Das anhaltende Wunder aus dem Erzgebirge: Ein fundiertes Buch über Wismut Aue

Das anhaltende Wunder aus dem Erzgebirge: Ein fundiertes Buch über Wismut Aue

 
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MB 19 Mai 2020

Denke ich an Wismut Aue, fällt mir sofort Klingenthal ein. Zu einprägsam war für mich ein Erlebnis als heranwachsender Piepel im Sommer 1987. Meine Eltern hatten dort gute Bekannte, und die etwas ältere Tochter Karin schnappte mich - wenn die Eltern am Grill oder beim Kaffee saßen - kurzerhand und spazierte mit mir von der Datsche runter in die Stadt, um mit mir vor einer Mehrzweckgaststätte ne Club Cola zu trinken. Ich war damals knapp 14 und mit Fußball hatte ich noch nicht allzu viel am Hut. Genauer gesagt: Ein echtes Fußballstadion hatte ich noch nicht von innen gesehen. Fußball kannte ich nur von den Weltmeisterschaften und etwaigen Bundesliga-Kurzberichten in ARD und ZDF. Ich konnte durchaus was mit Waldhof Mannheim und dem FC Homburg anfangen, doch was den DDR-Fußball betraf, hatte ich nicht wirklich den Durchblick. Der Begriff „Wismut“ fiel unten in Klingenthal beim Essen allzu oft, so dass mein Vater bat, doch endlich mal das Thema wechseln zu können. Unioner und BFCer kannte ich natürlich einige aus meinem Umfeld an der Polytechnischen Oberschule in Berlin-Mahlsdorf. Der massige BFCer aus der Parallelklasse nahm den Unioner mit Wollschal aus unserer Klasse in der Pause immer in den Schwitzkasten. Dass der BFC landesweit nicht allzu beliebt war, merkte ich bei meinen Aufenthalten in den Betriebsferienlagern im Thüringer Wald und in Breege auf Rügen. „BFC-Schweine - alle an die Leine!“ sangen abends die Kids in den muffigen Bungalows.

So, und nun stand ich im Sommer 87 als Ost-Berliner Göre mit Karin vor dem MZG in Klingenthal und wurde von ihren Wismut-Kumpels auf geilstem Sächsisch gefragt: „Sag mal, BFC oder Union?“ Karin sprang ein und erklärte, dass ich mit Fußball nix am Hut habe, doch die Jungs ließen nicht locker: „Gibt schon keine Kloppe. Wir sind halt nur neugierig. Na los, sag schon!“ Wat sollte ich sagen? Meine „Fußballlaufbahn“ begann ja erst direkt nach dem Fall der Mauer. Nun denn, mit meiner Antwort - irgendwas musste ich ja sagen - schienen die Klingenthaler Bengels halbwegs zufrieden. 

Das nur soweit als kleine Anekdote, die immer mal wieder beim Bierchen zum Besten gegeben wird. Abgesehen vom damaligen Erlebnis in Klingenthal hatten sich die Wege mit Wismut / Erzgebirge Aue gar nicht allzu oft gekreuzt. Ich gestehe, ich war bislang nur einmal vor Ort im Lößnitztal. Es war 2011 bei einem Heimspiel gegen den 1. FC Union Berlin, und ich kam in den „Genuss“ die grandiose Bahnanbindung ausprobieren zu dürfen. Das schreckte mich dann ab, in Zukunft öfters auf eigene Faust (ein Auto habe ich nicht) nach Aue zu reisen. 

In Erinnerung blieb natürlich der Auftritt bei Hertha BSC, als tausende Aue-Fans das Berliner Olympiastadion fluteten, zudem sah ich Aue ein paar Mal bei Union, in Rostock, in Bochum und in Cottbus. Und ach ja, ein Spiel mit Aue-Beteiligung schaffte es sogar in ein persönliches Ranking. Weiß Gott bin ich in den vergangenen 30 Jahren wirklich selten von einer Partie vorzeitig abgehauen, doch beim Regionalliga-Duell FC Berlin (BFC Dynamo) vs. FC Erzgebirge Aue war es im Sportforum Hohenschönhausen dermaßen ungemütlich, dass ich kurz nach der Halbzeitpause verduften musste. Auf dem Rasen ein echter Grottenkick, auf den Rängen eine deftige nasskalte steife Briese. Das war selbst mir irgendwann zu bunt. Und hier möchte ich einsteigen in das Buch „FC Erzgebirge Aue Fußballfibel“, das von „Burg“, der 1974 von Frankfurt/Oder nach Zwönitz im Erzgebirge zog, verfasst wurde. 

