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Greifswald, Garz, Katzow und Peenemünde: Fußball-Exkursion durch Vorpommern

Autor: Michael     veröffentlicht am 12 April 2017    
 
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Graffiti in Garz
Foto: Michael

Von Freitag bis Sonntag wählte ich mal drei Spiele aus der Region Vorpommern mit sechs unterschiedlichen Vereinen unterschiedlichster Voraussetzungen aus. Mal einfach schauen, wie so die Lage ist. Den Beginn machte Greifswald. Regelmäßige Flutlichtspiele zur späten Stunde am letzten Arbeitstag – kennen wir alle. Die Spieler bekommen ein freies Wochenende, der Verein erhofft sich ein paar Zuschauer mehr und dem Platzwart ist’s eh Wurscht, ob da nun heut trainiert oder gespielt wird. Auch beim Greifswalder FC stellen Flutlichtspiele keine Besonderheit mehr dar. Freitags legt der GFC vor, der Rest reagiert. Die Konkurrenz um den Aufstieg besteht aus Torgelow, Güstrow, Bützow und Pampow. Oberliga kann man auf den Plätzen ohne Zweifel spielen, denn dazu hält sich die Zahl an Risikospielen in Grenzen. Der heißeste Anwärter in dem Quintett ist natürlich der GFC, da hier die strukturellen Rahmenbedingungen passen.

HGW

Wir gehen einmal davon aus, dass die Oberliga nur ein Zwischenschritt auf dem Weg in die Regionalliga sein könnte. Das Experiment „FC Pommern Greifswald“ hat gezeigt, dass das Stammpublikum nicht so viel mit den kleinen Berliner Vereinen und Brandenburger Vertretern wie Schöneiche oder Altlüdersdorf etwas anfangen kann. Die Zuschauerzahl liegt heut bei 270 Leuten. Dazu kommen noch acht Pastower Gäste, die nur durch eine Gruppenbildung hinter ihrer Fahne erkennbar sind. Es ist das Stammpublikum mit ein paar Neugierigen, das zeigt, dass es relativ egal ist, wie der Verein heißt. Der GFC hat als Fusionsresultat nie die Kreisligaluft schnuppern dürfen und kennt nur die aktuelle Kulisse, von ordentlichen Zahlen, die bis zur 600 gehen. Von den gut 9000 Studenten sind so gut wie keine anwesend. Obwohl sich der GFC gar nicht so dusselig anstellt (ein freundlicher Eintrittspreis, Musik, normale Fanartikel), gelingt es nicht, die Studenten an sich zu binden. Im Allgemeinen, aber mit Ausnahmen, bolzen die Studenten lieber unter sich oder eben vor dem Bildschirm als in einem der Greifswalder Vereine.

HGW

Die Studenten verpassten dieses Spiel: Die Marschrichtung wurde gleich in den ersten Minuten festgelegt. Der GFC war der klare Favorit. Nachdem Rohde bei drei Angriffen das Glück fehlte, klappte es beim vierten Anlauf. Vor der Pause schmiss sich noch Olszar auf den grünen Rasen des Strafraums. Der Schiedsrichter fällt natürlich auf die Schwalbe rein und zeigt auf den Punkt. Der Fair-play-Pokal ist anscheinend nichts für Goalgetter Jovanovic, der den Ball sicher versenkt. Nach der Pause folgt ein munteres Scheibenschießen. Mit 8:0 wird Pastow auseinandergenommen. Ergebnisse dieser Art gibt es gelegentlich auch mal auf dieser höheren sportlichen Ebene. Außergewöhnlicher waren die Lichtverhältnisse in der ersten Hälfte. Plötzlich fielen die Lichter der Gegengerade aus. Ebenfalls betraf es ein paar Leuchten auf der Haupttribünenseite. Der Pausenpfiff erfolgte schon zu Licht-Bedingungen, in denen man sich mancherorts schon nicht mehr vor die Tür traut. Nach fünfzehn Pausen-Minuten spielten immer noch die Kinder auf dem beleuchteten Teil des Platzes. Nach endlich einer knappen halben Stunde kam die Info, wie das Schauspiel nun fortgesetzt werden könnte. Dann wurde es plötzlich hektisch und praktisch fünf Minuten nach der Zwölf gingen die Lichter wieder an, sodass Pastow abgeschossen werden konnte. Nicht alle Zuschauer blieben bis zum Schlusspfiff.   

