinfachen. Immerhin ist der Stand der Dinge: Vier zweite Mannschaften in Bayern, vier zweite Mannschaften im Westen, vier zweite Mannschaften im Südwesten, eine zweite Mannschaft im Nordosten und sogar sechs zweite Mannschaften im Norden. Da sind insgesamt mal eben 19 zweite Mannschaften. Quasi eine eigene U23-Staffel.

Und nun die Frage: Drei oder vier Staffeln? Ein Modell hat sich komischerweise im Kopf kaum festgesetzt - und zwar das Modell mit den drei RL-Staffeln im Zeitraum von 2008 bis 2012. Der Norden zusammen mit dem Nordosten. NRW zusammen mit dem Saarland und Rheinland-Pfalz, Bayern zusammen mit Hessen und Baden-Württemberg. Diese Variante würde interessante überregionale Duelle versprechen, vorausgesetzt, man muss nicht zum SC Freiburg II, zum VfL Wolfsburg II oder zur SpVgg Unterhaching II reisen. Das war eben genau das Problem an den drei Staffeln von 2008 bis 2012. Ein Blick auf das Starterfeld im Süden in der Saison 2008/09: Fürth II, KSC II, Wehen Wiesbaden II - es waren einfach zu viele zweite Mannschaften am Start. Aus Bayern war damals Eintracht Bamberg der einzige interessante Vertreter. 

Wären es jedoch Aschaffenburg, Schweinfurt, Burghausen und Bayreuth, die nach Offenbach, Ulm und zum FSV Frankfurt reisen - wäre dies wieder eine ganz andere Geschichte. Dünn bestückt wirkt wie so häufig in der Vergangenheit der Norden. VfB Lübeck, VfB Oldenburg, Lüneburger SK Hansa und Weiche Flensburg. Auf diese Touren würden sich Nordost-Vertreter, die stets Auswärtsfans im Schlepptau haben, gewiss freuen. Danach würde es dünn werden. Nach Stand der Dinge wäre sogar eine Sause zum FC St. Pauli II ein Highlight, doch die zweiten Mannschaften sollen nach Möglichkeit ja raus. Also wenn es nach mir ginge.

Da dies nicht geschehen wird, gehen wir also nach dem Stand der Dinge aus. Wir müssen mit Werder Bremen II, Holstein Kiel II, Hannover 96 II, Hamburger SV II, FC St. Pauli II und VfL Wolfsburg II leben. Aber wer möchte das? Völlig klar, dass der Nordosten abwinkt und meint: Drei Staffeln? Können wir drauf verzichten. Das sind die Highlight-Fahrten nach Oldenburg und Lübeck nicht wert. Aber schlimmer noch: Wir bleiben bei vier Staffeln und teilen den Nordosten auf?! Statt gegen den möglichen Aufsteiger BSG Chemie Leipzig, den FC Rot-Weiß Erfurt, den 1. FC Lokomotive Leipzig sowie die möglichen Absteiger FSV Zwickau und FC Carl Zeiss Jena soll als SV Babelsberg 03, BFC Dynamo oder Berliner AK 07 gegen Werder II, Holstein II und den SV Drochtersen/Assel gekickt werden? Dass diese Pläne im Osten des Landes niemand erfreut, liegt auf der Hand.

Meine Idee mit den drei Staffeln verwerfen wir wieder ganz schnell. Es bleibt ohne Wenn und Aber der Plan mit den vier Staffeln. Aus meiner Sicht kann es nur einen Weg geben: Erhalt der Regionalliga Nordost. Alle vier Meister steigen logischerweise auf direktem Weg auf. Und für die Katar-Milliarden, die jüngst im Gespräch waren, gibt es auch einen feinen Verwendungszweck! Und zwar für einen echten Aufbau Ost! Sportplätze für die Region Nordost! Ran an den Ball, weg mit dem Speck! Kinder und Jugend müssen motiviert werden, Fußball zu spielen! In Varchentin, in Neu Gaarz, in Dorfchemnitz, in Käbschütztal, in Diera-Zehren. Und passt es erst einmal mit dem Unterbau, wird der Fußball-Osten auch im Profifußball richtig angreifen können! Dann heißt es nicht nur, weg mit dem Speck, sondern ran an den Speck! Die 1. und 2. Bundesliga endlich mal aufmischen! Mal eine richtige deutsche Einheit schaffen - wenngleich mit inzwischen 35 oder 40 Jahren Verspätung…

PS: Dass 19 von 20 Drittligisten die Teilung der Regionalliga Nordost fordern, kann ich nicht nachvollziehen. Respekt an Energie Cottbus, das diesen Vorschlag nicht mitträgt! 

