Rot-Weiss Essen: Vom Westopa zu Kieperts RWE-Wälzer

Rot-Weiss Essen: Vom Westopa zu Karsten Kieperts RWE-Wälzer

 
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MB 16 Dezember 2022

"Wir werden Essen nicht vergessen." Ich werde Essen nicht vergessen. Wie auch?! Gibt es doch kaum eine andere westdeutsche Stadt, die sich bei mir als Kind dermaßen eingebrannt hat wie Essen. Kennzeichen D. Das E vorn am Nummernschild. Westopa Achim kam mit seiner Lebenspartnerin zu uns in die Zone. Stilecht im beigefarbenen Daimler. Den Kofferraum voll mit Südfrüchten, paar Packungen Krönung und Puddingpulver vom Doktor aus Bielefeld. Für mich ein Monchichi und einen Zauberwürfel. Es war eine Wucht, wenn Westopa Achim aus Essen in den 80ern bei uns in Waldesruh vor den Toren Ost-Berlins vorfuhr und die Taschen zu uns aufs Grundstück schleppte. Mensch, Achim, das war doch gar nicht nötig! Mama?! Ah doch, dachte ich als kleiner Piepel, das tat sehr wohl Not.

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Essen, wo liegt eigentlich diese Essen, grübelte ich als Kind und durchforstete den Haack-Schulatlas. Wie kann eine Stadt überhaupt solch einen kuriosen Namen haben, fragte ich mich und hing dem Westopa an den Lippen. Aus der Jackentasche holte er - na, nen Zehner für den Bub? - eine handvoll Kugelschreiber mit einer glänzenden Aufschrift. Dräger. Dort arbeitete Westopa Achim, der in seiner Freizeit gern mit seinem geliebten Boot nach Dänemark und Norwegen schipperte. Zum Frühstück Haferflocken, abends gern ein Bierchen, in den Ferien aufs Wasser. Meine Eltern wunderten sich ein wenig über seine Marotten. Ich musste indes feststellen, dass ich ein wenig der nicht so weit weg vom Stamm gefallene Apfel bin. Eigenarten und Vorlieben können bekanntlich auch mal eine Generation übersprungen werden.


In lauer Sommerluft saßen wir alle zusammen im Garten auf der Terrasse. Irene zog mit zwei Fingern geschickt eine Zigarette aus der Packung. Ernte 23. Ich bewunderte die Schachtel, liebte den Geruch des Tabaks und studierte immer wieder diesen genialen Pappverschluss. Der goldene Westen. So golden-orange wie die Zigarettenschachtel, die für mich der Inbegriff für den Westen war. Für dieses geheimnisvolle Essen. Cool, dachte ich, meine Eltern hatten vorn auch ein E auf dem Nummernschild des weißen Skodas. Allerdings stand dieses E nicht für Essen, sondern für den Bezirk Frankfurt (Oder). Wichtig war: Ich wollte auch einmal eines Tages nach Essen!



Das ging schneller als gedacht. Der deutsche Raumteiler fiel, unser Land wurde vereinigt, und ich zog 1991 für drei Jahre ins Rheinland, um in Leverkusen beim örtlichen Chemie-Giganten meine in Ost-Berlin begonnene Ausbildung zum Energieelektroniker fortzusetzen. Die Welt war weit, Partys und Fußball zogen mich in den Bann. Allerdings riss leider Gottes der Kontakt zu meinem Opa, der 1960 kurz vor dem Bau der Berliner Mauer in den Westen ging, komplett ab. Fahr doch mal nach Essen und besuche Achim, hatte meine Mutter mir damals vorgeschlagen. Ich hatte es nicht getan. Ich weiß bis heute nicht, warum ich es nicht auf die Kette gekriegt hatte. Es tut mir in der Seele weh, und vergangene Nacht habe ich sogar von ihm geträumt. Ich hatte ihn nach dem Fall der Mauer nie mehr gesehen.



Und nun kommt’s! Wie ich kürzlich in Erfahrung bringen durfte, wohnte er in unmittelbarer Nähe des Georg-Melches-Stadions. Die Hafenstraße einfach ein Stück weiter hoch und dann rechts rein. Von seinem Balkon aus wird er Woche für Woche die rot-weißen Fangesänge und Jubelorgien gehört haben. Am 10. Oktober 1992 kam ich - ohne, dass ich es wusste - seiner Wohnung das erste Mal sehr nahe. Von Leverkusen aus hatten wir uns zu zweit auf den Weg nach Essen gemacht. Das DFB-Pokalspiel RWE vs. Eisenhüttenstädter FC Stahl rief, und wie bereits an anderer Stelle beschrieben, fanden wir uns gegen Mittag am falschen Stadion ein. Grugastadion statt Hafenstraße. So war das in einer Welt ohne Internet und Smartphones. Man hätte ja einfach jemanden fragen können. Das taten wir dann auch, nachdem wir immer der Nase schließlich ratlos vor dem verwaisten Grugastadion standen.



