Nachbetrachtung: Üble Zwischenfälle bei Chemnitzer FC – Wacker Burghausen

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Chemnitzer FCWacker Burghausen?! Die Fanszene dieses Klubs ist nicht gerade berühmt berüchtigt für gewalttätiges Auftreten bei Heim- und Auswärtsspielen. Trotzdem gerieten die zum Chemnitzer FC mitgereisten Wacker-Fans ins Visier der dortigen Ordner und polizeilichen Einsatzkräfte. Und das derart übel, dass sich die Nachricht quer durch die Republik in Windeseile über diverse Foren verbreitete. Auch wir von turus.net erfuhren in einer Community von den Ereignissen am 03. Dezember 2011 und möchten nun der Sache auf den Grund gehen. Folgend zu Wort kommen vor allen Dingen die Betroffenen selbst. Die Anhängerschaft verfasste gemeinsam mit dem ebenfalls arg betroffenen Fanbeauftragten Robert Hack eine Stellungnahme, um einer einseitigen Berichterstattung entgegenzuwirken.

Fakt ist, welcher Journalist wird direkt am Ort des Geschehens gewesen sein?! Wohl niemand. Fast alle Zeitungsberichte werden sich auf die offizielle Mitteilung der Polizei berufen. Um so mehr ein Grund, der betroffenen Fanszene von Wacker Burghausen die Möglichkeit einzuräumen, ihre Sicht der Dinge der Öffentlichkeit mitteilen zu können.
Worum ging es? Was ist eigentlich passiert? Am 03. Dezember 2011 trat Wacker Burghausen zum Auswärtsspiel beim Chemnitzer FC an. Rund achtzig Anhänger aus Burghausen hatten sich auf den Weg nach Sachsen gemacht. Angereist waren sie mit zwei von der Fanbetreuung organisierten Bussen. Dabei erfolgten Anreise und Ankunft der Burghausener Fans überaus ruhig, und auch bei den Einlasskontrollen ins Stadion verlief anfangs alles in ruhigen Bahnen.

Chemnitzer FCDiskussionen gab es um eine kleine mitgebrachte Fahne mit der Aufschrift „Polizeigewalt stoppen“. Die Fahne: Eine Form des Protestes, die in einer Demokratie durchaus erlaubt sein und in deutschen Fußballstadien zum Alltag gehören dürfte. Die Ordnungsdienstmitarbeiter verweigerten indes die Mitnahme dieser Fahne in den Gästeblock des Chemnitzer Stadions. Auf das Angebot, diese Fahne nicht anzubringen, wurde nicht eingegangen. Der Besitzer der Fahne wollte diese dann nach Angaben der Wacker-Fans zurück zum Bus bringen, allerdings verweigerten die Ordner nun die Herausgabe jener Fahne. Ein anderer Fan bot sich nun an, die Fahne in einem der beiden Busse zu bringen, damit diese während des Spiels verschlossen bleibt. Die Ordner gingen nicht auf dieses Angebot ein und schoben den Fan beiseite. Nun kam es zu einer Rangelei zwischen den Ordnern und den anwesenden Gästefans. Gewiss, eine Situation, die nicht völlig ungewöhnlich ist und leider zum Alltag in den Gästebereichen deutscher Stadien gehört. Zumal die Wacker-Fans einräumen, dass nicht alle Fans zur Deeskalation beigetragen haben. Dass es jedoch laut Augenzeugenbericht von Seiten der Ordner zu Faustattacken kam, ist sicherlich durch nichts zu rechtfertigen. Zirka fünf Minuten hatte die Rangelei gedauert, herbeigeeilte Einsatzkräfte der Polizei nahmen vier Fans aus Burghausen in Gewahrsam. Die Fahne, um die es eigentlich ging, wurde letztendlich wieder herausgegeben.

