zwigge

Neues Buch über FSV Zwickau: Wenn Red Kaos mal nicht die erste Geige spielt

 
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MB 28 März 2019
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Waldhof Mannheim, Borussia Mönchengladbach, Fortuna Köln und Wismut Gera lagen zuletzt aus der Reihe der Fußballfibeln auf dem Tisch. Und nun ist der FSV Zwickau an der Reihe. Oha, möge man denken. Zwigge und icke - das kann ja nicht gut gehen. War da nicht mal was? Beim RL-Duell im Sojus gegen den BFC Dynamo im Herbst 2014 gab es im Innenraum klare Ansagen (draußen könnte es auf die Fresse geben), doch nachdem sich auf Haupttribünenseite kurz ein Banner lüftete und ein kurzes Gespräch stattfand, konnten Missverständnisse geklärt werden. Ein wenig komplizierter wurde es, als ich im März 2017 beim Drittligaduell FSV Zwickau vs F.C. Hansa Rostock auf die Gegengerade wollte. Der Zutritt wurde nicht gewährt und ich verfolgte das spätere Geschehen vom geparkten Auto aus. Nun denn, Freunde werden wir nicht mehr. Muffig die Fußballfibel über den FSV Zwickau würde ich jedoch nicht lesen. Ich freute mich auf dieses Büchlein richtig dolle. Jedes Buch hatte bislang seinen eigenen Stil. Cottbus, Erfurt, Nürnberg und Fortuna Köln fand ich bislang besonders dufte, die Bände über den 1. FC Köln und Eintracht Braunschweig waren nicht so sehr mein Geschmack. 

Ich war auf das Buch über Zwigge gespannt. Bekanntlich wurden die bisherigen Bände über die BSG Chemie Leipzig, den FC Carl Zeiss Jena, den 1. FC Magdeburg und den 1. FC Nürnberg von Autoren verfasst, die aus dem tiefsten Kern der Ultra-/Fanszene kommen. Wäre dies bei der Fußballfibel des FSV Zwickau auch der Fall, würde ich ganz besonders gespannt die Zeilen aufsaugen. Um es jedoch vorweg zu nehmen: Die Ultras des FSV Zwickau spielen überraschenderweise quasi gar keine Rolle. Nur am Rande wird Red Kaos erwähnt. Im Gegensatz zu manch anderen Fußballfibeln wird der aktiven Fanszene hier kaum Raum gewährt. Allerdings hatten sich durchaus zwei Zwickauer Urgesteine rangesetzt, um diese Fußballfibel zu schreiben. Norbert Peschke beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Stadt Zwickau und ihrer Sportvereine. Dieter Völkel gilt als Statistik-König von Zwickau. Oha! Nun dürfte es nicht überraschen, dass die Geschichte des Vereins bis ins kleine Detail unter die Lupe genommen wurde. 

Wer ein locker flockiges Buch wie die Erfurter Fußballfibel erwartet, dürfte enttäuscht werden. Wer jedoch einmal fundiert die Geschichte des FSV Zwickau kennenlernen möchte, der darf drei Freudensprünge machen. Klar, es hätten mich auch ein paar alte Hauer-Anekdoten aus Sicht der aktiven Fanszene verdammt neugierig gemacht, doch ist die DDR-Fußballgeschichte halt ein echtes Steckenpferd von mir. Im Fall des FSV Zwickau geht es sogar noch weiter zurück. Auf den ersten Seiten geht es ausführlich um die ersten Zwicker Vereinsgründungen, den Planitzer SC und den Fußball in Zwickau von 1933 bis 1945. Beleuchtet wurde unter anderen das Spiel des Planitzer SC gegen den FC Schalke 04 am 14. August 1938. Ein Spiel, von dem noch Jahre später geschwärmt wurde. Rund 30.000 Fußballfreunde hatte sich damals in der neu eingeweihten Westsachsenkampfbahn eingefunden. Mit 3:2 konnte das Spiel gegen den damaligen dreifachen Deutschen Meister aus dem Pott gewonnen werden. Plötzlich kannte ganz Fußballdeutschland den Planitzer SC.

