„Haare auf Krawall“: Punks, Skins, Beatniks und Fußballfans - unangepasst in der DDR

„Haare auf Krawall“: Punks, Skins, Beatniks und Fußballfans - unangepasst in der DDR

 
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MB 14 November 2020

Unvergessen. Es müsste irgendwann im Herbst 1988 gewesen sein. Schweren Schrittes und mit pochender Halsschlagader lief ich vom Neubau der POS rüber zum Altbau, wo sich das Direktorenzimmer befand. Interessanterweise hatten wir damals allesamt mehr Respekt vor dem Hausmeister, denn wenn es hieß „Ab zu Herrn Mielke!“ (so hieß er wirklich), dann gab es Saures und die Gerätschaften in die Hand. Hof sauber machen! Aber zackig! An jenem Tag wäre ich jedoch tausendmal lieber beim Hausmeister Mielke angetanzt, um den Hof zu putzen. Es fiel nicht schwer, sich auszumalen, wer neben dem Direktor noch auf mich warten würde.

Und so kam es auch. Ich klopfte an, trat an ein und sah auf Anhieb die beiden Herren in schwarzen Lederjacken hinter dem sitzenden Direktor stehend. Mit dabei den klassischen Aktenkoffer. Okay, das war’s dann wohl. Die Stasi ist gekommen - der Jugendwerkhof wartet auf mich. Der Grund, weshalb es dieses Treffen gab, war nicht wirklich banal. In einem Russischheft fand meine Lehrerin ein von mir verfasstes Gedicht, das an unserer Schule noch für reichlich Diskussionsstoff sorgen sollte. „Lasst die Kommunisten an den Bäumen baumeln…“ Beim Schreiben musste ich an unsere vernarrt-rote Geschichtslehrerin denken, die ich abgrundtief hasste. Ich dachte an die Bonzen ganz oben, an die VoPo und die Stasi, die Leute wegen Banalitäten weg hefteten. Ich liebte als damals 15-Jähriger meine Heimat, in der ich groß geworden bin, doch verabscheute ich das System. Mir war damals schon klar, dass es mit mir nicht gut ausgehen könne in der DDR, doch dass der Jugendknast so früh auf mich warten würde, hatte ich nicht im Traum gedacht. Ich ärgerte mich über meine Dummheit, wollte ich mit dem selbst gereimten Gedicht doch nur dem etwas älteren Schulkumpel "Stippel" imponieren. 

Manch einer machte bei uns ab der 9. Klasse einen auf - sagen wir mal - Anti-DDR. Auf zur Jungen Gemeinde! Möglichst viele Aufnäher auf Jeans- und Cordjacken. Ein paar Freunde und ich suchten in den Abstellräumen unserer Eltern nach Schuhen, die den BW-Stiefeln oder Dr.Martens-Boots äußerlich am nähesten kamen. Rein mit den weißen Schnürsenkeln. Jeans hochgekrempelt. Hauptsache anecken und provozieren. Bei uns an der POS ging das noch ganz gut, war die Hälfte der Lehrerschaft nicht ganz so verbohrt und tiefrot. Mein verfasstes Gedicht überschritt dennoch die Grenze. Das ist klar. Umso erstaunlicher war, dass die beiden Stasi-Typen nur still mit eindringlichem Blick hinter dem Direktor standen und nur uns beide sprachen ließen. Ich zeigte Reue und schilderte, wie es war. Ich musste nicht lügen. Das Gedicht war eine Art Mutprobe, ein Beweis für meinen älteren Schulkumpel, dass ich was auf Tasche hatte. 

Die ersten Verschleiß- und Auflösungserscheinungen waren spürbar in der DDR, doch konnte ich mir bis heute nicht erklären, dass ich so glimpflich davongekommen bin. Ich vermute, dass man die Sache erst mal zu den Akten gelegt hatte und schauen wollte, was sich aus mir entwickeln würde. Irgendwann hätte ich vermutlich genug aufgestapelt und wäre so richtig fällig gewesen. Meine Besuche in der Bibliothek der US-Botschaft in Ost-Berlin waren bereits Thema, und irgendwann hätte mich auch der Fußball mit all seinen Facetten in den Bann gezogen. Das war doch nur eine Frage der Zeit. Ich horschte doch immer wieder neidisch zu, wenn paar Jungs an der Schule von den Schlachten bei Union und beim BFC am vergangenen Wochenende berichteten. Die Kloppereien gingen weiter in der muffigen Umkleide der Turnhalle. „Scheiß BFC!“ - „Scheiß Union!“ Ab in den Schwitzkasten. 

