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Burnley-Bambule und GmbH-Übernahme: In Hannover brennt der Baum - die Diskussionen ufern aus! Hot

Autor: Marco Bertram     veröffentlicht am 07 August 2017    
 
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Heimkurve bei Hannover 96
Foto: Marco Bertram

Bei Hannover 96 brennt aufgrund der kompletten Übernahme von Martin Kind der Baum - ein abschließendes Testspiel im englischen Burnley sollte Abhilfe schaffen. Der Fokus sollte nun allein auf das Sportliche gerichtet werden. Burnley - na, das passte ja! Ich persönlich hatte dieses Spiel überhaupt nicht auf dem Schirm. Meister „Rainer Zufall“ wollte es, dass ich bei der täglichen Recherche zu später Stunde über die Videos aus Burnley stolperte. Burnley?! Ein Schmunzeln huschte über das Gesicht. Als eines der weiterführenden Videos wurde sogleich die im Jahr 2005 angefertigte Dokumentation „Putain de Hooligans!“ empfohlen. Youtube weiß halt, für was man sich interessiert bzw. was man irgendwann einmal angeklickt hatte. Die 45-minütige Dokumentation über die englischen „Firmen“ war kein Meisterwerk, doch einige Passagen über die Jungs aus Stoke-on-Trent und Burnley wurden legendär. Die knarzige Musik zu Beginn, die skurrilen Typen, die schrägen Interviews. Ähnlich wie einst die BBC-Reportage über Millwall, Boca und Lazio zu Beginn des Jahrtausends bot jene Dokumentation reichlich Gesprächsstoff.

Dort also in Burnley spielte nun der Erstligarückkehrer aus Niedersachsen. Vorgestern Abend wurden die ersten Videos von den Zwischenfällen auf den Rängen gesichtet. Nach und nach tauchten im Netz weitere Sequenzen auf. In einem Hochformat-Handy-Video singen zu Beginn englische Fans ein Lied. In einem soll von „10 German Bombers“ die Rede sein. Wenig später sind aus der Entfernung die Auseinandersetzungen auf einer anderen Tribüne zu sehen. Ordner und Polizisten eilten herbei und versuchten die beiden Fanlager zu trennen. Die Gesänge verstummen. Pfiffe ertönten von den Rängen. An der gelben Kette versuchten die Gästefans vorzudringen, doch konnten diese von den Ordnern aufgehalten werden. Sequenzen, die auf englischer Seite auf der besagten Tribüne angefertigt wurden, zeigen, dass auch dort sich recht rasch ein Haufen englischer Fans zusammen fand und dort bereit stand. Das Lächeln auf manch einem Gesicht zeigte die freudige Überraschung. Hey, was geht hier ab?! Zu einem direkten Aufeinandertreffen zwischen den Fanlagern kam es im Stadion nicht. Allerdings wechselten Gegenstände die Seiten. Deutsche warfen Sitzschalen, vereinzelte Engländer ließen sich dazu hinreißen, Bierbecher (und ähnliche Gegenstände) zurück zu werfen.

Aus Sicherheitsgründen wurde das Testspiel auf Anraten der örtlichen Polizei schließlich abgebrochen. Mit solch einer emotionalen Entladung hatte man auf englischer Seite keinesfalls gerechnet. Und was die deutsche Seite betrifft? Es ist erstaunlich, dass nicht vorher bekannt wurde, dass deutsche Problemfans, die möglicherweise bewusst einen Spielabbruch provozieren wollen, nach England reisen. Was und wer wird nicht alles beobachtet?! Wie viele szenekundige Beamten gibt es?! Und dann - in solch einer Phase, in der bei Hannover 96 aufgrund der Übernahme die Lage sehr aufgeheizt ist - kann es zu solchen Szenen kommen? Weshalb hatten die Gästefans in dem mäßig gefüllten Stadion nicht die Hintertortribüne für sich allein? So recht erklären kann man sich das Ganze nicht. Fakt ist, für den Verein sind diese Vorfälle fatal. Ein Tag lang erschien auf der offiziellen Facebook-Seite von Hannover 96 keine Meldung. Erst heute ging eine Stellungnahme des Vereins online. Überraschendes ist in dieser nicht zu lesen. Logisch, dass sich der Klub aufs Schärfste von den Geschehnissen distanziert. Bekannt gegeben wurde zudem, dass eng mit den englischen Behörden kooperiert wird, um die Straftäter zu identifizieren. Im Anschluss sollen diese dann ausgegrenzt werden.

