Erlebnis Ascheplatz: Mit dem FC Remscheid unterwegs in der Landesliga Niederrhein

MB
Sus Essen-Haarzopf vs. FC Remscheid

Ein Pärchen sitzt auf einem gefällten Baum am Spielfeldrand. An der einen Eckfahne fristet ein abgewracktes Auto sein Dasein. Auf dem Spielfeld geht es gut zur Sache, rötliche Staubwolken wirbeln auf. Manch ein Trikot zeugt vom ehrlichen, soliden Fußballhandwerk. Der Blick schweift von der kleinen überdachten Minitribüne aus über die Sportanlage. Wo bin ich? In den unteren Ligen Brasiliens oder Bosnien und Herzegowinas? Nein! Willkommen in der Landesliga Niederrhein Gruppe 1 (siebte Spielklasse). Genauer gesagt auf dem Sportplatz von Sus Haarzopf am Rande der Ruhrmetropole Essen!

FC RemscheidEin Pärchen sitzt auf einem gefällten Baum am Spielfeldrand. An der einen Eckfahne fristet ein abgewracktes Auto sein Dasein. Auf dem Spielfeld geht es gut zur Sache, rötliche Staubwolken wirbeln auf. Manch ein Trikot zeugt vom ehrlichen, soliden Fußballhandwerk. Der Blick schweift von der kleinen überdachten Minitribüne aus über die Sportanlage. Wo bin ich? In den unteren Ligen Brasiliens oder Bosnien und Herzegowinas? Nein! Willkommen in der Landesliga Niederrhein Gruppe 1 (siebte Spielklasse). Genauer gesagt auf dem Sportplatz von Sus Haarzopf am Rande der Ruhrmetropole Essen!

Röntgen-StadionAn jenem Tag zu Gast war ein alter Bekannter: Der FC Remscheid. Ein Klub, der einst in höheren Ligen beheimatet war. Nach der Fusion des BVL 08 Remscheid und des VfB Remscheid am 01. Juli 1990 ging es prompt bergauf. Als FC Remscheid wurde man am Ende der Oberliga-Saison (Nordrhein) Erster und packte den Aufstieg in die 2. Bundesliga Nord. Nach dem Klassenerhalt durften die Remscheider eine weitere Saison in der nun wieder eingleisigen 2. Bundesliga genießen. Ich persönlich habe eine eher unangenehme Erinnerung an diese Remscheider. Man schrieb den 04. Oktober 1992, als ich mich vom damaligen zwischenzeitlichen Wohnort bei Köln auf den Weg ins Bergische gemacht hatte. Als Berliner wollte ich Hertha BSC auswärts im Röntgen-Stadion unterstützen. Es war sage und schreibe mein erstes gesehenes Pflichtspiel der Herthaner überhaupt!

RöntgenstadtUnd was für ein Desaster! In meiner damaligen naiven Vorstellung hatte ich gedacht, gut tausend Herthaner würden als Mob anreisen. Doch Pustekuchen, nur rund einhundert unerschrockene Allesfahrer hatten sich im Gästebereich eingefunden. Dieser bestand im Prinzip nur aus einer matschigen, abschüssigen Wiese. Soweit zumindest die Erinnerung an diesen Auftritt. Ein klägliche Ha-ho-he. Das war´s. Dazu ein miserabler Auftritt der Berliner Mannschaft. Ein Grottenkick, bei dem Roman Sedlácek im zweiten Spielabschnitt zwei Tore für Remscheid erzielen konnte. Meine Laune erreichte den Tiefpunkt. Da nutzte auch das Tor von Theo Gries in der 86. Minute nichts, denn ein echtes Aufbäumen in der Schlussphase war nicht zu bemerken. Willenlos ließ sich Hertha beim Abstiegskandidaten vor insgesamt 2.500 Zuschauern abfrühstücken. Allerdings sei dazu gesagt, dass dies ein Kellerduell war – Remscheid tauschte mit der Hertha in der Tabelle prompt die Plätze. Am Ende jener Spielzeit war Hertha BSC immerhin fünfter (von insgesamt 24 Teams), der FC Remscheid stieg als 23. ab und wurde seitdem von mir mit Missachtung bestraft.

HaarzopfBis zum 21. April 2013. Der Zufall wollte es, dass die Landesliga-Partie zwischen SuS Essen-Haarzopf und dem FC Remscheid ideal ins organisatorische Konzept passte. Abstiegskampf auf Asche! Kaum ward die Sportanlage am Föhrenweg betreten – das Spiel lief bereits seit ein paar Minuten, wurde es warm ums Herz. Aschewolken, die sich bei Zweikämpfen ausbreiteten. Eine kleine überdachte Tribüne mit drei Stufen, einer Bank und einem Getränkeausschank. Eine integrierte Kneipe, von deren Fenstern aus man einen optimalen Blick auf den Platz hat. Dazu ein Publikum, das sich für die siebte Liga sehen lassen konnte. 80 zahlender Zuschauer sollen es gewesen sein, rund 150 Personen waren schätzungsweise vor Ort.

