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Wenn das System derb zuschlägt: Der Fall des Legia-Fans Maciej Dobrowolski

 
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MB 21 Mai 2019
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Uwolnić Maćka! Hundertfach. Tausendfach. In Gdańsk, in Płock, in Łódź, in Szczecin, in hunderten anderen Städten und natürlich vor allem bei Legia Warszawa. Die Stimmen wurden immer lauter, die polnischen Fans standen zusammen, wenn es um die Freilassung des Legia-Fans Maciej Dobrowolski (genannt Maciek und nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Volleyballspieler) ging. Völlig aus der Kalten wurde Maciek eines Morgens aus dem Alltag herausgerissen. Eine Sondereinheit der Polizei stand vor seiner Wohnungund hämmerte wie wild gegen die Tür. Ein Missverständnis? Maciek wurde an jenem Morgen mitgenommen und landete in Untersuchungshaft. Warum? Das war ihm anfangs völlig schleierhaft. Er vermutete, dass es sich um ein Missverständnis handeln würde und er in Kürze wieder nach Hause gehen dürfte. Aus der „Kürze“ wurden allerdings 40 lange Monate. 40! Er „durfte“ mit den Gefängnissen in Warszawa, Bialoleka, Radom, Bydgoszcz und Gdansk Bekanntschaft machen. 

Der Grund der Festnahme: Ein Kronzeuge wollte seine eigene Haut retten und machte komplett falsche Aussagen. Lediglich aufgrund dieser Aussagen des Kronzeugens musste Maciek in 40-monatiger Untersuchungshaft verbringen. Es sei gewiss was dran, dass der Festgenommene ein Kopf einer Drogen-Mafia sei. Quasi die rechte Hand eines Untergrund-Bosses. Die Justiz schenkte den skurrilen Aussagen des Kronzeugen Glauben und behielt ihn in Untersuchungshaft. Wahrscheinlich würde Maciek noch heute einsitzen, hätten all seine Freund bei Legia und später auch all die anderen Fußballszenen des Landes nicht dermaßen viel Druck aufgebaut. Mit der Zeit nahm sich auch das eine oder andere große polnische Medium dieser Angelegenheit an und kritisierte das Vorgehen der Justiz.

Was für ein Scheiß, denkt man sich, wenn man das hört / liest. Ich gebe zu, ich hatte von der Sache nur am Rande mitgekommen. Ich hatte gehört, dass ein Legia-Fan unschuldig einsitzen musste, doch nahm ich an, dass es einen klaren Fußballbezug gab. Zur falschen Zeit am falschen Ort. Eine Auseinandersetzung mit der Polizei. Der Vorwurf der Gründung einer kriminellen Vereinigung. Dass die Vorwürfe dermaßen an den Haaren herbeigezogen waren, wusste ich nicht. Einer, der nie in Verbindung mit dem Drogenmilieu in Berührung kam, wurde mit einem Mal hinter Gitter gebracht, weil irgendein Krimineller falsche Aussagen machte - das ist echt eine harte Nummer.

Als kürzlich das Buch „Freiheit für Maciek“ im Hause Blickfang Ultrà rauskam, war ich bereits vorinformiert, da die Sache bereits zuvor in einem Heft thematisiert wurde. Dass ich dieses Buch lesen wollte, war völlig klar. Als es schließlich im Briefkasten lag, musste sogar der „Capo“ mal kurz auf dem Schreibtisch nach hinten rücken. Lehmi, du kommst auch noch ran, doch sei gestattet, dass Maciek den Vorzug bekommt. Es dürfte Euch nicht überraschen, wenn ich berichte, dass das Buch ruckzuck durchgelesen wurde. Die rund 200 Seiten wurden fix „aufgefressen“. Ab und zu bremste ich mich selber, um das Gelesene erst einmal kurz verdauen zu können.