Rügen

Neuer Tag, neues Glück. Ein Spielabbruch mangels Licht stand trotz des tristen Graus am Himmel nicht zur Debatte. In der Landeskasse III kämpfen der FSV Garz und die VSG Weitenhagen um den Klassenerhalt. Die Ligen werden zur kommenden Saison neu geordnet, weshalb ein MV-Informer wieder Sinn machen würde – aber bitte nicht mit so vielen Fehlern. Rügens Süden scheint, im Schatten vom Norden zu stehen. Mit der Infrastruktur und den landschaftlichen Angeboten kann der vorwiegend landwirtschaftlich genutzte Süd-Teil nicht mithalten. Ein paar Schmuddelecken gibt’s - so aber auch viele ansehnliche Küstenabschnitte. Ein Besuch lohnt sich immer. Auf dem Weg nach Garz liegt nicht nur die Insel Tollow, wo sich angeblich die Überreste des Piraten Klaus Störtebeker befinden, sondern auch das Geburtshaus von Ernst-Moritz Arndt. Bergen, Garz, Klein Schoritz – alle schmücken sich mit Arndt. In Greifswald ist es nicht mehr so, denn da wird aktuell der Name der Uni abgelegt. Bei der Recherche kann sich jeder selbst ein Bild vom jenem machen, der sogar die DDR-Zeit an der Uni überstand. 

Kurfürst

Kurz vor Garz. Bis zum Anstoß ist noch Zeit. Der Strand ist nicht weit. Auf der Insel gibt es Felder von Feuersteinen bzw. Flintsteinen. Aus der Ferne grüßt schon der Kurfürst von Brandenburg herüber, der einsam auf seiner Säule weilt. Arndt und friends machten den Franzosen Luft und der Kurfürst den Schweden. Von hier aus ist auch nicht mehr weit bis Putbus, dem kulturellen Zentrum der Insel. Aber zurück nach Garz. Der Name kommt vom slawischen Wort für Burg, da hier, trara, auch mal eine ziemlich große stand. Die Reste davon kann man nicht übersehen. Ein weiteres Highlight ist auch der FSV. Bereits im Supermarkt des Ortes ist der Gesprächsthema. Dass der Supermarkt hier um 16:00 schon schließt, spricht Bände. Zu dieser Zeit kommen die Spieler der VSG Weitenhagen und des FSV Garz aus der Pause wieder auf den Platz zurück. Auf dem ziemlich kurzen und hügeligen Friedrich-Ludwig-Jahnsportplatz wurde dem Publikum, so ca. 60 Mann/Frau, ein schnelles und abwechslungsreiches Spiel geboten. Garz, als rüde Truppe bekannt, fand heute einen passenden Spielkameraden, der beim Grätschen mitmachte. 

Garz

Drei VSGer stehen um den Ball herum und können sich nicht entscheiden. Der Garzer drischt zu, ein VSG-Bein ist noch dazwischen. Der VSGer hebt ab und landet auf dem Schädel. Sah erschreckend aus, aber es ging weiter. Das 1:0 fiel durch einen Elfmeter. Wer hätte das Gedacht…? Zur Pause stand es 2:1. Im zweiten Abschnitt erhöht Garz auf 3:1. Der Anschluss bringt noch einmal richtig Feuer auf den kleinen Sportplatz, um den herum gesammelte Turnhallenbänke verschiedener Generationen stehen. Unterhaltsam war’s und leider schon nach 90 Minuten wieder vorbei. Die VSG kehrt mit leeren Händen in den Greifswalder Vorort zurück. Nach einem Ausflug in die Verbandsliga kehrte die VSG damals bald auch wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. An der Schwedenschanze gelang in der letzten Saison der Aufstieg in die 8. Liga. Ob nun Kreisoberliga oder Landesklasse - in einem wachsenden Speckgürtel schaut man zuversichtlich in die Zukunft.