In der RL-Saison 1994/95 musste Aue ganze achtmal nach Berlin reisen. Neben Hertha Zehlendorf, dem Spandauer SV war auch der FC Berlin mit dabei. Und so heißt es wortwörtlich auf Seite 91: „Im April gab es im Berliner Sportforum in Hohenschönhausen bei Sturmböen und Schneeschauern das achte Auswärtsspiel auf Berliner Boden in der Saison 1994/95. Ein 0:0, welches laut Aues Trainer Lutz Lindemann in Ordnung ging, aber bei den Auern Erinnerungen wachrief, aufgrund der Schiedsrichterleistung.“

Nach „Budde“ folgte „Burg“. Nachdem der VfL Bochum in Band 27 von Fabian Budde ausführlich mit Herzblut abgehandelte wurde, sind in Band 28 der Reihe Fußballfibeln die Lila-Weißen aus dem Erzgebirge am Zug. Und welcher Verein kann so viel DDR-Oberliga-Geschichte aufweisen wie die BSG Wismut Aue?! Mit 1.019 absolvierten DDR-Oberligaspielen halten sie den Rekord. Nur der FC Rot-Weiß Erfurt (zuvor Turbine Erfurt) schaffte es mit 1.001 Spielen ebenso die Tausender-Marke zu knacken. Zum Vergleich: Der FC Carl Zeiss Jena schaffte es als Spitzenreiter der Ewigen Tabelle auf „nur“ 929 Partien. Und ja, eine Sache sollte man immer vor Auge behalten: Wismut Aue war kein Sportclub / Fußballclub, sondern „nur“ eine Betriebssportgemeinschaft. Umso mehr darf also der Hut gezogen werden. Ebenso davor, dass es bislang zu 13 Spielzeiten in der 2. Bundesliga gereicht hat. Aue, das sich im Januar 2019 mit der Gemeinde Bad Schlema zusammengeschlossen hatte, hat aktuell rund 20.500 Einwohner. Gemeinsam mit Sandhausen ist Aue-Bad Schlema der kleinste deutsche Zweitligastandort. Kurzum: Der FC Erzgebirge Aue ist ein anhaltendes Wunder. So schrieb es Herausgeber Frank Willmann auf der Rückseite des Buches.

Und über dieses anhaltende Wunder verfasste der Autor, der sich einfach nur „Burg“ nennt, ein wirklich passables Werk. Fundiert, sachlich und mit der nötigen Portion Herzblut. Mögen die jüngeren Autoren dieser inzwischen beeindruckenden Buchreihe mehr Witz und Anekdoten mit hineingepackt haben, so hat „Burg“ einen klaren Vorteil. Er begleitet den FC Erzgebirge Aue bereits seit sage und schreibe 45 Jahren! Im März 1975 nahm ihn ein Nachbarjunge das erste Mal mit ins damalige Otto-Grotewohl-Stadion. Es handelte sich um das Pokalhalbinfalrückspiel gegen die BSG Sachsenring Zwickau. Wenn das nicht ein passender Gegner für den Einstand war!

In drei Blöcken geht es im Buch chronologisch durch die Historie von Wismut / Erzgebirge Aue. „Anfänge und Oberliga-Zeit“, „Schwieriger Neuanfang“ und „2. Bundesliga“. Bekanntlich gehörte Aue zu jenen Vereinen, die im Zuge der Wiedervereinigung ziemlich leer ausgingen und sich 1991/92 in der Staffel Süd der NOFV-Oberliga wiederfanden. Richtig bitter: Vor der richtungsweisenden Saison 1990/91 stieg Wismut Aue als Tabellenvorletzter aus der DDR-Oberliga ab. Allein das schlechtere Torverhältnis gegenüber dem Eisenhüttenstädter FC Stahl war ausschlaggebend für den Absturz. 

Vorweggenommen werden soll an dieser Stelle nichts, doch meine größte Überraschung beim Lesen der Aue-Fußballfibel muss doch ganz kurz vermerkt werden. Dass Aue eine Zeitlang als SC Wismut Karl-Marx-Stadt spielen musste, dürfte einigen bekannt sein. Dass jedoch erst am 8. April 1966 die Auer Wismut-Mannschaft das erste Mal mit lila Trikots auflief, dürfte fast alle überraschen. Kurioserweise liefen zuvor auch andere Mannschaften wie Motor Zwickau und Stahl Riesa mit lilafarbenen Trikots auf. Eine damalige Modeerscheinung? Eine genaue Antwort darauf konnte auch „Burg“ nicht finden. Fakt ist, dass seit April 1966 die BSG Wismut Aue fortan begeistert die lila Leibchen trägt - und das bis in die Gegenwart…

Und klar! Ich gebe an dieser Stelle eine klare Leseempfehlung ab - und einen lieben Gruß nach Klingenthal!

Fotos: Marco Bertram, Jan fahr ma auswärts, Arne Amberg

 

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