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VfL Bochum Fußballfibel: Graue Maus? Wir alle haben geniale Erinnerungen ans Ruhrstadion!

 
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MB 17 November 2019
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Es geht nicht ohne! Es kann einfach nicht ohne gehen! Denk ich an Bochum in der Nacht… Denk ich an den Goldenen Schlagstock! Wie Vieh wurden wir damals im Herbst 1991 von der Polizei die Castroper Straße hinunter getrieben. Zack, zack, Knüppel aus dem Sack! Kein Wunder, dass die Bochumer Polizei in jenem Jahr vom Verbund der Deutschen Fanzines den „Goldenen Schlagstock“ verliehen bekam. Die örtlichen Einsatzkräfte nahmen wohl die Forderung „Wenn die Hooligans kommen, muss der Knüppel raus!“ des einstigen DFB-Präsidenten Neuberger allzu ernst. Bochum war berühmt berüchtigt. Und das nicht nur wegen der herzlosen, erbarmungslosen Knüppler, sondern auch wegen der sportlichen Jungs, die nach dem Spiel schon mal ordentlich austeilten. Es war mein allererstes echtes Auswärtsspiel in meinem Leben - und schon sah ich um mich herum die Fäuste fliegen und die Füße in Hüfthöhe treten. Raue Zeiten im Pott.

Es gab aber auch rein sportliche Dinge, die im Laufe der vergangenen zwei, drei Jahrzehnte fest im Geiste hängenblieben. Der 3:2-Sieg des F.C. Hansa Rostock am 29. Mai 1999 und der damit verbundene Klassenerhalt. Ich hatte von der Scheune aus, in der die beiden Segelboote gebaut wurden, mitgefiebert. Wie oft hatte ich dann später im Netz immer wieder die Zusammenfassung gesehen und Gänsehaut bekommen?! Und dann! Der 1:0-Sieg des 1. FC Union Berlin im Viertelfinale des DFB-Pokals am 20. Dezember 2000. Unter Flutlicht! Auf der Pressetribüne flogen die Sitzkissen in die Höhe, als Daniel Ernemann in der 90. Minute den Siegtreffer erzielt hatte. 

Zu Gast bei Hertha BSC und später auch bei den Eisernen hatte ich den VfL Bochum in all den Jahren sehr oft gesehen. Unvergessen auch die Zeiten, als Karsten und ich mit Bayer 04 Leverkusen mit auf der großen Gästetribüne standen. War das genial! Die Stehtribüne des Bochumer Ruhrstadions war einfach mal genauso groß wie die Heimtribüne. Somit waren neutral besuchte Bundesligaspiele zwischen den Bochumern und Borussia Dortmund sowie dem FC Schalke 04 einst in den 90ern echte Highlights. Kurios waren auch die Bundesligaspiele, bei denen die SG Wattenscheid 09 das Ruhrstadion gegen große Gegner als Heimstätte nutzte. Und last but not least verbinde ich das Ruhrstadion auch mit dem unvergessenen Champions League Spiel der Glasgow Rangers gegen ZSKA Moskau. Da in Moskau der Platz nicht bespielbar war, wurde das Duell am 9. Dezember 1992 kurzerhand nach Bochum verlegt. Unter den rund 9.000 Zuschauern befanden sich mal eben geschätzte 7.000 schottische Fußballfreunde. Irre!

Logisch also, dass ich auf die kürzlich erschienene „VfL Bochum Fußballfibel“ besonders neugierig war. Ich hatte in den vergangenen Jahren versucht, alle Bände dieser Reihe zu lesen. Anfangs gelang dies, zuletzt hechelte ich ein wenig hinterher, da aus Wien mal eben gleich vier Bände auf einmal erschienen. Die Rezension zu Rapid, Austria, Vienna und Wiener SK folgt in Kürze, vorgeschoben sei an dieser Stelle die Fußballfibel aus Bochum, die von Fabian Budde geschrieben wurde. Zwei-, dreimal traf ich ihn in jüngerer Vergangenheit persönlich. Unter anderen beim Leipziger Derby zwischen dem 1. FC Lok und der BSG Chemie im Herbst 2017. An jenem Tage berichtete Fabian mir von seinem Zwischenfall in Montenegro. Beim U21-Länderspiel gegen Deutschland im November 2013 wurde er in Podgorica von Angreifern mit Faustschlägen attackiert. Versucht wurde zudem, ihm den Rucksack zu entreißen. Das Bittere am Ganzen: Fabian verpasste sein 499. Ligaspiel des VfL Bochum in Folge. Das Auswärtsspiel musste aufgrund der Kopfverletzung gecancelt werden. Die goldene „500“ war somit passé.

Inzwischen ist er allerdings schon wieder bei 202 gesehenen Ligaspielen in Folge angelangt. Es ist schon verrückt, wenn man auf seiner privaten Facebook-Seite verfolgt, zu welchen Spielen er mitunter geht. Pünktlich um 11 Uhr vormittags zum A Junioren-Spiel VfL Bochum vs. Rot-Weiß Oberhausen, und abends um 19 Uhr wird dann noch gleich in der Rundsporthalle das Basketballduell VfL Bochum vs. Baskets Schwelm mitgenommen. Mehr VfL Bochum geht wirklich nicht! Ich vermute sogar, dass niemand mehr VfL Bochum lebt als Fabian Budde. Ist so! Und das seit drei Jahrzehnten. Am 21. Mai 1988 stand er als Knirps beim Spiel gegen den Glubb das erste Mal mit in der Ostkurve, sein erstes Auswärtsspiel war das bei Bayer 05 Uerdingen in der Saison 1994/95.