Der Horizont wurde damals in den Betriebsferienlagern erweitert. Dort traf man Jungs und Mädels aus ganz anderen Schulen und teils aus ganz anderen Regionen. Als ich im Sommer 1986 im Ferienlager in Breege auf Rügen war, kam der Großteil aus Sachsen-Anhalt. Die Eltern arbeiteten alle im ORWO-Stammwerk Wolfen, während mein Vater im Zweigbetrieb FCW in Berlin-Köpenick tätig war. Der Sprung von Bitterfeld-Wolfen nach Halle und Leipzig war nicht weit, und demzufolge schilderten ein paar 12-Jährige auch von ihren ersten Fußballerlebnissen beim HFC Chemie, bei Lok Leipzig und den Leutzschern. Der Großteil der Schilderungen blieb leider nicht hängen. ich staunte nur, als damals einer im Schlüpper abends mit einem Taschenmesser neben dem „Depeche Mode“ ein „Chemie“ ins Holz des Doppelstockbetts ritzte. Da die Buchstaben eckig geritzt wurden, sah das Ganze schon ganz schön fies aus. CHEMIE!

Hätte ich damals als 13-jähriger Piepel ahnen können, dass beim DDR-Fußball teilweise die Gesetze des Alltags nicht galten und der Fußballplatz ein faszinierendes Experimentierfeld für das eigenen Verhalten und die Reaktionen der Staatsmacht war? Bei wüsten Schlägereien griff die Polizei kaum konsequent ein, da die sonst tausende Fußballfans am Hals hatte. Bei provozierenden Sprechchören aus den Fanblöcken war sie eh machtlos. Vielleicht war es besser, dass ich damals als Jugendlicher dies im Detail nicht gewusst hatte. Das hätte mich ja angezogen wie ein 1965-Gauß-Magnet. 

„Sonnabendlich verdrückten sich in meiner Schule nun alle 14 Tage bestimmte Schüler mit selbstgestrickten weiß-grün gestreiften Schals vom Unterricht, um dann montags von den turbulenten Ereignissen aus Zwickau, Halle und den anderen Nestern des Landes zu berichten. … Dort, im Umfeld des Chemie-Stadions, schien die Welt völlig auf dem Kopf zu stehen.“ Diese Sätze sind im von Ray verfassten Kapitel „Chemie“ im Buch „Haare auf Krawall - Jugendsubkultur in Leipzig 1980 bis 1991“ zu lesen. Das Geschilderte darf regelrecht aufgesaugt werden. „Es war reiner Fanatismus. Unsachlichkeit und Arroganz war geradezu eine Forderung, die unter den Anhängern aller Altersklassen bereitwillig aufgenommen und ausgebaut wurde.“  Die drei im besagten Kapitel abgedruckten Fotos sprechen für sich. „Anpfiff - Sieg - Platzsturm, Georg-Schwarz-Sportpark 1983“. Schaut verdammt wüst aus! Schon klar, dass ich in den 1980ern von meinen Eltern mit einem strikten Fußballverbot belegt wurde. Die omnipräsenten TV-Bilder von der Katastrophe von Heysel am 29. Mai 1985 taten ihr Übriges. Ich musste halt warten, bis ich 18 oder zumindest 16 war. Der Mauerfall kam bei mir (Jahrgang 1973) sowieso zum perfekten Augenblick. Die (Fußball-)Welt stand nun für mich offen und ich griff beherzt zu am reichlich gedeckten Gabentisch.

Stichwort Gabentisch. Springen wir kurz in die Gegenwart. Wurde ich vor drei Jahren mit dem ersten Band „Steigt ein Fahnenwald empor“ von Jens Fuge völlig aus der Kalten überrascht - ich dachte schon, in dem verdammt schweren Päckchen sei eine Art Briefbombe oder zumindest eine Ladung toter Fische -, so gelang es Jens Fuge, der den Verlag „Backroad Diaries“ betreibt, mich kürzlich noch mehr zu überraschen. Das Päckchen wurde nicht, wie sonst üblich, bei einem Nachbarn abgegeben, sondern in einem DHL-Shop in der Hermannstraße hinterlegt. Neugierig wanderte ich einmal quer durch Neukölln und riss schließlich die Pappe auf. „Haare auf Krawall“?! Ein schnelles Blättern im U-Bahnhof Boddinstraße. Ein Blick auf die vorn und hinten eingeklebten Karten von Leipzig. Eingezeichnet wurden sämtliche Lokalitäten, die in den 1980ern und in der unmittelbaren Nachwende-Zeit in der Messestadt en punto Jugendsubkultur relevant waren. 

In der Tat ist es kein reines Fußballbuch, doch gibt es in Form zweier spannender Kapitel von Ray und Jens eine ordentliche Prise Chemie. Ich gebe zu, mir war gar nicht bewusst, dass es bereits 1999 eine erste Ausgabe des Buches „Haare auf Krawall“ gab. Es folgten zwei weitere Auflagen. Nun - nach über 20 Jahren - wurde das Buch noch einmal komplett überarbeitet, erweitert und neu gestaltet. Die Originaltexte wurden neu bebildert, zudem wurden drei bisher unveröffentlichte Texte eingegliedert. Der aktuell vorliegende Band erzählt in 55 Kapiteln von Wehrdienstverweigerung, Inhaftierung, Ausreise, Musik, Widerstandsformen und Aktionen, Gegendemonstrationen, Hausbesetzungen und der Entstehung kultureller Projekte. 

