Eine (un)geplante Zufallsreise in die eiserne Berliner Fußballgeschichte

Eine (un)geplante Zufallsreise in die eiserne Berliner Fußballgeschichte

Manchmal treibt das Hopper-Schicksal doch seltsame Blüten. Eigentlich sollte es am vergangenen Sonntag gegen frühen Mittag zum Reinickendorfer Kreisliga A „Platz-Derby“ in der „Ollenhauer Ritze“ zwischen dem FC Polonia Berlin und dem BFC Alemannia 1890 gehen. Die Betonung liegt auf sollte, denn stattdessen wurde es eine insbesondere für mich als Eiserner mehr als interessante Zeitreise in die Berlin Fußballgeschichte mit Schwerpunkt der Geschichte Unions.

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Aber von Anfang an. So ging es gegen späten Vormittag die etwas mehr als eine halbe Stunde Fahrt in den Norden Berlins zu besagtem Polonia-Spiel, wo man sich mit Kumpel Flo traf und pünktlich bei zwar kaltem, aber ansonsten bestem Wetter eine viertel Stunde vor Spielbeginn ankam. Dort wurden erstmals einige altbekannten Gesichter gegrüßt und die Fotorunde absolviert, bis es hieß: „Ja Jungs, schön dass ihr da seid, aber hat irgendeiner von euch vielleicht den Schiri-Schein?“

Na super, beide Teams waren startklar, doch hatte der Schiedsrichter so kurz vorher abgesagt, dass zwar beide Teams vollzählig und bereit waren, aber kein Unparteischer. So hieß es im Endeffekt: Das Spiel fiel aus und wurde auf Dienstagabend verschoben.

Nun war guter Rat teuer, denn so ganz auf Fußball wollte man dann doch nicht verzichten, aber da am Nachmittag noch eine Familienangelegenheit anlag, musste man also auch zu einer bestimmten Zeit wieder pässlich sein. Also wurden sämtliche zeitlich möglichen Spiele im möglichen Rahmen gescannt und die Wahl viel letztlich auf das Spitzenspiel der Bezirksliga zwischen dem SC Union 06 Berlin und dem Berliner SV 1892, welches auf dem Nebenplatz direkt neben dem altehrwürdigen Poststadion stattfinden sollte. Dass man dabei die ersten zwanzig Minuten des Spiels verpassen sollte, war mir dabei doch ziemlich egal.

Kaum zu glauben, wie viele Menschen am Sonntagmittag unterwegs sind, aber man kam dann doch recht gut gelaunt am Sportplatz an und erlebte eine erste Überraschung, als man beim Bezahlen der sechs Euro Eintritt erstmal eine originale knapp vierzig Jahre Eintrittskarte aus der damaligen VBB Amateuroberliga in die Hand gedrückt bekam. Auch das Programmheft wusste zu überzeugen, lernte man doch daraus, dass diese heutige Partie zwischen den beiden Teams schon eine mehr als lange Tradition hat, fand doch das erste Spiel zwischen den beiden (damals noch mit Union 06 als gemeinsamer Verein Union Oberschöneweide) bereits vor 108 Jahren statt und es sollten bis zu diesem Spiel weitere neunzig Partien folgen.

Das Highlight dieser Historie folgte wohl im Jahr 1947, als Union Schöneweide den Berliner SV vor 12.000 Zuschauern im Berliner Pokalfinale nach 0:3-Rückstand mit 4:3 nach Verlängerung schlug. Im Verlauf der weiteren Geschichte sollten sich die Wege dann jedoch trennen. Kurz gesagt, während nach dem Mauerbau der „Ostableger“ Union Oberschöneweide und später der daraus resultierende 1. FC Union Berlin sich zur Fahrstuhlmannschaft zwischen DDR-Oberliga und DDR-Liga entwickelte, spielte der Westableger stets im Amateurlager in der VBB Oberliga Berlin mit einem „Ausrutscher“ in der Regionalliga Berlin. Auch später pendelte man stets zwischen Kreisliga und Verbandsliga. Insofern war dies doch bis hierhin schonmal lohnend.

Aber zurück zum aktuellen Tagesgeschehen - und das hieß Spitzenspiel in der Bezirksliga Staffel 3 Berlin. Als leichter Außenseiter gingen dabei die eisernen Gastgeber vom SC Union 06 Berlin ins Rennen, welche seit über zehn Jahren in dieser Spielklasse beheimatet sind und bis dato doch eine sehr gute Saison spielen. Seit vier Spielen ohne jeden Punktverlust lag man vor diesem Spiel mit 23 Punkten aus elf Spielen und nur einem Punkt Rückstand auf den ersten Abstiegsplatz auf Rang drei und hatte bei einem Sieg also beste Chancen, auf diesen zu springen.

Die Aufgabe heute war jedoch ein wirklich harter Brocken. Die Gäste vom Berliner SV 1892 machten sich als in der Liga noch ungeschlagener Spitzenreiter auf den Weg in Richtung Poststadion mit der Empfehlung von neun Siegen und zwei Unentschieden aus den ersten elf Partien. Und spielte man in den sechs Jahren seit dem Aufstieg eigentlich schon immer mehr oder weniger um diesen mit, kann in dieser Saison der große Wurf gelingen. So ging man als besagter Tabellenführer in dieses Spiel und hatte bei bisher gesammelten 29 Punkten und sechs Punkten Vorsprung auf die Nichtaustiegsplätze die Riesenchance gegen einen direkten Konkurrenten, diese im Optimalfall auf bis zu neun Punkte auszubauen.