Fotos: Marco Bertram, „Fußballfotografie“, Felix, Marcus, Sachseninformer

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Und nun bleibt es wohl bei 5 Staffeln. Auch scheiße. :-/

B
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armer osten...

Lieber Marco,

ich lese Deine Artikel sehr gerne und teile eigentlich meist Deine Meinung. Bei diesem Artikel muss ich Dir aber entschieden widersprechen. Weißt Du, was das eigentliche Problem ist? Im Osten wird lieber gejammert und sich als Opfer dargestellt als mal selber was auf die beine zu stellen. Ich habe mittlerweile mein halbes Leben im Osten verbracht und halte es nicht mehr aus.

Glaubst Du, dass bei den Wessis mal eben schnell von der jeweiligen Kommune ein Sportplatz für teuer Geld hingestellt wird? Schau Dir die kleinen Vereine im Westen doch mal an... Sportplätze, Sportheime und alles was benötigt wird dort von den Vereinsmitgliedern in Eigenregie gebaut und gepflegt.

Die Gestrandeten in der Uckermark und der Prignitz kriegen ihren Arsch nicht hoch und meckern lieber anstatt anzupacken, da liegt das Problem. Aber gut, wenn die Opferrolle Spaß macht... Übrigens ist das meiner Ansicht nach kein fussballspezifisches Problem... In der Kita meiner Tochter wurde gemeckert in welch miserablem Zustand doch der garten ist. Keine Spielgeräte und so weiter. Die Verwaltung möge doch bitte etwas machen. Das Kita-Team gibt sich alle Mühe, sammelt Geld und Sachspenden, versucht die Eltern an ein paar Samstagen zur Arbeit zu motivieren. Fehlanzeige, der "Staat" soll machen.

Schluss mit dem Geheule, klagt nicht, kämpft!

S
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Wenn Thüringen und Sachsen ihre Lokalduelle behalten (es könnte ja eine ganze Masse werden), kann ich mir vorstellen, dass sie sagen, he lass mal nach Bayern. Was Neues. Die USK-Boys begrüßen. Für den Rest der Region ist das aber totaler Schrott. Was gibt es in Niedersachsen - außer Weite?

J
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Ich kann es ehrlich nicht verstehen. Ja, die Vereinigung ist damals scheiße abgelaufen, keine Frage. Und viele würden sich auch einfach eine Regionalliga Nordost weiter wünschen. DDR-Nostalgie hin oder her, eben auch tolle Vereine mit denen man sich dann doch eher verbunden fühlt als mit den genau so tollen Vereinen in anderen Regionen. Aber der Punkt bei der Regionalligareform ist nunmal, dass es irgendwo Verschiebungen geben muss um von 5 auf 4 zu kommen. Wenn ihr da einen besseren Vorschlag zum Angebot habt, gebt den gerne auch her, würd mich sehr freuen statt eines unendlichen Rumgenörgels. Im Übrigen macht der Osten ca. ein Fünftel der Bevölkerung aus, nicht ein Viertel.

K
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Immer diese Ost & West Denkweise. Was soll das? Die Mauer wieder aufbauen? Auch finde ich sollte man sich von der föderalen Denkweise lösen und Bundeslandübergreifend verteilen. Ich halte eine gerechte Aufteilung mit 3 Regionalligen für sinnvoll, so dass alle Klubs was davon haben, der NRW Westen kann auch nach Koblenz oder Oldenburg, Sachsen nach Bayern.

P
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Gehe konform

G
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