Hengste

Am nächsten Tag sieht es da schon anders aus. Der überfällige Ausflug nach Peenemünde (2. Weltkrieg, Raketen, Wunderwaffe, Sperrgebiet) wird ergänzt durch ein Spiel des SV Katzow gegen die Hengste aus Greifswald – ein Spiel in der Ü35-Kreisliga. Der Platz wirkt gepflegt und sogar 40 Zuschauer haben sich eingefunden. Alt-Herren-Fußball ist eine Mischung aus shake hands und Zankerei. Da fällt auch dieses Spiel nicht aus der Rolle. Die in Kolumbiens Farben spielende Truppe aus Katzow erkämpft sich den ersten Sieg in der laufenden Saison. Die Zahl der Teams ist auch hier geschrumpft, sodass in einer einstelligen Team-Anzahl sogar noch drei Teams pro Spieltag spielfrei sind. Im Herrenbereich geht es auch nicht mehr tiefer. Eine Leistung, dass Katzow überhaupt noch einen besitzt. Abmeldungen und Personalnot drücken dem Fußball-Alltag seinen Stempel auf. Auch die Hengste mussten ihre Zweite abmelden. Bekannte Gesichter daraus sind nun hier zu finden. Auf der Nachwuchsebene gibt es übrigens eine Kooperation mit dem FC Ingolstadt. Sachen gibt’s… Auch Katzow hat eine Kuriosität zu bieten. Hinter dem einen Tor steht auf dem Sportplatzgelände ein eingezäunter Mast. Klar fliegt der Ball mal in diesen Bereich. Aber kein Problem. Der Torwart kriecht einfach elegant durch das Loch im Zaun. Schluss, Aus, Ende: 2:1 für Katzow.

Peenemünde

Auf dem Weg nach Peenemünde lockt das kulinarische Angebot eines Ostermarktes. Empfangen mit einem blöden Spruch und dem Fordern nach zwei Euro erfolgt die Kehrtwende um 180 Grad. Man bezahlt doch auch nicht, wenn man in Laden xy geht. Ähnlich freundlich geht es in Wolgast zu. Eine Karte lockt mit Soljanka und Fischbrötchen. Die Bedienung stößt dagegen mit dieser Äußerung doch eher ab: „Was? Schon wieder einer? Wir machen morgen doch erst auf!“ Das muss die norddeutsche Kühle sein. Dann hilft wohl alles nichts, dann muss eins der überteuerten Fischbrötchen der Ostseebäder her. Kurz danach grüßt schon Peenemünde. Der Eintritt für ein imaginäres Spiel auf dem Sportplatz der Heeresversuchsanstalt kostet hier auch mindestens zwei Euro, wenn man nicht gerade den kostenlosen Parkplatz an der alten Wache entdeckt und einen kleinen Fußmarsch in Kauf nimmt.

Ostsee

Ein makelloser Sandstrand mit dem blauen Himmel entschädigt später die ganzen Strapazen durch das kühle Nass. Kein Wunder, dass die Ostsee beliebter den je ist. An einem Schild stand sogar ein Preis pro Übernachtung von 15 €. Zieht man das gesparte Tagesticket für’s Parken ab, dann kann hier schon für unter 9 € übernachtet werden. Wie im nicht weit entfernten Polen. Vielleicht wird ja mal wieder der Platz von Turbine Peenemünde (FSV Karlshagen) beackert, dann zieht es mich bestimmt noch mal hierher. 

Fotos: Michael, Marco Bertram (U-Boot Peenemünde)

> zur turus-Fotostrecke: Nordostfußball in den unteren Klassen

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