Übersetzt wurde das Buch von Mirko Otto, der wohl jedem von uns ein Begriff sein dürfte. Weihnachten 2017 bekam er das polnische Buch geschenkt, knapp ein Jahr später durfte Mirko am Rande der Partie Legia vs. Górnik Zabrze Maciej Dobrowolski persönlich kennenlernen. Für die Ausgabe 45 des „Blickfang Ultrà“ übersetzte er für die Rezension ein paar Passagen ins Deutsche. Die zahlreichen positiven Rückmeldungen ermunterten ihn dazu, das gesamte Buch vom Polnischen ins Deutsche zu übersetzen. Respekt! Es muss hierbei betont werden, dass Mirko Otto nicht Slawistik studiert hatte, sondern sich die polnische Sprache selbst beigebracht hat. Jeder, der sich schon einmal mit Polnisch versuchte, kann erahnen, was für ein Akt es ist, diese wahrlich schwere Sprache eines Tages fließend sprechen und lesen zu können. 

Zum Buch selbst: Es wurde etwas anders als gedacht. Sicherlich hat man seine eigenen Vorstellungen vom Knast. Denkt man an polnische Gefängnisse, so wabern sogleich übelst brutale Szenarien durch den Kopf. Meine Fresse, wenn man als Legia-Fan nach Radom oder Gdansk gebracht wird! Das kann doch nur ständig aufs Maul geben! Schwerst Tätowierte üben doch gewiss permanent Gewalt aus und misshandeln die Mitgefangenen. Wie Maciek in seinem Buch jedoch schildert, ist der Alltag dann doch ganz anders, als man von den typischen Gefängnis-Filmen kennt. Ich war überrascht, wie respektvoll die Insassen meist miteinander umgingen. Die Fußball-Rivalität spielt hinter Gittern meist keine Rolle. In den meisten Fällen möchten sich die Insassen wohl nicht das Leben noch schwerer machen als es sowieso schon ist.

Das war aber auch die einzige positive Überraschung. Was die Insassen-Transporte von A nach B betraf, so konnte man beim Lesen nur den Kopf schütteln. Stundenlang stehend bei brütender Hitze von einem Gefängnis zum anderen gekarrt werden? Im Winter das Ganze ohne Heizung? In welchem Jahr leben wir? 2019? Mein lieber Herr Gesangsverein! Unterirdisch ist in den meisten Fällen auch die Ernährung. Logisch, dass es in Haftanstalten keine 5-Sterne-Menüs zu schmausen gibt, doch die Schilderungen von Maciek erinnerten ja an den Fraß in einem mittelalterlichen Burgverlies. Übel, einfach nur übel.

Und klar, am schlimmsten ist der psychologische Druck. Und wenn dann hinzu kommt, dass man völlig unschuldig einsitzt, auf das abschließende Urteil wartet und keine Ahnung hat, wie lange man noch hinter Mauern und Gittern sein Leben verbringen muss - ist das die Krönung im negativen Sinne. Ja, das Buch nimmt einen hart mit. Wut kommt auf, wenn man liest, was seine Freundin draußen so trieb. Noch wütender wird man als Leser, wenn man sich das Gesicht der einen Richterin und das Grinsen des besagten Kronzeugen bei der einen Verhandlung vorstellt. Umso wärmer wird einem ums Herz, als immer wieder Legia-Fans draußen vor den Mauern standen, ihm Mut machten und auch mal fett Pyro abbrannten. Solch einen festen Zusammenhalt gibt es wohl nur beim Fußball. Kein Wunder, dass Staat und Justiz die aktiven Fanszenen stets mit Argwohn beobachten. Was Zusammenhalt bewirken kann, durfte bei „#Uwolnić Maćka“ bewundert werden.

Mehr zum Inhalt soll keinesfalls verraten werden. Von mir gibt es eine klare Kaufempfehlung! Aber komm, etwas Negatives muss es doch geben?! Okay, okay, wirklich irritierend sind manchmal die Satzzeichen. Mal Gänsefüßchen, mal Gedankenstriche. Manchmal weiß der Leser nicht, was nun wörtliche Rede oder nur ein Gedankengang ist. An einigen Stellen geht die wörtliche Rede sogar nahtlos in den folgenden Text über. Das war´s dann aber auch schon an Negativem. Drauf geschi**en, sag ich mal. Wer in solch einer Rekordzeit ein solch bewegendes Buch aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt und dermaßen fix auf den Markt bringt, erhält nur eines von mir: Respekt!

Fotos: Eric K, Jean Falkner, Lucas B.

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Jetzt muss doch der eine Rapper in den Knast, ähnliche Sachlage.

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