Beim Lesen fängt man schnell Feuer. Historie, Historie, Historie, doch ist diese spannend aufs Papier gebracht worden. Ostzonen-Meisterschaft 1948! Wer wurde Meister? Die SG Planitz! In Probstheida wurde vor 40.000 Zuschauern die SG Freiimfelde Halle mit 1:0 geschlagen. Zuvor im Halbfinale wurde die SG Weimar-Ost mit 5:0 aus dem Weg geräumt. Im Viertelfinale wurde mit 3:1 bei der SG Schwerin gewonnen. Am 15. März 1949 wurde schließlich die ZSG Horch Zwickau ins Leben gerufen, als BSG Horch / Motor Zwickau wurde 1949/1950 der Meistertitel der allerersten DDR-Oberliga-Saison gefeiert. Zweiter wurde damals die SG Dresden-Friedrichstadt, auf Rang drei landete am Ende die BSG Motor Dessau. Das Antlitz der DDR-Oberliga war in ihren Anfangsjahren noch ein ganz anderes.

Weitere Meistertitel gab es für Zwickau keine mehr, doch als BSG Motor Zwickau / BSG Sachsenring Zwickau wurde 1963, 1967 und 1975 der FDGB-Pokal gewonnen. 1976 standen die Zwickauer sogar im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger. Panathinaikos Athen, AC Florenz und Celtic Glasgow mussten die Segel streichen. Erst der RSC Anderlecht war eine Nummer zu groß. Bis 1983 wurde durchweg in der DDR-Oberliga gespielt, in den 1980ern ging es mehrfach auf und ab. Nachdem als FSV Zwickau Mitte der 1990er sogar in der 2. Bundesliga gespielt wurde, ging es später abwärts bis in die Landesliga Sachsen. 2006 begann schließlich der stete Marsch nach oben, 2016 gelang der Sprung in die 3. Liga. In welcher Form dies alles klappte, ist in der Fußballfibel prima nachzulesen.

Bestückt ist das Buch zudem mit grandiosen Fotos. Der fröhliche Heinz Satrapa mit seinen Mannschaftskollegen, eine gefüllte Halde im Georgi-Dimitroff-Stadion, der AC Madureiras aus Rio de Janeiro zu Gast in Zwickau. Und klar, auch von Torhüterlegende Jürgen Croy gibt es klasse Aufnahmen. So zum Beispiel auf Seite 99. Croy streckte sich gegen Celtic Glasgow zu einer seiner Wunderparaden. Im Hintergrund ist die fette ORWO-Werbung zu sehen. ORWO! Wenn da nicht persönliche Erinnerungen aufkommen! In den 1980er machte ich dort zweimal Ferienarbeit, im Herbst 1990 begann ich bei den Fotochemischen Werken Köpenick, die zu ORWO gehörten, meine Ausbildung. Und dann die Aufenthalte in den Betriebsferienlagern von ORWO erst! Hammer!

Bevor ich hier komplett gedanklich ausschere: Erwähnt wird die Ultra-Szene des FSV Zwickau kurz auf der Seite 125. „Chaos im Westsachsenstadion“, lautet der Titel des Kapitels. Am 29. Mai 2011 kam es beim letzten Spiel in dieser Spielstätte zu schweren Ausschreitungen, da Red Kaos & Co nicht die von ihnen gewünschten Blöcke betreten durften. Der Platz wurde gestürmt, dem Mannschaftskapitän wurde das Mikro aus der Hand geschlagen. Die Autoren sprechen von einem weiteren Eigentor der Zwickauer Ultra-Szene. Kurz erwähnt wird im Buch ganz kurz im Kapitel „Fanszene“ die Freundschaft von Red Kaos mit den Ultras der SG Dynamo Dresden. Großartig drauf eingegangen wird allerdings nicht.

Mehr Platz im Buch erhielt der Förderverein FSV Zwickau e.V., den Abschluss des Buches bilden das Kapitel über die Rivalitäten zwischen Planitz und Dresden sowie zwischen Zwickau und Aue sowie das Kapitel „Zahlenspiele“, in dem nicht nur Statistiken, sondern auch interessante Anekdoten zu finden sind. So erhielt beispielsweise 1942 der Planitzer SC anlässlich der Erringung des Sachsenmeister-Titels 10.000 Reichsmark für Zwecke der Leibesübung und der Nachwuchsförderung. So das war´s aber schon. Der Rest darf gern selber nachgelesen werden. Es lohnt sich!

Fotos: Marco Bertram, Aumi (unteres Bild)

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Wahrheiten

Darf wieder jeder seine Meinung als Wahrheit verkaufen und damit ist nicht Marco B. gemeint, sondern Peschke und Völkel. Wären sie mal lieber bei ihren Zahlen und Spielberichten geblieben und hätten die Fans ganz raus gelassen.
Danke das Du Dir das Buch gekauft hast und berichtet hast, dann brauche ich es nicht tun.

F
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