Pünktlich im Georg-Melches-Stadion waren wir dann trotzdem. Wir waren jung, wir waren willig, wir waren gut zu Fuß. Die Partie wurde überaus unterhaltsam. Der EFC Stahl führte zwischenzeitlich mit 2:1, und die wenigen Gästefans, die hinter dem Tor keinen eigenen Block erhielten, bekamen ein paar Probleme mit muffigen RWE-Fans. Scheiß DDR! Also bitte, dachte ich. Cool fand ich das Ambiente in jedem Fall. Was für ein Jubel, als Ridder in der 77. und Dondera in der 81. Minute das Spiel drehten und das Weiterkommen sicherten. 1994 und 1995 folgten zwei weitere denkwürdige DFB-Pokalspiele, die auch ihr Plätzchen in dem frisch aus dem Druck gekommenen Wälzer „Rot-Weiss Essen - Ein Verein in Bildern“ von Karsten Kiepert gefunden haben.

Zurecht. Zum einen konnte RWE am 8. März 1994 vor sage und schreibe 24.000 Zuschauern mit einem 2:0-Sieg gegen Tennis Borussia Berlin - als Prämie gab es 18.000 DM pro Mann - ins DFB-Pokalfinale einziehen. Zum anderen gab es am 4. Oktober 1995 gegen Bayer 04 Leverkusen im doppelten Sinne ein irres Feuerwerk zu sehen. Ich zitiere noch einmal gern den Live-Kommentator : „Apropos Hafenstraße. Georg-Melches-Stadion. 25.000 Zuschauer und Rolf Töpperwien sagte es, knallvolle Hütte und eine Begrüßung wie ich sie in 23 Berufsjahren außer in Mexiko City im Aztekenstadion noch nie erlebt habe.“



Beim Anschauen der online verfügbaren Videos-Sequenzen bekomme ich heute noch eine Gänsehaut. Kein Wunder, dass Rot-Weiss Essen von den Vereinen des Ruhrgebiets die klare Nummer eins in meiner persönlichen Rangliste wurde. Im September 2018 schrieb ich in einem anderen Bericht von „(m)einem Verein für ganz besondere Spiele“. Und ja, jene Partie gegen Bayer 04 Leverkusen war der Hammer. Für ermäßigte 12 Mark standen wir damals im Block I auf der Stehtribüne Mitte und wurden Zeuge eines spannenden Pokalfights, der am Ende sogar ins Elfmeterschießen ging. 4:4 hieß es nach der Verlängerung eines irren nervenaufreibenden Spiels - RWE hatte sogar das 5:4 auf dem Fuß, vom Punkt aus hatte dieses Mal die Werkself die besseren Nerven. Bei plötzlich einsetzendem strömenden Regen konnte Bayer-Keeper Dirk Heinen zwei Elfer halten, als letzter Schütze machte Bernd Schuster das Ding ganz, ganz cool rein.



Im neuen Jahrtausend sollten noch ein paar Spiele - unter anderen bei Union Berlin, gegen Dynamo Dresden, etc. - folgen, doch möchte ich nun auf den besagten rot-weissen Wälzer umschwenken. Großes Format, 268 Seiten und über zwei Kilo schwer. Cover - okay. Vorwort - okay. Inhaltsverzeichnis - okay. Und dann! Ab Seite 10 geht es in die Vollen. Ein Buch ganz nach meinem Geschmack. Historische Fotos, alte Dokumente, kurze Texte und Zitate - grafisch alles wunderbar zusammengepackt. Welch eine beeindruckende Zeitreise von RWE, das einst am 1. Februar 1907 in Essen-Vogelheim im Zuge der Fusion der Vereine „SC Preußen“ und „Deutsche Eiche“ zunächst unter dem Namen „Sportverein Vogelheim“ ins Leben gerufen wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Name in „Spiel und Sport 1912“ geändert, nach der Fusion mit dem Turnerbund Bergeborbeck im Jahre 1923 trägt der Verein den Namen Rot-Weiss Essen. Wichtig hierbei das „ss“, denn so ist RWE auch im Vereinsregister eingetragen.