Zum Spiel: Wie gesagt, zu den ersten 20 Minuten kann ich nichts sagen, doch dass, was ich dann für den Rest der ersten Hälfte sah, war ein intensives Kampfspiel pur und kein technischer Leckerbissen, den ich so aber auch nicht erwartete. Stattdessen war sich wohl jeder der Chance dieses Spiels bewusst, und so wurde dann auch dementsprechend um jeden Ball gekämpft, wobei es aber nie wirklich unfair wurde. Jedoch hatte ich aber auch das Gefühl, dass der Schiedsrichter zwar ohne große Fehler blieb, aber eben auch um Kontrolle bemüht teilweise auf beiden zu kleinlich pfiff, andererseits manches gar nicht pfiff und so ein richtiger Spielfluss nicht aufkommen wollte.

Des weiteren war es auch ein Spiel, bei dem sich keine Seite wirklich Vorteile erspielen sollte und echte Torchancen Mangelware bleiben soltlen. Aber wie für ein solches Spiel dann doch typisch sollte es ein Elfmeter sein, der hier für das erste große Highlight sorgte. Es war nach einer knappen halben Stunde, als es zu einem Zweikampf im Strafraum der Eisernen kam, dummerweise kurz nachdem es zu einer identischen Situation auf der Gegenseite gekommen war. Dieses Mal jedoch zeigte der Schiedsrichter auf den Punkt und es hieß Elfer für den Spitzenreiter. Dieser wurde sicher zur 1:0-Gästeführung verwandelt. Allerdings sollte dieser Treffer nichts am bisherigen Spielverlauf ändern, da sich beide Teams weitestgehend neutralisierten und bis auf eine Riesenchance ebenfalls für die Gäste sechs Minuten vor der Pause, in der ein Unioner Verteidiger nach einem Konter und dem viel zu weit vor dem Tor heraus eilenden Keeper nach einem Lupfer aus zwanzig Metern noch knapp klären konnte, nichts mehr passieren.

Somit ging es dann auch mit dieser knappen BSV-Führung in die Pause und zumindest in der Offensive musste eine Verbesserung her, wollte man hier und heute etwas mitnehmen. Und das sah auch erstmal wirklich gut aus, doch Großchancen wie jene in der 50. Minute, als man nach einem Konter und einer vier-gegen-eins-Situation den Ball neben den linken Pfosten setze, muss man dann auch einfach nutzen. Aber auch in der Folge blieben die Eisernen nun das bessere Team jedoch ohne sich wirklich viele echte Chancen herauszuspielen. Dies lag zum einen an der weiterhin sehr gut agierenden Abwehr der Gäste, aber auch weiterhin am leicht zerfahrenen Spiel mit vielen Zweikämpfen und Spielunterbrechungen. Leider verpasste man es auf der Heimseite, diese Überlegenheit in Tore umzumünzen, und dann kam es wie es irgendwie kommen musste, denn eine 14 Minuten vor dem Ende kombinierten sich die Gäste erstmal wieder nach einem Konter gefährlich in den Strafraum, wo der Keeper der 06er etwas zu spät kam und so wohl den Gegenspieler statt des Balls erwischte. So hieß es also erneut Elfmeter für den BSV, welcher wie schon der erste sicher zur 2:0-Vorentscheidung genutzt wurde.

Zwar versuchte man auf der Heimseite noch einmal alles, doch es half nichts mehr, und so endete dieses Spiel letztlich mit einem 2:0-Sieg des heute eiskalten Spitzenreiters, der in einer hart umkämpften Partie, wenn es darauf ankam, zuschlug und somit seinen Vorsprung auf die Konkurrenz auf sieben Punkte ausbauen konnte. Die Heimelf aber, die heute auch mindestens ein Remis verdient gehabt hätte, soll sich trotzdem nicht grämen, denn auch sie trugen heute ihren starken Teil zu dieser Partie bei und befinden bei vier Punkten Rückstand auf die Aufstiegsränge immer noch in Schlagdistanz.

Ein paar Worte zu den Zuschauern: So hitzig das Spiel war, so emotional ging es dann auch auf den Rängen zu, wo man ebenso feurig mitging, was man auch an den Sprüchen und lautstarken Kommentaren in Richtung Spielfeld bemerkte. Was mich irgendwann aber richtig nervte und auch die eine oder andere Reaktion der Heimfans auslöste, waren ein, zwei Heimfans, die sehr lautstark ständig lamentierten, bei Fouls des eigenen Teams negierten oder ständig Karten oder Freistöße für das eigene Team forderten. Wie meinte einer so schön, Gelb fordern macht auch gelb und diese hätte ich der betroffenen Personen trotz natürlich gern gesehenen Emotionen hier auch zu gerne gezeigt.

Zum Stadion/Umfeld: Hier haben wir eigentlich einen schönen Kunstrasenplatz mit zwei Stehtraversen zu beiden Längsseiten und doch fand ich ihn hier und heute gar nicht schlecht. Dies lag zum einen an der Lage direkt neben dem Poststadion, aber auch daran, dass trotzdem auf Identifikation sehr großen Wert gelegt wird. Das "Eisern Union" ist überall präsent und auch die Verpflegung war Dank des geöffneten Imbisswagens gesichert.

Fazit: Zwar war der Tag irgendwie anders geplant, doch wurde es gerade für mich als Unioner eine unheimlich interessante und unterhaltsame Reise in die Vergangenheit. Dazu das packende Spiel und fertig war ein wunderschöner Fußballtag, der gerne so wiederholt werden kann.

Bericht & Fotos: Groundhopping Berlin und Co. (Externer Link zu Facebook)

Stadionname:
  • Poststadion
Inhalt über Klub(s):
Artikel wurde veröffentlicht am
30 November 2023
Spielergebnis:
0:2
Zuschauerzahl:
85
Gästefans
30

Ligen

Inhalt über Liga
Bezirksliga

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