Während des Spiels kam es zu keinen Zwischenfällen. Die Partie ging vor 3.650 Zuschauern im Stadion an der Gellertstraße mit 2:1 für den CFC aus. Ein ungutes Gefühl machte sich unter den Gästefans gegen Ende der Partie breit. Nun sollte man sich die Situation mal vor Augen führen. Nicht Dynamo Dresden mit dreitausend Mann war vor Ort, sondern Wacker Burghausen mit gerade einmal knapp 80 Anhängern. Schnell kann man sich in einem Gästebereich irgendwo in deutschen Landen verloren vorkommen. Wie in der Stellungnahme berichtet wird, stellten sich am Ausgang des Gästeblocks bereits zahlreiche Ordner (zum Teil mit Mundschutz) und eine Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) der Bereitschaftspolizei in voller Montur auf. Jeder dürfte nun wissen – egal ob auf einer Demonstration oder bei einem Fußballspiel – jetzt könnte es ernst werden. Ein ungutes Gefühl im Magen, erste Schweißtropfen auf der Stirn. Kampferprobte Haudegen aus Dresden, Rostock, Köln oder Frankfurt würden sich „keine Platte“ machen und der Situation locker ins Auge schauen. Jedoch der kleine Anhang von Wacker Burghausen?
Laut Zeugenaussagen fielen unter den Ordnern bereits Sätze wie „Na, freust du dich auf gleich?“ und „Viel Spaß beim Rausgehen!“.
Nachvollziehbar, dass die Burghausener Fanszene einer Eskalation aus dem Wege gehen wollte. Der aktive Teil der Fanszene wartete im Gästeblock ab, die restlichen Fans verließen bereits den Bereich. Anschließend gingen auch die verbliebenden Fans in Richtung Ausgang, vor dem sich eine trichterförmige Gasse aus Ordnern und BFE gebildet hatte. Während sich die Wacker-Fans vorbeischoben, wurden zwei von ihnen von der BFE zur Personalienfeststellung rausgezogen. In der Tat eine unnötige Aktion – waren doch zwei szenekundige Beamte aus Burghausen vor Ort.

Nachdem ein Teil der Fans den Block verlassen hatte, wurde Zeugenaussagen zufolge dieser vom Ordnerdienst verschlossen. Im Stadion verblieben waren zirka 40 Fans, unter ihnen auch Jugendliche und Frauen. Was nun folgte, spottet jeder Beschreibung. Vor Ort befindliche BFE-Beamte sollen nun „Auf den Boden!“ geschrien haben. Wer dieser Aufforderung nicht Folge leistete, wurde auf den Boden geworfen bzw. geschlagen. Auch Mitglieder des Ordnerdienstes sollen hierbei wieder kräftig mitgeholfen haben. Aufgrund der Faustschläge erlitten einige Fans erhebliche Gesichtsverletzungen. Auch Zähne gingen verloren.
Das Erschütternde: Ein Ordner soll zu einem Polizeibeamten gemeint haben: „Jetzt geht es ihnen wie die Juden!“
Auch vor den geparkten Bussen eskalierte die Situation. Lautstarker Protest von Seiten der Gästefans wurde mit körperlicher Gewalt von Seiten der Ordner erwidert. Auf einzelne, bereits am Boden liegende Fans soll eingeprügelt worden sein. Ebenfalls zu Boden geschlagen wurde der Fanbeauftragte von Wacker Burghausen. Insgesamt waren 16 verletzte Personen zu beklagen. Eine Frau, die versucht hatte, mit ihrem Mobiltelefon den Gewaltexzess zu filmen, wurde ebenfalls zu Boden geschlagen und verletzt. Auch diese musste anschließend notärztlich versorgt werden. Es ist gewiss kein Wunder, dass das Handy nicht mehr zu finden war.

Auf dem Stadionvorplatz zogen sich die Auseinandersetzungen zwischen den Ordnern und den Anhängern von Wacker Burghausen wohl noch eine Weile hin. Erst das massive Zwischengehen der polizeilichen Einsatzkräfte brachte letztendlich das Ende herbei.
Auch Tage nach den Vorfällen in Chemnitz stellen sich die mitgereisten Fans von Wacker Burghausen diverse Fragen. Weshalb konnte es zu solch einer Eskalation kommen? Was hatten sie als Fußballfans falsch gemacht? Durfte man auf körperliche Gewalt von Seiten der provozierenden Ordner mit körperlicher Gewalt antworten? Weshalb kam es zum unverhältnismäßigen Einsatz der BFE?
Fragen über Fragen. Auch wir von turus.net hatten noch ein paar Fragen und suchten den direkten Kontakt zu Wacker Burghausen:

turus.net: Habt Ihr auf Grund der kleinen Fahne bereits einmal in einem anderen Stadion Probleme gehabt?