Geboren wurde Fabian Budde im Jahre 1979. Klingelt es, liebe VfL-Fans? Richtig! In jenem Jahr wurde das Ruhrstadion eröffnet. Sein Vater ist auch ein Bochumer Junge, das Haus seiner Eltern befindet sich gerade mal 20 Minuten Fußweg entfernt vom Stadion. Zwischen 1999 und 2019 hatte er ein einziges Ligaspiel verpasst - und das war jenes in Bielefeld im November 2013. Ein inneres Ringen, doch die Gesundheit ging einfach vor. Mit einer Verletzung in der Augenregion ist schließlich nicht zu spaßen.

Die meisten werden Fabian Budde weniger als Autor, sondern eher als Fotograf kennen. Sein Banner „Photomafia“ hängt immer dort, wo der VfL Bochum am Start ist. Da er jedoch in der Vergangenheit auch für diverse Fanszines in die Tasten gehauen hatte, war er als Autor für die „VfL Bochum Fußballfibel“ die erste Wahl. Wer war all die letzten Jahre dichter dran als er? Im Innenraum - an der Nahtstelle zwischen dem Fangeschehen auf den Rängen und dem sportlichen Geschehen auf dem Rasen - hatte er die vergangenen Jahre den perfekten Blick auf beides. In den Jahren zuvor stand er zudem mit in der Ostkurve und in all den Gästeblöcken unserer Republik. 

Wohl denn, Fabian Budde haute in die Tasten und lieferte eine solide Arbeit ab. Bekanntlich hat jede Fußballfibel der Reihe aus dem Verlag culturcon Medien ihren eigenen Stil, und es gab die eine oder andere Überraschung. Hoppla, werden einige bei der Fußballfibel über den 1. FC Köln gedacht haben, was is dat denn? Mal was ganz anderes. Eher was literarisches halt. Bei anderen Fußballfibeln kamen sogar die Vorsänger der Ultra-Gruppierungen selbst zu Wort, und demzufolge gibt es einen direkten Blick aus der aktiven Fanszene. Wiederum andere legten vor allem Wert auf die Historie des jeweiligen Vereins. So auch Fabian Budde, der chronologisch die spannende Geschichte des VfL Bochum auf Papier brachte. 

Dies tat er jedoch keineswegs trocken, sondern sehr unterhaltsam. Locker flockig geht es durch die Jahrzehnte, und als Leser erfährt man wahrlich einiges Neues. Aus den Anfangszeiten des Vereins, vom DFB-Pokalfinale 1968, vom Aufstieg 1971, vom Bau des Ruhrstadions, und und und.  Also ich wusste nicht, dass der VfL Bochum einer der fünf Vorreiter in der Bundesliga war, der sich einen Brustsponsor angeln konnte. Im Fall der Bochumer war es ein Stier, der Mitte der 1970er Jahre auf dem Trikot zu sehen war. Osborne ließ grüßen, für drei Jahre gab es 500.000 DM. Für damalige Verhältnisse ein hübsches Sümmchen. Ebenso wusste ich nicht, dass ein Teil der alten Haupttribüne vom Stadion an der Castroper Straße erhalten ist. Und zwar auf der Sportanlage des CSV Linden.

Und in einem kleinen Kästchen fand ich auf Seite 34 den Satz, mit dem einiges gesagt ist: „Man wird als Bochum-Fan nie wieder bei einer 4:0-Führung nach 50 Minuten beruhigt ein Bierchen trinken gehen.“ Dämmert es? Das Jahrhundertspiel! Mit 4:0 führte der VfL Bochum einst nach 53 Minuten gegen den großen FC Bayern München. Am Ende stand es 5:6! Yeap, es wurde nie wirklich langweilig beim VfL Bochum. Irgendwie galten die Bochumer, die Anfang der 1990er auch als die „Unabsteigbaren“ bezeichnet wurden, auch als „graue Maus“, doch fand der VfL zwischen den großen Rivalen in Gelsenkirchen und Dortmund sein festes Plätzchen. Und ganz ehrlich! Gibt es als Auswärtsfan etwas cooleres, als an einem Freitagabend zu Fuß die Castroper Straße hinaufzulaufen und in der Ferne die Flutlichter zu sehen? 

Und dann war da noch was! 4630 Bochum! Mit Kreide wurde dies auf das schwarze Cover des Studioalbums von Herbert Grönemeyer geschrieben. Das „Bochum“ wurde unterstrichen. Heraus kam diese legendäre Platte im Mai 1984. Das erste Mal gesehen hatte ich diese Scheibe beim Schulfreund Nico. Es muss irgendwann Ende der 1980er gewesen sein, und das schlicht gehaltene Cover hatte sich fest eingebrannt. Minutenlang hatte ich damals vor 30 Jahren die in Nicos Zimmer liegende Platte begutachtet. Wir in Waldesruh vor den Toren Ost-Berlins waren 1147, die Bochumer waren 4630. 

Fein, fein, dass ich nun im Jahre 2019 ein Büchlein über die Bochumer wärmstens empfehlen kann. Fabian, dit haste jut jemacht! Schönen Gruß in den Pott! Und in Gedenken an den alten „FanTreff“ hier noch einen besonderen Gruß: „Ost-Berliner Atzen grüßen die Jungs von BO-City. Haltet die Ohren steif! Und trinkt nicht so viel…“ *zwinkersmilie*

Fotos: K. Hoeft, Marco Bertram, Felix, photomafia Bochum

> die „VfL Bochum Fußballfibel“ bei culturcon Medien

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> zur turus-Fotostrecke: VfL Bochum

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Thx. :-)

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Klingt verlockend.

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