Aufgrund des nicht so üppig vorhandenem Bildmaterials kommt der Zeitraum 1907 bis 1948 etwas schmal daher, doch wird es dann im Kapitel über die 1950er umso umfangreicher. Es war die Ära der großen sportlichen Erfolge. DFB-Pokalsieger 1953, westdeutscher Pokalsieger 1952, westdeutscher Meister 1952 und 1955 und als Sahnehäubchen der deutsche Meistertitel im Jahre 1955. Am 26. Juni 1955 wurde im Niedersachsenstadion vor 76.000 Zuschauern der große 1. FC Kaiserslautern mit 4:3 geschlagen. Bei Essen stand Helmut Rahn in den Reihen, bei den Roten Teufeln vom Betzenberg Fritz Walter. Die Treffer erzielten jedoch andere Spieler. Die Tore für RWE schossen Johannes Röhrig und Franz Islacker (3x). Leider verstarb Franz „Penny“ Islacker bereits am 1. Juli 1970 in Folge eines Schlaganfalls im Alter von gerade einmal 44 Jahren.



Zum DM-Finale 1955 fuhren die Essener Spieler mit einem fahrplanmäßigen D-Zug - und das im adretten Anzug. Auf dem Bahnsteig leger den Fuß auf einem Koffer abgelegt. An anderer Stelle wurde bereits das Fahrzeug von Herbert Wallney angemalt. „Glaubt nicht an Spuk und böse Geister. Rot-Weiss Essen wird Deutscher Meister!“ Mit dieser Botschaft auf einem langen Doppelhalter kamen die RWE-Fans in Hannover an. Immerhin drei Sonderzüge wurden eingesetzt, und die „Bahnhofshalle in Hannover zitterte und bebte von Sprechchören“ (Zitat Essener Stadtnachrichten). Nachdem der Meistertitel eingefahren wurde, empfingen in Essen rund 100.000 Fans die Mannschaft. Ein Titel für die Ewigkeit - Fotos für die Ewigkeit.



Das Buch führt durch die Höhen und Tiefen des Vereins. Eine „Ente“ im Schlamm am 21. April 1970, einen Fahnenmeer in der legendären Westkurve, Bambule auf den Rängen beim Duell gegen den MSV Duisburg, auf dem Platz stürmende Zuschauer beim 5:0-Sieg des Erzrivalens FC Schalke 04 gegen RWE am 27. Mai 1984, ein Waterloo in Oldenburg im Mai 1986, der frenetisch umjubelte 2:0-Sieg im Pokal gegen Schalke am 13. September 1992, Lizenzentzug, DFB-Pokalfinale, Auf- und Abstiege.

Am Ende dann die lange Zeit in der Regionalliga West und der ebenso lang ersehnte Aufstieg in die 3. Liga. Welch ein genialer Abschluss für diesen ebenso genialen Wälzer, der in einer limitierten Auflage (1907) gedruckt wurde. Ich habe die Nummer 1265 auf dem Buchrücken. Die 1965 hätte es perfekt gemacht, aber Spaß beiseite - das war ja gar nicht möglich. Dieses Werk hat in meinem Regal einen besonderen Platz neben ähnlichen Wälzern zu anderen Vereinen (Lok und Chemie Leipzig, Dynamo Dresden, etc.) redlich verdient.



Als ich kürzlich das Päckchen mit dem Buch von einem Nachbarn abholen und öffnen durfte, war das Gefühl ein wenig ähnlich wie vor 35 Jahren, als Westopa Achim zu Weihnachten diese berühmten gelben Westpakete zu uns in den Osten schickte. Darauf erst mal ne Ernte, ah nee, lieber nen Stau… Na, Ihr wisst schon! Prost Achim, ich hab dich lieb! Gruß nach Essen, Gruß in den Himmel!

Fotos: K.Hoeft / Marco Bertram

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an Thomas

Lt. WIKIPEDIA wurde die Westkurve aufgrund von Baufälligkeit bereits Anfang der 1990er Jahre abgerissen.
Seit 1994 war es ein Stadion mit nur noch drei Tribünen, einmalig in Deutschland mit dieser Kapazität.

E
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Mal eine Frage, wann wurde denn eigentlich die alte Westkurve abgerissen? Und warum eigentlich? Die Lücke blieb ja bis zum Bau des neuen Stadions.

VG Thomas

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