Ich griff mir das Buch einige Abende, und bei einem Wein oder einer Tasse Weißdorntee tauchte ich ein in die 1980er. Und ja, es gab zwei Abende, an denen ich das Lesen abbrach, weil mir die Schilderungen zu nahe gingen. Es ist erschütternd, aufgrund welcher Nichtigkeiten teils zahlreiche Jugendliche eingebuchtet wurden. Der geschilderte Alltag in den (Jugend-)Haftanstalten ist aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar, und auch für mich liest es sich teils, als seien dies Berichte, die zurück gehen in eine Zeit weit vor meinem Leben. Umso näher geht das Ganze, wenn auf die Geburtsjahre der Betroffenen geschaut wird. Seele, 1971. Folker, 1971. Steffen, 1971. Sören, 1970. Quasi meine Generation. Der Großteil der Autoren/-innen wurde jedoch Mitte der 1960er geboren. Umso spannender sind diese Texte, da sie weit zurück in die frühen 1980er, teils sogar bis Ende der 1970er gehen.

Alltagsprobleme, Hausbesetzungen, illegale Aktionen und Konzerte - auch wenn es nicht vorrangig um Fußball geht, so ist dieses Buch in jedem Fall für jeden Fußballfreund überaus interessant, der einmal über den Tellerrand schauen möchte und sich für DDR-Historie interessiert. Tiefer können Einblicke kaum gehen. Kein Wunder, dass dieses Werk als einzigartiges Zeitzeugnis gilt. Folgende Sätze der Kurzbeschreibung bringen es ganz gut auf den Punkt: „Die Geschichte dieser ‚friedlichen Revolution‘ begann lange vor dem Herbst 1989. Sie war weder eine Massenbewegung noch war sie friedlich. Es waren durchweg junge Leute, die unangepasst und selbstbestimmt ihr Leben führen wollten, und dabei zwangsläufig und ungewollt mit dem totalitären Staat aneinandergerieten. Punks, Hippies, Friedensbewegte, Beatniks, Grufties, Hip-Hop-Jünger, Skins oder Fußballfans - sie alle lernten unfreiwillig die Schattenseiten des real existierenden Sozialismus kennen.“

Beim Lesen der einzelnen Kapitel gab es so einige Aha-Effekte. So betonten mehrere Zeitzeugen, dass sie weniger die Bonzen dort ganz oben ankotzten. Vielmehr war es die Gleichgültigkeit der breiten Masse, die sie fast zum Wahnsinn treiben konnte. Diese Angepasstheit, dieses Ducken. Ebenso wurde in jenen Kreisen gar nicht großartig in den „bunten Westen“ geschaut und schon gar nicht als großes Vorbild wahrgenommen. Klar doch, die eine oder andere Vinyl-Scheibe wurde sich im Westen organisiert, und auch zahlreiche Bands in Westeuropa dienten als Vorbild, doch wollte man vor allem auf heimischen Terrain - in diesem Fall in Leipzig - etwas eigenes kreieren. Etwas bewegen. Mit Aktionen, mit Partys, mit Konzerten. Für viele endete der Weg zwischenzeitlich im Knast und später mit der Ausreise. Mir ging dieses Buch sehr nahe, und ich fand mich als Jugendlicher wieder. Ob man nun mit weißen oder roten Schnürsenkeln anecken wollte, das lag damals an der Tagesform. Hauptsache provozieren! Der breiten vermufften piefigen Masse die Stirn zeigen.

Wie es mir womöglich im Knast / Jugendwerkhof Ende der 1980er ergangen wäre, wurde mir mit Hilfe des vorliegenden Buches noch deutlicher gemacht. Ich hatte riesiges Glück gehabt. Kamen doch teils Personen hinter Gittern, die in Form eines Graffiti nur die Freiheit für einen Freund / eine Freundin forderten. Vergleiche ich den Tatbestand, so kann ich heilfroh sein, den Kopf aus der Schlinge gezogen zu haben. Und ja, vielleicht war es besser, dass ich vor dem Mauerfall nicht zum Fußball ging. Hätte das gut ausgehen können? Im Leben nicht… Die Mauer muss weg!

Haare auf Krawall - Jugendsubkultur in Leipzig 1980 bis 1991

Connie Mareth & Ray Schneider

Vierte, überarbeitete und erweiterte Auflage

Backroad Diaries Verlag

 

Fotos: Marco Bertram

> zum Verlag Backroad Diaries

 

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