Hansa Rostock II vs. BSG Chemie Leipzig: Sonderzug und Erinnerungen an 1964

Hansa Rostock II vs. BSG Chemie Leipzig: Sonderzug und Erinnerungen an 1964

25.000 Fußballfreunde hatten sich in den Weiten des Ostseestadions am 27. Oktober 1963 eingefunden, um das DDR-Oberligaduell SC Empor Rostock vs. BSG Chemie Leipzig zu sehen. Und das Kommen hatte sich gelohnt! In der 16. Minute erzielte Herbert Holtfreter den Treffer des Tages und sorgte dafür, dass die Rostocker in der Tabelle gleichauf mit dem Tabellenführer ASK Vorwärts Berlin blieben. Die Chemiker rutschten indes auf Rang drei ab. Vorerst. Es war jene Saison, in der sich Empor Rostock und Chemie Leipzig bis zum Ende hin einen packenden Zweikampf lieferten.

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Das Rückspiel am 05. April 1964 (21. Spieltag) wollten ebenso 25.000 Zuschauer sehen - gespielt wurde im Leipziger Zentralstadion -, und das Spitzenspiel bot alles, was man erwarten konnte. Mit 2:0 ging der SC Empor Rostock unter Trainer Walter Fritzsch in Führung, in der zweiten Halbzeit konnten die von Trainer-Legende Alfred Kunze trainierten Chemiker das Spiel drehen und mit 3:2 in Führung gehen. In der 85. Minute sorgte Lothar Haack mit seinem zweiten Treffer der Partie dafür, dass immerhin ein Punkt mit an die Küste genommen wurde.

Am 23. Spieltag konnte Empor Rostock auf ein Pünktchen an die führende BSG Chemie Leipzig herankommen, am vorletzten Spieltag kamen die Rostocker jedoch daheim gegen den SC Leipzig nicht über ein 1:1 hinaus. Am letzten Spieltag konnten Empor Rostock (3:0 beim SC Aufbau Magdeburg) und Chemie Leipzig (2:0 beim SC Turbine Erfurt) auswärts gewinnen - die Chemiker, die als „Rest von Leipzig“ berühmt wurden, konnten unter Alfred Kunze sensationell den DDR-Meistertitel sichern. Das hatte vor Saisonbeginn ganz gewiss niemand erwartet!

In den Folgejahren gab es noch zahlreiche Begegnungen zwischen Empor Rostock bzw. Hansa Rostock und der BSG Chemie Leipzig. Meist in der DDR-Oberliga, 1986/87 aber auch in der Staffel A der zweitklassigen Liga und am Ende der Spielzeit 1977/78 in der Aufstiegsrunde zur DDR-Oberliga. In der genannten Aufstiegsrunde konnten sich die BSG Stahl Riesa und der F.C. Hansa Rostock gegen Chemie Leipzig, den FSV Lokomotive Dresden und die ASG Vorwärts Neubrandenburg durchsetzen.

Die bislang letzten Aufeinandertreffen der ersten Mannschaften von Hansa und Chemie gab es in der letzten Oberliga-Saison 1990/91. Nun waren es die Rostocker, die sich den Meistertitel sichern und zudem gemeinsam mit Dynamo Dresden für die 1. Bundesliga qualifizieren konnten. Am 9. November 1990 konnte Hansa die Leutzscher, die nun den Namen FC Sachsen Leipzig trugen, vor 8.100 Zuschauern mit 2:1 schlagen. Henri Fuchs und Andreas Babendererde brachten die Hansa-Fans zum Jubeln. In den Reihen der Sachsen war unter anderen Jens Härtel zu finden. Am 11. Mai 1991 (24. Spieltag) erwies sich im Georg-Schwarz-Sportpark der FC Sachsen Leipzig vor 6.300 Zuschauern als unbequemer Gegner - die Partie endete 1:1 -, doch war dies halb so wild, da bereits am Spieltag zuvor der Titel mit einem 3:1-Sieg gegen Dynamo Dresden gesichert wurde!

In der Folgezeit gingen die Wege auseinander und es gab nur noch vier Duelle der zweiten Mannschaft des F.C. Hansa Rostock gegen den FC Sachsen Leipzig. 1997/98 in der Regionalliga Nordost, 2008/09 in der Regionalliga Nord. Am 22. März 2009 konnten die Hansa Amateure die Leutzscher vor gerade einmal 426 Zuschauern mit 3:2 schlagen. Mit am Start bei den Amateuren waren damals unter anderen Tobias Jänicke und Henry Haufe. In den Reihen des FC Sachsen war unter anderen Heiner Backhaus zu finden.