C. (aus Burghausen): Nein, es gab bis jetzt bei keinem anderen Auswärtsspiel größere Probleme mit besagter Fahne! War leider die „Premiere“ in Chemnitz...

turus.net: Ihr sprecht von 16 Verletzten. Wie viele mussten ärztlich behandelt werden? Vor Ort in Chemnitz oder alle daheim in Burghausen?

C: Rund zehn Personen mussten sich aufgrund der Vorfälle zuhause in ärztliche Behandlung begeben, drei Personen mussten noch an Ort und Stelle erstversorgt werden! Eine schwangere Betroffene wurde noch auf der Rückfahrt in die Notaufnahme des Reichenbacher Krankenhauses eingeliefert.

turus.net: Wie verlief eigentlich die Rückfahrt?

C: Diese verlief – wen wundert es – bei sehr gedrückter Stimmung. Allen Mitfahrern war die Fassungslosigkeit hinsichtlich des Erlebten anzusehen, auch heute ist es noch schwierig, hierfür die richtigen Worte zu finden!

turus.net: Gab es bereits aus anderen Fanszenen viel Feedback? Die BFE-Einheiten aus Chemnitz waren ja bereits oftmals in den Schlagzeilen.

C: Wir haben in den letzten Tagen von einigen Szenen sowie Einzelpersonen Rückmeldungen über ihre Erfahrungen hinsichtlich des Chemnitzer Ordnungsdienstes bzw. vor allem im Bezug auf die dort eingesetzten BFE’s, erhalten. Positive Erfahrungen waren es nicht...

turus.net: Werden viele von Euch Anzeige gegen den dortigen Ordnerdienst erstattet?

C: Aktuell haben meines Wissens rund zehn Betroffene Anzeige erstattet, man kann davon ausgehen, dass dies nicht das Ende der Fahnenstange ist!

turus.net: Gibt es derzeit Kontakte zu den Fanklubs des CFC und zum Verein als solches?

C: Unmittelbarer Kontakt zum CFC besteht unsererseits derzeit noch nicht, es ist aber auch in unserem Interesse, diesen innerhalb der nächsten Tage herzustellen um die Vorfälle kritisch aufzuarbeiten und die entsprechenden Konsequenzen daraus zu ziehen.

turus.net: Bekommt ihr volle Rückendeckung von Wacker Burghausen?

C: Aktuell werden die Vorkommnisse noch von der Vereinsführung ausgewertet, bevor eine Stellungnahme hierzu abgegeben wird bzw. die weitere Vorgehensweise in dieser Sache beschlossen wird. Allerdings – und das kann man ruhig vorwegnehmen – die Burghauser Fanszene erwartet hier in jedem Fall die Rückendeckung seitens der Vereinsführung!

turus.net: Hattet ihr in der Vergangenheit schon mal ähnliche Erfahrungen machen müssen?

C: Sicherlich waren wir schon öfter Repressionen und auch Übergriffen seitens der Sicherheitsorgane ausgesetzt - wie es hierzulande mittlerweile leider immer öfter vorkommt. Vorfälle in dieser „Größenordnung“ hatten wir allerdings noch nie!

turus.net: Wo geht´s eigentlich als nächstes hin?

C: Unser nächstes Auswärtsspiel führt uns am 17. Dezember zu Rot-Weiß Oberhausen, ein interessantes Wiedersehen mit unserem Ex-Trainer Mario Basler. Abseits des Rasens hoffen wir auf eine gute Stimmung und einen entspannten Nachmittag im Stadion Niederrhein...

turus.net: Vielen Dank für das Interview. All den Verletzten wünschen wir gute Besserung! Zudem hoffen wir auf eine rasche Aufklärung und für Euch in Zukunft hoffentlich ruhigere Auswärtsfahrten!

Anmerkung: Die Fotos wurden von den Fans von Wacker Burghausen zur Verfügung gestellt.


> zu den turus-Fotostrecken: Stadien, Fußballfans, Choreographien

 

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