Sus HaarzopfBereits in der siebten Minute war der FC Remscheid Dank eines Treffers von Andreas Kohlhaas mit 1:0 Führung gegangen. Und es sah lange Zeit ganz danach aus, als würden die Gäste in Blau – unterstützt von ein paar mitgereisten Fans und dokumentiert vom Remscheider Stadtfernsehen – die drei Punkte in trockene Tücher bringen können. Da die Jungs des FCR allerdings nicht die zweite Bude klarmachten, wurde es am Ende der Partie richtig spannend. In den letzten 15 Minuten wurde es ein echter Kampf mit allen Facetten, die auf einem Ascheplatz noch möglich sind. Wildes Gegrätsche war auf Grund des extrem schmerzhaften Bodenbelages eher selten zu sehen, doch rustikal zur Sache ging es in jedem Fall. Und das mit Folgen! Das Team von SuS Haarzopf witterte die Möglichkeit, an diesem Tag noch etwas bewegen zu können. Bereits in der 63. Minute fiel fast der Ausgleich, doch FCR-Keeper Nico Tauschel konnte mit einer Glanzparade abwehren.

2:1Nachdem Remscheid nach einem guten Konter in der 79. Minute nicht den Sack zumachen konnte, nutzte Essen-Haarzopf in der 84. Minute die Gunst der Stunde. 1:1. Recht beachtlicher Jubel entlang der Seitenlinie. Vereinsmitglieder in Trainingsanzügen schleppten sogleich einen weiteren Kasten Bier hierbei. Nicht lumpen lassen, auf die Kanne! Die letzten Minuten wurden wüst. Erst musste Heimspieler Sebastian Stropp nach einer Tätlichkeit mit Rot vom Rasen – äh Ascheplatz, eine Minute später sah Remscheids Spieler Patrick Posavec wegen wiederholtem Foulspiel die gelb-rote Karte. Dem nicht genug, köpfte in der Nachspielzeit Sebastian Hoffmann nach einem Freistoß zum 2:1 für Essen-Haarzopf ein! Haufenbildung der grün-schwarzen Spieler – und zwar nicht auf der Asche, sondern auf der Wiese hinter dem Tor. Als Sekunden später die Partie abgepfiffen wurde, brachen bei Haarzopf sämtliche Dämme. Betreuer rannten auf den Platz und feierten den – nun ja – historischen Sieg gegen den einstigen Zweitligisten.

AscheplatzAbenteuer Ascheplatz. Als Berliner kennt man solche Plätze im Prinzip gar nicht mehr. Selbst in den Freizeitligen wird auf Kunstrasen gespielt. Ich persönlich machte mit solchen Plätzen Bekanntschaften in den 80ern und Anfang der 90er Jahre. Zu DDR-Zeiten waren Ascheplätze teilweise eher graue Schotterplätze. Wer dort böse stürzte, brachte ein hübsches Andenken mit nach Hause. Die typischen roten Ascheplätze durfte ich Anfang der 90er während meiner Zeit im Rheinland bespielen. Zwar nur freizeittechnisch, aber das nicht zu knapp. Bei Wind und Wetter – immer eine Wucht. Bei Sonne und 30 Grad grandioser Staub. Bei 3 Grad und Regen noch grandioserer Matsch und legendäre Pfützen in den Senken vor den Torlinien. Eine Schürfwunde am Hintern ist sogar nach 20 Jahren noch erkennbar. Sowohl damals wie heute frage ich mich, wie auf Asche ein fairer, regulärer Spielbetrieb möglich ist.

FoulBei der Recherche für diesen Bericht durfte ich sogar etwas dazulernen. Tennenplatz – diesen Begriff hatte ich bis heute nicht gekannt. Dies ist ein Sammelbegriff für Sportplätze mit einer steinigen granularen Oberfläche, die meist aus vulkanischer Asche oder Schlacke besteht. Witzigerweise wird bei Wikipedia ein Vorteil dieser Plätze genannt: Probleme mit Maulwurfshügeln treten so gut wie nie auf. Kein Wunder, mussten in der Vergangenheit zahlreiche Beläge von Ascheplätzen auf Grund der hohen Schadstoffbelastung ausgetauscht werden. Ganz ehrlich: Man möchte nicht wissen, wie hoch die Dunkelziffer in Bezug auf Folgeschäden ist. Wie viele tausende Steinchen fanden wohl im Fleisch der Fußballer ihr verstecktes „neues Zuhause?“

> zur turus-Fotostrecke: FC Remscheid

 

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