Nachdem diese Stellungnahme auf der FB-Seite verlinkt wurde, kamen manche H96-Anhänger richtig in Wallung. Nun wurde es hässlich. Es muss nicht betont werden, dass solche Szenen wie in Burnley für die beteiligten Vereine auf gut Deutsch gesagt richtig Scheiße sind, doch eine sachliche Auseinandersetzung scheint überhaupt nicht mehr möglich. Beim Scrollen durch die Kommentare unter dem FB-Beitrag ließ es einen die Augen aufreißen. Was für ein Tonfall! Was für eine Wortwahl! Es scheint derzeit völlig egal zu sein, ob über die gleichgeschlechtliche Ehe, die Flüchtlingskrise oder eben über solch ein Vorfall diskutiert wird - immer in die Tasten hauen, immer los brüllen als gäbe es kein Morgen mehr. Hunderte schienen außer Rand und Band und kommentierten auf Teufel komm raus. Moderate Stimmen gingen komplett unter. Jegliche Versuche, die Sache ein wenig nüchterner zu betrachten, scheiterten komplett.

„Es muss langsam zu einer Grundreinigung kommen…“, meinte ein User. „Es muss endlich ein Plan her, der das unterbindet!“, erklärte ein anderer. „Ultras sind eben leicht geistig unterbemittelt!“, tönte wiederum ein anderer. Ob in Burnley nun Ultras vor Ort waren oder nicht, spielte für manch einen gar keine Rolle mehr. Kritische Fans und die Randalierer in Burnley - alles in einen Topf! Bastarde! Halbstarke! Widerliche Chaoten! Abschaum! Penner! Hirnlose! Der Tonfall wurde mehr als derb. Nicht wenige sprachen sich für Kollektivstrafen aus. Manch einer forderte, dass die Stehplätze verschwinden müssen - irrsinnig eigentlich, weil das Beispiel Burnley zeigte, dass eben ein reines Sitzplatzstadion auch keine hundertprozentige Sicherheit garantiert. Egal! Mehr Überwachung! Ordner und Polizei müssen zukünftig noch mehr rein und sofort Leute rausholen. Kam es von Seiten der Engländer vor den Auseinandersetzungen zu Beleidigungen? Jemand warf ein, dass wohl das bekannte „Bomber Harris do it agian!“ gerufen / gesungen wurde. Kaum einer der User ging großartig drauf ein. Vielmehr wurde sich Luft verschafft. Und es schien, als würde sich nun die Wut entladen - und zwar auf die unbequemen, kritischen Fans von Hannover 96, die seit Jahren gegen Martin Kind kämpfen und gegen die drohende Übernahme vorgingen. Zu schnell wurde im Zuge der Burnley-Vorkommnisse alles vermischt. „Ohne Herrn Kind wäre 96 in der 4. Liga!“, erklärte jemand. 

Im Gegenzug schrieb jemand: „Das was der Vorstand die letzten Monate sich leistet, ist um einiges mehr vereinsschädigend als die hoch gepushten Vorkommnisse von gestern“, erklärte ein User unter dem betreffenden Beitrag. Dass dieser Beitrag nicht viele Befürworter fand bzw. viele Likes bekam, dürfte kaum überraschen. „Mit dieser Meinung tust du mir einfach nur leid …“, gab es als Antwort. Und noch schärfer: „… du bist KEIN 96 Fan. Du bist einfach nur krank.“ Und so geht es weiter und weiter. „Vollidiot!“, schrieb jemand trocken darunter - als wäre es völlig normal, einen anderen so abzustempeln. Beleidigung? Ach was, der ist doch krank, dem gehört die Meinung gegeigt. Fühlt man sich im Recht, kann man heutzutage jeden attackieren, wie es einem schmeckt. Man käme gar nicht mehr hinterher, sämtliche beleidigenden Kommentare zu löschen. 