Am gestrigen Sonntag gab es im heimischen Ostseestadion ein Wiedersehen mit den Chemikern aus dem Leutzscher Holz. Für die Fans der BSG Chemie war es die Fahrt des Jahres, wenngleich es „nur“ zur zweiten Mannschaft von Hansa Rostock ging. Ein Sonderzug wurde organisiert, und am Ende waren schätzungsweise rund 1.200 bis 1.300 Chemie-Fans im Ostseestadion am Start. Auf Heimseite waren es ebenso viele, sodass am Ende insgesamt 2.600 Zuschauer durchgesagt wurden. Dass es nicht mehr waren, lag einzig und allein daran, dass die erste Mannschaft parallel auswärts beim VfL Osnabrück antreten musste.

Wer vor Ort im Stadion war, wird es keinesfalls bereut haben. Zum einen gab es im Gästeblock einen prima Support zu sehen und zu hören, zum anderen war das Geschehen auf dem Rasen durchaus spannend. Zu Beginn der Partie versank das Stadion im Nebel, da eine große Choreo in Erinnerung an den legendären Meistertitel 1964 von reichlich Pyro untermalt wurde. In der Folge gab es immer wieder einzelne Fackeln zu sehen, sodass die obligatorische Durchsage einige Male erfolgen durfte. Nachdem Florian Kirstein die Leutzscher nach etwas über einer Viertelstunde mit 1:0 in Führung bringen konnte, ließ sich Simon Rhein in der 33. Minute nicht lumpen und machte den Ausgleich zum 1:1 klar.

Kurz nach der Pause konnte Julian Albrecht sogar auf 2:1 für die Hansa Amateure erhöhen und auf den Rängen „hatte der Zug mal wieder keine Bremse“. Big points gegen die Chemiker? Eine feine Sache! Allerdings kam Chemie zurück ins Spiel und Florian Kirstein (55. Minute) und Janik Mäder (63. Minute) brachten die Gäste mit 3:2 in Führung. Das Spiel wurde fortan etwas giftiger, Hansa II musste einen Platzverweis hinnehmen und in der 75. Minute schallte auf der Haupttribüne ein wütendes „Chemie-Schweine raus!“

Manch ein Hansa-Fans war eh doppelt angespannt, da wie bereits erwähnt parallel das Spiel der Profis beim Tabellenletzten VfL Osnabrück lief. Manch einer verfolgte die Partie auf Handy, immer wieder wurde ein Blick auf den Ticker geworfen. Verdammte Axt! Immer noch kein Hansa-Treffer an der Bremer Brücke?

Einen weiteren Treffer gab es allerdings im heimischen Ostseestadion zu sehen. Kurz vor Schluss fiel das 3:3 - und der Jubel war groß. „Chemie-Schweine raus!“ Allerdings ließ der Schiedsrichter - angeblich wegen eines Fouls - den Treffer nicht gelten. Wut und Frust. Im Gästeblock wurde indes weiterhin eine chemische Party gefeiert. Kurz vor Abpfiff sah es noch nach einer kniffligen Situation im gegnerischen Strafraum aus. Elfer für Hansa? Nein! Apropos, auf der Anzeigetafel ließ man einige Minuten noch das 3:3 stehen, erst ganz am Ende wurde wieder auf 2:3 umgeschaltet.

Abpfiff. Chemie Leipzig feierte den Auswärtssieg, auf Heimseite konzentrierte man sich gedanklich nun noch mehr auf das in der Ferne stattfindende Auswärtsspiel der Profis. Hansa Rostock wackelte an der Bremer Brücke bedenklich, konnte jedoch mit viel Glück das 0:0 über die Zeit retten. Ungewohnt entspannt durften die Chemie-Fans am Rostocker Hauptbahnhof noch etwas einkaufen und dann in aller Seelenruhe den bereitstehenden Sonderzug entern. Im Regio nach Oranienburg saß auch eine kleine chemische Truppe, die in der Nacht zuvor in Berlin übernachtet hatte. Schönen Gruß an dieser Stelle! Fußball verbindet - ein Pläuschchen am Rande ist immer eine feine Sache!

Fotos: Marco Bertram, Heiko Neubert, frontalvision, Ulf Lange

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Stadionname:
  • Ostseestadion
Artikel wurde veröffentlicht am
12 Februar 2024
Spielergebnis:
2:3
Zuschauerzahl:
2.600
Gästefans
1300

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Regionalliga

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3 Kommentare
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Kommentare
Irgendwann mal ein Duell im DFB-Pokal der ersten Teams.
GF
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Weißer alter Chemie Fan ;-))
Geiler Beitrag über die Historie bis zum aktuellen Spiel, hier hat ein Fussball-Fan mit Leidenschaft geschrieben, echt Klasse !!!!
U
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Sahne Auftritt von Chemie!!!
J
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