Hannover

Es war wahrlich ein Bärendienst, den die Deppen in Burnley geleistet hatten. Völlig gleich, ob sie sich für englische Provokationen rächen oder einfach nur gegen Martin Kind / den Klub protestieren wollten oder gar einfach nur Bock auf Bambule hatten. Die Aktion spielte den Leuten mächtig in die Hände, welchen die kritischen Fans bei Hannover 96 eh ein Dorn im Auge sind. Mund aufmachen? Gegen die Ausgliederung sein? Gegen die komplette Kind-Übernahme der Hannover 96 GmbH & Co KGaA zum Spottpreis? „Ihr Kritiker, haltet doch einfach mal die Fresse! Wir wollen hier einfach nur gemütlich guten Erstligafußball sehen!“, denken wohl nicht wenige Zuschauer, die in die Arena strömen und einen ordentlichen Batzen Geld für die Sitzplatzdauerkarte hinlegen. Der Keil ist noch tiefer reingetrieben. Der Anteil der kritischen Anhängerschaft dürfte immer kleiner werden. Viele winken nur noch ab und sind resigniert. Ach was soll´s. Hat doch eh keinen Zweck. Also lehne ich mich zurück und konzentriere mich nur rein auf das sportliche Geschehen auf dem grünen Rasen.

Mein persönliches Gefühl? Da ist nichts mehr zu Löten. Nach der Aktion in Burnley braucht man als Kind-Kritiker quasi gar nicht mehr in Erscheinung treten. Ja, es wird sicherlich Protestaktionen geben in Hannover, doch der Zuspruch vom allgemeinen Zuschauer / H96-Fan wird immer geringer werden. Zudem ist es im Allgemeinen erschreckend zu beobachten, wie hierzulande die Diskussionskultur rapide bergab geht. Nur noch Schwarz und Weiß. Immer feste drauf. Der Tonfall wird immer rüder, die Forderungen immer drastischer. Waren es vor wenigen Jahren noch manche Medien, Politiker und Funktionäre, die die verbale Keule schwangen, so übernehmen diese Rolle im Jahr 2017 im häufigen Fall die Fußballfans selbst. Traurig, aber wahr… Noch ein abschließendes Beispiel gefällig? Unter dem FB-Beitrag, in dem erklärt wird, dass Hannover 96 Strafanzeige gegen Unbekannt stellt, meinte doch tatsächlich jemand wortwörtlich: „Alle Ultras sind doch nur Randalierer und deshalb alle auf Jahre hinaus in ein Straflager und 15 Stunden arbeiten.“ Na dann, gute Nacht!

Fotos: Marco Bertram, Lukas

> zur turus-Fotostrecke: Hannover 96

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Mit

der heutigen Diskussionskultur hast Du völlig Recht. Es wird beleidigt, denunziert, gemobbt und gedroht. Und das alles im WWW.
Jeder will heutzutage überall seinen Senf gepaart mit gefährlichem Halbwissen dazu geben und zeigt Aggressionen vom Feinsten. Ich habe das Gefühl unsere Gesellschaft wird immer ungeduldiger und aggressiver und tritt immer häufiger unsauber nach.

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Titel

Danke.

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Danke Marko!! Toller Text!

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Schwarz und Weiß

Eine geplante Aktion von Kind- kritischen Fans in diesem Fall rein zu interpretieren, halte ich auch eher für voreilig. Denke ebenfalls, dass eine kleine, sportliche Sause im Rahmen eines kleinen Englandtrips hier die vordergründige Rolle gespielt hat.
Zur Duskussionskultur untereinander gebe ich euch allerdings vollkommen recht, Egal ob in Hannover, Braunschweig oder Rostock und Dresden. Gerade die Facebook- Seiten der Vereine werden häufig als Ventil für verbale Gefechte genutzt. Dabei immer erschreckender in welcher Art und Weise dort blind losgeschossen wird. Teilweise auch sowas von falsch. Das ist die negative Seite der social networks schlechthin. Anonymität gepaart mit Wut und Hass. Ich vermisse die Zeiten, wo man Probleme in großen Runden in Kneipen erörtert hat.

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Für eine saubere Fußballwelt. Hübsch clean und sorgenfrei. Möge das Geld fließen wie aus einem wallenden Brunnen im Einhorn-Paradies. Mögen alle lieb zueinander sein. Möge Herr Kind in Gottes Gnaden die Hannover 96 GmbH behüten und umsorgen. *Ironie off*

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Na die Randale als Grund für Kinds Einfluß herzuhalten ist schon dämlich. Da wollten einfach ein paar Jungs ein wenig Spaß.

Und Kind: Ich würde auch mehr Einfluß haben wollen wenn ich 20 Jahre in den Verein investiere. Richtige Entscheidung. Besser als ein dämlicher Sponsor der ständig wechselt. Danke Kind.

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